Schwieriges Sende-Exil von „Radio Ukaweechelchen“

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Während sich die Mächtigen in diesem unseren Lande mit der gesetzlichen Regelung der neuen Medien gemütlich Zeit lassen, sind marginale Medieninitiativen weiterhin allein gelassen – nicht nur von der etablierten Klasse, sondern auch von ihrer potentiellen Basis. Der "aufgeschlossene" Teil der Öffentlichkeit in Luxemburg findet ein Projekt wie das des "UKaWeechelchen" sicher interessant und wünschenswert, doch die praktische Realisierung und vor allem die finanzielle Absicherung soll von einigen wenigen Fanatikern besorgt werden. Ein alternatives Senderlein als Dessert zu 16 Dallas-Kanälen – wie schick!

Exil und Konfusion

Zur Erinnerung: im Frühjahr dieses Jahres stellten die Betreiber des Medienprojektes "Atelier Radio UKaWeechelchen" ihr Konzept der Öffentlichkeit vor und wurden gleichzeitig bei der Regierung vorstellig, um die Legalisierung ihres sozio-kulturellen Senders zu erreichen. Das Resultat ist bislang gleich null. Inzwischen senden mindestens zwei Radiostationen unbehelligt RTL-Abklatsch durch den Luxemburger Wellensalat. Frequenzenchaos als Vorbote einer Kommerz-freundlichen Medien-Ordnung? Jedenfalls ist die Regierung stärker an Satelliten-Konserven als an Hausmacher Medienkultur interessiert und schiebt die Freigabe von Radiofrequenzen

zen auf die lange Bank einer "Tripartite" von RTL, Regierung und regierungsfreundlicher Presse: Dallas liegt scheinbar näher als die Areler Knippchen.

In "forum" wurde bereits mehrfach auf das Konzept des "Atelier Radio UKaWeechelchen" hingewiesen. Zur derzeitigen Lage auf dem Mediensektor verweise ich auf "Letzebuerger Land"[25.10.85] und "Kéisecker"[5/85]. Gegenstand dieses forum-Beitrags sollen vielmehr die dem Projekt inhärenten Probleme sein. Dabei gehe ich davon aus, dass gerade ein grosser Teil der potentiellen Hörer und Mitarbeiter des UKaWeechelchen diese Zeitschrift kauft und hoffentlich auch liest. Aus dem Grunde soll neben den quasi eingeplanten Problemen eines Radiosenders –nämlich der technischen Leistung und der inhaltlichen Gestaltung– vor allem

das überraschende Desinteresse einer "aufgeschlossenen Öffentlichkeit" am Aufbau eines schwierigen Projektes untersucht werden.

Technische Beschränkung

Der technische Aspekt ist natürlich für den ARU ein ständiger Hemmschuh. Die meisten Interessenten konnten oder können das Programm nicht empfangen, da die Sendekapazität der Arloner Anlage zu schwach ist. Man muss halt in günstiger Lage wohnen, am besten in Höhenlage mit einem Fenster in westlicher Richtung. Mit der Änderung der Frequenz von 102 MHz auf 107 ist zwar eine wesentliche Verbesserung des Sendeempfangs zu verzeichnen, andererseits liegt diese Frequenz ausserhalb des Empfangsbereiches älterer und vor allem deutscher Fabrikate. So bleibt die Verbreitung der ARU-Programme auf eine kleine Kundenschar treuer Hörer vielleicht einige Hundert- und auf gelegentliche Neugierige beschränkt. Eine Lösung dieses Problems ist derzeit nicht in Sicht, es sei denn eine Reihe von Betreibern der 137 Gemeinschaftsantennen würde den "Atelier Radio Arlon" in ihr Programm aufnehmen. Auch hier sind die Chancen gering, ist doch an den grössten Firmen in dem Bereich die CLT beteiligt. Die unrealistische Perspektive eines illegalen Sendebetriebs von Luxemburger Gebiet aus soll weiter unten abgehandelt werden.

