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Der folgende Beitrag von André HOFFMANN (KPL) stellt den dritten und letzten Teil seiner Intervention bei den Forumgesprächen zum Thema "ANGST und RELIGION" dar, die das ‚Centre Chrétien d’Education des Adultes‘ im Februar 1984 veranstaltet hatte. Nach dem Beitrag von Franz KOEDINGER in "forum" Nr. 71 werden wir in einer kommenden Nummer noch die Intervention von Hubert HAUSEMER veröffentlichen.
Im 1.Teil seines Vortrages ging A. Hoffmann auf die Angst ein und unterschied rationale Ängste (z.B. vor der Gefahr eines Atomkrieges) und irrationale Ängste (z.B. vor einem bösen Feind im Osten oder vor einem Meteoriteneinschlag). Er betonte dabei, dass viele Ängste "gemacht" werden
und unsere gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln. Im 2.Teil untersuchte er die Zusammenhänge von Angst und Religion. Die Angst vor den Gewalten der Natur, aber auch vor gesellschaftlichen Mächten, hat einerseits die Religion hervorgerufen; die Religion beruht auf solchen Ängsten. Andererseits schaffen die Religionen aber auch neue Ängste und werden daher oft missbraucht, bestimmte Machtverhältnisse zu erhalten bzw. die mögliche Erfüllung menschlicher Bedürfnisse zu verhindern. Solche Überlegungen stammen schon aus der traditionellen Religionskritik. Im 3., hier abgedruckten Teil beschäftigt sich A. Hoffmann nun mit der marxistischen Religionskritik.
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Die traditionelle Religionskritik nimmt bei den griechischen Denkern wie Epikur ihren Anfang und wird dann später gegen Ende des Mittelalters wieder aufgegriffen, im Rahmen der neuen Gedankenwelt und Idologie des aufsteigenden Bürgertums.
Was hat diese klassische (und bürgerliche) Religionskritik geleistet – und wo liegen ihre Grenzen und Mängel?
Sie hat ohne Zweifel das wissenschaftliche Denken, auch gegen den Widerstand religiöser Institutionen, vorangetrieben. Sie hat die Kirchen zu einer rationalen Überprüfung ihrer Thesen herausgefordert. Sie hat den Blick aufs "Diesseits", auf diese unsere irdische Welt, auf ihre Mängel und ihre Verbesserungsmöglichkeiten gerichtet. Und sie hat auch (in unserem Kulturkreis) die Christen zu einer realistischeren Beurteilung ihrer eigenen Geschichte, damit auch zu einer gewiss fruchtbaren Bescheidenheit gebracht (oder doch manche unter ihnen).
Wo aber liegen die Grenzen dieser Religionskritik?
Vor allen: sie bleibt idealistisch, im Kern. Das heisst: sie erklärt Ideen aus Ideen (Religionen aus Ängsten). Woher aber stammen Ideen, woher stammen Ängste? Und warum drücken sie sich als Religion aus und nicht anders? In der Beantwortung solcher Fragen bleibt diese Religionskritik stumm, schwach oder höchst vage. Warum?
Weil gerade die Beantwortung dieser Fragen eine neue Auffassung der menschlichen Geschichte, eine Wissenschaft der menschlichen Gesellschaft voraussetzt, die es vor dem Marxismus nicht gab und nicht geben konnte.
Diese Religionskritik übersah, dass innerhalb der Religion sich gesellschaftliche Konflikte widerspiegeln. Man braucht nur Luther und Thomas Münzer Helder Camara oder Ernesto Cardenal zu nennen, um zu unterstreichen, wie wenig man religiöse Auffassungen (selbst innerhalb derselben Kirche) und deren praktische Konsequenzen in einen Topf werfen darf.
Diese Religionskritik hat auch oft (z.T. eben aus grundlegender Unkenntnis heraus) den Kampf gegen die Religion in den Vordergrund gerückt und damit selbst getan, was sie oft den Religionen und Kirchen vorwarf: nämlich den Kampf um Ideen dem Kampf um konkrete, soziale, materielle und kulturelle Verbesserungen zu bevorzugen.
Die Marxsche Religionskritik gründet auf der Erkenntnis dieser Mängel und Schwächen (und natürlich auf einer grundlegend neuen Auffassung menschlicher Geschichte).
in T. F. 46/60 Zeichnung: Piller
Es genügt nicht, wie Feuerbach zu erklären, Gott und Religion seien eine Erfindung des Menschen aus seinen Ängsten und Glücksbedürfnissen heraus. Man muss auch erklären, warum es zu dieser Vorstellung kommt und warum daraus selbständige Wesen, Gott und ein Himmel, werden. Diese Erklärung lässt sich nur in einer konkreten, wissenschaftlichen Analyse der gesellschaftlichen Realität, ihrer Geschichte, ihrer Widersprüche finden.
