Schwul, na und? (?)

Bedingungen der homosexuellen Identitätsbildung

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Bedingungen der homosexuellen Identitätsbildung

„Schwul, na und?“ lautete der Titel eines Buches zur homosexuellen Emanzipation, das Anfang der Achtziger in Deutschland erschien. Er legte zwei Bedeutungen nahe: „schwul“ bedeutet, sich selbst zu behaupten und gegen Diskriminierung zu kämpfen, indem seine ursprünglich negative Bedeutung positiv umbewertet wird. Zum anderen wird ein gesellschaftliches Ziel formuliert; Homosexualität kann als selbstverständliche und gleichwertige Lebensform neben der heterosexuellen angesehen werden.

Dies war vor fast zwanzig Jahren. Doch wo steht heute der moderne Homosexuelle? Wir erleben fast täglich, daß Homosexualität in der Öffentlichkeit thematisiert und gesellschaftlich beachtet wird; man kann fast sagen gesellschaftsfähig ist. Wurden Homosexuelle in den vergangenen Jahrzehnten pönalisiert, so sind sie heute fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion in den Medien (sei es in Talk-Shows oder in Fernsehserien wie die „Lindenstraße“) und fester Bestandteil gesellschaftspolitischer Strukturen (seien es schwule politische Vertretungen in den Parteien und Studentenausschüssen oder Referate für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in einigen deutschen Landesministerien). Selbst die konservative CSV fordert in ihrem aktuellen Wahlprogramm, daß gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit der Ehe gleichzusetzen sind. Homosexuelle sind ein gesellschaftlich bedeutsamer Faktor geworden und auf kultureller, politischer, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Ebene nicht mehr wegzudenken.

In Anbetracht dessen müßte eigentlich davon ausgegangen werden, daß der Slogan „schwul, na und?“ bereits gesellschaftliche Gültigkeit bekommen hat und homosexuelle Emanzipationsbemühungen in die rosarote Mottenkiste gehören. Tatsächlich belegen auch neue Untersuchungen, daß das schwule

Coming Out früher stattfindet (im Alter von 15-16 Jahren) als noch vor zehn Jahren (19-21J)¹. Dennoch weisen genau diese Untersuchungen ebenfalls darauf hin, daß diese Phase der Persönlichkeitsentwicklung von ähnlich schweren psychischen Belastungen begleitet wird wie ehemals. Z.B. 20% aller Homosexuellen versuchen sich im Laufe ihres Coming Outs das Leben zu nehmen, bzw. führen einen Suizid „erfolgreich“ durch. Im Vergleich zur „Normal“bevölkerung liegt die Suizidalität im Jugendalter bei 10%. Auch wenn diese Zahlen aus Deutschland stammen, ist davon auszugehen, daß sie auf Luxemburg übertragbar sind.

Bisher kann die Forschung keine seriöse Aussage zur Genese der Homosexualität treffen, da es nicht entschieden ist, ob sie lern-, erziehungs- oder anlagebedingt ist.

Diese m.E. erschreckende Tatsache macht es lohnenswert Überlegungen anzustellen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen die homosexuelle Identitätsbildung stattfindet und wie sie weiterhin gefördert werden kann. Obwohl sich der vorliegende Artikel auf meine (nicht nur) beruflichen Erfahrungen mit männlichen Homosexuellen

bezieht, können einige der hier gemachten Betrachtungen auf weibliche Homosexuelle (Lesben) übertragen werden. Sie werden jedoch nicht explizit aufgeführt.

Männliche Homosexualität

Homosexuelle Männer werden vorwiegend von Männern erotisch angezogen. Ihre sexuellen Phantasien sind fast ausschließlich auf das eigene Geschlecht bezogen. Das heißt nicht zwangsläufig, daß sie sich gegen Frauen als Sexualpartnerinnen entschieden haben oder sie ablehnen. Es heißt nur, daß sie sich zu Frauen nicht in dem Maße hingezogen fühlen, wie das bei Männern der Fall ist. Auch wenn ein Mann durch äußere Zwänge und innere Konflikte so stark gehemmt ist, daß er sich nicht traut oder in der Lage ist, mit anderen Männern Sexualität zu haben, würde ich ihn als homosexuell bezeichnen.

