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Stahlindustrie
Arbeitsplatz als Leidensplatz
Für die Beschäftigten der Stahlindustrie wird der Arbeitsplatz manchmal zum "Leidensplatz" oder zur tödlichen Falle. In der Tat kann man nachweisen, daß über ein Drittel der Hüttenarbeiter die normale Altersrente nicht erhalten, abgesehen von Sondermaßnahmen wie etwa die "Prêretraite".
LEBENSGEFAEHRLICH
Welcher direkten Lebensgefahr die Werktätigen beim Hochofen, im Walzwerk oder Stahlwerk ausgesetzt sind, beweisen nicht nur die statistisch festgehaltenen schweren Unfälle, die als Folge (durch Verlust eines Gliedes, Auges usw.) eine Teilinvalidität haben, sondern besonders die tödlichen Unfälle, die seit Bestehen der Großindustrie mit der Produktion ab- oder zunehmen. Dazu haben die Arbeiter den Ausdruck geprägt: Murks-Unfall. Die schwere körperliche Arbeit wird immer mehr durch die Technisierung ersetzt. Diese erfordert aber eine höhere Konzentration unter erschwerten Bedingungen.
UNGESUNDE UMWELT
Die Erhaltung der Gesundheit am Arbeitsplatz wird wesentlich von Umweltbedingungen beeinflußt. Abwechselnde Kälte- und Wärmeeinwirkungen, Lichtverhältnisse, Nässe, Staub und Lärm sind die Begleiterscheinungen der Tätigkeit eines Schmelzarbeiters. Zur Zeit wird besonders von der Arbeitgeberseite viel von Ergonomie geredet, d.h. es bestehen Bestrebungen, die Arbeitsbedingungen den menschlichen Bedürfnissen anzupassen. Aber die besten Vorsätze und Vorschläge anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen scheitern bei bestehenden Anlagen meistens am Kostenpunkt. Bei Neuinstallationen sind wir in Luxemburg, im Gegensatz zu anderen Ländern, noch weit von einer miteingeplanten Ergonomie entfernt.
UNREGELMAESSIGKEITEN
Vom medizinischen Standpunkt her ist klar erwiesen, daß Unregelmäßigkeiten in der Lebensart nur negativen Einfluß auf den menschlichen Körper haben. Wechselschicht und besonders Nachtarbeit, unter den obengenannten Bedingungen, sind nicht nur ermüdend, sondern verlangen vom Organismus eine permanente Umstellung. Die Folgen dieser
Lebensweise sind Schlaf- und Appetitlosigkeit, Nervosität, die sich auf alle Organe übertragen und langwierige Krankheiten hervorrufen wie Magengeschwüre, Leber-, Darm-, oder Nierenbeschwerden.
GESUNDHEIT AM ARBEITSPLATZ UNTER KRISENBEDINGUNGEN
Die angeführten Einflüsse auf die Gesundheit am Arbeitsplatz werden zusätzlich durch die Wirtschaftskrise, die konkret auf dem Arbeitsplatz zu spüren ist, verstärkt.
In der Eisenindustrie wurde die Produktivität kurzfristig um vierzig Prozent gesteigert. Da die Modernisierung der Produktionsanlagen quasi ausbleibt, geht die Erhöhung dieser Produktivität zu Lasten der Arbeitskraft. Obschon der Hüttenarbeiter Lohneinbussen hinnehmen muß, wird von ihm eine höhere Leistung abverlangt.
Durch den Einstellungsstopp sind die Betriebe unterbesetzt. Oft müssen fehlende Arbeitskräfte von den andern mit durchgenommen werden. Hat ein Kollege frei, wird seine Arbeit unter den andern aufgeteilt, diese erhalten zwar eine Entschädigung, aber das verhindert nicht, daß eine solche Doppelbelastung langfristig auf Kosten ihrer Gesundheit geht. Mangelnder Nachwuchs führt mittelfristig zu einer Veralterung der Mannschaften. Immer öfter kommt es vor, daß Anlagen produktionsunfähig sind, weil einfach der Nachwuchs von Fertigwalzern oder anderen Fachkräften fehlt. Diese Situation verspürt zwangsläufig jeder einzelne.
UNSICHERHEIT
Von vielen Medizinern werden neuerdings immer mehr psychische Krankheiten bei den Arbeitern und Beamten der Stahlindustrie festgestellt. Sie sind es, die am ersten von der Wirtschaftskrise betroffen wurden. Über 10 000 Arbeitsplätze wurden abgebaut, und viele sollen es noch werden. Moderne neueingerichtete Anlagen wurden stillgelegt. Versetzungen und die Ungewißheit der Zukunft rufen eine Unsicherheit bei den Belegschaften hervor, die nur derjenige mitfühlen kann, der in einer solchen Situation ist oder war. Dank der Gewerkschaften konnten direkte Entlassungen bei ARBED und MMR-A verhindert werden. Es wurde eine Division Anti-Crise (DAC) gegründet, deren Ziel es sein soll, die Beschäftigung und das Einkommen zu sichern.
Durch diese DAC wurden über 10 000 Beschäftigte geschleust. Daneben wird mit allen Mitteln versucht, den Personalabbau voranzutreiben. Geringfügige Vergehen führen zur Entlassung. Wie diesen Leuten zumute ist, merkt man an ihrer abnehmenden Moral, was bei einzelnen Kollegen bis zum Selbstmord führte. Wer kann sich in die Haut eines Arbeiters setzen, der z.B. zwanzig Jahre lang beim Hochofen immer die gleiche Arbeit verrichtet
hat und sich plötzlich umstellen muß. Oder wie mag sich ein hochspezialisierter Dreher fühlen, der zum Schubkarrenchieben degradiert wird. Sich überflüssig vorkommen, ist das schlimmste Schicksal eines aktiven Menschen. Oder wie sieht das Innenleben eines Vaters aus, der in der DAC ist und dessen 2 Söhne arbeitslos sind, weil sie, nicht wie er, ihren Vater auf der Schmelz ablösen können und keinen Beruf erlernt haben.
Zusätzlich soll noch unterstrichen werden, daß mit Duldung der Hütteninhaber, viele Vorarbeiter die DAC als eine Art Strafkompanie betrachten, in die alle diejenigen hineingehören, die irgendwie aufmucken oder gesundheitlich nicht mehr voll einsatzfähig sind.
Durch die geschilderte Praxis der Arbeitgeber und die Tatsache, daß das Arbeitsamt die DAC-Leute als potentielle Arbeitslose führt, hat die Mehrheit der ARBED-Belegschaft Angst vor der DAC. So kommt es, daß nicht nur die Kollegen in der DAC sich krank machen aus Angst vor ihrer Zukunft, sondern auch die in den Betrieben Verbleibenden sorgen sich über ihr ungewisses Schicksal. Viele wollen nicht auffallen und zögern, bei Gesundheitsstörungen sich krank zu melden. Andere handeln genau umgekehrt. Sie sind demoralisiert und lassen sich öfters krankschreiben. Die psychisch Kranken werden immer zahlreicher, was die Krankenkassen veranlaßte, schärfere Kontrollen durchzuführen, die wiederum Strafen mit sich ziehen, die bis zu Entlassungen führen können.
In kaum einer Statistik kann man die ungemein wichtigen Wechselwirkungen zwischen Arbeitsplatz und Gesundheit des Arbeiters erfassen. Noch wird der Arbeiter nicht genügend als Mensch am Arbeitsplatz respektiert.
Fernand Hübsch
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