Thronwechsel in Luxemburg

Einleitung ins Dossier

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Wie vielen anderen Luxemburger Kindern war es auch dem Kind, dessen Foto wir auf der Titelseite dieser forum-Nummer abgebildet haben, nicht vergönnt, sich für das oberste Amt im Staate Luxemburg zu qualifizieren. Zwar ist es als ältester Spross unseres amtierenden Staatschefs zur Welt gekommen und erfüllte damit zum Zeitpunkt seiner Geburt schon die wichtigsten Voraussetzungen für eine Kandidatur, aber es war ein Mädchen. Prinzessin Marie-Astrid, um die es sich handelt, – das erstgeborene Kind von Großherzog Jean und Großherzogin Josephine-Charlotte von Luxemburg – war in dem Moment kraft Verfassung und Erbfolgegesetz ihrer Familie disqualifiziert, als sie in Prinz Henri (im Foto auf dieser Seite) einen jüngeren Bruder bekam.

Die Vorstellung, dass ein hohes Staatsamt einigen Kindern gleichsam in die Wiege gelegt wird, ist heute nicht mehr so leicht zu vermitteln. Dass noch dazu Männer bei dieser öffentlichen Stellenausschreibung bevorzugt behandelt werden, passt schon gar nicht mehr zu den deklarierten Werten unserer Zeit. Auch der Verweis auf die historischen Wurzeln der Luxemburger Monarchie und die praktischen Vorteile dieses "institutionellen Arrangements zwischen dem Staat und einer relativ willkürlich ausgesuchten Privatfamilie" liefert zwar viele Argumente für die Monarchie, keines aber für die Bevorzugung von Männern. Marie-Astrid wird am 28. September 2000 nicht Großherzogin von Luxemburg und die Wahl unseres Titelphotos soll daran erinnern.

Die Artikel in diesem forum-Dossier versuchen einige grundsätzliche Fragen der Luxemburger Monarchie zu behandeln – Fragen, die allesamt über das Ereignis des angekündigten Thronwechsels hinausgehen.

Die Inszenierung der Monarchie steht im Mittelpunkt des Beitrages von André Linden (S. 25). Er analysiert die Ankündigung des Thronwechsels am 24. Dezember 1999 und vergleicht den Ablauf und die gewählte Dramaturgie mit dem Ereignis von 1964, als Großherzogin Charlotte ihren Willen bekundete zurückzutreten. Es scheint, dass die damalige Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist und die politischen Akteure von heute einen größeren Erklärungsbedarf sehen, um einen geregelten Thronwechsel zu gewährleisten.

Jürgen Stoldt versucht der Frage nach Legitimation, Funktion und Nutzen der luxemburgischen Monarchie nachzugehen (S. 29). Insbesondere die Rolle des Fürsten in Friedenszeiten ist für ihn nicht wirklich geklärt. Er warnt vor einer auf die Interessen der Wirtschaft ausgerichteten Instrumentalisierung der großherzoglichen Familie.

Michel Pauly beschreibt die Stellung des Großherzogs in der luxemburgischen Verfassung und weist auf, wo die Ver-

Photo auf dieser Seite: Erbgroßherzog Henri im Alter von einem Jahr
Photo: Edouard Kutter, jr., aus: La famille princière de Luxembourg, Luxembourg, 1962

fassungsnorm an die Verfassungswirklichkeit angepasst werden sollte (S. 35). In einer ganzen Reihe von Bereichen besteht dringend Klärungsbedarf. Leider hat die Abgeordnetenkammer zwar fast die gesamte Verfassung zur Revision freigegeben, doch die den Staatschef betreffenden Artikel dabei ausgespart. Michel Paulys Vorschlag, das Referendum von 1919 in regelmäßigen Abständen zu wiederholen, um der konstitutionellen Monarchie eine zusätzliche demokratische Legitimation zu verschaffen,

Der Wunsch nach Diskretion und das Recht auf Information

Die Diskretion des luxemburgischen Hofes ist vorbildlich. Doch das Recht auf Schutz der Privatsphäre und eine gewisse Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit müssten sich eigentlich nicht gegenseitig ausschliessen. Trotzdem ist es forum nicht gelungen, ein Interview mit einem offiziellen Vertreter des Hofes zu führen, was wir sehr bedauern. Wir hätten unsere Leser über ganz praktische Fragen des Hofes informieren wollen: Etikette, Ausstattung, Bedeutung des Adels, Trennung öffentlicher Verpflichtungen und der damit verbundenen Vorrechte von Privatleben und -interessen, Arbeitsabläufe, oder ganz banal, wieviele Bedienstete hat der Hof, welche Funktionen erfüllen sie und wie steht es mit deren Finanzierung. All das hätte uns interessiert und – wir denken – auch unsere Leser.

Ein Blick auf die Internet-Seite des schwedischen Königshauses zeigt, welche Fülle an Informationen (auch über Einkommens- und Besitzverhältnisse) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, ohne den Ruf einer ehrwürdigen Institution zu beschädigen. Die den Hof betreffenden Kapitel der Homepage der luxemburgischen Regierung sind dagegen weit restriktiver und bestätigen den Eindruck einer unsicheren Informationspolitik der luxemburgischen Regierung in dieser Frage.

würde die Eigenheit des luxemburgischen Staatsmodells noch zusätzlich unterstreichen. Eine solche "Wahlmonarchie" müßte selbst Anhänger der Republik überzeugen.

Guy Thewes beschreibt, in welcher Form die luxemburgische Geschichtsschreibung am Aufbau eines Nationalbewusstseins in Luxemburg mitgewirkt hat (S. 39). Zwei Begriffe, die aufs Engste mit der Monarchie verbunden sind, spielten dabei eine große Rolle: "Fremdherrschaft" und "Treue gegenüber der Dynastie". Beide Begriffe erweisen sich als Mythen, die einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht standhalten.

Ein weiterer Mythos ist der nationale Konsens um die Dynastie. Mindestens zweimal war sie im 20. Jahrhundert Gegenstand heftigster Auseinandersetzung. Im Dossier Nr. 112/1989 erinnerte forum an die Krise, die 70 Jahre zuvor den Thron der Großherzogin erschüttert hatte und Luxemburg fast die republikanische Staatsform eingebracht hatte.

In dieser Nummer skizziert Paul Dostert die Diskussionen, die nach dem 10. Mai 1940 durch die Flucht der großherzoglichen Familie ausgelöst wurden (S. 44). Gegenüber den anfänglichen Zweifeln an der Richtigkeit der Entscheidung zur Flucht setzte sich später die Erkenntnis durch, dass das Exil der Großherzogin Vorraussetzung der nationalen Rettung war.

Den Abschluss macht ein Beitrag von André Hoffmann, den man übrigens getrost auch an den Anfang setzen könnte (S. 47). André Hoffmann zählt eine Reihe Punkte auf, die zeigen, wie fragwürdig (im besten Sinne des Wortes) die Institution der Monarchie auch in Luxemburg und auch in ihrer heutigen Form ist. Sein Beitrag kann exemplarisch dazu beitragen, dass das Thema "Staatsform" unvoreingenommen debattiert wird. Die öffentliche Sache (also auch die Monarchie) darf nicht nur gefeiert werden, sie will diskutiert werden, um Bestand zu haben.

JST

Candidatures par Nicolas Vial

aus: Le Monde

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