Nicht wirtschaftshörig, aber der gesellschaftlichen Relevanz verpflichtet

Courrier des lecteurs

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In der letzten Ausgabe von forum konnte man einen Artikel unter dem Titel „Hochschulpolitik im Dienst der Wirtschaft lesen“, in dem die Hochschul- und Forschungspolitik in Luxemburg sehr kritisch unter die Lupe genommen wird. Als jemand der seit mehr als zehn Jahren dafür kämpft den Sozialwissenschaften im allgemeinen und der Soziologie im Besonderen in Luxemburg Gehör zu verschaffen, kann ich diesem Text im Großen und Ganzen nur beipflichten.

Ich bin jedoch mit seiner defätistischen Interpretation des Gesetzes von 1987, zur Schaffung der Centre de Recherche Public (CRP), nicht einverstanden. Diese Interpretation arbeitet nur all jenen in die Hände, die die Forschung auf eine utilitaristische Handlangerin für den Wirtschaftsstandort Luxemburg reduzieren wollen. Auch wenn diese Interpretation weit verbreitet ist, so steht sie weder im Gesetzestext, noch entspricht sie dem Geist des Gesetzes. Im exposé des motifs kann man u.a. lesen: „Le présent projet de loi n’exclut aucun domaine et aucun type de recherche“ oder: „On se gardera toutefois d’oublier les sciences humaines“ (doc. parlem. 3050, session 1985-1986, S. 16 und S. 17). Was allerdings auch im Text steht, ist, dass die Forschung im Rahmen der CRP eine gesellschaftliche Relevanz aufweisen muss, die z.B. dadurch ausgewiesen wird, dass eine zahlungskräftige Nachfrage besteht.

Neben den CRP, die anwendungsorientierte, gesellschaftlich relevante Forschung betreiben sollen, gibt es auch noch eine allgemeiner ausgerichtete Forschungsförderung. In Insiderkreisen wird diese „titre-un“ genannt, während die CRP unter der Bezeichnung „titre-deux“ firmieren. Es wäre für alle Beteiligten abträglich, falsche Fronten zwischen beiden aufzubauen, denn wie jede Universität, braucht auch das Centre Universitaire eine Struktur, die es ihm erlaubt Drittmittelprojekte durchzuführen.

Vollends unerquicklich wird der Artikel allerdings dort, wo er unter der Zwischenüberschrift „Öffentliche Forschungszentren im Dienst privater Wirtschaft“ die Aktivitäten des CRP – Gabriel Lippmann beschreibt, diese aber so zurechtstutzt, dass sie in ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema passen. Damit das Feindbild stimmt, wurden die Arbeiten der Cellule STADE zur Integration der Ausländer, zu den Sprachen in Luxemburg, zum politischen Feld usw. genauso wie die Arbeiten der Biologen zu Umweltthemen ganz einfach unterschlagen.

Der Denkfehler in der Argumentation des forum-Artikels liegt darin, gesellschaftliche Relevanz mit wirtschaftlicher Nützlichkeit gleichzusetzen. Dass dies in den Köpfen etlicher Ministerialbürokraten und anderer sog. Entscheidungsträger geschieht, ist bekannt, doch anstatt dieses Denkmuster zu übernehmen, sollte man sich dagegen wehren.

Fernand Fehlen,

Forscher am CRP – Gabriel Lippmann und Lehrer am Centre Universitaire und am Institut d’Etudes Educatives et sociales.

Courrier des lecteurs

Antwort an Fernand Fehlen und Nachtrag zum Beitrag über Forschungspolitik in forum Nr. 202

Ich muss mich offenbar sehr schlecht ausgedrückt haben, dass man mir gerade diesen Denkfehler vorwirft. Meine Absicht war gerade nachzuweisen, dass in der Praxis die staatlich unterstützte Forschung in Luxemburg „wirtschaftliche Nützlichkeit“ nachweisen muss, obschon im Gesetz nur „gesellschaftliche Relevanz“ als Kriterium festgeschrieben ist. Dass die Cellule STADE soziologische und politologische Studien betreibt und andere Forscher Umweltthemen am CRP-GL bearbeiten, ist ohne Zweifel zu begrüßen. Doch ihre Auftraggeber sind öffentliche Behörden, die daraus einen bestimmten Nutzen ziehen wollen und daher zu zahlen bereit sind. Diese Forschungen stehen also auch „im Dienst …“. Es gibt aber Disziplinen und Forschungsprojekte, die nie einen derartigen Nutzen nachweisen und Geldgeber finden können und trotzdem gesellschaftlich relevant sind (Linguistik, Literaturwissenschaft, Geschichte, Philosophie, …). Wieso fehlen sie in den CRP? Das ist die Scheidungslinie, die ich aufzeigen wollte.

Seit der forum-Nr. 202 gibt es aber auch eine erfreuliche Nachricht. Einem Beitrag im französischen Teil des Luxemburger Wort vom 6.10.2000 war zu entnehmen, dass der Conseil national de l’enseignement supérieur unter dem Vorsitz von Dr. Robert Mackel mal wieder getagt hat und die Einrichtung von sog. 3es cycles als Priorität beim Ausbau der universitären Landschaft in Luxemburg bezeichnet hat. Laut Vizepräsident und Vertreter des Hochschulministeriums Germain Dondelinger gehören zu den drei Bereichen, die es weiterzuentwickeln gelte, Geschichte und Soziologie Luxemburgs im Bereich der Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften und die Rechtswissenschaften. Wieso Forscher und Hochschullehrer solche (dürftigen) Informationen der Presse entnehmen müssen, bleibt leider ungeklärt.

Da überdies der Entwurf des Staatshaushalts für das Jahr 2001 gerade im Bereich Forschung eine überdurchschnittliche Steigerung verspricht – die Kredite des Forschungsministeriums sollen insgesamt um fast 70% steigen, allein die Ausstattung des Fonds national de la Recherche um fast 300% –, steht zu hoffen, dass die Geisteswissenschaften dabei nicht wieder leer ausgehen werden.

Der Optimismus wird bestärkt von der Intervention der Ministerin für Kultur, Hochschulwesen und Forschung beim Symposium des „Fonds national de la recherche“ am 18.10.2000: „Visions pour la recherche au Luxembourg“. Sie zögerte nicht dem Fonds für die zweite Programmeile zu empfehlen, auch geistes- und sozialwissenschaftliche Projekte zu berücksichtigen und zwar solche, die sich mit den luxemburgischen Realitäten (Sprache, Literatur, Geschichte, Gesellschaft) auseinandersetzen. Der publizistische Einsatz war also nicht umsonst.

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