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Das Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ hat in seiner Ausgabe vom 24. Dezember ’79 die Ergebnisse einer Umfrage über Kirche und Religion in Deutschland veröffentlicht. Eine ähnliche Umfrage hatte das Blatt bereits im Jahre 1967 gestartet. In der Umfrage ’79 sind einige der wichtigsten Fragen aus der Umfrage ’67 wortwörtlich übernommen worden. Das ermöglicht, die Antwortergebnisse miteinander zu vergleichen: eine Zeitspanne von 12 Jahren.

Wir beschränken uns auf die Aussagen zu der Frage: ‚Wer war Jesus?‘

Über Jesus denkt nur jeder dritte Bundesbürger so, wie es die Kirchen lehren, genau 33% (9% weniger als im Jahre ’67); sogar nur 25% der Befragten zwischen 14 und 24 Jahren, hingegen 46% der Männer und Frauen im Rentenalter.

Jeder 5. Bundesbürger, 21%, sieht in Jesus nur einen

aussergewöhnlichen Menschen:

‚Jesus war nur ein Mensch, aber ein grosser Mensch, der die Menschen zum Guten führen wollte. Er kann mir deshalb noch heute ein Vorbild sein.‘

18% weniger als 1967 kreuzten diese Alternative an. Dann folgt eine dritte Antwortmöglichkeit, die 1967 nur 15% ankreuzten:

‚Jesus hat vor fast 2 000 Jahren gelebt, heute leben wir in einer ganz anderen Welt. Für mich hat Jesus heute keine Bedeutung.‘

Im Jahre ’79 sind 38% (23% mehr) aller Bundesbürger diese Auffassung.

‚Der Spiegel‘ kommentiert: ‚Das bedeutet, dass zwölf Millionen erwachsene Männer und Frauen – mehr Menschen als der Freistaat Bayern Einwohner hat – ihre christliche Überzeugung oder ihre prochristliche Einstellung aufgaben… Selten dürfte sich in einem dutzend Jahren ein solcher Meinungswandel in einer zentralen Glaubensfrage vollzogen haben.‘

Eine letzte Antwortmöglichkeit: Jesus hat nie gelebt. 1967: 3%; 1979: 7%.

Genau zur gleichen Zeit, wo ‚Der Spiegel‘ diese Umfrageergebnisse veröffentlicht hat, haben die letzten Auseinandersetzungen um Hans Küng in der Kirche begonnen. Ich komme nicht daran vorbei, beide, zwar nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis, aber doch in ein Bedeutungsverhältnis zueinander zu setzen.

WER IST BETROFFEN ?

Manfred Plate, Chefredakteur der Wochenzeitschrift ‚Christ in der Gegenwart‘, zeigt in der Nummer 1980/3 darauf hin, dass unsere Zeit offenbar immer noch leidenschaftlich über theologische Fragen zu diskutieren vermag. Er unterscheidet vier Gruppen von Menschen, die durch den Fall Küng betroffen sind und versucht, die unterschiedlichen Reaktionen dieser Gruppen zu erfassen.

  • Zuerst jene, die darüber glücklich sind, dass die

Kirche nun endlich klar gesprochen hat, dass sie gegen einen unbequemen und diskutablen, nonkonformistischen Professor sich durchgesetzt hat und einen definitiven Schlussstrich gezogen hat. Es herrscht wieder Ordnung im Haus.

  • Dann jene, die über diese Entscheidung Roms traurig und bedrückt sind, sie trotz aller kirchenamtlichen Erklärungen und Kanzelverordnungen nicht recht verstehen und sich insgeheim fragen, ob dieser Küng denn nun wirklich ein King-Kong in der Kirche sei. Aber der Kirche wollen sie trotzdem treu bleiben und hoffen auf eine bessere Zukunft.

  • Es gibt jene, besonders an der Grenze des Glaubens stehend, die erbittert und verbittert sind. Durch die Entscheidung Roms und der Bischöfe sind sie verwirrt und verunsichert. Ihre Zweifel an der Kirche und an dem, was sie vertritt, wachsen.

