Offener Brief an Otto von Habsburg
Skandalöse Vorwürfe sollen zurückgenommen werden
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Bischof Lamont:
Offener Brief
an
Otto von Habsburg
Skandalöse Vorwürfe sollen zurückgenommen werden
In einem bedrängenden Offenen Brief, der hier in seiner Übersetzung veröffentlicht wird, fordert der aus Rhodesien ausgewiesene Bischof Donal Lamont den konservativen Politiker Otto von Habsburg auf, gegen ihn erhobene schwerwiegende Verleumdungen Punkt für Punkt öffentlich zu widerrufen, sofern dieser Wert darauf lege, ein Ehrenmann zu sein.
Der Offene Brief aus Dublin datiert vom 7. August. Der englische Text liegt der Redaktion vor, ebenfalls der Wortlaut des betreffenden Habsburg-Artikels in den Blättern der betont konservativen Paneuropa-Union, deren gravierendsten Aussagen in dem Offenen Brief des Bischofs zitiert sind.
Kürzlich wurde ich auf einen Zeitungsartikel aufmerksam gemacht, der unter dem Titel „Doppelte Moral“ im Mai dieses Jahres in der Publikation „Monats-Information“ erschienen war.
Sowohl in den konkreten Aussagen als auch in Andeutungen ist der Artikel für meine Person diffamierend und ich fordere Sie öffentlich auf, die in ihm enthaltenen falschen Behauptungen zurückzunehmen. Bei der Vielzahl der Punkte ist es schwierig, auf alle Einzelheiten einzugehen, doch möchte ich mich mit den am meisten zu beanstandenden Behauptungen auseinandersetzen.
Insbesondere verwehre ich mich gegen die
im vierten Absatz Ihres Artikels ausgesprochene Andeutung, daß ich Mord dulden würde. Diese Aussage muß zurückgenommen werden, ansonsten müßte ich an Ihrer Ehrenhaftigkeit zweifeln. Ist es in der Tat notwendig klarzumachen, daß zwischen Verzeihen und Gutheißen von Sünden ein gewaltiger Unterschied besteht? Im darauffolgenden Absatz steht über meine Person: „Dieser hatte seit Jahren eine aktive politische Rolle gespielt und sich dabei als Führer der systematischen Opposition betätigt“. Wenn das die Wahrheit sein soll, so bitte ich um positive Beweise dieser meiner politischen Aktivität sowie um namentliche Angabe jener „systematischen Opposition“, dessen Führer ich gewesen sein soll. Eine solche müßte erkennbar und benennbar sein. Nennen Sie diesen Namen, Herr von Habsburg,
Die Kirche verletzt
andernfalls urteilt Ihr Schweigen über Sie. Im gleichen Absatz heißt es weiter: „Seine Agitation brachte ihm im eigenen Lande, Rhodesien, keinerlei Schwierigkeiten.“ Welche unfaßbare Naivität oder Unkenntnis spricht aus diesen Worten! Wie steht es dann um die zehnjährige Gefängnisstrafe, um die Verbannung aus meiner Diözese?
Was halten Sie vom Offnen meiner Privatkorrespondenz, vom Abhören meiner Ferngespräche, von den Drohungen gegen mein Leben? Bedeutet dies alles wirklich keine persönliche Schwierigkeit? Papst Paul jedenfalls stimmt darin nicht mit Ihnen überein. In seiner Angelus-Botschaft am 3. Oktober 1976 sagte er im Zusammenhang mit den schmerzhaften Geheimnissen des Rosenkranzes: „… so sind auch wir und die Kirche verletzt. Wir meinen das an den katholischen Bischof von Umtali in Rhodesien, Donal Lamont, aufgrund seiner unerschrockenen Verteidigung der Menschenrechte von Gleichheit und Brüderlichkeit ergangene Urteil, in einem Lande, in dem die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung, der Mehrheit, durch die Weißen noch fortdauert.“ (Osservatore Romano, 14. Oktober 1976). Hat der Heilige Vater Unrecht und Herr von Habsburg Recht? Ich bitte um Antwort.
Ihre „ex cathedra“-Erklärungen gehen aber noch weiter: „Die Mehrzahl der Katholiken von Umtali legten sogar größten Wert darauf zu betonen, sie seien mit der politischen Tätigkeit ihres Bischofs keineswegs einverstanden.“ Herr von Habsburg, ich fordere Sie öffentlich auf, Beweise für diese aus der Luft gegriffene Behauptung zu erbringen. Die Verweigerung einer Antwort würde für sich selbst sprechen. Folgende Fragen harren der Beantwortung:
Wie hatten Sie entdeckt, daß die Mehrzahl der Katholiken nicht mit meiner „politischen Aktivität“ einverstanden ist? Waren Sie jemals in der Diözese Umtali und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt? Falls Sie dort waren, hatten Sie jemals versucht, mich zu treffen, mit mir zu sprechen? Warum nicht? (Ich hätte Ihnen vermutlich zu gründlicheren Untersuchungsergebnissen verhelfen können, durch Bereitstellung der Mittel zum Besuch der vorwiegend von Katholiken bewohnten Gebiete.) Ich nehme an, es wird Ihnen bekannt sein, daß mehr als 95 Prozent der Katholiken meiner Diözese Afrikaner sind, die weder Englisch noch eine andere europäische Sprache beherrschen. Sie sagen, diese Menschen mißbilligen mein Verhalten: Wie konnten Sie sie befragen? Sprechen Sie Chimanyika oder hatten Sie einen Dolmetscher? Oder hatten Sie zur Durchführung der Befragung jemanden beauftragt? Wenn es so ist, bitte ich um Angabe des Namens, wie ich auch um die Beantwortung der übrigen Fragen nach bestem Wissen und Gewissen bitte, — es sei denn, sie hätten keine Achtung vor der Wahrheit.
