„meng billerfabrik am kapp“
Zu Roger Manderscheid: "Schacko Klak"
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Zu Roger Manderscheid: SCHACKO KLAK
Als "biller aus der kandheit (1935-1945)" bezeichnet R. Manderscheid sein jüngstes Werk, das dieses Jahr bei "éditions phi" erschien. Kein Roman also, keine ausgesprochene Fiktion, keine durchgehende Story, sondern Erinnerungen, Szenen, Gespräche, Träume; "Bilder", hervorgeholt aus dem Gedächtnis, das erstaunlich vielfältig und genau bleibt, mosaikartig und souverän-geduldig zwei Mikrokosmen aufbaut: den Alltag in einer Luxemburger Handwerkerfamilie sowie das Leben in einem Dorf in den dreißiger und vierziger Jahren. Das Ganze gespiegelt im Kopf eines Kindes, stellenweise aber gebrochen durch diskrete Einmischung des heutigen (fiktiven) Erzählers, der aus zeitlicher und räumlicher Entfernung (Berlin) durch Zwischenbemerkungen die Eindimensionalität aufreißt.
Der Name Roger Manderscheid löst bei Kennern seines Werkes gewöhnlich mehrere Erwartungen aus. Die erste ist die virtuose Handhabung der deutschen Sprache, die beispielsweise in seinem Roman "Die Dromedare" (1973) mit einem beeindruckenden Arsenal an kreativen Einfällen, Aufzählungen und skurrilen Varianten, Wortkombinationen und -spielen aufwartet. Ist es also nicht schade, könnte man sich fragen, daß einer unserer besten deutschsprachigen Autoren nun lëtzebuergesch schreibt? Der listige heutige Erzähler berührt das Problem selbst:
"ech hätt des bräiwer jo och kénnen, wéis de sees, op däitsch schreiwen. ech hat esouguer ugesat an deër sprooch… mä jhust: et huet mer duebel spaass gemat, (mat hëllef vun deër neier schreifweis, fir déi ech der villmols merci soen), an deër sprooch ze schreiwen, mat deër ech opgewuess sin an duerch déi ech d’welt endeckt hun, wann och nëmmen, an der éischter etapp, de mëschtkoup virun der viischter dir. nëmmen deen, dee ni de mëschtkoup entdeckt, fäerten ech, entdeckt och keng welt." (286)
In Wirklichkeit bedarf die Wahl der Sprache keiner Rechtfertigung. Das, was R. Manderscheid auf 353 Seiten Prosa anbietet, hat eine solche erzählerische und plastische Selbstverständlichkeit, eine Natürlichkeit, wie sie in Luxemburger literarischer Sprache selten erreicht wird. Der Autor benutzt die ganz gewöhnliche Umgangssprache, schreibt so, wie zu Hause oder im Schulhof gesprochen wird, mit den kleinen Grobheiten, aber
auch mit der unverwechselbaren Würze der lebendigen Kommunikation. Keine Angst: das Ganze rutscht selten ab ins Banale oder Triviale; die Prosa durchzieht ein poetisches und erzählerisches Fluidum bis zur letzten Seite. Wenn man bei einem Maler über ein gelungenes Bild fachsimpelt, so sagt man bei uns: "Et sëtzt". Hier "sitzt" jeder Satz. Der Beginn, zum Beispiel:
"de grousspapp. fänke mer mam grousspapp un. e grousspapp as ëmmer e gudden ufank. fir e ‚krappschass‘ as e grousspapp souguer dee beschten ufank, deen ee sech virstelle kann. a nët nëmmen fir e ‚krappschass‘. och fir e ‚boxeschësser‘. Fir e ‚blatzkueder‘. fir e ‚biddesécher‘, pardon, wéi ech ee war. wéi ech ee war? oder hien? wéi hien ee war. hien: dee ‚klengen‘ dee ‚jéngsten‘. de ’naschtquaker‘. de ‚jéngi‘. de ‚jeizi‘. den ‚toxi‘.
pinnocchio: e klengen, schwaarze pinnocchio, ging ech haut soen. a sengem sonndesse fuedem: been, wéi dënn, kromm uewepäifen. o-been. a kleng, wéi gesot. gestuckelt: de grouss-papp. verdruddelt, wann en do gewetzi as iwwer de knäppchen, eng madrill ënnert dem aarm, den hummer am grapp, e kraiongstomp hannert dem ouer. wéi aus holz geschnëppelt. eng popp vun engem grousspapp. e stuel vun engem bopa. nach haut mengen ech dax, ech hätt an all paltongstäsch esou e klenge grousspapp sëtzen. e passt jhust a meng hand, wann ech eng fauscht maachen." (9)
Die zweite Erwartung, die mit dem Namen Manderscheid verbunden wird, ist die kritische, satirische Dimension. Die heftigen Attacken gegen Luxemburg, die bodenständige Mentalität, den Provinzialismus, die Zukunftslosigkeit stellten den Hauptaspekt seiner früheren Schriften dar. Einige Leser wird es wundern, wie scheinbar "zahm" ’schacko klak‘ sich ausmacht; sie werden sich fragen, wo der typische Manderscheid-Biß geblieben ist. Gefallen an der Natur, häusliche Behaglichkeit, Friedfertigkeit, ja, sogar etwas Undefinierbares, das mit "Heimatgefühl" zu umschreiben wäre: diese Aspekte einer quasi abgeklärten "Weisheit" scheinen die aggressiven Züge abzulösen. Kommt es daher, daß es sich um ein Erinnerungsbuch handelt, in dem jemand sich auf seine Quellen und Wurzeln besinnt, auf die Entdeckung der persönlichen Welt und auf die schwierige Findung des eigenen Ichs? Nun sollte der falsche
fänke mer
mam
grousspapp
un. e
grousspapp
as ëmmer e
gudden
ufank.
