Soziale Gerechtigkeit fordern

Interview mit dem südkoreanischen Bischof Daniel Tji (aus: Publik-Forum 14/1979)

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Interview mit dem südkoreanischen Bischof Daniel Tji. Von Hans-H. Hücking

Daniel Tji, katholischer Bischof von Wonju, einem Bistum, das im „Armenhaus“ Südkoreas liegt, besuchte die Bundesrepublik. Am 16. und 17. Juni hielt er sich in Bottrop auf. Dort vertiefte er in mehreren Veranstaltungen die Entwicklungs-Partnerschaft zwischen seinem Bistum und dem Bottrop-Konvent, dem sechs katholische Pfarreien angehören. Daniel Tji, gilt als Seele des katholischen Widerstandes gegen den Machtmißbrauch des Park-Regimes. Er war es übrigens, der den lebenslänglich eingekerkenen koreanischen Nationaldichter Kim Chi Ha mit dem Christentum vertraut machte. Hans Hücking interviewte ihn in Bottrop. (In: Publik-Forum Nr. 10/79)

Bischof Tji, Sie haben im März 1976 ihre Erfahrungen in Nordkorea in einem Buch mit dem Titel „Meine Jahre mit den Kommunisten“ publiziert. Damals schüttelten Ihnen die Minister der Park-Diktatur die Hand. In welchen Verhältnis steht heute die Regierung zu Ihnen?

Im Jahre 1974 verurteilte mich die Regierung wegen finanzieller Unterstützung des regimkritischen Dichters Kim Chi Ha zu fünfzehn Jahren Zuchthaus. Aufgrund internationaler Proteste wurde ich nach einem Jahr freigelassen, wobei ich ausdrücklich betonen möchte, daß die Strafe nur ausgesetzt worden ist, ich also jederzeit wieder inhaftiert werden kann. Nach meiner „Freilassung“ hat mich ein Verlag, meine Erfahrungen in der Haft zu veröffentlichen. Ich lehnte ab und schlug stattdessen vor, meine schon 1967 in einer südkoreanischen Zeitschrift veröffentlichten „Erfahrungen mit den Kommunisten“ in Nordkorea in Buchform zu publizieren. Das weckte natürlich die Sympathien meiner Regierung, doch hat sich auch seitdem grundsätzlich nichts an dem Verhältnis zwischen mir und der Park-Diktatur geändert. Ich mag sie nicht, und sie mag mich nicht, da ich mich auch weiterhin im Namen der kirchlichen Lehre für die Verwirklichung der Menschenrechte und für die Demokratisierung der politischen Verhältnisse einsetzte.

Inwieweit wird die Religionsfreiheit in Südkorea gewährleistet?

Soweit sich religiöses Leben innerhalb des Kirchenraumes, also des Kults im strengen Sinn des Wortes („Sakristeichristentum“) abspielt, besteht bei uns Religionsfreiheit für alle. Sobald aber die Christen beginnen, ihre religiösen Prinzipien in die Praxis umzusetzen, d. h. sich für die Armen und Unterdrückten einzusetzen, müssen sie mit Repressionen rechnen. Die Regierung begründet dies mit unerlaubter Einmischung in die Politik oder kommunistischer Agita-

tion, obwohl es uns allein um die Verwirklichung der im Evangelium begründeten sozialen Gerechtigkeit geht. Die engagierten Christen wollen keinerlei politische Macht, sondern den Impuls Jesu und die Soziallehre der Kirche in unserem Land verwirklichen.

Wie sieht der Widerstand der Kirchen und Christen gegen die Park-Diktatur aus?

Viele Christen sind in Südkorea heute bereit, das Evangelium und die Menschenrechte nicht als bloß theoretische Prinzipien anzusehen. Da aber die politische Macht die Religionsausübung nur insoweit duldet, als sie lediglich das Seelenheil des einzelnen im Auge hat, ansonsten mit Repressionen reagiert, haben sehr viele Christen resigniert. Wer z. B. als Mitglied der Christlichen Arbeiterjugend in den Betrieben auffällt, wird fristlos entlassen, und kein Arbeitgeber darf ihn künftig mehr beschäftigen. Aber dennoch gibt es weiterhin eine Reihe mutiger Christen, die sich nicht einschüchtern lassen, sondern Aufklärung und Bewußtseinsbildung unter den Arbeitern und Bauern betreiben. Als 1978 der staatlich anerkannte Abnahmepreis für Reis beträchtlich unter dem Erzeugerpreis lag, haben wir in unserer Diözese auf vielen Versammlungen die Bauern über ihre Rechte informiert und sie ermuntert, Druck auf die Regierung auszuüben. Die Versprechen, die dann von der Regierung aufgrund der offenkundigen Unruhe unter den Bauern gegeben wurden, sind zwar nicht eingehalten worden, aber das Selbstbewußtsein der Bauern ist beträchtlich durch diese Aktion gewachsen.

