Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Nora Wagener
Spießrutenlauf
Solange ich drinnen bin, kann die Hauptstraße mir nichts anhaben. Gehe ich nach draußen, ist das anders. Dann bin ich überfordert, wie jemand, der sich mit einem dicken Schädel ins nächste Geschäft schleppen muss, um Nahrung zu besorgen. Ich drücke den Kopf ganz tief in den Kragen, kneife die Augen zusammen und schiebe mich unauffällig an den Häusern vorbei. Je dichter man an den Fassaden entlang geht, desto sicherer ist man vor Lärm und Abgasen. Meine gute Luft, denke ich immer, mein schöner Sauerstoff. Warum ist die Stadt mit Autos verstopft? Und während ich mich der Großraumkantine nähere, komme ich mir wie in einem Computerspiel vor. Auf der einen Seite steht groß wie ein Mammut ein Lastwagen, aus dem Kisten entladen werden, auf der anderen Seite steigen dicke Dunstschwaden aus einem Küchenfenster: Und ich soll daran vorbei, lebendig … Hat man seine Haut dann irgendwie gerettet, kommt die nächste Hürde.
Ein paar Schritte weiter hüpfe ich mit drei Meter Anlauf über eine Scherbeninsel und einen Haufen Hundekot (Fachjargon: crotte de chien). Biege ich dann nach links ab, komme ich an der Großraumbank vorbei, und muss meine Präferenzen abwägen. Schau ich weg, verhindere ich einen Wutanfall, erhöhe aber die Risiken eines schmerzhaften Todes, nämlich bei lebendigem Leib verbrannt zu werden: Vor jeder Abteilung steht eine Trauergemeinschaft, raucht Kette und schmeißt achtlos Zigaretten auf die Straße. Die wollen mir bestimmt nichts Schlechtes, denke ich tief im Innern, wo der bessere Teil der Seele
wohnt, aber wie sie da stehen, in ihren schwarzen Kostümchen und mit Glutgeschossen um sich werfen, haben die auch bestimmt nichts Gutes im Sinn. Das denken wohl auch ihre abstinenten Kollegen.
Wie so oft komme ich mir wie ein Kleinkind vor. Nicht etwa, weil L. älter ist als ich, sondern weil mein Herz, seit ich denken kann, ein Idiot ist.
Die sitzen hinter den Fensterscheiben, und während sie Machenschaften auf ihre Tastaturen einhämmern, werfen sie gesunde, aber rachsüchtige Blicke nach draußen. Ja, Machenschaften! Es weiß ja niemand genau, was sie da tun. Was ich tue, weiß auch niemand. Ich habe die Wohnung verlassen, weil ich zu einem Termin wollte. Und ich habe diese Richtung eingeschlagen. Ich sollte am besten weitergehen.
An der nächsten Ecke, zwischen zwei Briefkästen, steht ein Bettler. Gehe ich andersrum, steht er vorm Supermarkt – es ist, als ob er instinktiv wüsste, für welchen Weg ich mich entscheide. Oder umgekehrt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, schäme ich mich in Grund und Boden, und überlege mir, wie ich unbeachtet an ihm vorbei kommen kann. Meistens verwende ich dieselbe Taktik, wie bei den Verrückten in den öffentlichen Transportmitteln. Entweder ich tue so, als sei ich nicht vorhanden, oder, als sei ich geistesgestört. Ich meine das nicht böse, ich habe nichts gegen Bettler, sie genieren mich nur. Nicht
weil es sie gibt, sondern, weil es mich gibt. Dabei bin ich nicht mal wohlhabend. Ich weiß auch nicht. Sie bringen mich in eine Situation, in der keine Entscheidung erträglich ist. Gehe ich vorbei, schlägt das schlechte Gewissen zu. Werfe ich einen Euro in den Kaffeebecher und sehe diesen Dank in ihren Augen, Dank für gar nichts, fühle ich mich wie ein Betrüger. Meine Freundin E. ist da ganz anders, die redet mit Obdachlosen, Punks, Krüppeln, gibt ihnen Zigaretten oder etwas zu essen, ganz selbstverständlich. Das bewundere ich sehr. Aber ich bin da nicht so der Typ für. Ich bin eher so der innere Mensch, was man mir kaum anmerkt, weil ich auch äußerlich ein Mensch bin. Wie dem auch sei, durch einen Zufall wird mir die Entscheidung heute abgenommen. Kurz vor den Briefkästen sehe ich eine Münze auf dem Boden liegen, hebe sie auf und werfe sie dem Bettler schnell in die Tasse. Und dann weiß ich wieder, dass mehr Geld mehr glücklich macht: Finde ich fünf Cent auf der Straße, hält die Freude nur einige Sekunden an. Finde ich zwei Euro, freue ich mich den ganzen Tag. Bei diesem Gedanken schaltet sich automatisch das innere Plappermaul ein. Es erinnert mich daran, wo ich hin will (ein Treffen mit L.), hört dann allerdings gar nicht mehr auf, mir irgendwelchen Quatsch zu erzählen. Während es so vor sich herredet, schau ich zu Boden und fühle mich Schritt für Schritt benommener. Ich kann ein Stück von meinem Schal sehen, den linken Arm, der ab und zu nach vorne schwingt, weil ich mich rasch fortbewege, meine Tasche … aber es ist mir unmöglich diese Dinge mit jemandem in Verbindung zu setzen.