Was nun das Inhaltliche und Organisatorische angeht, so können sich die Programme von Radio UKa-Weechelchen im Vergleich zu "freien" Musiksendern durchaus hören lassen. Natürlich sind dies keine Programme, die eine breite Masse von Konsumenten ansprechen können. Bemängelt wird bisweilen auch, dass die den Organisationen vorbehaltenen Sendungen oft etwas hölzern wirken. Dies mag daran liegen, dass diese Programme halt von den Vertretern der Vereinigungen allein gestaltet werden und dass Erfahrungen mit dem Medium Radio wegen des Monopols und der exklusiven Professionalität in Luxemburg eben nur nach und nach zu gewinnen sind. Der drohenden Gefahr der Langeweile glaubte man bei ARU durch die Einführung eines Dienstagsprogramms entgegentreten zu können, das etwas lebendiger -mehr Musik und kurze Infos- und vor allem auch flexibler sein will. Dieses Konzept ist zwar leichter durchzuführen, erfordert hingegen einen grossen Aufwand an administrativen Kram. Da nur wenige Leute in ihrer Freizeit an der Gestaltung direkt beteiligt sind, war es bislang nicht einmal möglich, alle Mitglieder und Sympathisanten zentral zu erfassen und mit der versprochenen Zusatzinformation zu versorgen.

Die Verbreitung der Idee eines machbaren Kultursenders und die permanente Öffentlichkeit der Fortschritte sind eine wahre Sysiphus-Arbeit. Jede Woche wird das Programm des ARU an sämtliche Tages- und Wochenzeitungen verschickt, mit mässigem Erfolg: die einen boykottieren den Sender sys-

tematisch -lw und revue- andere bringen mal sporadisch einen kleinen Hinweis. Die "alternativen" Zeitschriften erscheinen leider allzu selten, als dass eine kontinuierliche Information möglich wäre. Erstrebenswert wäre natürlich eine gegenseitige Werbung über Kunstgalerien, Theater, Bistros, Ciné-Clubs u.ä., doch so ein Unterfangen würde schon ein regelrechtes Sekretariat erfordern. Diese Schwierigkeiten könnten durch eine Art verschwörener Solidarität der angesprochenen Hörerkreise relativiert werden, wie sie z.B. bei Radio Dreyeckland in Freiburg funktioniert. Dort gibt es einen starken und solidarischen Hörerkreis, der den Sender nicht nur verbal, sondern auch aktiv und vor allem finanziell unterstützt.

Die Einsamkeit der Radiomacher

So weit sind wir in Luxemburg noch nicht. In unserem ländlich-kleinbürgerlichen Kontext ohne universitären Anhang ist der Kreis der Adressaten eines Kulturradios natürlich beschränkt -zahlenmässig, versteht sich. Wenden sich im allgemeinen "freie" Radios an eine breite Schicht von Hörern, die an einer Berieselung mit Hintergrundmusik und small-talk interessiert sind, so spricht ein sozio-kultureller Sender von vorne herein weniger Menschen an, leider. Nun wird das "UKa-Weechelchen" zusätzlich noch von den meisten allgemein zugänglichen Medien und von allen anerkannten Institutionen und Personen ignoriert, so scheint eine Marginalisierung in Richtung Ökoszene und Subkultur geradezu unvermeidlich.

Schwerwiegender ist der Mangel an Zuversicht in die zukünftige Machbarkeit unseres Senders. Wohl unterschrieben vor einem Jahr innerhalb von 2 Wochen 600 Leute eine Petition, welche die Legalisierung des ARU forderte. Als dieselben Personen -oder wenigstens die mit halbwegs leserlicher und korrekter Adressenangabe- jedoch angeschrieben wurden, eine kleine Spende für die Einrichtung unseres Studios zu überweisen, war die Begeisterung merklich gedämpft. Damals raufte ich mir die Haare: 600 Leute unterschreiben begeistert, und für läppische 70.000 Piepen für eine elementare Studioeinrichtung überweisen ganze 19 Sympathisanten. Es ist schon recht beschämend, dass ein von 21 Organisationen getragener Sender 60.000,- bei einer privaten Institution leihen muss, weil das Interesse an freien Radios nicht über wohlwollendes Interesse hinausgeht. Ich sagte mir damals, du Idiot fährst jede Woche nach Arlon die kalte Füsse holen, damit diese … später neben ihren 16 Dallas-Kanälen auch mal was anderes konsumieren oder gar selbst mitgestalten können…

