Kulturhauptstadt: die Zweite
Interview mit Robert Garcia, Gesamtkoordinator des Projektes "Europäische Kulturhauptstadt 2007" (Teil 2)
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Luxemburg und Großregion
Kulturhauptstadt: die Zweite
Robert Garcia, ehemaliger Abgeordneter der Grünen und derzeit Gesamtkoordinator des Projektes "Europäische Kulturhauptstadt 2007" arbeitet seit bald einem Jahr in seiner neuen Funktion. forum besuchte ihn in seinem Büro am Boulevard Roosevelt und fragte in einem ersten Gespräch nach Konzept, Einbindung der Großregion und Kulturinfrastrukturen.
Wenn wir etwas im öffentlichen Raum veranstalten, werden wir kaum flächendeckend Kühe, Elefanten oder Nilpferde aufstellen, sondern eher einige Plätze ganz für die Kultur reservieren.
Das Kulturjahr ist Teil der Standortwerbung für Luxemburg und die Großregion
In den letzten Jahren bestand bei den Kulturverantwortlichen in Luxemburg ein grosses Faible für Culture événementielle. Welchen Stellenwert werden Straßenfestivals, bemalte Kühe und ähnliche bunte Veranstaltungen im Konzept von Luxembourg2007 haben, wird es in dieser Hinsicht mit Robert Garcia einen Trendwechsel geben!
Nein. Es gibt auch heute noch Leute, die der Meinung sind, dass nicht genug Feste in Luxemburg gefeiert werden – zumindest im Bereich der Kulturfeste. Die Kultur wird also auch 2007 nicht nur im Saale stattfinden, sondern auch im Open air – und Freizeitbereich. Was wir nicht machen werden, ist eine Vermischung von Volksfesten und Kulturjahr. Also werden wir zum Beispiel die
Hundertjahrfeiern von Gemeinden nicht mitveranstalten.
Aber "Festival des Cultures" und ähnliche Veranstaltungen werden integriert!
Ja, der qualitativ hochwertigen Kultur, die ja zum größten Teil im Saale stattfindet, werden ebenbürtig jene anderen, leichter zugänglichen Kunstformen zur Seite gestellt. Lille, der derzeitigen Kulturhauptstadt, kann man vielleicht vorwerfen, dass sie thematisch nicht sehr kohärent ist, doch es gibt eine sehr interessante Kombination von mehr volksnahen Veranstaltungen und den anspruchsvollen Events. Bei der Eröffnungsveranstaltung in Lille waren 300.000 Menschen auf den Straßen, darunter natürlich auch sehr viele Leute, die nur Bier getrunken haben. Doch das stört mich nicht.
Wir werden unsere Eröffnung ebenfalls populär ausrichten. Natürlich wird es im Dezember 2006 das große Konzert in der Philharmonie geben, ein Eröffnungskonzert in der Rockhalle und eine große Eröffnungsausstellung, aber wir werden auch eine der beiden großen Avenuen sperren lassen, wo sich die Leute die ganze Nacht über tummeln und feiern können. Die beiden Aspekte werden sich also nicht ausschließen. Nur werden wir bei den Darbietungen, die im öffentlichen Raum stattfinden, mehr auf Qualität achten. Die bemalten Kühe, die ich hier nicht beurteilen möchte, waren eher eine kommerzielle Promotions-Aktion. Wenn wir etwas im öffentlichen Raum veranstalten, werden wir kaum flächendeckend Kühe, Elefanten oder Nilpferde aufstellen, sondern eher einige Plätze ganz für die Kultur reservieren – wo eine gut sichtbare Beleuch-
tung oder eine Performance dann stattfinden kann.
Politik und Kunst
Darf Kunst im Jahre 2007 auch politisch sein?
Offen gestanden, in meiner früheren Karriere als Politiker habe ich eine Provokation wie "Lady Rosa" natürlich als sehr nützlich für die periodisch eingeschlafene Luxemburger Streitkultur angesehen. In meiner heutigen Aufgabe ist es nicht mein Ziel, Provokationen zu inszenieren. Doch wenn ein Künstler oder eine Künstlerin mit einem Projekt kommt, das eine politische Aussage hat, die subtil gebracht wird und zur Streitkultur beiträgt, werden wir ihn oder sie mit offenen Armen empfangen.
Wird es möglich sein, vor dem Gebäude der Arcelor eine Installation mit mehreren Tonnen Sargnägeln zu platzieren, um ein Zeichen gegen die Delokalisierung von Arbeitsplätzen zu setzen?