Das passiert mir ständig. Ein Schauen ohne Schauen. Und ich denke, du bist doch jetzt heil an den Hindernissen vorbei gekommen, du kannst wieder in den Modus der Welt zurück, und versuche mich zu konzentrieren, aber das nützt nichts, weil ich zwar jedes Detail erkennen kann, aber das Gefühl verloren habe. Mein Plappermaul meint, ich sollte vielleicht aktiver an der Umgebung und den Mitmenschen teilhaben. Doch vor dieser Entfernung/Entfremdung bin ich selbst unter Leuten nicht in Sicherheit. Und ich antworte ihm, es sollte vielleicht weniger Selbstgespräche mit mir führen.
An der nächsten Kreuzung drücke ich aktiv die Ampel, und versuche noch aktiver dabei zu sein, wie sie auf Grün schaltet … Plötzlich fächert mir jemand mit einem Stück Papier Luft ins Gesicht. Das finde ich sehr aufmerksam, weil mir tatsächlich flau ist, und ich will mich bedanken, als ich im letzten Moment begreife, dass es sich um einen Gruß handelt. Da kennt jemand mich. Noch bevor ich überlegen kann, wer diese Person ist, stöhnt das Plappermaul Mist Mist Mist, und ich strecke wie ein Roboter meinen Arm aus, um ihn zu begrüßen, und mich dann sofort für meine kalten Hände zu entschuldigen. Das tue ich immer, weil ich immer kalte Hände habe und nicht weiß, was man mit Fremden reden soll. Dann mache ich diese seltsame Mundbewegung, die öfters als Lächeln gedeutet wird, und bekomme als Gegenleistung einiges auf die Ohren (taub), bevor sich die Wege an der nächsten Ampel wieder trennen. Da kenne ich jemanden nicht, denke ich. Und dass ich an dem Tag unseres Kennenlernens wohl an derselben Art Entfernung/Entfremdung gelitten haben muss. Oder ohnmächtig, oder sehr betrunken war. Ein Wunder, dass ich überhaupt jemanden wieder erkenne. Vielleicht hilft es, mit Herz und Seele ins Leben hineinzuschlüpfen, denke ich. Vielleicht tut es ein Schluck Wasser. Auf jeden Fall muss ich weltkompatibel werden, noch bevor ich die Place de Bruxelles erreiche, wo L. seit zehn Minuten auf mich wartet.
Trotz Mühe gelingt es mir erst, als ich ihn dort stehen sehe. Durch seine Präsenz passen Steine und Stücke wieder aufeinander. Ich meine das nicht bloß in einem ro-
mantischen Sinn. Wenn L. auf seine Füße schaut, sind es immer seine. Man kann ihn nicht von den Dingen der Welt trennen. Komme ich auf ihn zugeflogen, mehrere Meter über dem Boden und viel zu schnell, streckt er seine Arme in die Luft, spreift seine zehn Finger und fängt mich ab – was, weiß Gott, keine leichte Aufgabe ist, ich bin ein schweres Kind.
