Optimismus trotz schlechter Noten

Zu einer Umfrage unter den Schülern der 11. Klasse

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Zu einer Umfrage unter den Schülern der 11. Klasse

Eine breitangelegte Repräsentativumfrage, die im Auftrag des Unterrichtsministeriums durchgeführt wurde, will Informationen nicht nur über den Drogenkonsum, sondern auch über den Alltag der Schüler sammeln. Wir wollen das Bild, das hier von der Jugend gezeichnet wird, zusammenfassen; dabei wird das eigentliche Thema der Studie, die Suche nach Strategien vorbeugender Drogentherapie, in den Hintergrund treten.

Die Untersuchung

1428 Schüler des 5. postprimären Schuljahres, das sind ca. 40% aller Schüler, welche diese Klassen besuchen, haben einen Fragebogen mit 97 Fragen beantwortet, in dem nicht nur der Drogenkonsum, sondern auch die Themenbereiche Familie, Freizeit und Schule angesprochen wurden. Im Lycée (Enseignement Secondaire = ES) sind die Schüler auf "troisième", während sie im Lycée Technique (Enseignement Technique = EST) in der 11. Klasse sind, die

für den technischen Zweig (EST1) die Abschlußklasse der früheren Mittelschule und für den berufsbildenden Zweig (EST2) das letzte Jahr vor der Gesellenprüfung darstellt. Erfaßt wurden also alle Jugendliche, mit Ausnahme der Arbeitslosen und der ungelernten Hilfskräfte. Das Ergebnis kann als repräsentativ für die Schüler der angesprochenen Klasse gelten, es ist sicher nicht repräsentativ für die Altersklasse von 15-21, da hauptsächlich 17- bis 18-jährige befragt wurden und da es sich bei den wenigen älteren Schüler (8% sind 20 oder

älter) um solche handelt, die mehrfach nicht versetzt wurden. Interessanter wäre eine Untersuchung gewesen, welche die ganze Jugend zu erfassen versuchte, doch dann wäre es nicht mehr möglich gewesen, die Befragung im Rahmen der Schule durchzuführen.

Die vom "Institut de Formation pour Educateurs et Moniteurs" in Fentange durchgeführte Untersuchung ist unter dem Titel "Nos élèves devant la drogue" erschienen.

Wer es vergessen hatte, bekommt es am Anfang in Erinnerung gerufen, daß unsere Schule noch immer eine Klassenschule ist: Arbeiterkinder sind im technischen Gymnasium, besonders im EST2 überrepräsentiert, während die Kinder von mittleren Angestellten im Lycée überrepräsentiert sind. Für die Kinder der leitenden Angestellten ist die Wahrscheinlichkeit im EST1 bzw. EST2 zu landen, noch geringer. Nur die Kinder von Geschäftsleuten sind in den drei Schultypen gleich vertreten, was nichts über Chancengleichheit, aber alles über die Unzulänglichkeit einer statistischen Kategorie aussagt, welche die Besitzer von Tante-Emma-Läden und von Kaufhausketten unter einen Hut zu bringen versucht.

Drogen

270 der befragten 1428 Jugendlichen (also 19%) geben an, schon Kontakt mit illegalen Drogen gehabt zu haben. Die Untersuchung unterscheidet den Kontakt mit 7 verschiedenen Drogen und kommt so zu insgesamt 491 Drogenerfahrungen, von denen 283 allerdings nur ein einmaliges nicht wiederholtes Experiment waren. An erster Stelle liegen die Canabis-Produkte Marihuana und Haschich mit denen 13% bzw. 9% der Schüler Bekanntschaft gemacht haben. Am Ende der Drogen-Hitparade stehen Kokain mit 2% und Heroin mit 1,2%. Über allen Unterscheidungen zwischen den verschiedenen illegalen Drogenarten und dem Ausrechnen eines Koeffizienten zwischen einmaligem und öfterem Gebrauch vergessen die Autoren anzugeben, wieviele der 270 Jugendlichen mehr als einmal Kontakt mit einer illegalen Droge hatten bzw. regelmäßige Konsumenten sind. Diese Zahl wäre eine interessantere Information als die genaue Drogenhitparade, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß der Begriff "mehr als einmal" genauer definiert würde. Weshalb hat man nicht nach dem regelmäßigen Drogenkonsum gefragt? Weshalb wurde trotz des großen Aufwandes die einfache Frage nach der Zahl der Drogenabhängigen nicht beantwortet?