Doch eine nüchterne Betrachtung einer solchen Entwicklung erweist die Isolation von Basisinitiativen jeglicher Art im Luxemburger Kontext als zwangsläufig. Die meisten Initiativen oder Organisationen werden zwar moralisch von einem erstaunlich grossen Kreis von Menschen getragen, doch hinsichtlich der aktiven Mitarbeit und des finanziellen Engagements schränkt sich dieser Kreis unwahrscheinlich ein. Dass der Kreis von Aktivisten in Luxemburg zahlenmässig so beschränkt ist, dass die Leute mittlerweile schon fast alle verwandt und verschwägert sind, das scheint schon fast normal, das Fehlen einer breiteren Basis, welche die Initiativen wenigstens finanziell trägt, ist doch erschreckend. Ideal wäre schon eine Grundhaltung in der Art: du verdienst nicht schlecht als Lehrer, Beamter o.ä., bist dir der Notwendigkeit der Veränderung unserer Gesellschaft bewusst, hast aber keine Zeit oder Lust, dir langweilige Sitzungen um die Ohren zu schlagen, also gibst du 105 deines Verdienstes für Initiativen: hier ein Dauerauftrag für ein Projekt

in der Dritten Welt, dort ein Unterstützungsabo für eine kleine Zeitschrift, mal eine Spende für die Einrichtung eines Treffpunktes, usw. Doch selbst ein solcher Minimalkonsens scheint nur auf wenige Menschen zuzutreffen, und nicht einmal immer die mit den höchsten Verdiensten.

Manch einer bringt den Einwand vor, dass der Luxemburger in seiner Bauernmentalität halt nichts in ungewisse Geschäfte investiert und erst einmal den Empfang des ARU-Programms abwartet ehe er finanziell aktiv wird. Da ist leider was wahres dran, nur brauchen halt alle Initiativen etwas Zeit, um in dem öffentlichen Bewusstsein der Bürger unseres Landes Fuss zu fassen: auch Zwerge haben klein angefangen. Kommen nun noch solch relevante Zwänge hinzu wie eingeschränkte Diffusionsmöglichkeit und legale Hemmschuhe, so sind Initiativen mehr denn je auf die Solidarität der sog. "Basis" angewiesen.

Zwang zur Piraterie

Sehr oft bekommen wir den wohlgemeinten Ratschlag zu hören, wir sollten es doch endlich wie die anderen machen, nicht länger nach Arlon rasen und lässig von einem Ort in Luxemburg aus senden. Wie die Erfahrung zeige, im kleinen Luxemburg, wo jeder jeden kennt, passiere einem eh nichts. Auf den ersten Blick ist dieses Argument natürlich sehr stichhaltig, zumal die beiden Luxemburger Sender schon seit geraumer Zeit unbehelligt ihren Piratenaktivitäten nachgehen können. Diese Situation führt auch in unserer Gruppe immer wieder zu Diskussionen über die Opportunität einer Sendeaktivität des "UKaWeechelchen" von Luxemburg. Ich kann hier nur meine eigene Auffassung wiedergeben. Wohl gelange ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass mittelfristig gesehen ein solcher Schritt in die Illegalität leider unumgänglich wird, versprechen tue ich mir davon recht wenig. Da sind zum allerersten finanzielle Probleme: ein Sender ist zwar nicht unerschwinglich, doch müsste man angesichts der Gefahr der Beschlagnahmung des Materials mindestens ein paar Geräte in Reserve haben. Dann braucht man einen oder mehrere Fanatiker, die bereit sind, ihre Freizeit und noch mehr zu opfern, um den Sendebetrieb kontinuierlich aufrecht zu erhalten. Wie man sieht, gibt es wohl solche Leute, die Zeit und Geld haben, sich voll dieser Art von Aktivität zu widmen, in unseren Kreisen habe ich die bisher nicht angetroffen.