Wir umarmen uns lange, schwenken unsere Körper dabei hin und her, wie Ewiggetrennte, und ich frage L., ob dieses oder jenes schon passiert sei und L. lacht, weil ich ihn das gestern bereits gefragt habe, und vorgestern, und er kann die Antwort schon auswendig und sagt sie auf. Dann spazieren wir rüber ins Casino, wo wir uns die Ausstellung im Keller noch einmal anschauen wollen, bevor sie abgebaut wird – aber wir sind einen Tag zu spät, was uns ein bisschen missmutig macht. Auch, weil wir nicht wissen, was man tun kann. Und ich schlage L. spontan vor, in die Großgasse zu gehen, da ich noch kein passendes Kleid für die Taufe meiner Nichte habe. Wir gehen nichts ahnend die Straße weiter hoch, und stehen plötzlich vor einer Menschenwand. Da fällt uns auf, dass wir schon derart lange nicht mehr samstagnachmittags durch die Großgasse gelaufen sind, dass wir vergessen haben, dass das halbe Land am Samstagnachmittag sein viel zu hohes Gehalt hier ausgibt. Je höher die Preisklasse steigt, je kleiner
werden die Tüten, das ist der einzige Trost in diesem schmalen Einkaufsparadies. Ich ziehe L. zu mir rüber, schaue ihm dringlich in die Augen, versuche ihm telepathisch mitzuteilen, dass es immer einen Ausweg gibt. Aber L. greift nach meiner Hand und geht mit forschen Schritten voran. Als ich mich etwas entspannt und an die Masse gewöhnt habe, sage ich: Kuck, jetzt gehen wir hier durch die Großgasse, wie Leute, und schaue mich neugierig um … Dann sage ich, pass bloß auf deine Füße auf. Es sind viele Chihuahuas und Yorkies unterwegs.
Bereits im ersten Geschäft weiß ich, dass ich kein Kleid finden werde, weil ich keins finden will. Aber ich halte mich wacker und bin sehr gerührt, als L. mich in die hinterste Ecke des Ladens suchen kommt, wo ich unmotiviert Bügel zur Seite schiebe, um mir ein Kleid zu zeigen. Trotzdem befürchte ich, dass ich eine von diesen Situationen geschaffen habe, die keinem Freude bereitet, aber aus denen man irgendwie nicht mehr raus kommt. Dabei könnte es so einfach sein.
Im zweiten Geschäft sind gefühlte dreihundert Leute und wir geraten in eine Schockstarre und werden willenlos in seine Tiefen hineingedrängt. Als wir wieder zum Stillstand kommen, bitte ich L., diesen Ort mit mir zu verlassen, für immer.
L. nickt und baggert uns mit seinen langen Armen wieder in die Freiheit. Draußen zündet er sich sofort eine Zigarette an, gibt mir einen Kuss auf die Wange und sagt, so eine Frau habe ich mir schon immer gewünscht. Ich fange daraufhin an, in meiner Tasche herumzuwühlen, weil ich Zeit brauche, um zu verbergen, dass mich diese Aussage kränkt, weil ich höchstens so ein Mensch bin, und der will ich überhaupt nicht sein, und das weiß er. Mein Unmut dauert jedoch nicht lange, weil L. mir das Leben gerettet hat. Und weil die Sonne scheint. Als wir an dem Laden mit den teuren bunten Kaffeepads und dem Laden mit den teuren bunten Keksen vorbei gehen, gerate ich dennoch in Ärger darüber, dass ich mein Schauen ohne Schauen nicht bewusst einsetzen kann. Das würde mich viele Nerven kosten und somit meine Überlebenschance erhöhen. Dann müsste ich überhaupt nicht mit dem Rauchen aufhören.
Wir haben also eben beschlossen, einen Kaffee trinken zu gehen, da erinnere ich mich an diesen kleinen Laden an der Badeanstalt. Plötzlich bin ich wie verwandelt, voller Euphorie, Kaufwut, Wahnsinn und frage L., ob er mir ein letztes Mal die Ehre erweist. Tatsächlich finde ich ein paar nette Kleidungsstücke, und wenn es sich zu lohnen scheint, gehe ich damit zur Kabine. L. sitzt währenddessen auf einem Stuhl, beschäftigt sich mit seinem Telefon. Ich hoffe inständig, dass er nicht mitkriegt, was die Verkäuferinnen so reden: Es ist das Schlimmste, was ich seit Langem gehört habe. Ich merke irgendwann, wie ich wieder freudlos werde, mit den Tränen kämpfe, weil ich nicht gewappnet bin, gegen gepuderte Frauen, die solch einen Stuss von sich geben. Überhaupt bin ich heute, und an den anderen dreihundertvierundsechzig Tagen, gegen gar nichts gewappnet. Während ich die Bügel wieder an ihren Platz hänge, schaut L. zu mir rüber. Wie so oft komme ich mir wie ein Kleinkind vor. Nicht etwa, weil L. älter ist als ich, sondern weil mein Herz, seit ich denken kann, ein Idiot ist.