Gibt es innerhalb der katholischen Kirche Südkoreas, sowohl unter dem Klerus als auch unter den Laien, Divergenzen über die Haltung gegenüber dem politischen Regime? Ja, wobei die Einstellung zur Park-Diktatur abhängt von der politisch-sozialen Klassenzugehörigkeit. Die soziale Position der Katholiken entspricht nahezu der gesellschaftlichen Pyramide, d. h. etwa 25 Prozent der Bevölkerung haben einen sehr hohen Lebensstandard und profitieren von der Diktatur, während rund 75 Prozent zu den Ausgebeuteten und Entrechteten gehören.

Was sind die Prioritäten der katholischen Kirche Südkoreas?

Die Mehrheit der Katholiken, einschließlich des Klerus, will — inspiriert durch den christlichen Glauben — Bewußtseinsbildung und Veränderung der Gesellschaft, z. B. eine gerechte Verteilung des Reichtums, über den jetzt eine winzige Minderheit verfügt. Eine andere Gruppe der Katholiken begnügt sich mit der Ausübung des Kults

und will Missionierung im traditionellen Sinn, d. h. sie leugnet einen Zusammenhang zwischen Glauben und Handeln, Gottesdienst und Politik, statt dessen ist sie vor allem an neuen Taufbewerbern interessiert und übt Caritas im Sinne individueller Barmherzigkeit. Ausländische Missionare werden dann ausgewiesen, wenn sie sich offen im Sinne der ersten Gruppe betätigen. Im Dezember 1977 ist ein Gesetz verabschiedet worden, das es ermöglicht, „unerwünschte“ Missionare abzuschieben.

Finden Sie, Bischof Tji, Unterstützung in Rom bei Ihrem mutigen Engagement für die Verwirklichung der Menschenrechte?

Papst Paul VI. hat mich im Frühjahr 1978 mit den Worten umarmt: „Tu es pastor bonus (Du bist ein guter Hirte) — Habe Mut!“ Doch muß ich mit großem Schmerz auch dies sagen: nachdem ich 1974 verhaftet und inhaftiert worden war, hat Radio Vatikan nur ein einziges Mal meine Lage erwähnt. Von den Beamten der Kurie habe ich nicht viel zu erwarten. So mußte ich hören: „Halten Sie sich aus der Politik heraus!“ Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Was kann nach Ihrer Auffassung die katholische Kirche in der Bundesrepublik für die unterdrückten und verfolgten Christen in Südkorea tun?

Es wäre gut, wenn deutsche Bischöfe, wie 1975 durch Kardinal Döpfner und durch die Bischöfe Schäufele und Tenhumberg bereits einmal geschehen, sich für uns öffentlich einsetzen, wenn sie die Freilassung der politischen Gefangenen von der Regierung fordern und den Mißbrauch der Macht durch das Park-Regime ins Bewußtsein der deutschen Katholiken rufen würden. Ferner brauchen wir dringend finanzielle Unterstützung, die wir dann jenen zukommen lassen könnten, die wegen ihres christlichen Engagements in den Betrieben entlassen werden und daraufhin auf der Straße stehen. Wir könnten dadurch viel mehr Christen zu ihrem Einsatz für die Menschenrechte ermutigen, wenn sie die Gewißheit hätten, ihre Familie auch nach ihrer Entlassung ernähren zu können.

Was kann die Bundesregierung für die Wiederherstellung der demokratischen Rechte in Südkorea tun?

Ich sehe nur die Möglichkeit, daß sich Ihre Regierung dafür einsetzt, daß die westdeutschen Unternehmen eine bessere Sozialpolitik praktizieren, d. h. daß sie Druck auf die Firmen ausübt, ihren Arbeitern das Recht auf freie Gewerkschaftsbetätigung, Tarifverhandlungen, auf Einhaltung des Achtstundentages und Bezahlung von Mehrarbeit, Ruhezeiten, Essenspausen sowie auf Gleichstellung der Frauen zugestehen.

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