SDI — ein politisches Vabanquespiel
Militärische Öberlegenheit für die USA
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Die Diskussionen über SDI gehen mittlerweile längst über den Schutz vor einem etwaigen Atomkrieg hinaus, SDI-Promotore sprechen vielmehr davon, das strategische Gleichgewicht zwischen den USA und der UdSSR wahren zu wollen. Keiner zweifelt mehr daran, daß die Sowjetunion auch an ähnlichen Projekten forscht. Das Weltall wird allen Konventionen zum Trotz seit langem militärisch genutzt und ist in strategische Überlegungen miteinbezogen. Doch stellt SDI das gesamte Konzept des "Gleichgewichts des Schreckens", der atomaren Abschreckung in Frage. Zwar erfährt die atomare Abschreckungstheorie eine Neubelebung: schließlich begründet man die aktuelle, wahnwitzige Hochrüstung damit, den Gegner von einem Erstschlag abzuhalten. SDI-Befürwortern zufolge schlägt das Abwehrsystem in genau die gleiche Kerbe: erstens sieht der Angreifer sich in der Unmöglichkeit, alle militärischen Ziele der Gegenseite zu erreichen, und zweitens muß er damit rechnen, daß ein Vergeltungsschlag ihm mehr Schaden zufügt, als er es bei seinem Angriff vermag.
Doch letztendlich zielen die Amerikaner darauf ab, ihren technologischen Vorteil in der Weltraumforschung zu nutzen, um ihre militärische Überlegenheit gegenüber der SU zu sichern. Wie simpel es ist, das scheinbar nur auf der Abwehr anfliegender Raketen beruhende System in eine offensive Waffe zu verwandeln, wird deutlich, sobald man sich folgendes Szenario vor Augen führt: Angenommen, die USA unternehmen einen atomaren Erstschlag gegen die SU: derweil diese zum Vergeltungsschlag ausholt, werden ihre Raketen teilweise vom SDI-System abgefangen, können folglich weniger Schaden anrichten; die USA gingen unweigerlich als Sieger aus dem atomaren Duell hervor. Es scheint somit durchaus plausibel, daß ein Abwehrsystem nicht 100%ig perfekt arbeiten muß, um dennoch eine gewisse Sicherheit zu gewähren.
Auch Ronald Reagan hat dies rasch erkannt. Hat er 1983 noch die Vision eines beiderseitigen perfekten Schutzes beschworen und gar der UdSSR die SDI-Technologie angeboten, war er im Januar 1985 bereits anderer Auffassung, indem er ganz deutlich formulierte, daß die "Gesamtwirksamkeit eines mehrschichtigen strategischen Verteidigungssystems keinen 100%igen Schutz bieten muß, um die Abschreckung erheblich zu erhöhen…". Der deutsche Politikwissenschaftler und Friedensforscher Dr. Alfred Mechtersheimer meint dazu: "Jedoch muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß strategische Abwehrsysteme (wie SDI) und die offiziell gültige Abschreckung absolut unvereinbar sind. Die Sowjetunion soll also nicht mehr durch die Gewißheit abgeschreckt werden, daß einem Angriff die eigene Vernichtung auf dem Fuß folgt, sondern da-
durch, daß die USA sowjetische Atomraketen, noch bevor diese ihr Ziel erreichen, vernichten können. Demnach aber wäre die Sowjetunion nuklear nahezu unbewaffnet und somit dem politischen Willen der noch immer über ihre Angriffsraketen verfügenden USA ausgeliefert." Damit hätten die USA die entscheidende Erstschlagskapazität erlangt.
