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Gleich im Vorwort quillt der Weihrauch: "Die Bedeutung einer Nation hängt nämlich nicht unbedingt von quantitativen Kriterien ab, sondern vor allem von ihrem Willen, nach den Prinzipien und Regeln einer demokratischen Einheit zu leben und zusammenzuleben", tremolieren die beiden Staatenlenker Santer und Poos in der ersten Ausgabe von "Voilà Luxembourg", dem neuen Magazin des echten Luxemburgers. Da wird das Auge feucht! Da wird das Herz so leicht! "Ja, so ist es!" möchte man jubilieren, den süßen Weihrauch aus den schönen Zeilen schlürfend. Ja, wir sind Demokraten! Ja, wir sind uns einig! Wie mär schwer (an dei aner solle bleiwen, wou se sin) Freudig erregt blättern wir in der glanzvollen Publikation und stellen fest: der Weihrauch nimmt nicht ab. Er wabert durch alle Artikel, umhüllt den Beitrag über die keimende Filmindustrie, durchdringt das Loblied auf die unverwüstliche Dynastie, setzt sich gar fest im Flughafenbericht und in der lukullischen Rubrik. Eine neue publizistische Gattung ist geboren: die weltoffene Selbstbeweihräucherungs-Presse.
Lange genug herrschten auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde die Quengler aller Klassen. Mit ihrer Überfunktion der Kritikdrüsen belästigten sie Land und Volk. In nahezu allen Zeitungen schlugen sie Wurzeln, die Bescheißer und Verreißer, die Enttarner und Verwarner, die selbsternannten Entertainer des Bösen und Schlechten. All diese manischen Kritikaster streuten uns stets den Sand der Zwietracht in die Augen. Sie trübten unablässig unseren
klaren Blick für das Erhebende, das Unverwechselbare, das abgrundtief Beruhigende der Heimat. Sagen wir es ohne Umschweife: viel hätte nicht gefehlt, und wir wären ein Volk von Mäklern und Nörglern geworden. Zum Glück hat jetzt der Staat sich eingemischt. Die Regierung gründete die Zeitschrift "Voilà Luxembourg". Viermal im Jahr soll sie uns selber, dem Kontinent und der Welt beweisen: wir sind das friedfertigste Häuflein auf Erden. Wir haben uns das Meckern und Maulen abgewöhnt. Wir glauben alles, was die Herrschenden verzapfen. Nicht schwarz auf weiß, sondern vierfarbig auf Glanzpapier kann es jeder nachlesen. Wir bekennen uns endlich zu unserer schäfchensanften Dummheit. Wir lassen uns alles gefallen. Wir sind Europäer "avant la lettre". Anders gesagt: wir stehen an der Spitze der kommenden neuen Weltordnung.
Einige "freie" Mitarbeiter der neuen Staatszeitschrift flüstern an abhörsicherem Ort, es werde vom zuständigen Informations- und Pressedienst (eine Art Genehmigungsbehörde für staatstreue Journalistenbeiträge) eine geradezu barbarische Zensur ausgeübt. Ins Layout von "Voilà Luxembourg" dürfe nichts, aber auch gar nichts reinrutschen, was nur entfernt an eine skeptische -oder sagen wir mal: weniger optimistische- Auffassung der Luxemburger Realität erinnert. Ja, was wollen sie denn, diese zensierten Sensibelchen? Ist denn dem ewigen, destruktiven Gehabe, den morbiden Attacken auf unsere Eigenart anders beizukommen als mit kräftigen Zensurschlägen? Und schließlich: die "freien" Mitarbeiter verdienen viel, sehr viel Geld. Sie sollen es allen Ernstes als Schweigegeld betrachten. Oder als Schmiergeld. Wie geschmiert macht sich das Schweigen breit in "Voilà Luxembourg". Früher hätte ein solches Druckprodukt "aseptisch" geheißen. Heute sprechen wir wohlwollend von zukunftsorientiert wertetradierendem nation-marketing. Daran wollen wir uns bitte halten: "Voilà Luxembourg" ist eine zwar bewußtseinsvernebelnde, aber horizontalweiterende, aber konvergenzschaffende, aber konsensstiftende Lektüre. Und ganz nebenbei propagiert die schöne Zeitschrift einen neuen, glücklichen Kulturbegriff. Ab jetzt steht fest: Kultur ist, wenn wir uns selber auf die Schulter klopfen. Damit wäre schon der halbe Weg zur europäischen Kultur(haupt)stadt bewältigt.
Seien wir doch ehrlich: es tut uns gut, endlich wieder unser Land im hellsten, ungetrübten Licht zu erleben. Fast wäre dieses unser nationales Haus versackt im Dreck der vereinigten Nestbeschmutz. Jetzt aber dürfen wir es betrachten, wie es wohl schon immer war: ein betörendes Amalgam von Landschaften, eine Heimstätte für quicklebendige Trendsetter, eine nahezu universelle Oase des Zeitgeistes. Hier starten und landen behende Flugzeuge, hier wird ein herrlicher Stausee geleert und gefüllt, hier kocht eine veritable Madonna des Elektroherds, hier werden eigene Münzen geprägt und verteilt, hier blinken prächtige Satelliten hoch über den Häuptern der lieben Luxemburger, hier fideln aufopferungsfreudige RTL-Musiker so betörend, daß unsere verwöhnten Ohren sich kräuseln vor Lust und Wonne. Es ist ein Genuß, Luxemburger zu sein! Weg die Geldwäscher und Mülldeponienverseucher, weg die Immobilienmafia und die Ausländerverheizer, weg die Kernkraftwerke vor der Tür und die Kriege im Hinterhof. So lieben wir unser Land. So fühlen wir uns heimisch im Reich der Träume.
Zum Glück hat unser Staat den unbelehrbaren Kritikern nicht nur einen moralischen, sondern vor allem einen materiellen Keulenschlag versetzt. 30 Millionen kostet (offiziell) eine Jahreslieferung von "Voilà Luxembourg". Die acht kleinen, kritischen Kulturzeitschriften Luxemburgs erhalten neuerdings einen Jahreszuschuß von einer Million, macht pro Publikation 125.000 Luxfränkli. Machen wir eine kleine spaßige Rechnung? 240 Jahrgänge einer kritischen, freien Luxemburger Kulturzeitschrift wären erfordert, um einen einzigen Jahrgang der unkritischen, unfreien Zeitschrift "Voilà Luxembourg" aufzuwiegen. Doch dies, wie gesagt, nur zum Spaß. Seien wir beruhigt: die Kritikaster werden sich nicht mehr erholen.
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