  • Schliesslich gibt es jene, die sich darüber freuen, dass die Kirche selbst Gelegenheit bietet, um ihr zu schaden. Sie fühlen sich bestätigt, dass Kirche und Glaube rückständiges Zeug sind, dass es mit den grossen Worten von Freiheit und Gerechtigkeit nicht weit her ist, dass diese Kirche den lang gehegten Verdacht bestätigt, dass sie mehr um ihre eigene Autorität besorgt ist als um die Wahrheit.

  • Wahrscheinlich muss man eine fünfte Gruppe hinzufügen, nämlich all jene (siehe Spiegel-Umfrage, Dezemberausgabe), die diese dogmatischen Querelen überhaupt nicht mehr berühren und für solchen innererlichlichen Streit und Gerangel höchstens noch ein Achselzucken übrig haben. ‚Man kann eine Kirche beneiden, die es sich angesichts eines stillschweigenden Massenauszugs leisten kann, sich im Streit um dogmatische Formeln zu zerfleischen, die Küng nicht leugnet, sondern in eine dem Menschen von heute verständliche Sprache übersetzt (Herbert Haag, in: Die Zeit, 1980/4)‘.

WAS SOLL THEOLOGIE ?

Ich lese im gemeinsamen Kanzelwort der deutschen Bischöfe zum Fall Küng: ‚Hat Gott wirklich sich selbst für uns hingegeben, indem sein ewiger, ihm wesensgleicher Sohn unser Menschsein annahm und für uns starb?… Wir machen uns dies Bekenntnis zu eigen im Credo der Heiligen Messe: ‚Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater‘.‘

Ich lese bei Karl Rahner über künftige Wege der Theologie: ‚Die künftige Theologie muss eine ‚entmythologisierende‘ Theologie sein… Mit ‚Entmythologisierung‘ ist hier gar nichts anderes als der Versuch gemeint, dieser aber in aller radikalen Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die zunächst einmal verkündigten Glaubensausagen sich glaubwürdig und annehmbar für den Menschen von heute anhören. Dafür aber muss zunächst einmal die Theologie vorarbeiten. Es muss in aller Schärfe gesagt werden, dass die traditionellen Glaubensausagen mindestens für die zunächst einmal notwendige Glaubensverkündigung eithin ungeeignet sind oder es immer mehr werden. Selbstverständlich bleiben sie, und zwar gerade auch für die Theologie, ein Ausgangspunkt und eine Norm des theologischen Denkens. Aber wenn die Theologie der Verkündigung dienen will, können die traditionellen Glaubensformeln nicht mehr in der Weise Endpunkt der theologischen Überlegung sein, wie dies bisher der Fall war und wie diese Ausgangs- und Endpunkte mehr oder weniger in der Verkündigung, mit ein paar Erklärungen versehen, allein geboten wurden… Katholische Theologie muss von der Glaubensüberzeugung

getragen sein, dass eine solche ‚Entmythologisierung‘ innerhalb einer eindeutigen Orthodoxie möglich ist… Eine im richtigen Sinne ‚entmythologisierende‘ Theologie müsste sich darüber klar sein, dass Sätze wie: In Gott gibt es drei Personen; Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt; Wir sind durch das Blut Jesu Christi erlöst, einem Menschen von heute, wenn sie im alten Stil der Theologie und Verkündigung Ausgangs- und Endpunkt der christlichen Aussage bleiben, einfach unverständlich sind und den Eindruck von barer Mythologie in einer Religion früherer Zeiten machen.‘ (Rahner, Schriften zur Theologie, X, 51ff)

Wir fragen: Genügt es – wie es oben im Kanzelwort geschieht – Sätze aus dem Credo zu zitieren, damit wieder alles ins rechte Lot kommt? Wenn ja, dann sind Konzilien und Theologie überflüssig; wenn nein, dann fangen die Fragen beim Credo erst an.

WIE KANN MAN DEN GLAUBEN AM BESTEN ‚VERTEIDIGEN‘?