Doch nehmen wir einmal an, "Radio UKaWeechelchen" nimmt illegale Sendetätigkeiten in Luxemburg auf; wie lange wird diese Aktivität toleriert? Vielleicht genau so lange wie die der Eides und Organicks -wahrscheinlicher erscheint mir jedoch ein viel flinkeres Eingreifen der Behörden. Ein sozio-

kultureller Sender ist eben was anderes als harmlosere Dudel- und Laberkisten. In Belgien und Frankreich durften kommerzielle oder banale Sender jahrelang illegal funken, während politische oder kulturelle Anstalten prompt Besuch der einschlägigen Brigaden zu erwarten hatten. Ich selbst empfinde den "UKaWeechelchen" als recht harmlos, ja ihm fehlt wirklich der richtige Biss. Für die Machthaber in unserem Land ist das jedoch schon zu viel, wie die verschiedensten Reaktionen zeigen.

Eine Beschlagnahmung des Senders wäre natürlich nicht nur negativ zu bewerten, sondern könnte auch eine Welle der Solidarität in der Öffentlichkeit mit sich ziehen. Immerhin gingen neulich in Strassburg Tausende von biederen Tanten und Poppern, die man sonst nur über dem BigMac hocken sieht, auf die Strasse, um gegen die Schliessung "ihres" poppigen Senders zu protestieren. Man munkelt, dass Edy Krier, der Betreiber von "Radio 104" (Branchenjargon: "Radio Edywahn"), bereits über 5000 Unterschriften für die Legalisierung seines Senders gesammelt habe. Nun, wie aus dem vorher Gesagten zu schliessen ist, kann mir niemand verübeln, dass ich eine solche Welle der Solidarität für "Radio UKaWeechelchen" für sehr unwahrscheinlich halte.

Oasen auf der Durststrecke gesucht

Rückblickend auf zwei Jahre Bemühungen um die Eroberung von wenigstens einer kleinen Mediennische inmitten gewaltiger kommerzieller und politischer Interessen bin ich zu der ernüchternden Feststellung gelangt, dass ein sozio-kultureller Sender in Luxemburg von sich alleine nicht existieren kann. Ein Medienprojekt wie das des "Atelier UKaWeechelchen" kann meiner Meinung nach nur unter einer Reihe von Bedingungen überleben:

  1. ein solcher Sender muss in irgendeiner Form mit dem Kulturministerium verbunden sein, sei es über eine Konvention, sei es über Subsidiien. Nur ein halbprofessioneller Betrieb kann die starken Schwankungen in der individuellen Bereitschaft zum Engagement überstehen;
  2. die interne Organisationsstruktur muss autonom Funktionieren können. Eine Eingliederung in den technisch-bürokratischen Apparat von RTL, etwa in Form eines RTL-Tebueerg 2, wurde eine inhaltliche Talfahrt unvermeidlich machen;
  3. die sozio-kulturellen Vereinigungen dürfen nur als inhaltliches Rückgrat verstanden werden; Sendungen müssen in der Regel von Individuen gestaltet werden;
  4. das Medienprojekt muss in das globale Konzept einer "Maison de la Culture" eingegliedert werden, wo alle sozialen und kulturellen Strömungen in unserem Land eine breitere Unterstützung und Ausdrucksmöglichkeit erfahren können.

Solange diese Bedingungen nicht erfüllt sind, ist das Projekt "Atelier Radio UKaWeechelchen" ein sehr verwundbares Gebilde, das eigentlich nur von der Ausdauer einiger weniger Aktivisten abhängt. Gerade in einer Übergangszeit sind diese auf die Unterstützung ihrer zukünftigen "Kunden" angewiesen. Auch wenn mir die ganzen Appelle mittlerweile selbst kräftig auf den Geist gehen, möchte ich auch hier mit einem Aufruf abschliessen.

Sie können unser Projekt auch unterstützen durch den Erwerb von Hörerkarten. Überweisen Sie minimum 100 F auf unser Postscheckkonto 314-23. Danke im voraus!

Robert Garcia

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