Praktischer Leitfaden zur Einflussnahme

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Heute wollen wir Ihnen einen kleinen Leitfaden zur Einflussnahme an die Hand geben. Einfluss ist etwas Schönes, Praktisches, kurz Erstrebenswertes. Es gibt sehr mühsame Wege dahin, Sie benötigen Kompetenz, Arbeit, Wahlerfolge. Daneben gibt es die geradlinigen Wege, für die man aber schon irgendwie genetisch vorherbestimmt sein muss, zum Beispiel mit einer gehörigen Portion Mut, Gewaltbereitschaft oder Charisma. Und dann gibt es die verschlungenen Wege.

Konzentrieren wir uns auf die verschlungenen Wege, denn diese stehen eigentlich jedem offen. Voraussetzung ist natürlich, dass Sie sehr viel Geld haben – so richtig viel Geld! Wenn Sie es nicht geerbt haben (was nicht immer gegeben ist), sollten Sie zumindest Freunde haben, die Ihnen Geld anvertrauen. Dieses Geld geben Sie aus. Am besten für Immobilien und am besten in einer Hochkonjunkturphase. Ihre Projekte sollten immer ehrgeiziger werden. Ab einem bestimmten Moment sollten Sie Ihr Geschäftsmodell wechseln und sich die Transaktionen von lokalen Banken finanzieren lassen. Sie glauben, das geht nicht? Machen Sie sich keine Sorgen, auch unsere Banken lassen sich von der Aussicht auf Gewinn blenden wie alle anderen auch. Und wenn Sie erst einmal genügend Schulden angehäuft haben, können die Banken nicht mehr aussteigen. Hier dürfen Sie nicht kleckern, hier müssen Sie richtig klotzen: Erst ab wirklich hohen Schulden (na, schätzen wir mal zwischen einer halben und einer ganzen Milliarde Euro) werden Sie zum systemischen Risiko und Ihre Partner sind auf Gedeih und Verderb von Ihrem Erfolg abhängig.

Inspirieren Sie sich einfach an Leuten wie Bernard Tapie, Jean-Marie Messier oder Silvio Berlusconi. Sie können jetzt aberwitzige Projekte vorschlagen und alle tun so, als ob es sich um großes Unternehmertum handelt. Nur so zum Beispiel und ohne irgendwelche Parallelen ziehen zu wollen, könnten Sie in einem Land, in dem sich zu Fußballländerspielen etwa 500 Menschen versammeln, ein Fußballstadion für 10 000 Menschen planen

und keck behaupten, dass es durch privates Geld finanziert wird. Natürlich muss der nationale Fußballverband das Ding mieten und zahlt für diese „Public Private Partnership“ die Rechnung. Richtig lohnen sollte sich der Coup schon, deshalb hängen Sie am besten noch ein gigantisches Einkaufszentrum dran. Sollte das durchgehen, sind Sie schon allein wegen der Arbeitsplätze politisch nicht mehr angreifbar.

Ach ja, Politik. Das Ganze funktioniert natürlich nicht ohne politische Freunde. Auch hier lohnt sich ein kleiner Umweg. Investieren Sie in einer durch Arbeiterkultur geprägten Region in einen Fußballverein und versprechen Sie die „Professionalisierung“ der Branche. Denn spätestens bei der „Vereinsarbeit“ müssen Ihnen

die Leute, die sich für eine politische Karriere entschieden haben, über den Weg laufen. Analysieren Sie deren Schwächen und geben Sie jedem, was er braucht, damit er sich wohl und richtig wichtig fühlt. Wie man das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft strickt, können Sie in der Zeitung nachlesen – nein, nicht in unseren Blättern, die können sich diese Form der Berichterstattung nicht leisten, sondern in der italienischen oder französischen Presse. Wenn genügend Leute Ihr Flugzeug benutzt haben, haben Sie es geschafft. Sie erkennen Ihren Erfolg daran, dass Regierungsmitglieder Sie vor der Presse als Freund bezeichnen (wobei das eigentlich schon wieder etwas ungeschickt ist, Sie sollten sich diskret dagegen wehren).

Die einzige Gefahr, die Ihnen jetzt noch drohen könnte, kommt von der Öffentlichkeit. Bauen Sie vor, bemächtigen Sie sich einfach einer „nationalen“ Leidenschaft! In einem Land, das in den nächsten fünf Jahren die Nationalfahnen häufiger bei Radsportveranstaltungen raushängen wird als bei offiziellen Anlässen, könnte zum Beispiel die Finanzierung einer Radsportequipe eine lohnende Investition sein. Sie können sicher sein, jetzt wird Ihnen niemand mehr eine Bitte abschlagen. ♦

Geben Sie jedem, was er braucht, damit er sich wohl und richtig wichtig fühlt.

Jürgen Stoldt

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