Ist das Kultur?
Wäre es möglich, die Villa Pauly in rosa Tüll zu pakken?
Wieso rosa? … Gut, allein eine Idee mit anschliessender Provokation ergibt noch kein Kunstwerk. Wir werden in jedem Fall, Provokation hin, Provokation her, auf Qualität bedacht sein. Man kann natürlich auch im öffentlichen Raum urinieren und das als Kunst deklarieren. Und eine politische Aktion ist nicht per se Kunst oder Kultur. Es sollte schon einen gewissen Anspruch haben.
Also, wie bei "Lady Rosa"?
Ja, genau. Es gab natürlich auch Leute, die der Meinung waren, dass das Werk von Sonja Ivekowic keinen hohen Anspruch erfüllte. Aber ich denke, dass der Anspruch in diesem Fall bestand und die anschließende Debatte sogar mehr als das Kunstwerk selbst zeigte, welchen Bedarf es an Diskussion über Kultur und Kunst „in diesem, unserem Lande“ immer noch gibt.
Ein Budget zur Standortwerbung
Fühlen Sie sich sicher im Hinblick auf die finanzielle Ausstattung des Kulturjahres?
Nein. Im Dossier zur Kandidatur haben wir ein Budget angeführt, das in etwa dem Budget von 1995 entsprach plus Inflation und plus Großregion, wobei jede Region die eigenen Veranstaltungen selber bezahlen soll. Doch bislang habe ich noch von keiner Region ein Budget gesehen. Das liegt zum Teil daran, dass in drei Regionen und einem Land es zwischenzeitlich Wahlen gab,
und selbst in Luxemburg herrschte im Vorfeld der Kammerwahlen eine gewisse Unsicherheit.
Irgendwann Ende dieses Jahres wird es zu einem Offenbarungseid kommen. Wir sind mittlerweile dabei, ein Budget auszuarbeiten, das mit Blick auf die gestiegenen Ansprüche höher liegt als 1995. Doch die Ventilierung der Projekte ist auch gezielter: Ich versuche nach Themen und Zielgruppen (Jugendliche usw.) zu präzisieren. Dadurch kann gewährleistet werden, dass nicht wie 1995 nur die Stadt Luxemburg und das Kulturministerium Gelder geben. Ich möchte sowohl auf der öffentlichen Seite andere Institutionen und Träger in die Pflicht nehmen, wie auch auf der privaten. Denn in meinen Augen ist das Projekt nicht nur ein Kulturfestival, sondern auch eine Standortpositionierung für die Großregion im europäischen Wettbewerb. Wirtschaft- und Finanzwelt sind also genauso wie das Außen- oder Wirtschaftsministerium gefordert.
In der Regierungserklärung steht recht deutlich, dass das Projekt „Kulturjahr 2007“ die finanziellen Mittel erhält, die seinen Ambitionen entsprechen. Also stellt sich vorab die Frage nach den kulturellen und wirtschaftlichen Ambitionen. Beschränken die sich auf das Organisieren eines grossen Festivals von Kunstdarbietungen aus verschiedensten Sparten, die den ohnehin schon ansehnlich gespickten Veranstaltungskalender der Großregion zum Überlaufen bringen werden, so lässt sich diese Ambition mit nicht wesentlich höheren Geldmitteln als 1995 bewerkstelligen. Doch selbst dann muss man bedenken, dass es damals ein halbes Dutzend öffentliche Kulturinstitutionen gab, die mit zusätzlichen Budgets ausgestattet wurden, um publikumswirksame Veranstaltungen zu organisieren. 2007 werden es nahezu 15 sein, die sehr rezenten Häuser wie die Rockhalle oder das nationale Zentrum für Industriekultur mitberechnet. Daraus ergibt sich schon alleine eine Erweiterung des erforderlichen finanziellen Spielraums. Wenn dann jedoch vermieden werden soll, dass für andere Veranstalter – Organisationen und Vereinigungen, Kommunen und Verbände, freischaffende KünstlerInnen, Jugendgruppen, usw. – keine Geldmittel mehr zur Verfügung stehen, dann muss das Budget auch in dieser bescheidenen Variante nach oben korrigiert werden.
