Lernen durch Lachen

Gespräch mit dem Schriftsteller Guy Rewenig

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Der Schriftsteller Guy REWENIG

Lernen durch Lachen

Forum: Warum schreibst du Kabarett?

Rewenig: Zunächst aus Spass an der Satire. Im Gegensatz zur polemischen oder essayistischen Gattung hat die Satire den Vorteil, nicht so schnell ins Moralisieren abzurutschen. Die satirische Verfremdung der politischen Landschaft ist zudem für Zuschauer/Zuhörer/Leser attraktiver als trockene theoretische Abhandlungen: dies läuft dann auf Dario Fo’s Grundsatz hinaus, dass "Lernen durch Lachen" oft die nachhaltigste Lernform überhaupt ist. Damit wären wir beim zweiten Stichwort: Kabarett ist für mich auch eine Möglichkeit zum politischen Lernen, und zwar eine wechselseitige. Kabarett verstehe ich als gezielte Einmischung in die politische Diskussion, als bewusste Stellungnahme, die andere Stellungnahmen und Standpunkte herausfordert. In diesem Sinn ist Kabarett dann ein politisches Aktionsmittel, nicht doktrinär oder fanatisch, aber eine "Intervention mit literarischen Mitteln".

Forum: Wie weit ist diese politische Diskussion überhaupt möglich, wenn -wie Mars Klein (in forum Nr 53) sagte- grösstenteils nur linkes Kabarett vor links orientiertem Publikum aufgeführt wird? Besteht mithin nicht die Gefahr, dass das Publikum sich lediglich die eigene Meinung auf angenehme Art -literarisch verbrannt- bestätigen lässt?

Rewenig: Mars Klein hat insofern recht, als sich um jeden Kabarettisten schnell ein Kernpublikum formiert. Dies sind dann die Stammgäste, auch in ideologischer Hinsicht. An sich möchte ich diesen Prozess der gegenseitigen Bestätigung nicht negativ einschätzen: die Anhänger einer bestimmten Weltanschauung brauchen gelegentlich auch Augenblicke, wo sie ihre Zusammengehörigkeit konkret erleben. Wenn die politische Solidarität zudem mittels Kabarett dokumentiert wird, entsteht meist eine Art Feststimmung, die sich von den oft verbissenen und verbitterten Theoriekämpfen positiv abhebt. Ausserdem sollte man nicht übersehen, dass die Linke -im Gegensatz zum verhältnismässig homogenen Block der Konservativenzahlreiche Tendenzen, Theorien und Konzepte in sich vereinigt, dass also hier ohnehin dauernd eine intensive gesellschaftspolitische Debatte läuft. Wer demnach auf der Linken als Kabarettist Stellung bezieht, erntet im eigenen Lager nicht automatisch Beifall, im Gegenteil: die Orientierungsunterschiede der Linken bringen mit sich, dass die Diskussion vor Ort weitergeführt wird. Der ständige Diskurs ist eine manchmal bis zum Überdruss praktizierte Spezialität der Linken: die jeweiligen Beiträge der Kabarettisten wirken unter diesen Voraussetzungen oft wie ein zusätzlicher Schuss Öl aufs Feuer.

Wenn ich vom Kabarett als "gezielter Einmischung in die politische Diskussion" spreche, verstehe ich dies nicht als "Diskussion im kleinen Kreis der Kabarettbesucher". Ein Kabarettprogramm -einmal ganz abgesehen von der Zahl oder der Qualifikation der Zuschauer- ist ein öffentlicher politischer Akt, eine Gesinnungsdemonstration, wenn auch mit bescheidenen Mitteln. Die Auswirkungen lassen sich also nicht etwa auf den Zuschauerraum begrenzen, sie werden z.B. multipliziert durch die Rezensionen in der Presse.

