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Jean Huss
Te Deum oder integrativer Nationalfeiertag?
Tant que la nation a besoin du symbolisme religieux pour se célébrer le 23 juin, l’Etat ne sera pas « laïque ».
Michel Pütz, Tageblatt vom 21. Oktober 2008
Vor einigen Wochen hatten Mitglieder der forum-Redaktion mich angesprochen, einen persönlichen Beitrag zu schreiben zur strittigen Frage des alljährlichen Te Deums in der Kathedrale am Nationalfeiertag vom 23. Juni. Da es eigentlich einige weitaus relevantere Probleme gibt, auch und gerade im Zusammenhang mit der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die überfällige Trennung von Kirche und Staat, hatte ich zunächst etwas gezögert.
Als Agnostiker mit Tendenzen zum Atheismus, als notorisch bekannter „Antiklerikaler“ und überzeugter Gegner jeglicher religiöser und politischer Fanatismen waren es eigentlich bisher andere, wesentlich bedeutsamere religionsbezogene gesellschaftspolitische Themen, die mich umtrieben: zum Beispiel die wachsenden machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den großen Weltreligionen und die zunehmenden Instrumentalisierungen von Religiosität und Religionsgefühlen in innen- wie außenpolitischen Machtkämpfen. Stichworte wie die Offensive des Kreationismus und die wahlpolitische Instrumentalisierung des Christentums in den USA, die Problematik autoritärer islamischer Gottesstaaten, religiös angeheizte Konflikte im mittleren Osten oder in Südostasien und andere sind hinreichend bekannt, auch die hinter den Kulissen operierenden neuen Expansionsstrategien der Päpste im Vatikan.
Und auch einheimische, kirchenbezogene gesellschaftspolitische Fragen dürften nicht allein mir, sondern auch vielen anderen kritisch denkenden Zeitgenossen etwas stärker auf dem Magen liegen als das Te Deum. Da gibt es die insgesamt
Wieso findet ein offizieller Staatsakt, eine alljährliche offizielle Feier zum Nationalfeiertag, exklusiv in einem katholischen Kirchengebäude statt, im Rahmen einer katholischen Zeremonie?
längst überfällige Frage der Trennung von Kirche und Staat und die dazu benötigten Verfassungsänderungen, die Auflösung der bestehenden Konventionen mit der katholischen Kirche und mit einigen anderen konventionierten Religionsgemeinschaften. Und es gibt die aktuell stark diskutierte Frage eines neutralen Werteunterrichtes anstelle des Privilegs eines katholischen Religionsunterrichts in unseren Schulen.
Das Wahlprogramm der Luxemburger Grünen spricht in dieser Hinsicht eine klare und ehrliche Sprache, auf die diesbezüglichen Programme der anderen politischen Parteien darf man gespannt sein!
Persönliche Gedanken zum Te Deum
Wenngleich also sicherlich weitaus gewichtigere Fragen im Spannungsfeld zwischen Kirchen und Staat in den kommenden Jahren anstehen, kommt der Frage des Te Deums am Nationalfeiertag aufgrund seiner symbolischen Bedeutung trotzdem eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.
Zum Te Deum aber zunächst einige eher persönliche Anmerkungen. Ich habe bisher weder privat noch im Rahmen meiner politischen Funktionen an irgendwelchen Te Deum-Feierlichkeiten teilgenommen und werde dies auch in Zukunft sicher nicht tun. Dies nicht allein, weil ich diesen Herrn „Gott“ persönlich nicht kenne, sondern auch, weil ich bisher nicht gewillt war und bin, irgendjemanden oder irgendetwas anzubeten oder zu verehren. Und was für mich in diesem Sinne das ganze Jahr über gilt, behält auch am Nationalfeiertag seine Gültigkeit. Ein übermäßiges Interesse an offiziellen Modeschauen, an neuen, teils ulkigen, teils extravaganten Damenkopfbedeckungen oder männlichen Schwalbenschwänzen hat mich bisher ebenfalls zum 23. Juni noch nie überkommen. Im Übrigen ist der Nationalfeiertag mir persönlich zu „heilig“, um mich mit der kirchlichen In-
Jean Huss ist Abgeordneter der Grünen Partei.
strumentalisierung dieses Tages zu solidarisieren.
Politische Gedanken zum Te Deum
Staatliche Gebilde brauchen anscheinend identitätsstiftende Markierungen und Symbole, wobei Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag sicherlich zu den sichtbarsten nationalen Symbolen gehören.
In Luxemburg scheinen dabei die Uhren am Ende des 19. Jahrhunderts stehen geblieben zu sein, als Thron und Altar die alles beherrschenden politischen Machtgebilde darstellten. Noch immer wird offensichtlich hingenommen, dass offizielle Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag wie selbstverständlich in der katholischen Kirche stattfinden. Um Missverständnisse allerdings vorzubeugen: natürlich wäre nichts daran auszusetzen, wenn die katholische Kirche, wie andere Religionsgemeinschaften, am Nationalfeiertag spezifische Gottesdienste für ihre Anhänger anbieten würde, so wie andere Vereine oder Vereinigungen an diesem Tag ja gleichfalls nichtreligiöse Festlichkeiten veranstalten.