Sind dagegen die in der Regierungserklärung zitierten Ambitionen auf der gleichen Ebene wie die der Kulturhauptstädte der jüngsten Vergangenheit angesiedelt, so gerät man gleich in andere Bereiche. Ich erinnere daran, dass besonders in den letzten Jahren die Kulturhauptstädte sich mächtig ins Zeug gelegt haben:
- Porto (2002): 58,5 Mio Euro
In der Regierungserklärung steht recht deutlich, dass das Projekt „Kulturjahr 2007“ die finanziellen Mittel erhält, die seinen Ambitionen entsprechen. Also stellt sich vorab die Frage nach den kulturellen und wirtschaftlichen Ambitionen.
Es sind unzählige gute Ideen auf dem Tisch, es gibt auch sehr viele gute Vorschläge, aber noch kein einziges Projekt!
- Graz (2003): 59,2
- Lille (2004): 73,5
- Liverpool (2008): Budget 58.
Aber auch Weimar (1998) hatte bereits ein Gesamtbudget von 46 Mio Euro.
Luxemburg setzte 1995 ein Budget von 23 Millionen Euro ein. Lille dagegen trat dieses Jahr mit einem Budget von 73,5 Millionen Euro an, was sich insbesondere dadurch erklärt, dass sich die Region positionieren will. Wenn in Luxemburg und in der Großregion dieser Bedarf nicht besteht, muss das Budget auch nicht so groß sein. Wenn aber neben der angestrebten Amortisierung der aufwändigen Kulturinfrastrukturen und der Kohäsion der Großregion auch der Aspekt Standortpositionierung als politische Priorität genannt wird, dann muss auch Geld dafür zur Verfügung stehen. Das ist letztlich eine politische Entscheidung auf der allerhöchsten Ebene.
Da Herr Juncker uns dieses grenzüberschreitende Projekt auf dem Gipfel in Lüttich im Jahr 2000 in gewisser Weise „eingebrockt“ hat – es war ja sein Vorschlag und ich persönlich finde ihn auch immer noch ausgezeichnet – wird er sich sicherlich über die Konsequenzen im Klaren sein und sich einer deutlichen Aussage nicht entziehen.
Sind also die 46 Millionen von Weimar die tiefstliegende Latte für eine Kulturhauptstadt?
Ich möchte zu diesem Zeitpunkt noch keine Zahl in die Welt setzen. Wir werden erst einmal angesichts der zum 1. November eingereichten Projekten abschätzen, wie hoch der Bedarf für ein weder überzogenes noch allzu provinziell wirkendes Programm realistisch einzuschätzen ist. Ob das dann 46 Mio wie in Weimar oder 73 wie in Lille sein werden oder gar weniger, kann z.Z. noch nicht präzise gesagt werden.
Sie erwarten also noch eine klare Stellungnahme im Hinblick auf das Ziel der Standortwerbung?
Für mich ist das Kulturjahr wie die Présidence eine Chefsache und ein Anliegen der gesamten Regierung. Andere Länder organisieren Fußballweltmeisterschaften und Olympische Spiele, wir organisieren die Présidence und das Kulturjahr. Das organisiert man nicht alle Jahre, letzteres bestimmt nicht mehr vor 2025. Luxemburg sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Welche Ziele setzen Sie sich im Hinblick auf private Sponsoren?
Einerseits ist die Situation ungünstiger andererseits auch günstiger als 1995. Das wirtschaftliche Umfeld ist nicht mehr so wie damals – wobei es
ja scheinbar schon wieder bergauf geht. In Genua haben sich sechs Hauptsponsoren gefunden mit einem Einsatz von jeweils 1 Million Euro. Auch wenn wir hier vielleicht nicht in diese Summen vorstoßen können, werden wir doch den Corporate-Beitrag von damals 10 Millionen LUF erhöhen können, unter anderem weil die Großregion hinzukommt. Statt damals 400.000 Menschen werden diesmal in dem Großraum, in dem wir kommunizieren, 10 Millionen Menschen angesprochen.
Vor einem halben Jahr war ich noch eher pessimistisch, jetzt nach den ersten Kontakten sehe ich, dass es eine Bereitschaft von Großsponsoren gibt, bei uns einzusteigen. Was sich noch verändert hat, ist, dass das gezielte Sponsoring im Vergleich zu 1995 zugenommen hat. Viele große Banken und Unternehmen haben sich auf die Unterstützung einer Institution oder einer Kultursparte spezialisiert. Sie werden das natürlich auch im Jahr 2007 fortführen wollen und wir werden dazu sicherlich nicht in Konkurrenz treten. Sowieso wollen wir niemandem die Sponsoren wegnehmen.