Eindruck aber nicht aufkommen, diese Spurensuche sei mit Nostalgie oder Nabelschau gleichzusetzen. Im Gegenteil: alle Kindheitserlebnisse sind in die soziale Geschichte einer Familie und eines Dorfes sowie in die politische Geschichte eines Landes eingewoben. Die sechzehn ersten Kapitel spielen vor dem Zweiten Weltkrieg, der zweite Teil (weitere sechzehn Kapitel) beginnt am 10. Mai 1940 und hört mit der Befreiung auf.
Die Dosierung von persönlichen Anekdoten, Überlegungen, Szenenbildern, nationaler Geschichtsschreibung ist äußerst subtil. Die Atmosphäre in einem Handwerkerhaushalt, in dem viele Menschen zusammenwohnen (-das kann man sprachlich nicht besser wiedergeben-), die Mentalität der Dorfbewohner, die Entdeckung der Sexualität, die Auseinandersetzung mit den eigenen Schuld- und Minderwertigkeits- gefühlen: diese Elemente grenzen sich gegen eher anekdotische Aspekte aus der Kindheit ab, die subjektiv wohl bedeutend waren (der schwere Gang zur Vorschule, der Ritt auf einer Kuh, das Schweineschlachten, ein Fahrradrennen usw.).
Das ist aber noch kein Grund anzunehmen, Manderscheid seien deshalb die Zähne ausgefallen. Seine Kritik gilt hauptsächlich allen Verletzungen der Menschenwürde, allen Vergewaltigungen des Gewissens und der Phantasie. Hier bekommt die Schule ihren Teil ab:
"d’sprooch war deemols, wéi konserwen, a glieser agemat. a bokaler: floskelen. mat der helleger grammatik gouf d’fantasie vun de kanner gemurkst. SCHREIF NEMME NI E FEELER. mat deem klengste schreiffeeler has de dech um här lehrer vergraff. um duerf. un der éier vum duerf. (um stat?) aus lauter angscht, feeler ze schreiwen, huet hien dat geschriwwen, wat déi aner kommerode geschriwwen hun…"(213)
In diesem Kontext gehören auch seine Erlebnisse und Überlegungen aus dem Raum Kirche. Eine beeindruckende Seite über das Thema "Angstreligion" beschreibt den qualvollen Gang des Kindes zum Beichtstuhl- auch ein Kapitel (Luxemburger?) Geschichte.
Die größte kritische Aufmerksamkeit gilt selbstverständlich den "houere sau preisen" – auch denen mit Luxemburger Nationalität-. Aber sogar in diesem Gebiet wird nicht zu dick aufgetragen. Die ängstliche Verwunderung über die unmögliche Nazisprache ("weehawee, faudeebee, beedeem, ennessdeeapee", "bruttoregistertonnen", "durch erschiessen vollstreckt") oder über die absurden Übungen und Befehle kennzeichnet seine ablehnende Haltung. Das verhindert nicht, daß der einzelne deutsche Soldat im Notfall sehr differenziert als leidender oder unschuldiger Mensch gesehen werden kann.
Ohnehin ist die aggressive Tonart nicht dominant in diesem Buch. Eine vage Trauer beim Kind und eine witzige Brechung des Tons beim Erzähler geben dem Ganzen den unverwechselbaren Schacko-Klang. Aber auch dafür hat Manderscheid eine Erklärung:
"wou kënnt dann eise sënn hir fir witz, satir an ironie? e klengt, politesch onbedeitend vollék, dat a senger geschicht ëmmer vun aneren, dichtegen nopere gequëtscht gouf, an dat, well et esou kleng ass, waffen ni hat an dofir ni gebrauche konnt, huet sech mise wiren, wéi et eebe gung: am ënnergrond, dat heescht um wiirtschaftsdësch, op der schaff, mat witze virun allem. eis force de frappe war nach ëmmer d’fauscht an der täsch…" (240).
Wie jedes seiner Bücher also: ein Buch über Luxemburg.
Kein überflüssiges!
Paul Maas
Roger Manderscheid SCHACKO
KLAK Biller aus der Kandheet
(1935-1945) — éditions phi 325
- Oplo Mä 1988, 353 Seiten
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