Seit Entstehung der neueren Homosexuellenbewegung (nach 1969) entscheiden sich viele homosexuelle Männer dazu, sich als „schwul“ zu bezeichnen. Der Begriff „schwul“ wurde von den Nationasozialisten im dritten Reich dazu benutzt, homosexuelle Männer und deren Sexualität abzuwerten. Diskriminierende Labels umzubewerten ist bei sozialen Minderheiten durchaus üblich, wenn sie an die Öffentlichkeit treten. So bezeichnen sich Prostituierte

Cartoon: Erich Rauschenbach

häufig als Huren, Lesbierinnen als Lesben oder Behinderte als Krüppel. Dieses m.E. legitime Ansinnen halte ich für unterstützungswürdig und verwende daher die Begriffe homosexuell und schwul synonym.

Wie entsteht Homosexualität

Ich gehe davon aus, daß das Ausleben der Sexualität für Schwule sowohl normal als auch wichtig ist. Denn Sexualität ist eine wesentliche Voraussetzung zur Aufnahme von Liebesbeziehungen und im weiteren notwendig für eine gesunde Entwicklung der Persönlichkeit. „Ich gehe dabei von einem Gesundheitsbegriff aus, der die Möglichkeit des Individuums, ein positives Selbstbild zu entwickeln, betont; Haltungen, die es allen Menschen ermöglichen, andere zu respektieren und zu lieben und von dem Respekt und der Liebe anderer getragen zu werden.“ (Isay, 1990, p 17) Damit widerspreche ich der Auffassung der Psychoanalyse, die Homosexualität sei das Ergebnis einer frühen Entwicklungsstörung, nämlich der mißglückte Versuch der ödipalen Konfliktlösung.² Insbesondere die Psychoanalyse hat über die Entstehung der Homosexualität viel spekuliert. Sie sieht sie als umwelt-, bzw. erziehungsbedingt an, obwohl diese Hypothese in der Forschung bisher keineswegs belegt werden kann. Im Gegenteil, wären tatsächlich Umwelt- und Erziehungsfaktoren dafür verantwortlich, müßten signifikant häufig Brüderpaare, die

unter den gleichen Bedingungen und gleichen Erziehungseinflüssen aufgewachsen sind, homosexuell sein. Dies konnte meines Wissens bislang wissenschaftlich nicht bestätigt werden.

Die biologische Theorie geht davon aus, daß es biogenetische Faktoren gibt, die für die Entstehung der Homosexualität verantwortlich ist. Untersuchungen über getrennt aufgewachsene Zwillinge lassen jedoch aufgrund zu geringer Probandenzahlen keine eindeutigen Schlüsse zu.

Die Lerntheorie geht davon aus, daß eine positive oder negative Lernerfahrung zur Homosexualität führen kann; positiv, wenn man zu einer homosexuellen Handlung „verführt“ wurde und sie als „positiv verstärkend“ erlebt oder negativ, wenn man aufgrund negativer Erfahrungen mit gegengeschlechtlichen Menschen Ängste vor dem anderen Geschlecht entwickelt. Dieser Erklärungsansatz ist, wie viele Beispiele aus der Praxis zeigen, nicht ausreichend, um die gesamte Vielfalt der Homosexualität zu erklären, höchstens vielleicht eine Form der Zwangshomosexualität.

Bisher kann die Forschung keine seriöse Aussage zur Genese der Homosexualität treffen, da es nicht entschieden ist, ob sie lern-, erziehungs- oder anlagebedingt ist. Sehr wahrscheinlich werden wir anerkennen müssen, daß beide, Biogenetik und Erziehung eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus muß auch die Frage erlaubt sein, wel-

chem Zweck die Ursachenforschung zur Homosexualität dient. Während meiner Literaturrecherchen habe ich keine Antwort darauf finden können. Kritische Stimmen aus der Schwulenbewegung vermuten hintergründig eine homosexuellenfeindliche Haltung, die die Beseitigung von Homosexualität und deren Ursachen zum Ziel hat.