Über meine Verurteilung und Ausweisung sagen Sie: „Es ist das Recht eines Landes, das im Kriege steht, sich gegen Personen zu schützen, die aktiv den Gegner fördern. Das gilt ganz besonders, wenn ein Staat dabei nicht nur alle juristischen Normen einhält, sondern auch noch besondere Milde walten läßt und Respekt für die Funktion des Angeklagten zeigt.“ Als erstes möchte ich diese Aussage mit jener des Pressebeauftragten des Heiligen Stuhles vergleichen, die als formale Erklärung am 2. Oktober 1976, einen Tag nach meiner Verurteilung, veröffentlicht wurde. Hier heißt es: „Der Heilige Stuhl, der den Fall mit eifriger Aufmerksamkeit verfolgte, hat nicht versäumt, sich einzusetzen und seine lebhafte
Besorgnis zu äußern angesichts der Möglichkeit eines Gerichtsurteils, das über die Person des Bischofs hinaus auch die von
Rassistisches Regime
ihm vertretenen Prinzipien der Gerechtigkeit und Menschlichkeit treffen könnte. Dieses Gerichtsurteil ist leider gestern ergangen.“ (Osservatore Romano, 8. Oktober 1976). Soviel zu Ihren „juristischen Normen“ und zur „besonderen Milde“, Herr von Habsburg. Offensichtlich sind Ihre Meinung und jene des Heiligen Stuhles diametral entgegengesetzt.
Ihre Ausführungen lassen darauf schließen, daß das rassistische Regime Rhodesiens als rechtmäßig anerkannt ist. Keine Nation der Welt erkennt jedoch eine solche Legalität an. Die juristischen Normen wurden in dem Bericht der Internationalen Juristenkommission im Jahre 1975 in härtester Form angeprangert. Haben Sie diese Anklageschrift gelesen, Herr von Habsburg? Sie heißt: „Rassendiskriminierung in Südrhodesien“. Kennen Sie das ablehnende Urteil des rhodesischen Entschädigungen und Schadenersatzgesetzes durch Sir Robert Tredgold, dem früheren Obersten Richter der Föderation Rhodesien und Nyasaland? Wie stellen Sie sich zu den beiden Büchern „Der Mann in der Mitte“ und „Bürgerkrieg in Rhodesien“, welche, herausgegeben durch die Kommission Justitia et Pax der Katholischen Bischofskonferenz Rhodesiens, die Grausamkeiten der rhodesischen Sicherheitskräfte aufdecken? Wenn Sie nur eines dieser wesentlichen Dokumente kennen, haben Sie dann noch den Mut, von „juristischen Normen“ zu sprechen? Antworten Sie mit einem klaren Ja oder Nein. Möglicherweise sind Ihnen die Lebensumstände in Rhodesien nicht geläufig,
in diesem Fall können Sie sich allerdings auch nicht das Recht anmaßen, über das Land zu schreiben. Oder aber Sie verbergen die Wahrheit vor Ihren Lesern. Wenn Sie die Wahrheit nicht fürchten, werden Sie auf diese Fragen eingehen.
Im Zusammenhang mit den „juristischen Normen“ empfehle ich Ihnen ferner, die unglaublich gefüllten Bemerkungen des rhodesischen Außenministers Van der Byl über die Hinrichtung von Afrikanern aufgrund politischer Straftaten zu lesen. Auf die Frage, warum das rassistische Regime Rhodesiens die Namen der Hingerichteten geheimhalten würde, antwortete er, er hätte dies nicht gewußt, jedoch sei die Angelegenheit ja rein akademisch, denn hingerichtete Leute seien normalerweise tot. Lesen Sie das, Herr von Habsburg, im „Rhodesia Herald“ vom 30. Oktober 1976. Mr. Van der Byls Worte werden in jener Zeitung zitiert, wobei es sich um die wichtigste Tageszeitung des Landes handelt. Ist dies Ihre Auffassung von juristischen Normen, oder geht Sie das Leben schwarzer Menschen nichts an? Antworten Sie, oder ich muß Sie auffordern, niemals mehr über Rhodesien zu schreiben.