Allerdings bin ich mit Mars Klein nicht einverstanden, wenn er linkes Kabarett als ein Unternehmen darstellt, das nur bei sogenannten Insidern Zuspruch findet. Mit Kabarett erreicht man überraschenderweise -das sind jedenfalls meine eigenen Erfahrungen- ein breiteres Spektrum von Zuschauern als mit anderen Theatergattungen: es kommen also nicht nur ‚ohnehin Überzeugte‘ in ein Kabarettprogramm mit einer präzisen politischen Stossrichtung. Wenn man etwa in Esch-Alzette ein deutliches Übergewicht an linkeingestellten Zuschauern feststellt, so stimmt dieser Proporz in der Hauptstadt überhaupt nicht mehr: die Zusammensetzung des Publikums entspricht also ungefähr der politischen Bevölkerungsstruktur, wenn man den ‚harten Kern‘ der bedingungslosen Anhänger einmal abzieht. Ich glaube, eben diese Erfahrung ist für den Kabarettisten eine starke Motivation, weiterzumachen.

Forum: Kabarettabende erreichen meist auch zahlenmässig nur ein beschränktes Publikum. Hast Du nicht vor, wie andere Autoren, auch in kleinere Ortschaften mit Deinen Kabarettprogrammen -oder Texten- auf Tournee zu gehen?

Rewenig: Der Kabarettautor kann nicht von der Überlegung ausgehen, mit seinen Textprodukten unbedingt grosse Zuschauermengen zu erreichen. Dazu ist die Form des Kabaretts zu spezialisiert: Kabarett ist kein Volkstheater. Nicht umsonst wird Kabarett als ‚Kleinkunst‘ bezeichnet: es braucht den intimen Rahmen, die kleine Bühne und den kleinen Raum, und -was mir am wichtigsten scheint- es wendet sich an ein informiertes Publikum. Es gibt hierzulande Kabarettisten, die offen dafür plädieren, inhaltliche Konzessionen in Kauf zu nehmen, um sich die Möglichkeit zu verschaffen, ein potentiell grösseres Publikum anzusprechen. Ich glaube, das ist genau der falsche Weg,

weil eben Kabarett ein Genre ist, das Konzessionen an den Publikumsgeschmack nicht zulässt, ja, das sich geradezu selber kaputtmacht, wenn es seinen Erfolg im voraus berechnen will. Die kabarettistische Form empfiehlt sich nicht, wenn man ein möglichst breites Publikum interessieren möchte. Der Autor sollte in diesem Fall andere Möglichkeiten ausschöpfen, beispielsweise ein Volksstück schreiben, das von der Art her bei weitem zugänglicher ist. Kabarett hingegen sollte unbedingt jene Gattung bleiben, die kompromisslos, schonungslos und ohne Angst vor heftigen Reaktionen Dinge und Zustände beim Namen nennt.

Gegen eine Tournee in kleinere Ortschaften hierzulande habe ich nichts einzuwenden, nur lasse ich mich nicht darauf ein, ein Programm etwa aus der Optik eines möglichst grossen quantitativen Erfolges auszuarbeiten. Wichtig ist für mich, dass sich in einem ‚zahlmässig beschränkten Publikum‘ Menschen unterschiedlicher politischer Denkrichtungen einfinden: als Kabarettautor wünsche ich mir eine ‚kontradiktorische Rezeption‘, nicht aber eine pralle Zuschauerstatistik.

Forum: Du hast in der Wintersaison 1982-83 drei verschiedene Kabarett-Programme produziert. Manche Kritiker werfen Dir vor, Deine Texte seien bei weitem nicht alle von derselben literarischen Qualität wie einige Spitzenleistungen aus Deiner Feder. Insbesondere nach ‚Gemittlech Katastroph‘ fragten sich einige, ob eine strengere Selbstzensur und folglich weniger Programme nicht vorteilhaft wären. Was sagst Du zu diesem Vorwurf?