Homosexualität und Vorurteile

Besonderes Augenmerk bei der Entwicklung der Homosexualität ist auf gesellschaftliche Normen, Anschauungen und den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexuellen zu richten. Homosexuelle Männer erleben das Gewahrwerden ihrer Homosexualität in der Regel als beängstigend und mit dem Gefühl anders, nicht normal zu sein. Einigen fällt es schwer, ihre Homosexualität zu akzeptieren, manche akzeptieren sie nie. Es ist wahrscheinlich, daß dabei immer noch gesellschaftliche Vorurteile antizipiert werden.

Aus der Vorurteilsforschung wissen wir, daß die Entstehung von Vorurteilen vorwiegend mit Normverstößen in Zusammenhang steht. Dabei werden drei Arten sozialer Normen unterschieden: die statistische, funktionale und ideale Norm.

Die statistische Norm legt rein rechnerisch soziale Minder- und Mehrheiten fest. Die wissenschaftlichen Schätzungen sind uneinheitlich. Sie gehen davon aus, daß 4-10% der Weltbevölkerung, unabhängig von ihrem Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Kulturkreis und regionalem Einfluß homosexuell sind. Sicherlich findet es aber allgemeine Zustimmung, daß ein Verstoß gegen diese Norm noch keine Diskriminierung einer Minderheit (seien es Kleinwüchsige, Ausländer, Alleinerziehende oder Homosexuelle) legitimiert.

Die funktionale Norm legt allgemeingültige soziale Regeln und Handlungsziele fest. Besagt die funktionale Norm, daß Sexualität nur der Fortpflanzung dienen darf, so verstoßen schwule Männer und lesbische Frauen eindeutig dagegen. Aber sicherlich ist diese Fest-

legung zu einseitig. Wir wissen, daß Menschen im hohen Alter, unfruchtbare Frauen und zeugungsunfähige Männer Sex haben und Menschen sich für die Empfängnisverhütung entscheiden. Kaum jemand käme heute noch auf die Idee, sie als anormal oder pervers zu bezeichnen. Der Theologe Bartholomäus hat neben dem Fruchtbarkeitsaspekt drei weitere Sinnaspekte der Sexualität identifiziert:

  • Die Sexualität stiftet, fordert und vertieft die Beziehung zwischen (zwei) Menschen.
  • Die Sexualität wirkt identitätsstiftend, wenn sie im Einklang mit den eigenen Wünschen, Fantasien und Orientierungen gestaltet wird.
  • Der Lustaspekt weist auf das innere Erleben während der Sexualität hin; rauschhaft, triebhaft, oder vielleicht „geil".

Die vier Sinnaspekte sieht er als gleichwertig und in einer dynamischen Beziehung zueinander stehend. Daher sollten alle Sinnaspekte idealerweise zu einem Zeitpunkt der sexuellen Entwicklung zum Tragen kommen. Bei der bürgerlichen Sexualmoral steht jedoch der Beziehungs- und Fortpflanzungsaspekt im Mittelpunkt, wobei der Lust- und Identitätsaspekt weitestgehend tabuisiert wird. Die Abwehr und Diskriminierung der Homosexualität auf vielen bürgerlichen Ebenen kann damit erklärt werden, daß diese sexuelle Neigung die Bereiche Lust und Identität berühren.

Die ideale Norm legt vorwiegend das Verhaltensrepertoire fest, nach dem Menschen, denen eine bestimmte Rolle zugeordnet wird, zu handeln haben. Homosexuelle verstoßen gegen diese Norm, denn sie vermögen sich nicht den gesellschaftlich produzierten Geschlechtsstereotypen anzupassen. Darauf bezog sich bzw. das Bundesverfassungsgericht in Deutschland, als es die Strafbarkeit von Homosexuellen nach §175 StgB am 10. Mai 1957 begründete: „Schon die körperliche Bildung der Geschlechtsorgane weist für den Mann auf eine mehr drängende und fordernde, für die Frau auf eine mehr hinnehmende und zur Hingabe bereite Funktion hin.“ Auch wenn dieses Zitat etwas antiquiert erscheint, erlebe ich in

Diskussionen und Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Homosexualität immer wieder, daß dieses Argument auch heute noch zumindest in wenig abgeänderter Bedeutung hat.

