Luxemburg Studies!

Gerald Newton, Essays on Politics, Language and Society in Luxemburg

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Wissenschaftliche Bücher über Luxemburg sind selten. Wenn sie in einem ausländischen Verlag erscheinen und niemand in Luxemburg die Werbetrommel rührt, werden sie vom einheimischen Publikum kaum wahrgenommen. Dieses Schicksal soll einem interessanten, soeben erschienenen Sammelband nicht widerfahren.

Die drei Erscheinungsorte in der bibliographischen Notiz stehen für die USA (Lewiston), Kanada (Queenston) sowie England (Lampeter) und stecken den Wirkungsbereich dieses auf wissenschaftliche Publikationen spezialisierten Verlages ab. Dies erklärt wohl auch den Preis von 90 $, der trotz der ansprechenden Aufmachung und dem Leineneinband nicht gerade zum Kauf anregt. Zielgruppe des Verlages sind vornehmlich Universitäten und deren Forschungseinrichtungen.

Doch bevor wir uns dem Buch zuwenden, muss der Rezensent ehrlichkeitshalber noch auf eine berechtigte Frage eingehen: Darf man überhaupt ein Buch rezensieren, an dem man selber beteiligt ist? Natürlich nicht! Deshalb will ich auch an dieser Stelle keine regelrechte kritische Besprechung vornehmen, sondern mich mit einer Inhaltsangabe begnügen.

Zunächst gilt es auf die Entstehungsgeschichte der Publikation hinzuweisen. Ihr Zustandekommen ist das Verdienst von Gerald Newton, der seit 1995 an der Universität von Sheffield das Centre for Luxembourg Studies leitet und der schon 1996 ein Handbuch (1) über die Luxemburger Sprachensituation herausgegeben hat. Wie der englische Germanist und Dialektologe auf Luxemburg und das Luxemburgische gekommen ist, hat er selber dargelegt (2). Es ist eine lange, 1965 beginnende Geschichte, bei der mehr oder weniger zufällige Bekanntschaften eine wesentliche Rolle spielten. Erwähnen wir nur Fernand Hoffmann als seine wichtigste Kontaktperson in Luxemburg. Es ist der Zusammenarbeit dieser beiden Wissenschaftler, der wir das erwähnte Handbuch verdanken.

Das vorliegende Buch basiert auf den Vorträgen, die auf einer Luxemburg gewidmeten Fachtagung im April 1998 an der Universität Sheffield gehalten wurden. Es sind insgesamt 14 Beiträge, wobei nur die Hälfte von in Luxemburg lebenden Autoren stammt. Der Band ist mehrsprachig, wie das Land auf das er sich bezieht:

acht Beiträge sind in englischer und jeweils drei in deutscher bzw. französischer Sprache verfasst.

Den äußeren Anlass für die Durchführung der von Gerald Newton schon lange gewünschten Tagung lieferte die luxemburgische Präsidentschaft der EU im Jahre 1998. Dadurch wurde es möglich, die UACES (University Association for Contemporary European Studies) für die Mitarbeit zu gewinnen, womit auch die eher politologische Ausrichtung der drei ersten Beiträge des Bandes erklärt ist: Jason Cambell bzw. Maria O’Neill, beides Benelux-Spezialisten, liefern zwei Aufsätze mit den Titeln: Luxembourg: a small country in a large organization beziehungsweise Who is driving the seat? The influence of three small countries in the ‚Cockpit of Europe‘ on European Union integration, während Stephen George Luxembourg’s Presidency of the European Union untersucht.

Tom Reisens Beitrag mit dem Titel Les institutions littéraires auf Luxembourg befasst sich u.a. mit dem LSV, mit dem Merscher Literaturzentrum, verschiedenen Kulturzeitschriften und Literaturpreisen. Sein Fazit: „Sans exagérer ses qualités et sans caricaturer ses faiblesses, on peut dire que notre littérature est en train de trouver ses marques.“ (S. 41)

In ihrem Beitrag Luxemburger Literatur im Spannungsverhältnis von nationaler Selbstvergewisserung und europäischer Wunschidentität arbeitet Germaine Goetzinger den Modellcharakter heraus, den „die literarische Kommunikation im polyglotten Mikrokosmos an der Grenze von Romania und Germania mit einem starken Spannungsverhältnis von Identität und Differenz … für eine europäische Literatur in einer sich öffnenden und nomadisierenden Welt“ haben kann.

Josiane Kartheiser, deren Beitrag den Untertitel Learning Luxembourgish as a means of social and professional integration trägt, gibt einen Überblick über die Möglichkeiten Lëtzebuergesch als Friem-

Gerald Newton (ed.), Essays on Politics, Language and Society in Luxembourg The Edwin Mellen Press, Lewiston, Queenston, Lampeter 2000

sprooch zu lernen und beleuchtet die Motivationen und Schwierigkeiten der Lernenden. Die von ihr erwähnten Pläne zur Schaffung eines „Luxembourg Institute“ am Centre universitaire (S.74), sind heute, zwei Jahre später, immer noch nur Pläne.