Im Herbst 1975 tagte das 3. Europäische Bischofssymposium in Rom. Von den Verhandlungen ist nicht viel an die Öffentlichkeit gedrungen. Lag es daran, dass man in Rom, und zwar draussen am Stadtrand tagte? Oder weckte das Thema ‚Die Sendung des Bischofs im Dienst am Glauben‘ nur wenig Interesse? Immerhin, von einem Referat gingen einzelne Sätze mehrmals über die Ticker der katholischen Agenturen, vor allem der, dass ohne Theologie das kirchliche Lehramt heute riskiere, ‚unbedeutende Formeln zu wiederho-

Das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit steht in der vom Zweiten Vatikanischen Konzil bekräftigten Prioritätenliste der Glaubenswerte wohl nicht mehr weit oben. (Deshalb wird der Papst auch vielen Katholiken gestatten können, sich weiterhin für katholisch zu halten, auch wenn für sie dieser Glaubenssatz keine Gewissenssache ist. Daher erscheint es auch zu pauschal, einen Theologen nicht mehr katholisch zu nennen, weil er seine Bedenken an einem Randdogma offenbart.) Aber für Rom steht ein Prinzip auf dem Spiel. Es erscheint wichtig, dieses zentrale Problem der „Sache Küng“ Katholiken und Außenstehenden vor Augen zu führen. Es geht um das Wesen der katholischen Kirche oder — mit Küngs Worten — darum, ob katholische Kirchengemeinschaft möglich ist, „auch ohne streng autoritäre Führung“, nicht ohne Führung, nicht ohne Autorität, sondern ohne die Form der Kirchenleitung, die zwei Jahrtausende nach ihrer göttlichen Gründung die römisch-katholische Kirche angenommen hat, unter der sie die längste Zeit ihres Bestehens nicht stand. Von daher wird die Entscheidung über die Freiheit der Theologie und der Theologen gefällt — deren Aufgaben und Pflichten für die Kirche ebenso lebenswichtig sind wie das wachende und kontrollierende „Lehramt“, das die Kirche schon allzulange zu wichtig genommen hat. Denn im Unterschied zu anderen Religionen hat das Christentum stets die Verbindung zwischen Glaube und Vernunft gesucht, weil nicht der Irrwisch Gottes Mensch wurde, sondern das Wort, der Theos wurde Logos. Die Botschaft des Christentums ist Theo-Logie.

H.-J. Fischer, in: FAZ, 29.12.1979

len‘. Dieses Referat hielt der im Jahre 1974 nach Albi berufene Erzbischof Robert Coffy. (Cf Orientierung, 1976, Nr. 6 und 7)

Das Lehramt hat nach Coffy eine positiv initiierende Rolle (promotor) und eine schützende bewährende Funktion (custos). Er beruft sich auf das Konzilsdekret ‚Christus Dominus‘ N. 13: ‚Sie (= die Bischöfe) sollen die christliche Lehre auf eine Weise vortragen, die den Erfordernissen der Zeit angepasst ist, d.h., die den Schwierigkeiten und Fragen, von denen die Menschen so sehr bedrängt und geängstigt werden, entspricht… Diese Lehre sollen sie auch schützen, indem sie die Gläubigen lehren, sie zu verteidigen und auszubreiten.‘

Bischof Coffy kommentiert: ‚Man muss beifügen, dass die beste Weise, heute ein ‚custos‘ zu sein, darin besteht, ein ‚promotor‘ zu sein, denn die Treue zum Zeugnis der Apostel besteht heute ohne Zweifel in der Findung einer Neuformulierung des Glaubens und in der neuen Weise, den Glauben zu leben und zu feiern.‘

Wir fragen: Was tut die sogenannte Glaubenskongregation, und zwar konkret, um den Glauben dadurch zu schützen, dass sie seinen Ausdruck den Erfordernissen der Zeit anpasst?

Man spricht so gerne von Verwirrung und Verunsicherung. Wer wird verwirrt? Wer wird verunsichert? Doch wohl zuerst Menschen, denen man in der Kirche nicht rechtzeitig und nicht genügend geholfen hat, ihren Glauben im Interesse einer mündigen Glaubenszustimmung kritisch zu reflektieren!