Präzise, konkrete – aber unbeherrschte, feindselige Mächte erwachsen den Menschen aus einer präzise definierten Gesellschaftsform (und das heisst vor allem einer präzisen Produktionsweise), und nur eine genaue Analyse der Gesellschaftsform kann also die religiösen Vorstellungen erklären. (Nur die konkrete, soziale, ökonomische "Entfremdung" vermag die religiöse "Entfremdung" zu erklären.) (1)
Der Mensch denkt, Gott lenkt, schreibt Engels (sinngemäss) im Anti-Dühring: wenn einmal der Mensch nicht nur denkt, sondern auch lenkt, das heisst, selbst über seine Lebensbedingungen, über die Produktion (kollektiv, also gesellschaftlich) entscheidet, dann wird die Religion von selbst verschwinden – sie wird eines natürlichen Todes sterben. (2)
Mit dieser Auffassung rückt ein Kampf gegen die Religion in den Hintergrund, weil er von wichtigeren Kämpfen ablenken müsste, – und Engels mokiert sich über den zeitgenössischen Philosophen Dühring der die Religion verbieten will.
Bereits in der "deutschen Ideologie" hatten Marx und Engels die alte Religionskritik, den alten Atheismus abgelehnt, mit dem Vorwurf: "So war der Kampf mit der religiösen Illusion, mit Gott, dem wirklichen Kampf untergeschoben." Das heisst: statt die sozialen Verhältnisse zu verändern, bekämpften die Religionskritiker die religiösen Auffassungen, die nur die Widerspiegelung dieser sozialen Verhältnisse sind.
Noch deutlicher hat Marx sich abgegrenzt vom traditionellem Atheismus: "Der Atheismus ist die letzte Form des Theismus."
Wenn die Geschichte der menschlichen Gesellschaft zur Wissenschaft wird, dann steht weniger der Wahrheitsgehalt der Religion im Vordergrund (sie ist ja nur Widerspiegelung), sondern vielmehr werden die materiellen, gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser (verzerrten) Widerspiegelung dem rationalen, wissenschaftlichen Denken (und daraus abgeleitetem Handeln) zugänglich. Und dann erscheint die Religion nicht mehr einfach als ein vage aus der Furcht erklärtes Wunschdenken – sondern als eine notwendige, wenn auch verzerrte Widerspiegelung sozialer Realität, und zwar konkreter, sozio-ökonomischer Realität.
Und dann ist auch klar, dass Religion ein höchst widersprüchliches soziales Phänomen ist, dass sich in ihr Klassengegensätze ausdrücken, dass sich in ihr auch die Hoffnungen der unterdrückten Klassen ausdrücken – dass sie also auch in einer Praxis der gesellschaftlichen Veränderung wirksam sein kann (cf. Thomas Münzer, Ernesto Cardenal, die Theologie der ‚Befreiung‘, die US-Bischöfe gegen Atomraketen usw.).
Ebenso klar ist dann, dass die Hauptaufgabe nicht der Kampf gegen die Religion ist, sondern die Überwindung überholter und ungerechter sozialer Verhältnisse.
Marxistische Philosophie (Weltanschauung) und religiöser Glaube bleiben gewiss unvereinbar.
Aber das gemeinsame Handeln von Christen und Marxisten: zur Beseitigung der Ursachen und der
Gegenstände unserer konkreten Ängste – Beseitigung der Arbeitslosigkeit, des sozialen Elends, des Krieges, Verwirklichung der kollektiven Selbstbestimmung der arbeitenden Menschen -, dieses gemeinsame Handeln ist nicht nur möglich und notwendig, es ist bereits vielfach und vielerorts verwirklicht.
Dieses Aufeinanderzugehen im sozialen Engagement kommt von beiden Seiten, und zwei Zitate sollen es abschliessend illustrieren und fördern:
Der ehemalige Hilfsbischof von Lyon, Alfred Ancel, schreibt in seinem Buch "Dialogue en vérité" (S. 48): "On comprend par là la convergence qui existe entre l’attitude de Marx disant: ‚Les philosophes n’ont fait qu’interpréter le monde de différentes manières; mais ce qui importe, c’est de la transformer‘ (Thèses sur Feuerbach) et l’attitude de Jésus qui veut un monde nouveau. Il ne s’agit pas d’identifier deux démarches si dissemblables, mais on doit souligner la convergence des préoccupations. Des deux côtés, on veut un monde nouveau et des hommes nouveaux. On ne peut se contenter de théories ni de réformes superficielles."
Und schliesslich aus einem Gedicht des kommunistischen Dichters Aragon, das er den kommunistischen und christlichen Resistenzlern widmete, die schönen Verse:
"Celui qui croyait au ciel
Celui qui n’y croyait pas
Quand les blés sont sous la grêle
Fou qui fait le délicat
Fou qui songe à ces querelles
Au coeur du combat commun …"
andré hoffmann
(1) "In der Religion machen die Menschen ihre empirische Welt zu einem nur gedachten, vorgestellten Wesen, das ihnen fremd gegenübertritt. Dies ist keineswegs wieder aus anderen Begriffen zu erklären (…), sondern aus der ganzen bisherigen Produktions- und Verkehrseise." (Deutsche Ideologie, S.154)
Ähnlich (und noch genauer) in der 4. These über Feuerbach: "Die Tatsache (…), dass die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist eben nur aus der Selbstzerrissenheit und dem Sichselbst-Widersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären."
(2) "Es heisst noch immer: Der Mensch denkt, und Gott (das heisst die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt. (…) Wenn der Mensch also nicht mehr bloss denkt, sondern auch lenkt, dann erst verschwindet die letzt fremde Macht, die sich jetzt noch in der Religion widerspiegelt, und damit verschwindet auch die religiöse Widerspiegelung selbst, aus dem einfachen Grund, weil es dann nichts mehr zu widerspiegeln gibt." (Fr. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, S.295)
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