Es folgt mein eigener Beitrag, in dem ich die damals noch nicht veröffentlichten Ergebnisse der soziolinguistischen Teilaspekte der BALEINE-Untersuchung vorgetragen habe. Nach der ausführlichen Veröffentlichung der Ergebnisse (3) ist dieser Artikel streng genommen obsolet. Was aber nicht heisst, dass er überflüssig wäre, da er besonders ausländischen Forschern als Wegweiser zu der ausführlichen Publikation dienen kann. Dies gilt auch für den nächsten Beitrag von José Cajot, einem belgischen Linguist, der Teile aus seiner 1989 veröffentlichten Doktorarbeit noch einmal aufbereitet hat. Es geht dabei um lexikalische Vergleiche in einem drei Länder überlappendem Gebiet, das die (neu)belgischen Orte des Hohen Venns, das deutsche Prümer Land, das luxemburgische Nord-Ösling und drei teilweise noch deutschsprachige Gemeinden im wallonischen Belgien umfasst. Untersucht wird die isoglossebildende Wirkung von Kultur- und Staatsgrenzen. Hinter dieser komplizierten Fragestellung versteckt sich eine spannende, detektivische Fleissarbeit: Wo sagt man Kakao, wo Kakao, wo Schokelaskaffi? Wo gebraucht man mehr „luxemburgische“ (Fremd)Wörter? In Prüm, in Sankt Vith oder in Ourthe? Wo mehr französische?

Stephanie Hughes, die bei der Tagung am Anfang ihrer Doktorarbeit stand, untersucht die dialektale Situation Lothringens und die besonderen Aspekte, die sich daraus für die Grenzpendler ergeben, während Charles V. J. Russ sich einem grammatikalischen Problem zuwendet: Wortformationen im Luxemburgischen unter besonderer Berücksichtigung von Suffixen bei Adjektiven und Substantiven.

Gerald Newton skizziert die Geschichte der Luxemburger Orthographie. „The spelling of Luxembourgish has been through various mills.“ (S. 135) schreibt Newton. Und in der Tat führt ein langer Weg vom 1824 im Luxemburger Wochenblatt veröffentlichten Text („Am zwoo Auer an der Noicht klappt an der fischter Dihr vom Haus…“) zur aktuellen Rechtschreibung. Neun Rechtschreibungen und verschiedene Varianten werden vorgestellt und teilweise aus ihrem historischen Kontext erklärt. Zum Beispiel die 1946 eingeführte „ofiziël lezebuurjer ortografi“, die mit ihrer radikal phonetischen Ausrichtung versuchte, das Schriftbild soweit wie nur möglich vom Deutschen (und auch vom Französischen) fernzuhalten.

Henry Wickens, ein in Luxemburg lebender Engländer, der dieser Tage eine luxemburgische (!) Übersetzung des bekannten Kinderbuches Winnie-Pu veröffentlichte (4), widmet seinen Beitrag den Hausnamen in Waldbillig, dem Dorf, in dem er lebt. Unter Hausnamen sind die Namen zu verstehen, die den Häusern anhaften und die auf ihre Bewohner, unabhängig von deren Familiennamen übertragen werden. In ethnographischer Kleinstarbeit hat er die 70 Hausnamen des Dreihundert-Seelendorfes zusammengetragen und versucht sie zu erklären.

Jules Prussen: L’abandon de l’absolu heisst der Beitrag von Norbert Campagna in dem die Hauptlinien des Denkens des Luxemburger Philosophen dargestellt werden: „Nous dégagerons le mal (méthaphysique) qu’il s’agit de guérir. Puis, nous présenterons la thérapie proposée par Prussen.“ (S. 198)

Frank Wilhelm hat die bislang unveröffentlichten Briefe ausgegeben, die Mathieu-Lambert Schrobilgen, während seines Londonaufenthalts (1867-1869) nach Luxemburg sandte. Diese Korrespondenz gibt Einblick in die Denkungsart der zahlenmässig kleinen Luxemburger Bourgeoisie des letzten Jahrhunderts und wird gleichzeitig zum Anlass genommen, über das Englandbild der Luxemburger überhaupt nachzudenken.

Der Band wird durch englische Kurzfassungen der deutsch- und französischsprachigen Beiträge sowie einen Index abgerundet.

Alle Beteiligten der Tagung waren sich einig, dass ein weiteres Treffen über Luxembourg Studies, die multidisziplinäre Auseinandersetzung mit der Luxemburger Gesellschaft, ihrer Sprache, Kultur und Geschichte, angeregt werden sollte. In Sheffield oder anderswo. Zum Beispiel am CIEL, dem Centre interdisciplinaire d’études sur le Luxembourg am Centre universitaire, wenn dieses denn je das Licht der Welt erblicken sollte.

Fernand Fehlen

Der Soziologe Fernand Fehlen arbeitet am Centre de Recherche Public Gabriel Lippmann.

(1) Gerald Newton (ed.), Luxembourg and Lëtzebuergesch, Language and Communication at the Crossroads of Europe, Clarendon Press, Oxford 1996

(2) Beitrag von Gerald Newton beim Rundtischgespräch Le statut du Lëtzebuergesch dans le cadre du colloque Moien, voir Actes du colloque Moien, Luxembourg pp 50-56

(3) Le sondage „Baleine“, une étude sociologique sur les trajectoires migratoires, les langues et la vie associative au Luxembourg, Cahier RED Hors Série 1, Sesopi-Centre intercommunautaire, 1998 Dossier der forum-Nummer 177: Les parlars au Luxembourg en 1997, Juli 1997

(4) A.A. Milne, Winnie-Pu, iwersat vum Henry Wickens, Op der Lay, Esch-Sauer 2000

Die Auseinandersetzung mit der Luxemburger Gesellschaft, ihrer Sprache, Kultur und Geschichte sollte in Sheffield oder anderswo weitergeführt werden. Zum Beispiel am CIEL, dem Centre interdisciplinaire d’études sur le Luxembourg am Centre universitaire, wenn dieses denn je das Licht der Welt erblicken sollte…

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