Sowjetischer Aufrüstungszwang
Mit einem Ende des Wettrüstens durch SDI ist keineswegs zu rechnen. Im Gegenteil, durch das Weltraumforschungsprojekt der USA sieht die SU sich nur noch stärker veranlaßt, ein ähnliches Programm auszuarbeiten, immer bessere und subtilere Gegenmaßnahmen auszuprobieren. Gleichzeitig werden die Sowjets aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Aufstellung neuer Raketen reagieren, besteht doch eine ihrer Chancen zur Selbstverteidigung darin, über eine größtmögliche Stückzahl an Gefechtsköpfen zu verfügen. Gegenwärtig nehmen die USA an, daß die 6.000 Gefechtsköpfe der zielgenauen sowjetischen SS 17, SS 18 und SS 19 gegen 2.000 strategisch wichtige Ziele wie Kommandozentralen, Flugplätze, U-Boote, Nuklearwaffenstützpunkte gerichtet sind. Setzt die Sowjetunion drei Gefechtsköpfe pro Ziel ein, könnten alle 2.000 Ziele mit 95%iger Sicherheit zerstört werden. In dem Augenblick aber, wo die USA über ein Abwehrsystem verfügen, sah die SU sich gezwungen, 200 Gefechtsköpfe pro Ziel einzusetzen, um die gleiche Wirkung zu erzielen.
Somit dreht die Rüstungsspirale sich immer weiter (mit oder ohne SDI) – Frieden bleibt auch in Zukunft – so paradox dies ist – mit Rüstung identisch. Denn wer glaubt, der Krieg werde dank SDI ins Weltall verbannt, irrt. Ein "Krieg der Sterne" wird seinen Niederschlag und Fortgang stets auf der Erdkugel finden – und dies sicherlich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Vertragsbruch durch die USA
Hier nützen auch Verträge nichts: es scheint in der Tat aberwitzig, Konventionen einzugehen, die doch gegenseitig, aber ohne Einvernehmen, hintergangen werden. So verstößt SDI eindeutig gegen den 1972 geschlossenen ABN-Vertrag (zur Begrenzung der Raketenabwehrwaffen), in dem sich die USA und die UdSSR verpflichten, keine Abwehrsysteme zu entwickeln und zu erproben, seien sie nun see-, luft- oder weltraumgestützt. Sicherlich, heute wird dieser Vertrag von den USA dahingehend interpretiert, daß er die "neuen physikalischen Mittel", wie etwa die Benutzung von Laserstrahlen, nicht miteinbezieht, daß es sich bei SDI also nicht um eine Vertragsverletzung handelt. Eine Deutelei, die jeder, der klar denkt, nur ablehnen kann. Doch Skeptikern wird höchstens vorgehalten, die UdSSR hätte diesen Vertrag ohnehin längst mißachtet, z.B. durch die Aufstellung riesiger Radaranlagen bei Krasnojarsk in Sibirien. Angeführt wird auch, Abwehrsysteme, die nicht gegen feste Raketenabschußanlagen gerichtet seien, sondern auf anderen "physikalischen Grundsätzen" beruhen, unterlägen nicht dem ABN-Vertrag. Durch diese weitausholende Interpretation wird der Vertrag jedoch zum sinnlosen Papierfetzen…
Man kann das Problem SDI auch vereinfachen (wie es die Europäer tun), dadurch, daß man die militärische und definitive Nutzung des Systems außer Acht läßt, und darauf pocht, es gehe hier vorrangig um Grundlagenforschung. Dies ist jedoch bloße Augenwischerei: wozu ein derart aufwendiges Forschungsprogramm aufstellen, wenn seine Ergebnisse nicht auch angewendet werden sollen?
Ob nun SDI je das Stadium des Forschungsprogramms überschreitet und Wirklichkeit wird, steht noch dort, wo es einmal funktionieren soll: in den Sternen. Derweil läuft die Forschung an und verschlingt bereits die ersten bereitgestellten Gelder. Langsam auch freundet sich die breite Öffentlichkeit mit diesem Projekt an: SDI, als Schutz vor dem atomaren Alptraum gehandelt, erscheint mehr und mehr Menschen als Lösung. Gleichzeitig sind die meisten auch noch immer dem "Fortschrittdenken" so tief verbunden, daß ein Umkehren von SDI genauso unmöglich scheint wie das Abwehrsystem selbst.
Die tatsächliche Tragweite dieses "Forschungsprogramms" verlieren viele dabei aus den Augen: SDI gefährdet als zusätzliche Waffe nicht nur den Weltfrieden, es bringt die Menschheit ob seiner Kosten, seines Energiebedarfs und erforderten Forschungspotentials an den Rand des Ruins…
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