Homosexualität und soziale Anpassung

Es lassen sich sicherlich noch viele (negative wie auch positive) Vorurteile benennen. Aber diese geben bereits einen Eindruck darüber, vor welchem sozialen Hintergrund die homosexuelle Identitätsfindung stattfindet. Bei den meisten Homosexuellen führt die negative gesellschaftliche Bewertung, die Rollenerwartungen wichtiger Bezugspersonen wie Eltern und Freunde sowie das Fehlen von positiven „Modellen“ zumindest zur temporären Abwehr der eigenen Homosexualität. Aus der psy-

Bei der bürgerlichen Sexualmoral steht der Beziehungs- und Fortpflanzungsaspekt im Mittelpunkt, wobei der Lust- und Identitätsaspekt weitestgehend tabuisiert wird.

chotherapeutischen Praxis sind mir dazu zahlreiche Beispiele bekannt, wie Menschen durch Abwehr ihrer Homosexualität versuchen, sich an gesellschaftliche Normen anzupassen. Dabei sind mir folgende Anpassungs-strategien begegnet:

Der Homosexuelle geht eine „Schein“-Ehe oder -Partnerschaft ein, um in seinem sozialen Umfeld nicht aufzufallen (Heterosexualisierung).

Er verdrängt seine sexuellen Bedürfnisse, die er vielleicht nur unter Alkoholeinfluß auslebt oder versucht sie „wegtherapieren“ zu lassen (Ignorieren).

Oder die eigene Homosexualität wird zwar erkannt, aber Versuche sie zu leben enden in einem Doppelleben. Der Homosexuelle versucht den bürgerlichen Normvorstellungen zu entsprechen und lebt sozial eher zurückgezo-

gen und unauffällig. Sexualität hat er in der Regel nur mit anonymen Partnern (Absonderung).

Angesichts der gesellschaftlichen Situation und den Vorurteilen gegenüber Homosexuellen erscheint es nicht verwunderlich, daß es nur wenigen gelingt, bereits in ihrer Jugend eine positive Identität aufzubauen. Bei den meisten findet sich über Jahre hinweg ein mangelndes Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl, das durch die Angst vor dem Entdecktwerden und das Gefühl, unehrlich zu sein, häufig noch verstärkt wird. Sie unterdrücken ihre Bedürfnisse aufgrund verinnerlichter antihomosexueller Normen und sind dabei nicht in der Lage, befriedigende Beziehungen aufzubauen. All dies zeigt, daß heranwachsende Homosexuelle unter einer starken psychischen Belastung stehen. Ich gehe davon aus, daß nur Menschen in der Lage sind, sich selbst als vollwertige Mitglieder ihrer Gesellschaft zu betrachten, die ihre „Integration“ erreicht haben. Unter Integration verstehe ich, daß alle Aspekte der eigenen Persönlichkeit angenommen, auch die persönlich als negativ erlebten und in die eigene Lebensgestaltung einbezogen werden. Nach dem humanistischen Menschenbild verhalten sich Menschen, die das Stadium der Integration erreicht haben, offen, warm, freundlich und hilfsbereit. In diesem Stadium gestalten sie ihre Beziehungen erfolgreicher, weil sie davon überzeugt sind, daß sie eine lang anhaltende, ernsthafte Beziehung aufbauen können. Dabei ist es jedoch notwendig, daß Homosexuelle bereits früh die Möglichkeit haben, ihre sexuelle Identität zu entwickeln: das Coming Out.

Coming Out

Mit Coming Out wird ein Prozeß bezeichnet, der das Gewahrwerden und das Eingeständnis sowie das Umsetzen der eigenen Homosexualität umfaßt. Der Coming-Out-Prozeß ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Die Annahme der persönlichen sexuellen Orientierung und die Aufnahme homosexueller Beziehungen, bzw. das Ausleben der Homosexualität schließen die-

sen Prozeß ab. Der Begriff Coming Out stammt aus dem Amerikanischen und ist ursprünglich die Bezeichnung für die Einführung der 14-jährigen Tochter in die Welt der Erwachsenen, insbesondere in die Männerwelt. Mit der Veranstaltung einer Coming-Out-Party wird die Jugendliche als heiratsfähig der Öffentlichkeit präsentiert. Der Begriff Coming Out ist von der Schwulenbewegung ab Ende der sechziger Jahre übernommen worden.

