Mehr Realismus in der Landwirtschaft
Diskussionsbeitrag zum Artikel „Landwirtschaft 2.0“ aus forum Nr 339 April 2014
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Diskussionsbeitrag zum Artikel „Landwirtschaft 2.0“ aus forum Nr. 339, April 2014
Nico Wirth
In vieler Hinsicht rennt Jean Feyder offene Türen ein mit seinem „Plädoyer für eine Neuausrichtung der luxemburgischen Agrarpolitik“. So trifft seine Analyse ohne Zweifel die entscheidenden Sachverhalte, die da wären: rückläufige Betriebs- und Beschäftigungszahlen, extreme Abhängigkeit der Bauern von Subventionen, Rückgang der Artenvielfalt, Belastung der Umwelt, allzu geringer Selbstversorgungsgrad usw.
In anderer Hinsicht kann man dem Bauernsohn und Ex-Diplomaten aber leider nicht immer folgen. Auch Feyder weiß, dass Luxemburg nur mehr wenig Einfluss auf die eigene Gestaltung seiner Landwirtschaft hat. Rund 80 bis 90 % der Agrarpolitik wird von der EU bestimmt. Darüber hinaus kann man Luxemburg kaum für die zu Recht inkriminierte Zerstörung der kleinbäuerlichen Strukturen in der Dritten Welt verantwortlich machen. Dass die bisherige EU-Agrarpolitik gründlich überprüft und zum großen Teil neu ausgerichtet werden muss, trifft ja zu, aber auch hier ist der Einfluss Luxemburgs verschwindend gering. Trotz aller guten und dringenden Empfehlungen an unsere Europapolitiker, sollten wir uns vor allem auf das beschränken, was bei uns möglich ist.
Realistische Forderungen?
Einige Forderungen der Gruppe „Meng Landwirtschaft“ an die Regierung erscheinen selbstverständlich, andere ambivalent:
Selbstverständlich kann man sich der Forderung nach gentechnikfreier Landwirtschaft anschließen, obwohl sie in der Praxis, wegen der starken Präsenz
der gentechnisch veränderten Organismen etwa in Futtermittel, oft schwer umzusetzen ist. Auch die Forderung nach einer weniger flächenbezogenen dafür aber stärker umweltbezogenen Förderung ist nachvollziehbar und mittlerweile breit akzeptiert.
Doch dass der Anteil der Biolandwirtschaft auf 15 % erhöht werden soll, erscheint willkürlich; warum nicht 20 %, wie z. B. in Österreich und vor allem, wie soll dieses Ziel erreicht werden? Werden die wenigen Bauern jetzt zwangsverpflichtet oder mit anderen Mitteln gezwungen, diese Wirtschaftsweise zu übernehmen? Die Regierung könnte natürlich höhere Biosubventionen bezahlen, aber wie steht es dann mit der beanstandeten Abhängigkeit von Subventionen?
Genauso problematisch ist die Forderung, der luxemburgische Lebensmittelbedarf müsse „vorrangig lokal produziert werden“. In kaum einem Bereich außer beim Rindfleisch erreicht Luxemburg auch nur annähernd einen Selbstversorgungsgrad und das bei 95 % konventioneller Landwirtschaft. Will man jedoch einen höheren Anteil der Biolandwirtschaft, geht die Produktion bekanntlich tendenziell zurück. Dazu kommt, dass die Bevölkerungszahl permanent steigt. Mir verschließt sich die Logik der Überlegungen. Sogar wenn auch in Luxemburg 40 % der Nahrungsmittel verrotten, was wahrscheinlich eher für Gemüse als für Fleisch, Milch oder Eier zutrifft, werden wir nie auch nur annähernd die Selbstversorgung erreichen, selbst wenn wir der Verschwendung von Lebensmitteln Einhalt gebieten könnten.
Nico Wirth ist Deutschlehrer „aus Überzeugung, mit Hang zur Philosophie und seiner bäuerlichen Herkunft treu“.
Wenn „Meng Landwirtschaft“ nicht mit mehr Realismus auf die Mehrheit derjenigen zugeht, die die Kühe, Schweine, Schafe und Hühner halten, […] dann bleibt dieses Projekt eine Schreibtischinitiative.
Martin Fisch 2013 „dynamics“ CC BY-SA 2.0
Inwieweit die Verbraucher, also die Menschen in Luxemburg, stärker „für eine lokal produzierte, gesunde und ausgewogene Ernährung sensibilisiert werden“ können, sei dahin gestellt. Vieles funktioniert über den Preis. Bio ist gut, so lange es nicht zu viel kostet. Wenn die Bio-Äpfel aus China oder Chile günstig im Supermarkt angeboten werden, greifen manche zu. Biofleisch luxemburgischer Herkunft ist sicher auch Mangelware, dafür trägt Bio-Lëtzebuerg einen Teil der Verantwortung. Die meisten Bioschlachttiere werden mangels Absatzstrukturen in Luxemburg konventionell verkauft. In Deutschland stellen jedes Jahr 600 Biobetriebe (Die Zeit) wieder auf konventionelle Landwirtschaft um, da trotz aller Erklärungen und Forderungen die Biolandwirtschaft vielfach auf keinen grünen Zweig kommt. Der Aufwand steht nicht im Verhältnis zum wirtschaftlichen Ertrag.
Wessen Landwirtschaft?
Daran schließt sich mein letzter Hinweis an. Wenn „Meng Landwirtschaft“ nicht mit mehr Realismus auf die Mehrheit derjenigen zugeht, die die Kühe, Schweine, Schafe und Hühner halten, den Weizen und das Gemüse anbauen, dann bleibt dieses Projekt eine Schreibtischinitiative. Die Bauern werden sich fragen, wessen Landwirtschaft es denn eigentlich ist. Man stelle sich nur eine gesellschaftliche Initiative über die Banken unter dem Titel „meine Banken“ vor oder eine entsprechende Initiative über die Stahlindustrie mit einem solchen Titel. Ich wäre auf die
Reaktion von Lakshmi Mittal oder Jürgen Fitschen und Anshu Jain gespannt.
Wir leben nicht in der Cyberwelt, aus der die Begrifflichkeit des Titels „Landwirtschaft 2.0“ stammt. Das mag ja hip klingen, aber bei der Präsentation der Plattform waren laut eigener Darstellung außer den Biobauern kaum andere Bauernvertreter anwesend und das stimmt bedenklich. Bauern, ich meine nicht Landwirte,¹ sind seit Jahrhunderten politische und gesellschaftliche Verschiebemasse. Diese Initiative möchte hoffentlich nicht auch über sie verfügen, sondern sollte schleunigst mit allen ihren Vertretern ins Gespräch kommen, um gemeinsam die dringend notwendigen Problemlösungen zu finden. Am luxemburgischen Wesen wird die Welt auch nicht genesen. Wenn lediglich weitere verschärfte Regelungen auf die Bauern von außen zukommen, werden die Betriebe weiter sterben. Als Beispiel hierfür sei die mit der Biotopkartierung des Umweltministeriums verbundene begrenzte Nutzung des Landes genannt, die dazu führen könnte, dass ein luxemburgischer Biobetrieb seine Milchproduktion einstellen muss und damit seiner Existenzgrundlage beraubt wird.
Vernünftiges Handeln unter Einbeziehung aller Betroffenen ist dringend gefordert. ♦
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