Revening: In der Regel plane ich -vom Konzept des ‚Cabaret Dreschmaschinn‘ her- ein Programm pro Jahr. Dass in dieser Saison drei Programme förmlich zusammenfielen und sich sogar teilweise überschritten, war durch aussergewöhnliche Umstände bedingt: ursprünglich sollte das Projekt ‚Ourschläffer‘ von der ‚Theater GmbH‘ bereits im Frühling auf die Bühne gebracht werden, es konnte aber erst im Spätherbst fertiggestellt werden, so dass es buchstäblich mit der Premiere von ‚Gemittlech Katastroph‘ im Dezember (die seit einem halben Jahr in den Programmen des Escher Stadttheaters festgeschrieben war) kollidierte. Hinzu kam die unvorhergesehene Aktion der ‚Ligue Luxembourgeoise pour les Droits de l’Homme‘, die sich an die einheimischen Kabarettgruppen wandte, um ein gemeinsames satirisches Programm zum Thema ‚Abhörgesetz‘ zusammenzustellen. Da wir diese Initiative politisch sehr wichtig fanden, haben wir ein spezifisches Programm ausgearbeitet (‚Zäitbomm‘). In anderen Worten: die politische Notwendigkeit stand hier vor der formalen Überlegung, ob ein weiteres Programm nicht vielleicht eine Überlastung sein könnte. Diese kurzen Erklärungen nur, um zu zeigen, dass ich keinesfalls eine ‚kabarettistische Inflation‘ (wie ein Zeitungsschreiber sich ausdrückte) provozieren möchte.

Zum Vorwurf der unterschiedlichen Textqualität: das ist zum einen Ansichtssache -verschiedene Leute beurteilen oft den gleichen Text nach extrem abweichenden Mastäben-, zum andern gebe ich gerne zu, dass ich nicht in der Lage bin, laufend ‚Spitzenleistungen‘ hervorzubringen. Mir ist noch kein Literat begegnet, der ununterbrochen mit Hochleistungsvermögen arbeitet. Ich glaube, diese Frage hängt auch mit dem politischen Engagement des Kabarettschreibers zusammen: er hat tatsächlich die Wahl, entweder mit drei oder vier Spitzenleistungen im Jahr vor das Publikum zu treten, also nur das künstlerische Kriterium gelten zu lassen und alle zwölf Monate etwa zehn Minuten lang Selektes von sich zu geben, oder aber die vielschichtige politische Aktualität in seinen Programmen zu verarbeiten, auch auf das Risiko hin, dass der Pointenreichtum gelegentlich zu wünschen übrigst. Letztere Alternative entspricht eher meinen Vorstellungen von politischem Kabarett.

Die Empfehlung, bei der Textauswahl allgemein strenger mit mir selber zu Gericht zu gehen, lehne ich nicht ab: das gehört zum Lernprozess, der sich zwischen Kabarettschreiber und Publikum/Kritikern abspielt. Wir haben eine Menge Anregungen, Verbesserungsvorschläge und Ideen gesammelt, die wir bei der nächsten Produktion verwerten wollen.

Forum: Du läufst doch aber Gefahr, dass auch deine politische Absicht mit einem Text baden geht, der schlecht verstanden wird oder nicht ankommt. Könnte ein missratener Text also der guten Sache nicht eher schaden?

Revening: Nicht unbedingt. Ein Text lässt sich ja von verschiedenen Standpunkten aus beurteilen. Ein Text mit mangelhafter satirischer Qualität kann trotzdem durchaus Überzeugend einen politischen Sachverhalt nachzeichnen, während ein satirisch einwandfreier Text unter Umständen die politische Brissanz vermissen lässt. Der Idealfall ist natürlich, wenn beide Dimensionen in einem Text zum Tragen kommen, aber mir geht es manchmal so, dass ich der politischen Vollständigkeit halber auch Texte im Programm lasse, die mehr am inhaltlichen Bezug zu messen sind denn an der Zahl geschliffener Pointen. Das kann ein Nachteil sein, ich lasse mich da gern belehren.

Forum: Bei einigen Kabarett-Texten kann man sich die Frage stellen, ob sie nicht besser als Lesestücke denn als Bühnenstücke zu geniessen sind.