Nicht länger hinnehmbar ist in meinen Augen allerdings, dass das Te Deum als offizieller Staatsakt organisiert und zelebriert wird, zu dem alle öffentlichen Corps, Abgeordnete, Regierungsmitglieder, Staatsräte, das diplomatische Corps bis hin zu den Beamten des Staates geladen werden. Wieso findet ein offizieller Staatsakt, eine alljährliche offizielle Feier zum Nationalfeiertag, exklusiv in einem katholischen Kirchengebäude statt, im Rahmen einer katholischen Zeremonie?
Was im 19. Jahrhundert noch als gottgewollt und unabänderlich galt, hat doch praktisch nichts mehr mit der heutigen politischen, sozialen und soziokulturellen Lage sowie der aktuellen Zusammensetzung unserer Bevölkerung zu tun, und schon gar nichts mehr mit den demokratisch-pluralistischen Ansprüchen unserer heutigen Gesellschaft. Wobei es heute doch eher darum gehen müsste, einen Nationalfeiertag in einer Weise zu feiern, die alle hier ansässigen Menschen, Kulturen und Weltanschauungen integriert. Was sollen Menschen anderer Religionszugehörigkeit, Nichtgläubige, Atheisten oder Agnostiker dabei denken und empfinden, wenn auch weiterhin ein so hervorgehobener offizieller Staatsakt allein unter dem katho-
lichen Kreuz stattfindet? Das Te Deum als sichtbares Symbol katholischer Hegemonie im Luxemburger Staat?
Nicht allein laizistische Zeitgenossen müssten eigentlich gegen diese Privilegierung einer Amtskirche, gegen die allzu offensichtliche Verflechtung von Staat und katholischer Kirche protestieren. Wäre das katholische Bistum nicht auch ein klein wenig glaubwürdiger,
©Tessy Steffen König (www.foma.lu)
wenn es von sich aus auf diese Privilegierung und auf andere Privilegien verzichten würde? Bestünde nicht ganz konkret die Möglichkeit einer zivilen und pluralistischen Organisation von offiziellen Feiern zum Nationalfeiertag?
Diese Frage wurde in den vergangenen Jahren ebenfalls in anderen Ländern aufgeworfen, zum Beispiel in unserem Nachbarland Belgien anfangs der 1990er Jahre. Die Kritiken und Forderungen der starken belgischen laizistischen Bewegung wurden in den vergangenen Jahren von Erfolg gesegnet. So gibt es neuerdings in Belgien am 15. November, dem Tag der „Fête du Roi“ zwar auch noch ein religiöses Te Deum, allerdings nur auf privater Basis, wohingegen die offizielle Zeremonie unter Einbeziehung der Zivilgesellschaften im belgischen Parlament stattfindet.
Wieso sollte es hierzulande nicht möglich sein, statt des Te Deums diese zivile, offizielle staatliche Feier zum Natio-
nationalfeiertag zu organisieren, im luxemburgischen Parlament oder gegebenenfalls in einem geeigneten öffentlichen Gebäude? Der Charakter dieser zivilen offiziellen Staatsfeier sollte dabei vor allem integrativ sein und Vertreter aller Komponenten der luxemburgischen Zivilgesellschaft, also auch der verschiedenen Religionsgemeinschaften, mit einbeziehen.
Ob sich das, was so logisch und demokratisch-pluralistisch klingt, schon bald auch in Luxemburg verwirklichen lassen wird? Was oder wer sollte solchen Ideen im Wege stehen? Der Widerstand des katholischen Bistums, das Luxemburger Wort oder der Klientelismus der CSV? Der Opportunismus von Teilen der Opposition? Wetten, dass Staatsminister Jean-Claude Juncker, als weiser Vordenker und „Modernisierer“ der CSV, es noch im Vorfeld der kommenden Parlamentswahlen schaffen wird, seiner Partei solch neue, pluralistische und integrative offizielle Feiern zum Nationalfeiertag schmackhaft zu machen? Wo ihn das „Gebimmel“ der Kathedrale doch schon seit Jahren beim Arbeiten stört…
Allerdings, und damit möchte ich abschließen, wäre die Lösung der Te Deum-Frage in meinen Augen nur das kleinste Mosaikstück im Gesamtzusammenhang der notwendigen Diskussion und Durchsetzung einer Trennung von Kirche und Staat. Ich bin natürlich für Religionsfreiheit, aber Religion sollte Privatsache sein und keine staatlichen Privilegien einfordern. Was hindert denn überzeugte katholische Amtsträger und Priester, zum Beispiel dem Modell französischer oder lateinamerikanischer Arbeiterpriester nachzueifern? Ist es der schnöde Mammon, oder was sollte es sonst sein?
P.S.: A propos Te Deum: neugierige Fragen eines Nichtgläubigen, der als Kind ungefragt katholisch getauft wurde und sich während seiner Schulzeit so manche abenteuerlichen Geschichten des Alten wie des Neuen Testaments anhören durfte oder musste.
Frage 1: Würde Jesus Christus, falls er erst im Jahre 2009 „auferstehen“ würde, am Te Deum vom kommenden 23. Juni teilnehmen?
Frage 2: Nähme er am Te Deum teil, bestünde dann nicht das Problem, dass er alle „Händler“ und „Pharisäer“ aus dem Tempel hinausjagen würde?
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