Hat André Mandouze nicht Recht wenn er schreibt: ‚Quant aux préposés à la ‚doctrine de la foi‘, leur cas me semble encore plus désespéré: qu’on me cite donc le titre d’un seul ouvrage notable qui ait franchi l’enceinte du Vatican produit par un de ces personnages. Tout se passe plutôt comme si, incapables d’aider par eux-mêmes à la diffusion des vérités de foi, ils se chargeaient d’empêcher d’autres qu’eux de s’acquitter de ce qui – dans un tout autre sens, et celui-là légitime – pourrait être réellement le ‚Saint-Office‘ de mettre le peuple de Dieu en état de remplir sa fonction dans le monde.‘ (Le Monde, 2 déc. 1980)

Il est vrai que Hans Küng est un théologien d’avant-garde, qui cherche, par des travaux d’histoire et d’exégèse qui suscitent l’admiration de beaucoup de ses pairs, à lancer un pont œcuménique vers les autres chrétiens, surtout protestants. Mais son crime, c’est de quitter les revues spécialisées pour la place publique; c’est de mettre à la disposition des « simples fidèles » les thèses acceptées par de nombreux théologiens, même catholiques; en un mot, c’est d’écrire des best-sellers. On ne lui pardonne pas son succès: comme le disait le cardinal Luciani, « dès qu’un théologien paraît en livre de poche, il est perdu pour la saine doctrine ». Est-il si sûr, cependant, que saint Thomas, qui se délectait des débats publics, aurait dédaigné la télévision comme moyen d’enseignement?

in: Le Monde, 20/12/79

Karl Rahner gibt zu bedenken, ‚dass in den römischen Verurteilungen der letzten hundert Jahre der wahre Glaube zwar wirklich, aber auch nur auf eine sehr sterile und fast bloss repressive Weise verteidigt wurde, ohne dass durch eine solche römische Aktion eine positive Integration der neuen Probleme erreicht und diese Probleme anders gelöst worden wären als Jahrzehnte zu spät und im allgemeinen nur von solchen Leuten, die für die römischen Gremien eher verdächtig waren. Ohne Zweifel wurde die katholische Wahrheit verteidigt, auch wenn diese oft recht lang gekoppelt wurde mit obsoletn Meinungen der Schule. Aber man hat so viele verloren, die dieser Wahrheit hätten zustimmen müssen und von sich aus auch dazu bereit gewesen wären, jedoch den Glauben verloren, weil sie einerseits in einer geistig-sozialen Umgebung lebten, die weit entfernt war von derjenigen der römischen Doktoren, und weil zum andern ihnen diese Lehre vorgelegt wurde in einer für sie nicht gemässen Weise. Wenn die Geschichte dieser Kongregation im letzten Jahrhundert ehrlich beurteilt wird, dann erscheint sie als eine historia calamitatum und der verpassten Gelegenheiten, als eine Geschichte, die von Leuten gemacht wurde, welche sich unbeschadet ihrer legitimen Autorität und unbeschadet ihres Auftrags, die katholische Wahrheit zu verteidigen, allzusehr als die ‚beati possidentes‘ gaben.‘ (Glaubenskongregation und Theologenkommission, in: Rahner, X, 228-357, hier: 241).

IST KÜNG EIN KETZER ?

Ernst Bloch hat einmal geschrieben: ‚Das Christentum hat Ketzer hervorgebracht, das ist das Beste, was eine Religion überhaupt hervorbringen kann.‘

Wen als Christ dieser Satz schockiert, sollte daran denken, dass Jesus selbst für das damalige religiöse Establishment ein Ketzer war und als solcher verfolgt wurde.

Ketzer sind – nicht immer, aber manchmal schon – prophetische Gestalten gewesen, deren Hauptfehler darin bestand, ihrer Zeit voraus zu sein und Entwicklungen vorwegzunehmen, die die religiöse Institution erst langsam, und oft gegen manch unnötige Rückzugsgefechte, integriert hat.

Ketzer sind unbequeme Gäste. Man kann sich ihrer auf vielerlei Art und Weise entledigen. Damit sind die Ideen, Anfragen, Kritiken, die sie aufgeworfen haben, nicht aus der Welt geschafft. Wahrheitsfragen lassen sich nicht mit Disziplinarmassnahmen lösen. Kann einer Kirche daran gelegen sein, in den Verdacht zu kommen, dass es ihr ehemals ihre eigene Autorität als um die Wahrheit geht?

Jean Leyder

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