Revening: Die Frage ist berechtigt. Dies gilt vor allem für Texte mit komplexen Wortspielereien oder sogenannten ‚réductions à l’absurde‘, die auf Anhieb wahrscheinlich zu unvermittelt auf die Zuschauer ‚herunterprasseln‘ (zumal zur Vortragstechnik gehört, dass genau diese Texte sehr schnell aufgesagt werden, um den ‚absurden Effekt‘ zu steigern). Für mich ist dies allerdings kein Grund, solche Texte von der Kabarettbühne zu verbannen: die vollständigen Texte werden jeweils in Heftform angeboten, für Nachbereitungen jeder Art sind die entsprechenden Unterlagen also verfügbar. Anderseits habe ich vor, demnächst den Zuschauern den Zugang zu den Texten zu erleichtern, indem ich die konkreten Fakten -die ‚realen Ausgangspunkte‘-, von denen eine satirische Überzeichnung ausgeht, als Information mitteile. Manchmal hielten die Zuschauer schon den Stoff der Satire für eine Erfindung, weil oft sehr Unglaubliches und Groteskes verarbeitet wurde. Hier versuche ich, eine Form zu finden, um ‚Wahres‘ von ‚Karikaturalem‘ klarer zu trennen.

Forum: Manche Texte könnte man sich auch sehr gut als Radiotext oder gar als Hörspiel vorstellen, eine in Luxemburg leider allzu unbekannte Literaturgattung.

Revening: Natürlich lassen sich Texte, die nicht von vorneherein auf visuelle Elemente angewiesen sind, grundsätzlich auch in anderen Medien verwerten. Nur: was die ‚Literatur im Rundfunk‘ anbelangt, ist es wirklich kein Zufall, dass in Luxemburg die Hörspielgattung völlig unterentwickelt ist. Dass beispielsweise der bekannteste einheimische Hörspielautor, Roger Manderscheid, seine Texte allesamt von bundesdeutschen Sendeanstalten produzieren liess, beruht weniger auf einer bewussten Wahl, denn auf einer echten Zwangslage. Im Klartext: kritische Autoren haben beim Monopolsender RTL keine Chance, auch wenn sie gelegentlich als kulturelle Pausenfüller eingeschoben werden. Ich meine, eine authentische, durchdachte, geplante Hörspielkultur mit ‚lëtzebuergeschön‘ Texten ist undenkbar, solange RTL allein und konkurrenzlos hierzulande bestimmen darf, was Rundfunk zu sein hat und was nicht. Vor allem Kabarett ist in höchstem Mass anti-kommerziell. Würde RTL also regelmässig Kabarettautoren zu Wort kommen lassen -die sich interessanterweise alle ohne Ausnahme auf die Zielscheibe

RTL eingeschossen haben- würde es coram publico seine eigene Profitideologie auf den Arm nehmen lassen. Die hauseigenen Kabarettisten, die Anzeigenkunden, mit dem Chef-Clown Fausti an der Spitze, haben da schon cher erfasst, worum es geht: selbst die bombastischste unfreiwillige Satire ist solange zulässig, wie sie das gepriesene Produkt (also auch den gesamten Sender RTL) nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Von den luxemburgischen Kabarettautoren kann man wirklich nicht verlangen, sich dem ‚cahier des charges‘ von RTL anzupassen: das wäre schierer literarischer Selbstmord. Man erkennt ja deutlich an Fernand Hoffmanns ‚Mettwochskosetten‘, was geschieht, wenn einer Satire nach RTL-Masstäben produzieren möchte: dann kommt unweigerlich eine kuriose Mischung aus Stammtischwitz, offener Frauenfeindlichkeit, Alkoholschwärmerei, Bildungsexhibitionismus und stockreaktionärer politischer Gefühlsduselei zustande. Echtes Kabarett ist das genaue Gegenteil solcher Pseudostarinen.

Forum: Du hast in Deiner bisherigen schriftstellerischen Tätigkeit recht viele literarische Gattungen mit Erfolg ausprobiert: Kabarett, Theater, für Erwachsene, Kinder, Jugendliche, Lyrik… Welche Kiegt Dir am besten? Willst Du diese Polyvalenz bewusst weiterpflegen, oder hast Du vor, Dich nach und nach auf eine oder zwei Gattungen zu beschränken?