Comparaison

DROGUE CONSOMMEE AU MOINS UNE FOIS

DROGUE CONSOMMEE PLUS D’UNE FOIS

(en %)

Die Untersuchung beschäftigt sich nicht nur mit illegalen Drogen, sondern verliert den Alkohol und die Zigaretten nicht aus den Augen. 30% der unter 16-jährigen und 61% der über 20-jährigen rauchen. 19% der Befragten rauchen mehr als 20 Zigaretten am Tag. Das Rauchen nimmt mit dem Alter zu. Mädchen sind mittlerweile genauso häufig Raucher wie Jungen, nur daß sie insgesamt weniger rauchen.

Ein ähnliches Resultat ergibt sich für Alkohol. 5% der unter 16-jährigen Trinken gelegentlich, 0,5% regelmäßig. Diese Zahlen sind für die über 20-jährigen auf 17 bzw. 3,8% gestiegen. Mädchen trinken weniger Alkohol (0,7% regelmäßig während die entsprechende Zahl für die Jungen sich auf 4,3% beläuft), sie trinken eher in der Familie, während die Jungen in der Kneipe oder der Diskothek trinken.

Gefragt wurde auch nach den Motiven für den Drogenkonsum, die aus einer Liste von 14 ausgewählt werden konnten. Als Einzelgrund steht die Neugier mit 20,5% der Nennungen an erster Stelle. Gruppiert man die Einzelmotive zu größeren Komplexen, so steht an erster Stelle mit 52% die Flucht vor dem Alltag, vor Problemen und Ängsten, gefolgt von der Neugier und dem Gruppendruck mit 13%. Die Droge scheint heute eine andere Funktion einzunehmen als Ende der 60er Jahre, denn nur 5% der Nennungen beziehen sich auf die Droge als Protest und nur 4% auf die Bewußtseinerweiterung.

Drogenkonsum ist ein Gruppenphänomen: nur 7% der "Drogenkonsumenten" (will sagen, derjenigen, die mindestens einmal eine illegale Droge versucht haben) genießen ihre Drogen allein, 51% waren zu zweit, 42% in der Clique. Nur 5% beziehen die Drogen von Unbekannten. Drogen bekommt man im Privatbereich (60%), in Kneipen oder Discos (22%), in der Schule (10%) oder auf der Straße (4%). Der erste Kontakt mit der Droge geschieht meistens über einen Bekannten, der die Droge anbietet. Den großen unbekannten Verführer gibt es also nicht.

Schule

Daß die Luxemburger Schule Versager produziert, ist bekannt. Hier wird es wieder einmal bestätigt. 54% der befragten Schüler sind mindestens schon einmal durchgefallen. Für das Lycée Technique steigt die Versagerrate auf 65%. Gegenüber diesen Zahlen mutet es seltsam an, daß nur 4% der Schüler sich selber als schlecht bezeichnen. 78,5% empfinden sich als mittelmäßige, Verleugnung der Wirklichkeit oder ganz einfach Banalisierung des Sitzenbleibens, das als selbstverständlicher Bestandteil des Schulbetriebes gesehen wird? Wen wundert es da, daß 55% der Jungen und 49% der Mädchen Schule langweilig und uninteressant finden? 1,2% finden die Schule überhaupt absurd und 4,4% glauben, daß sie unbrauchbares Wissen vermittelt. 21% sehen in der Schule ein Mittel, nicht ins Berufsleben eintreten zu müssen, und 9% eine Möglichkeit, der Familie zu entfliehen, während 46% die Schule als Begegnungsstätte mit anderen Jugendlichen sehen. Auf die Frage nach dem Sinn der Schule gab es aber auch positive Antworten: 61% sehen in ihr eine Vorbereitung auf den Beruf, 52% auf ein späteres Studium und 39% eine Vorbereitung auf das Leben. Dieses zunächst widersprüchliche Ergebnis, wird verständlich, wenn man die Mehrfachnennungen von verschiedenen Zielen berücksichtigt. Leider werden keine Einzelheiten hierüber angegeben und es wird nicht errechnet, wieviele Schüler ein eher negatives bzw. positives Bild von der Schule haben.