Welcher Ansprechpartner in der Regierung ist für das Projekt zuständig, Herr Biltgen oder Frau Modert?
Ich glaube, dass Herr Biltgen für die großen Orientierungen zuständig sein wird und die Feinarbeit durch Frau Modert gemacht wird. Es kann aber auch anders sein. Nach einem ersten, sehr ausführlichen Gespräch mit den beiden war ich ebenso überrascht wie erfreut über das hohe Mass an Interesse und Engagement für das Projekt 2007, selbst für Detailaspekte.
Für mich ist das Kulturministerium auch nur der Ansprechpartner für die Umsetzung des Kulturprogramms, für das Budget sehe ich die Verantwortung hingegen verteilt, weil einfach dieser Aspekt der Standortwerbung – und positionierung hinzu kommt.
Welche Art von Projekten sind bis dato eingegangen?
Unser schottischer Berater Robert Palmer sagt: es sind unzählige gute Ideen auf dem Tisch, es gibt auch sehr viele gute Vorschläge, aber noch kein einziges Projekt! In der Tat ist von der Eingabe des Projektes über unsere Internetseite bis zur Fertigstellung eines inhaltlich kohärenten, organisatorisch machbaren und finanziell vernünftigen Projektes ein langer Weg. Diesen Weg werden wir mit den Partnern in einer maximal transparenten und fairen Art und Weise beschreiten.
Es fängt damit an, dass wir jeden Projektträger, der ein erstes Konzept vorlegen konnte, bei uns empfangen und beraten haben. Ich schätze, ich hatte bis dato 300 solcher Gespräche. Auch wenn
wir auf Anraten aller früherer Verantwortlichen von Kulturhauptstädten keine öffentliche Ausschreibung gemacht haben – im Gegensatz zu 1995 – so hat jeder halbwegs Interessierte uns kontaktiert oder hätte uns kontaktieren können. Alle Projektvorschläge, die sich in der Selektionsprozedur befinden, sind in einer Kurzform auf unserer Internetseite (www.luxembourg2007.org) für jeden zugänglich. Diese Art des Forums hat dazu geführt, dass mittlerweile etliche Projektträger zueinander gefunden haben und zusammenarbeiten.
Neben diesen Vorschlägen gibt es eine Fülle von nicht ganz ausgereiften, aber vielversprechenden Ideen, die wir dabei sind, mit den Initiatoren zu diskutieren. So gibt es z.B. eine Arbeitsgruppe zum Thema „Migration“, wo die vorliegenden Projekte ständig verfeinert werden, um sie letztendlich zu einem sichtbaren und publikumswirksamen Cluster von qualitativ relevanten Veranstaltungsreihen zusammenzufassen.
Letztendlich wird es auch ein Veranstaltungsprogramm unter eigener Regie geben. Nicht, dass es nicht genügend Projekte geben wird, wir glauben aber, wir müssten unser Scherflein dazu geben,
um dem Ganzen eine einheitliche Identität zu geben. Und da fallen uns jede Woche wieder neue Ideen ein. Anderenfalls würde sich unsere Arbeit auf reines Administrieren beschränken. Ein bisschen Fun müssen wir uns ja auch gönnen.
Welche persönlichen Ziele verbinden Sie mit Ihrem Engagement als Gesamtkoordinator für das Projekt „Luxemburg und Großregion – Europäische Kulturhauptstadt 2007“
Ich bin der Überzeugung, dass wir in Luxemburg und der Großregion eine soziokulturelle Szene haben, die auf sehr hohem Niveau tätig ist, sowohl in quantitativer als auch qualitativer Hinsicht. Wenn ich dazu beitragen kann, diese Arbeit besser sichtbar zu machen und die Initiativen und Menschen zusammenzubringen, und wenn dann eine Reihe von Initiativen und Netzwerken über 2007 gerettet werden können, habe ich meine Ambitionen schon erfüllt.
Nach 2007 werde ich dann wieder etwas ganz Anderes und wiederum völlig Verkehrtes machen.
Das Gespräch fand am 21. September 2004 statt. Den ersten Teil lesen Sie in der vorherigen Ausgabe 240.
Ich bin der Überzeugung, dass wir in Luxemburg und der Großregion eine soziokulturelle Szene haben, die auf sehr hohem Niveau tätig ist, sowohl in quantitativer als auch qualitativer Hinsicht.
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