Revening: Auf das Experimentieren mit den unterschiedlichsten Gattungen möchte ich nicht verzichten. Grundsätzlich meine ich, dass es zum Wesen jeder kreativen Tätigkeit gehört, alles Normative, alle Begrenzungen und Einschränkungen abzulehnen und zu vermeiden. Wenn man davon ausgeht, dass die Arbeitsgrundlage des Schriftstellers die Sprache ist, gibt es keinen einsichtigen Grund, den sprachlichen Ausdruck nicht vielseitig und vielfältig durchzuexerzieren. Ich ziehe kein besonderes Genre vor: auch Kabarett ist für mich nur eine Form unter vielen. Ich möchte mich auf keinen Fall exklusiv mit Kabarett beschäftigen. Welche Gattung mir am besten ‚liegt‘, kann ich nicht zuverlässig entscheiden. Seit zwei Jahren arbeite ich intensiver an grösseren Prosatexten: das ist die Form, die mich am stärksten reizt, aber das heisst nicht, dass ich andere Formen vernachlässigen möchte. Nur eine Gattung habe ich endgültig aufgegeben: die journalistische Glosse, den Zeitungsartikel, den polemischen Essay. Diese publizistische Phase ist für mich abgeschlossen.

Forum: Diese Gattungsvielfalt ist bei sogenannten klassischen Autoren eher selten. Bei luxemburgischen Schriftstellern der Gegenwart ist sie häufig anzutreffen. Hast du dafür eine Erklärung?

Revening: Meiner Ansicht nach zwingen die objektiven Verhältnisse hierzulande -praktisch kein Verlagswesen, von zwei oder drei bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, keine Möglichkeit, regelmäßige Arbeitsverträge etwa mit Zeitungen oder Rundfunkanstalten abzuschliessen, keine materielle Unterstützung der Kunstschaffenden- die Autoren, vorwiegend die ‚kleine Form‘ zu pflegen, etwa Lyrik, Theater, kleine Prosastücke, Hörspiele, Geschichten, Artikel, also jene Gattungen, bei denen überhaupt irgendeine Aussicht auf Veröffentlichung besteht. Wer sich hierzulande spezialisiert, läuft Gefahr, seine Arbeiten nicht mehr absetzen zu können: der Raum ist zu eng, man kann einer Bevölkerung von dreihunderttausend Menschen nicht zumuten, ständig Produkte der gleichen Autoren zu konsumieren. Ich sehe hier ein beträchtliches Handicap für den Schriftsteller: wenn er beispielsweise in der Bundesrepublik regelmässig arbeitet, stehen ihm prinzipiell unzählige Möglichkeiten offen, an die Öffentlichkeit zu gelangen, ohne dass immer derselbe Leser- oder Zuschauerkreis beansprucht wird. In Luxemburg hingegen hört ein Autor, der einigermassen kontinuierlich arbeitet, sehr schnell den Vorwurf, er sei ‚Überproduktiv‘: das hat unmittelbar

mit dem sehr kleinen Potential von Literaturinteressenten zu tun. Die Gattungsvielfalt ist für die einheimischen Autoren also eher eine Notlösung, die ihnen durch die besonderen Umstände aufgewogen wird.

Forum: Lex Roth nannte Dich in einem ‚forum‘-Interview (Nr 58/82) als einen der besten Sprachkünstler im Luxemburgischen. Du schreibst aber auch deutsch, vor allem Lyrik, glaube ich, früher hast du dich auch mal in Französisch versucht. Ist die Sprache also nicht das Wesentliche, das Vorgegebene beim literarischen Ausdruck?

Revening: Zunächst einmal: mit Lex Roths Benotung kann ich nichts anfangen. Ich habe in einem parallelen Beitrag in der gleichen ‚forum‘-Nummer erklärt, warum ich die Art und Weise, wie Lex Roth und seine Freunde der ‚Aktioun Lëtzebuergesch‘ unsere Sprache hochspielen möchten, durchwegs ablehne: hier handelt es sich um eine quasi-rassistische Spielart der Heimatbüro, die weder sozial noch politisch angebracht ist, vom kulturellen Schaden garnicht zu reden. Natürlich versucht Lex Roth, auf subtile Weise alle Autoren, die Luxemburgisch schreiben, propagandistisch für die Zwecke seiner Vereinigung einzuspannen. Mir wäre es lieber, dieser Mann würde mich überhaupt nicht erwähnen: sein Lob halte ich für Beifall von der falschen Seite.