Eine sehr schlechte Note stellen die Schüler der Schule aus, wenn 77% angeben, bei persönlichen Problemen keine Hilfe bei ihren Lehrern zu suchen. In die zuständigen Beratungsstelle (SPOS) haben die Schüler aber noch weniger Vertrauen: 85% würden sie nicht aufsuchen. 28% halten die Lehrer und 17% halten den SPOS für unfähig ihre Probleme zu verstehen. Trotzdem geben 95% an, sich gut mit ihren Lehrern zu verstehen. Dies ist verständlich, da nur 18% vom Ideal-Lehrer überhaupt Verständnis in persönlichen Problemen erwarten. Gefragt sind die Wissensvermittlung (39%) und der Sinn für Gerechtigkeit (28%). Am wenigsten von den 4 gegebenen Möglichkeiten wurde das Vertrauen angekreuzt (16%).

Freizeit

64% der Jugendlichen gehören einem Verein an. An erster Stelle stehen die Sport-, Kultur- und Freizeitvereinigungen, da 9 von 10 der organisierten Jugendlichen in einem solchen Verein sind. Weit abgeschlagen folgen die anderen Vereine. In einer humanitären Organisation sind eher die Jungen als die Mädchen (12% gegenüber 8%), während leztere eher in religiösen Vereinen sind (13% gegenüber 6%). In Parteien befinden sich 5% und in Aktionsgruppen 4%. Leider wurde nicht nach der Parteizugehörigkeit gefragt. Daß die Mitgliedschaft in den sogenannten humanitären Vereinigungen mit zunehmenden Alter steigt, wird erwähnt; ob es einen ähnlichen Trend für die religiösen Vereine gibt, ist nicht zu erfahren.

Auch wenn nur 35,5% keinem Verein angehören, so scheinen die Jugendlichen den Großteil ihrer Zeit doch mit Gleichaltrigen in informellen Strukturen zu verbringen. 99% verbringen ihre Freizeit mit Freunden. 58% gehören einer Clique an. 66% haben eine "feste Beziehung".

Familie

8 von 10 Jugendlichen sehen ihre Familie positiv, trotzdem nehmen 7 von 10 sich diese Familie nicht zum Vorbild. Leider wurde nicht nach positiven Alternativen gefragt, so daß dieser Widerspruch ungeklärt stehen bleibt. Ein ähnlicher Widerspruch ergibt sich, wenn nach Vater und Mutter gefragt wird. 85% haben ein gutes Verhältnis zum Vater, 92% zur Mutter. Für 23% ist jedoch der Vater und für 16% die Mutter kein Vorbild.

In den Zahlen kommt klar die geschlechtsspezifische Rolleneinteilung zum Ausdruck: die Mutter bringt mehr Verständnis und Interesse für ihre Kinder auf, mit ihr kann man eher diskutieren. Wenn es um Alkohol geht, ist sie es die eher verbietet (37% gegen 29%), während der Vater eher erlaubt (50% – 47%), beziehungsweise gleichgültig ist (13,5%-10%) oder überhaupt nicht merkt was gespielt wird (7,5%-6%). Auch wird der Alkoholkonsum eher den Mädchen als den Jungen verboten. Dieselben Unterschiede finden sich beim Zigaretten- und beim Drogenkonsum, doch ist hier der Unterschied nicht so ausgeprägt.

Auf die Frage, ob ihre Eltern Dinge zulassen, die ihnen überhaupt nicht gefallen, antworteten 25%, daß die Eltern dies tolerieren. 10% daß sie es ignorieren, 65% daß sie ein solches Verhalten nicht akzeptieren. Doch wie würde ein solcher Konflikt ausgetragen? Überhaupt verstanden von ihrem Vater fühlen sich 60%, von der Mutter 74%. In einer schwierigen Situation fühlen sie sich noch weniger verstanden (51 bzw. 66%).