Durch die Analyse von Biographien homosexueller Frauen und Männer hat Eli Coleman (1982) fünf voneinander abgrenzbare Stufen der homosexuellen Identitätsfindung identifiziert; Developmental Stages of the Coming Out Process. Diese Stufen beschreiben den Idealverlauf eines homosexuellen Coming Out, der jedoch bei weitem nicht von allen Homosexuellen vollständig vollzogen wird:

1. Das Pre-Coming-Out

Auf dieser Entwicklungstufe wird dem Homosexuellen langsam bewußt, daß er homosexuell ist. Negative Einstellungen der Umwelt (Eltern, Freunde, Kirche, Schule etc.) zur Homosexualität werden häufig auf die eigene Person bezogen. Häufig sind die Betroffenen nicht bereit, über ihre Homosexualität zu reden und halten sie vor ihrer Umwelt versteckt. Diese Zeit wird häufig begleitet von Gefühlen wie Angst vor dem Entdecktwerden oder Minderwertigkeit, weil man glaubt, die Umwelt zu belügen. Diese Gefühle können zu Angststörungen und Depressionen führen, bei denen manche Betroffene Selbstmord verüben.

Männer, die ich in diesem Stadium berate, berichten häufig, daß sie auf der Stelle treten und das Gefühl hätten, einen „riesigen Berg“ vor sich zu haben, der ihnen unbewältigbar erscheine. Dieser Berg besteht zum größten Teil aus Fragen zur Homosexualität, wie und wem man sie mitteilen kann, wie und wo man andere Homosexuelle kennenlernen kann. Unsicherheit, wie das soziale Umfeld und enge Bezugspersonen darauf reagieren könnten mit der gleichzeitigen Angst, die Kontrolle darüber zu verlieren, wer von der eigenen Homosexualität erfährt.

2. Das Coming Out

Auf dieser Stufe erfolgt das Eingeständnis des Betroffenen, homosexuell zu sein, und er hat aufgehört, gegen seine Homosexualität anzukämpfen. In einem nächsten Schritt erfolgt das Mitteilen seiner sexuellen Orientierung anderen gegenüber:

Reagieren diese negativ und ablehnend auf sein Eingeständnis, so kann das negative Folgen für seinen Selbstwert haben. In dieser Zeit ist der Homosexuelle sehr sensibel für Zuspruch und Ablehnung. Ablehnende Reaktionen können ihn derart verletzen, daß er auf die erste Stufe zurückfällt. Manche „switchen“ ihr Leben lang zwischen der ersten und zweiten Stufe.

Auch Heterosexuelle benötigen ein Coming Out!

Reagieren diese positiv und akzeptierend auf sein Eingeständnis, so erlebt sich der Homosexuelle erstmals gewertschätzt, ohne sich verstellen oder verstecken zu müssen. Sie fühlen sich dann nicht mehr trotz, sondern mit ihrer Homosexualität akzeptiert. Die Wertschätzung anderer kann zur Steigerung seines Selbstwertgefühls führen, was es ihm erleichtert, sich weiteren Menschen gegenüber zu öffnen und die nächste Stufe seiner homosexuellen Identitätsbildung zu erreichen.

3. Die Erforschung des Umfeldes

In dieser Phase wird mit der neuen Identität experimentiert. Erste schwule Kontakte sozialer und sexueller Natur werden hergestellt. Häufig wechseln die Sexualpartner schnell. Schwule, bei denen das Coming Out spät stattfindet, versuchen manchmal in dieser Zeit, ihre „verlorene“ Jugend nachzuholen. Aufgrund der schnell wechselnden Sexualpartner und der wenig gefestigten Identität ist das Risiko einer HIV-Infektion erhöht.