Zur Frage der Sprache: sie ist zwar das Wesentliche, aber nicht das Vorgegebene, Unveränderliche. Eine Sprache ist ja nicht nur ein rein technisches Kommunikationsmittel, sie ist auch und vor allem geprägt durch historische Entwicklungen. Sprache als ‚Endprodukt‘ kann also sehr verschieden sein in ihrem Ausdrucksvermögen: die Franzosen sind -kulturell, zivilisatorisch, lebenskünstlerisch- ‚anders‘ als etwa die Deutschen. Diese Eigenart schlägt sich in den Sprachstrukturen nieder. Das unterschiedliche Heranreifen der Sprachen -die unterschiedlichen Wachstumsbedingungen- bringen mit sich, dass jene Sprache sich besser für bestimmte literarische Zwecke eignet als jene andere. So ist es zum Beispiel ausserordentlich schwierig, auf luxemburgisch theoretische Essays, etwa über politische Inhalte, zu schreiben, während das Deutsche sich dazu vorzüglich eignet, weil es eben in Deutschland eine lange Tradition des philosophischen und ideologischen Diskurses gibt, und bei uns nicht.

Die jeweilige Kultur prägt die Sprache unverwechselbar: auf französisch lassen sich die intensivsten Liebesgedichte schreiben, während das luxemburgische -als weitaus zerebralere, bodenständige Sprache- beispielsweise optimal in naturalistischen Theaterdialogen zu gebrauchen ist. Es ist falsch, wie gelegentlich unterstellt wird, dass das Luxemburgische eine ‚arme Sprache‘ von sehr dürftiger literarischer Qualität wäre, aber andererseits kann man sie nicht überfrachten, weil sonst eine künstliche Konstruktion entsteht, die nicht mehr der eigentlichen Ausdrucks-

kraft entspricht. Die Wahl verschiedenartiger Sprachen ist hierzulande kaum verwunderlich, wenn man in Rechnung stellt, dass Luxemburg am Schnittpunkt verschiedenartiger kultureller Einflüsse liegt.

Forum: Mars Klein hat aufgehört mit Kabarett, um nachzudenken, wie er "forum" sagte (Nr 53/82). Du hast Deinen Beruf aufgegeben, um mehr zu schreiben. Hast Du uns noch soviel zu sagen? Welches sind Deine Projekte?

Rewenig: Mars Kleins ‚Reflexionspause‘ hat auch damit zu tun, dass er sich nicht zu sehr auf Kabarett fixieren und auch völlig anders gelagerte literarische Arbeiten abschliessen möchte. Seine Entscheidung bedeutet also nicht, dass er für eine Weile von jeder Schreibtätigkeit Abschied nimmt, er möchte sich nur nicht kabarettistisch verbrauchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es mir ähnlich ergeht: Kabarett kann

zur Droge werden, zur Deformation, das ist eine gängige Erfahrung der Satiriker. Die Versuchung, mit der Zeit alles nur mehr satirisch zu verzerren, ist beträchtlich: es gibt aber Themen und Inhalte, die sich dem satirischen Zugriff versperren. Ich glaube, dieses Unbehagen hat Mars Kleins Kabarett-Askese mitbeeinflusst.

Den Beruf habe ich nicht aufgegeben, sondern gewechselt, weil ich versuchen möchte, Literatur ‚professionell‘ zu betreiben und eine Reihe Projekte in Angriff zu nehmen, die ich seit Jahren zurückstellen musste. Bisher habe ich eigentlich nur Bruchstücke produziert, ich möchte jetzt endlich meine Schreibarbeit so organisieren, dass Substantielleres dabei herauskommt. Über Einzelheiten will ich im voraus nicht reden: Pläne werden oft revidiert, das Resultat ist das Wesentliche.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code