Als wir den Laden kurze Zeit später verlassen, wird mir schwindelig, und ich merke, dass meine Sinne wieder vor der Welt aufgeben wollen. Um nicht abzudriften, versuche ich mit L. im Gespräch zu
bleiben. Es würde mir leidtun, ihn jetzt alleine zu lassen. Ich erzähle ihm von meinen Tränendrüsen, und wie sehr es mich deprimiert, dass die meisten Menschen in diesem Land, in Europa und weltweit schassdomm sind, und wie glücklich es mich macht, dass es dieses Wort gibt, weil es albern und wütend klingt, es also kein besseres Wort für diese Dummheit gibt. L. sagt, ihm würde es da nicht anders gehen. Ihm würde mulmig werden, wenn er das Luxemburger Wort liest – eine Aussage, die unser Gespräch leichter, und mich angenehmer macht. Wenn ich L. nicht hätte, denke ich immer, dann hätte ich jemand anderes. Aber nur mit L. enden Tage wie diese nicht in einer Katastrophe. Ich küsse seine Stoppeln, drücke liebevoll meine Handfläche auf sein krauses Haar und habe mich bei ihm unter. Um uns für die Strapazen zu belohnen, an denen wir selbst schuld sind (schassdomm genug, sich am Samstagnachmittag in die Großgasse zu wagen), gehen wir endlich Kaffee trinken.
Beim Renert ist die Zeit seit etlichen Jahren stehen geblieben; was mir gut gefällt. So eine stehen gebliebene Zeit ist viel gemütlicher, als eine weiter gehende, und wo sonst kann man noch Lampenschirme aus Email bewundern. Bevor wir reingehen, muss L. überprüfen, ob der pensionierte Zuckerbäcker nicht am Tresen sitzt und über den guten, alten Hitler redet. Wir
haben Glück. Ich hoffe allerdings, dass wir mehr Glück haben und er für immer tot ist. Das flüstere ich L. ins Ohr, weil es so still hier drinnen ist. L. nimmt einen Schluck aus seiner Tasse, überlegt kurz, nickt zufrieden und erzählt dann aus heiterem Himmel von einem Hund, den er kennt. Es ist schön, in diesem Raum nur seine Stimme zu hören. Irgendwie mag ich ihn dafür. Auch dafür, dass er nach dem Befinden des Zuckerbäckers fragt, während wir an der Kasse stehen, um zu bezahlen. Er ist an Krebs gestorben. Vor der Tür legen wir unabsichtlich eine Trauerminute für ihn ein.
An einer Ampel vorm Glacis erinnere ich mich plötzlich an den morgendlichen Spießrutenlauf, der schon so weit weg zu liegen scheint. Unauffällig lenke ich uns in andere Straßen. Als wir am Supermarkt vorbei kommen, sehe ich den Bettler bereits dort stehen, denke an meine Freundin E., und dass ich bald wieder mit ihr telefonieren sollte … Ich kramme eine Zigarette aus meiner Schachtel, will sie ihm tapfer überreichen, da passt L. nicht auf seine Füße auf. Er watschelt über den Pappbecher. Die ganzen Münzen kullern über den Boden, den Bordstein, manche bis in einen Gulli hinein. Ich stehe da mit offenem Mund, ein Lachen auf der Zunge, wie seit Jahren nicht mehr, und wische mir mit dem Schal die Wangen trocken. Eine schöne Abwechslung. ♦
Nora Wagener
1989 / in Luxemburg geboren
2008 / Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert, bis 2012
2011 / Debütroman: Menschenliebe und Vogel, schrei, Op der Lay (L)
2012 / Manfred-Maurer-Literaturpreis (A)
1$^{er}$ Prix Concours littéraire national,
Catégorie Jeunes (L)
Hans-Bernhard-Schiff-Förderpreis für
Literatur (D)
Diverse Veröffentlichungen (Prosa) in
Magazinen und Zeitungen
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!