4. Die ersten Beziehungen

Erkennt der Homosexuelle, daß er zu einer Liebesbeziehung fähig ist und auch ein Bedürfnis danach hat, verliert das Experimentieren seinen Reiz. Er geht seine ersten nahen Beziehungen ein, die jedoch häufig schnell enden können, da Modelle fehlen, wie man mit Konflikten in Partnerschaften umgehen kann. Lernt der Homosexuelle jedoch, Konflikte und Erwartungen innerhalb der Beziehung zu klären, so hat er die Chance, seine eigene Identität in der Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis seines Partners weiterzuentwickeln.

5. Die Integration

Auf dieser Stufe erreichen Schwule ihre feste Identität bzw. ein gefestigtes Selbstverständnis. Der Schwule erlebt seine Identität dann, wenn er eine emotionale und kognitive Stellungnahme zu einer konkreten Situation, die seine Homosexualität betrifft, abgeben kann. Nach dem Philosophen Berk bezieht sich eine persönliche Stellungnahme auf Wünsche, Gefühle, Erwartungen oder Befürchtungen und auf akzeptierte oder befolgte Normen, die eine Person hinsichtlich einer Situation hat. Für den Homosexuellen sind eine Vielfalt von Situationen vorstellbar, zu denen er eine persönliche Stellungnahme entwickeln muß. Zum Beispiel:

  • mochte er, daß seine Kollegen am Arbeitsplatz erfahren, daß er schwul ist,

  • die Eltern wünschen, daß der Sohn Weihnachten zu Hause verbringt, lehnen aber dessen Lebensgefahrten ab

  • wie wichtig ist ihm sexuelle Treue in der Partnerschaft

  • wie hoch schätzt er sein Risiko ein, sich mit Aids zu infizieren

  • wann ist Sex sicher und wann unsicher hinsichtlich des Infektionsrisikos

  • wie steht er zu Analverkehr, anonymen Sex, schwuler Subkultur …

  • wie steht er zur ablehnenden Haltung seines Nachbarn usw.

Die Entwicklung eines sexuellen Selbstverständnisses

Meine einführenden Überlegungen haben vielleicht deutlich gemacht, daß die Entwicklung einer gefestigten homosexuellen Identität (noch) nicht selbstverständlich ist. Hierzu bedarf es, daß Homosexuelle die Möglichkeit haben, soziale Ängste abbauen zu können und soziale Kompetenzen zu erwerben, die es ihnen ermöglichen, ihre Homosexualität erfolgreich zu vertreten und befriedigende Beziehungen zu anderen aufzubauen.

Soziale Isolation ist einer der fundamentalsten Auslöser von Angst und wird in der antizipierten oder tatsächlich erlebten Diskriminierung und Abweisung durch das soziale Umfeld besonders deutlich. Ein Angstabbau kann dann stattfinden, wenn ein geschützter Rahmen geschaffen wird, wo man angstfrei und ohne soziale Kontrolle³, über das eigene Schwulsein reden kann. Dieser Rahmen kann bspw. in Beratungsstellen gegeben sein, die in diesem Gebiet der Sexualberatung besondere Erfahrungen und Kompetenzen erworben haben. Ebenfalls hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland gezeigt, daß kompetent angeleitete Coming Out-Gruppen wahrhaftig wie ein „Turbolader“ für das anstehende Coming Out wirken können. Mir sind zur Zeit leider keine sozialen Einrichtungen in Luxemburg bekannt, die explizit Schwulen- und Lesbenberatung oder Coming-Out-Gruppen anbieten. Weiterhin können sexualpädagogische Veranstaltungen und Unterrichtseinheiten, die Homosexualität als akzeptierte und gleichwertige Lebensweise behandeln, dazu beitragen, daß Jugendliche Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Homosexuellen abbauen. Homosexuelle Jugendliche hätten dann die Möglichkeit, über ihre Sexualität mit

anderen Jugendlichen zu reden, ohne mit Diskriminierung und Abweisung rechnen zu müssen.

Soziale Kompetenzen sind: argumentationssicher zur eigenen Homosexualität stehen zu können; sich selbstoffenbaren zu können; klare Zielvorstellungen zu erwerben, wie weit jemand mit seinem Coming Out nach außen gehen möchte; Beziehungen herstellen und aufrecht halten und mit anderen über die eigene Sexualität reden zu können. Diese Fähigkeiten können in speziellen Kompetenztrainings erlernt und geübt werden, die meines Wissens aber leider nicht in Luxemburg angeboten werden.