Ich hoffe, daß diese Beispiele Ihrer abgrundtiefen Unkenntnis der Tatsachen keinen Zweifel darüber lassen werden, daß von Ihrer Seite aus keine sachliche Information über die gegenwärtige Situation Rhodesiens zu erwarten ist. Das ist jedoch noch nicht alles. Mit unglaublicher und fast diabolisch anmutender Böswilligkeit klagen Sie mich an, als Bischof der katholischen Kirche das Wohl meines Volkes mit Absicht nicht beachtet zu haben. Sie schreiben: „Als z. B. in Chipinga Katholiken in einer Gruppe schwarzer Arbeiter von den Guerillas in der entsetzlichsten Weise gemartet worden waren, hatte er sich geweigert, die Opfer im Spital zu besuchen, obwohl es sich um seine Diözese handelte.
Organisierter Klüngel
Der den Bischof beleidigende und diffamierende Otto von Habsburg ist nicht irgendwer, sondern Seine Kaiserliche Hoheit, Erzherzog-Thronfolger Otto von Habsburg, dem Vernehmen nach von seinen Anhängern mit Majestät tituliert. Er scheint, mit diesem Hintergrund gut ausstaffiert, tatsächlich der Meinung zu sein, der Bischof Donat Lamont sei ohne weiteres geeigneter Gegenstand für erzherzogliche Verunglimpfungen („Offener Brief an Otto von Habsburg, Publik-Forum, Nr. 18/77). Es stimmt, was der Bischof in seinem Offenen Brief schreibt. Aber da ist noch etwas, das zur Erhellung dieser erzherzoglichen Mentalität hilfreich sein könnte. Otto von Habsburg ist nämlich Mitherausgeber der Zeitbühne des sattsam bekannten William Schlamm, der grundsätzlich jede andere Meinung außerhalb
dessen, was er für sich „konservativ“ nennt, nicht nur kritisiert, sondern wütend begeistert. Die Zeitbühne rechtfertigt schlechthin alles, was nach Rechtsdiktatur aussieht — in jeder Nummer und bevorzugt in Lateinamerika, Chile besonders. Und ausnahmslos in jeder Nummer schreibt auch der Erzherzog, so in der neuesten Nummer (9/77) verklarend über das Schreckensregime des Videla von Argentinien. Und in der gleichen Nummer zieht ein anderer adeliger Mitarbeiter, der Herr von Studnitz, erneut über Bischof Lamont her und bezichtigt ihn der Begünstigung des Terrorismus. Es gibt einen organisierten Klüngel, der alles, aber auch alles, was nach Befreiung aus Kolonialismus und rechter Rechtlosigkeit, sowie nach Freiheit aussieht, verunglimpft. Hans Kübner
in: Publik-Forum, 30.9.77
Unbeschreibliche Lüge
Eiskalt hatte er gesagt, die ganze Angelegenheit ginge ihn nichts an.“ Dies ist eine unbeschreibliche Lüge, Herr von Habsburg, und ich fordere Sie auf, diese diffamierende Behauptung öffentlich zu widerrufen.
Durch diesen Offenen Brief wird den Menschen klar werden, zu welchen Tiefen der Böswilligkeit Sie fähig sind und zu welchen ehrlosen Mitteln Sie in der Verfolgung eigener höchst zweifelhafter Ziele greifen. Die Behauptung, ich würde keine Sorge für meine Herde tragen und sie als ihr Hirte bewußt vernachlässigen, empfinde ich als üble Verleumdung und als das Schlimmste, was gegen einen Bischof vorgebracht werden kann. Ich fordere Sie auf, dies öffentlich zu widerrufen, anderenfalls geben Sie der Welt kund, daß Sie weder Ehre noch Respekt vor der Wahrheit haben.
Angesichts dieses feigen Angriffes auf mein Wesen und mein Amt schöpfe ich allein Mut und Trost aus der Gewißheit, daß, wie auch immer Ihr Urteil, Herr von Habsburg, über mich lauten sollte, der
Heilige Vater Ihre Meinung nicht teilt. In seiner traditionellen Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium erklärte er: „Nicht unterlassen wollen wir einen kurzen Hinweis auf die Rhodesien-Frage. Die jüngsten Ereignisse, die die Gestalt eines Bischofs — der bis zum Opfer in der Einforderung der Rechte der eingeborenen
Bevölkerung engagiert ist, des Bischofs von Umtali, Donal Raymond Lamont — in den Vordergrund gerückt haben, drängen uns dazu.“ (Osservatore Romano, 7. Januar 1977). Wem sollen wir glauben, Herr von Habsburg? Ihnen oder dem Heiligen Vater? Antworten Sie nun auf meine Herausfor-
derung, wie ich sie Ihnen dargelegt habe. Durch Ihre Weigerung, dies zu tun, würden Sie zugeben, daß Sie — um es vorsichtig zu sagen — keine Achtung vor der Wahrheit haben. Donal Lamont, Bischof von Umtali
in: Publik-Forum, 2. 9. 77
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