Eine unverstandene Generation ohne Vorbilder? Auf jeden Fall nicht ohne Optimismus. Nur 7% glauben keine Arbeit zu finden, 68% blicken der Zukunft optimistisch entgegen.

| TABLEAU 49 : SOUHAIT DE RESSEMBLER AUX PARENTS (en %) | | | | | |
| — | — | — | — | — | — |
| | | Oui | En certains points | Non | n |
| Père | Ensemble | 13,3 | 63,5 | 23,2 | 1341 |
| | g | 15,2 | 67,6 | 17,3 | 660 |
| | f | 11,7 | 59,5 | 28,8 | 677 |
| Mère | Ensemble | 17,2 | 66,4 | 16,5 | 1335 |
| | g | 15,2 | 64,5 | 20,4 | 594 |
| | f | 18,9 | 67,8 | 13,3 | 737 |

Kritik

Darstellungen von statistischen Erhebungen sind immer ein Dilemma, so wurde auch bewußt in dieser Rezension auf Einzelheiten verzichtet und der etwas frustrierte Leser muß auf die 192-seitige Arbeit bzw. auf eine längere Zusammenfassung im SEW-Info Nr.6/85 und 1/86 verwiesen werden. Die Verfasser der Studie haben sich entschlossen, erste Teilergebnisse zu publizieren, indem sie die Zahlenergebnisse paraphrasieren und mit Kommentaren versehen. Dies hat den Vorteil, daß die Untersuchung leicht lesbar und für die drogenpolitische Diskussion nutzbar wird. Befriedigender für eine weitere ernsthafte Auseinandersetzung wäre es jedoch gewesen, einen darstellenden Teil von einem

kommentierenden Teil zu trennen. Ein Verzicht auf lange Umschreibungen von Zahlentabellen hätte den nötigen Platz geschaffen, um die Antworten auf alle Fragen publizieren zu können. In der Tat fehlen einige Tabellen und die veröffentlichten Tabellen werden nur teilweise nach Alter, Geschlecht und Schulart aufgeschlüsselt, ohne daß das Auswahlkriterium einsichtig wird. Man muß also ohne Überprüfungsmöglichkeit annehmen, daß die nicht publizierten Ergebnisse nicht relevant sind. Andere Aufschlüsselungen nach Nationalität oder Schicht-Zugehörigkeit fehlen ganz.

Genauso wurden keine Beziehungen zwischen den einzelnen Fragen hergestellt. Sind z.B. die 3%, die sich als Außenseiter ohne Freunde in der Klasse sehen, stärker drogengefährdet als andere? Findet man die Schule eher absurd, wenn man schon vorher durchgefallen ist? Wie sind die Arbeiterkinder in einer Gymnasium-Klasse integriert? Wie beeinflußt der Alkohol- und Medikamenten-Konsum der Familie die Haltung des Jugendlichen zur Droge? Dieses Verfahren, welches man in der Statistik Cross-Reference nennt, ermöglicht erst, durch eine kreuzweise Verknüpfung von verschiedenen Antworten Ergebnisse zu finden, die über das eh schon, zumindest qualitativ gewußte hinausgehen.

Es verhindert aber auch, daß falsche Zusammenhänge vermutet werden, wo es keine gibt. So durchzieht die ganze Studie ein Vergleich zwischen Schularten, der sich bei genauerem Hinsehen als falsch erweist: Die Schüler des EST2 rauchen und trinken mehr als die des EST1 und diese wiederum mehr als die des ES. Das gleiche gilt für die meisten illegalen Drogen. Ist das EST2 also eine große Lasterhöhle? Der Trugschluß löst sich auf, wenn man das Drogenkonsumverhalten in Abhängigkeit vom Alter unter die Lupe nimmt und gleichzeitig sieht, daß

die Altersverteilung in den drei Schultypen unterschiedlich ist. Wie gewußt bestätigt die Studie, daß der Konsum sehr stark mit dem Alter zunimmt und daß im EST2 die älteren Schüler zu finden sind. An dieser Stelle kann nur pauschal die Vermutung aufgestellt werden, daß, gleichaltrige Schüler unabhängig vom Schultyp gleichviel trinken, rauchen, kiffen… Welchen Anteil der Faktor "Alter" und der Faktor "Schultyp" quantitativ haben, kann nur auf Grund der Basisdaten errechnet werden. Man darf jetzt schon gespannt auf den angekündigten zweiten Teil der Untersuchung warten, in dem sich hoffentlich Cross-Reference und Faktor-Analysen befinden werden.

Fernand Fehlen

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