Angesichts der über uns hereinbrechenden sexuellen Informationsflut ist es für viele problematisch, eigene Stellungnahmen zu entwickeln.

Das schwule Selbstverständnis entwickelt sich durch das Miteinander-Reden über Themen und konkrete Situationen, die für Homosexuelle relevant sind (z.B. anonymer Sex, Promiskuität etc.) Die persönliche Identität kann sich dann entwickeln, wenn die Bereitschaft vorhanden ist, sich mit dem Selbstverständnis des anderen auseinanderzusetzen und sich ihm anzunähern, bzw. von ihm abzugrenzen. Der Philosoph Berk spricht in diesem Zusammenhang auch von Selbstverwirklichung. Dazu ist es notwendig, die eigene Stellungnahme (z.B. wenn der Partner fremdgegangen ist) mitzuteilen und die Stellungnahme des anderen verstehen zu wollen. Ich bin im übrigen der festen Überzeugung, daß es nicht nur für Homosexuelle notwendig ist, eine sexuelle Identität zu entwickeln. Mir fallen viele Themen ein, zu denen es sich auch für Heterosexuelle lohnt, eigene Stellungnahmen zu entwickeln, angesichts einer sich zunehmend sexualisierenden Umwelt; sei es zu Pornographie, Prostitution, Sextourismus, Fetischismus, weibliche und männliche Sexualität, Sadomasochismus um nur einige plakativ zu nennen. Angesichts der über uns hereinbrechenden sexuellen Informationsflut

(Überinformierung) ist es für viele (vor allem Jugendliche) problematisch, eigene Stellungnahmen zu entwickeln (Unterorientierung). Denn wir wissen, daß Sexualität nicht immer nur nach gesellschaftlichen Normvorstellungen und „vernünftig“ stattfindet. Jeder kennt Situationen, in denen er schon einmal unvernünftig und normverletzend (z.B. nach zuviel Alkoholgenuß) gehandelt hat. Und Sexualität hat eben auch Dimensionen, die nicht der Vernunft und persönlichen Werten unterliegen, sondern auch etwas mit Trieb und Lust zu tun haben.

Kurzum: auch Heterosexuelle benötigen ein Coming Out!

Andreas Hück

Der Autor: Andreas Hück war 14 Jahre Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Trier und arbeitet heute als psychologischer Psychotherapeut. 1993 entwickelte er in Zusammenarbeit mit dem Psychologischen Ambulatorium der Universität Trier ein Trainingsprogramm zur Unterstützung des Coming Out für homosexuelle Männer.

Anm. d. Verf.: Dieser Artikel erscheint demnächst in ähnlicher Form als Kapitel in einem Buch über Sexualität, das vom Planning Familial herausgegeben wird.

¹ Europa im Vergleich: Südeuropäer machen ihre ersten heterosexuellen Erfahrungen deutlich früher als Nordeuropäer. Dahingegen haben Schwule aus Südeuropa ihre ersten Erfahrungen sehr viel später als Schwule, die aus dem Norden Europas kommen. Es wird davon ausgegangen, daß es ein deutliches Nord-Süd-Gefälle der Akzeptanz von Homosexualität gibt.

² Als ödipaler Konflikt wird das erotische Hingezogenfühlen des Knaben zur Mutter bezeichnet. In der erfolgreichen Persönlichkeitsentwicklung des Kindes soll dieser Konflikt durch die Identifikation mit der Vaterfigur, der die Mutter erfolgreich begehrt, gelöst werden. Der Vater dient dabei als Modell, wie der Knabe erfolgreich um die Gunst der Mutter werben kann.

³ Mir erscheint es, daß die Menschen in Luxemburg allgemein die soziale Kontrolle deutlicher erleben und größere Befürchtungen haben, sich selbst zu offenbaren. Ein Satz, der häufig in meinen Supervisions- und Selbsterfahrungsgruppen fällt: „Hier in Luxemburg kennt jeder jeden!“

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code