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Die DP hat sich ein neues "liberales Manifest" als ideologische Grundlage gegeben. Für den Chefredakteur und Direktor des "Journal" drängte sich im selben Zusammenhang auch eine Neubesinnung des Verhältnisses zwischen DP und katholischer Kirche auf. Dass er "forum" um Veröffentlichung seiner Gedanken bat, hat sicher auch eine Signalbedeutung, die hoffentlich von anderen Kreisen in der Luxemburger Kirche wahrgenommen wird.
Versachlichung im Verhältnis zwischen Liberalismus und Kirche, aber…
In der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen politischen Kräften und kirchlichen Institutionen stets wechselvoll. Es wurde in gewissen Abständen, nach unvermeidbaren, oft äusserst heftigen Spannungsperioden, aber immer wieder entkrampft.
Zwischen den Liberalen und der Kirche gab es seit
jeher, in Luxemburg wie anderswo, eine gewisse Distanz, die aus wechselseitigen Vorwürfen entstand. Daraus ergab sich zeitweilig sogar eine offene Gegnerschaft.
Die katholische Kirche sah ursprünglich im Liberalismus das Freidenkertum verkörpert, zudem einen Relativismus, dem nichts "heilig" war und einen ethischen Permissivismus. Ein besonderes Übel war für die Kirche das Bestreben des Liberalismus, den einzelnen Menschen absolut zu sehen und allein die Vernunft als Masstab für Erkenntnisse und Praxis zu werten.
Glauben gegen Wissen
Aus den liberalen Prinzipien wurde vor allem der Vorwurf an die Kirche abgeleitet, sie nehme durch einen Klerikalismus zu starken Einfluss auf das öffentliche Leben und unterdrücke damit den Pluralismus in der Gesellschaft. Ihre dogmatische Weltanschauung entmündige den Menschen, ihre Absolutheitsansprüche in Glaubensfragen seien intolerant. Die Kirche sei ausserdem rückständig, da sie Erkenntnisse der Wissenschaft und deren praktische Nutzung zum Wohle der Menschen in vielen Fällen ausschlage. Glauben also gegen Wissen ausspiele.
Feindbilder
Diese gegenseitigen Vorhaltungen ergaben sich natürlich aus konkreten Erfahrungen der Vergangenheit. Sie führten aber oft dazu, dass die Positionen verzerrt und bis zu Feindbildern entstellt wurden. Ein konstruktiver, nützlicher Dialog wurde oft unmöglich, und sogar bis heute zum Teil erschwert.
Dies war eigentlich erstaunlich, da gerade in einem Land wie Luxemburg sozusagen alle Mitbürger ja getaufte Katholiken und lange Jahre hindurch auch treue Kirchengänger waren. Ausser für eine intellektuelle Minderheit, die nicht nur die Liberalen umfasste, bestand keine Unvereinbarkeit zwischen politischem und kirchlichem Engagement.
Entradikalisierung
In den vergangenen Jahren hat sich das Klima – im Vergleich zur Jahrhundertwende und den Nachfolgejahren – vor allem deshalb verbessert, weil durch eine beidseitige Entradikalisierung veränderte Positionen entstanden. Der Blick für gemeinsame Aufgaben und Ziele wurde geschärft.
Das zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und die Diözesansynode der siebziger Jahre in Luxemburg liessen eine Öffnung der katholischen Standpunkte zur modernen Welt erkennen. Die eingangs erwähnten Vorhaltungen des Liberalismus an die Kirche waren nicht mehr aufrecht zu halten, da diese jetzt die Mündigkeit des Menschen unterstrich, den Wert der Wissenschaft anerkannte, zu Toleranz gegenüber Nichtchristen aufruf und auch den Pluralismus in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nicht mehr in Frage stellte.
Gemeinsame Grundlagen
Diesem neuen Selbst- und Weltverständnis konnte die liberale Seite natürlich nur eine konstruktive Haltung gegenüberstellen. So scheint denn auch die Kulturkampfmentalität (s. z.B. Schulstreit 1912) weitgehend überwunden, auch wenn konservative Kreise gewissermassen stellvertretend (oder selbsternannt), aber keineswegs im Namen der Kirche an sich, zuweilen politische Scharmützel liefern (s. rezenten Vorstoss in der Privatschulfrage).
Der Vorurteil- und Blick, der für einen konstruktiven Dialog vorausgesetzt sein muss, offenbart eine Menge gemeinsame Grundlagen (Menschenrechte, Bemühen und schwache Gesellschaftsgruppen, um die Anerkennung ausländischer Mitbürger, ein Umdenken
in der Umweltproblematik u.a.m.). Der konstruktive Dialog ermöglicht ausserdem eine sachlichere Diskussion strittiger Probleme, auch wenn hier Gemeinsamkeiten nicht zustande kommen können (etwa Schwangerschaftsabbruch, Familienfragen). Die klare Trennung von Moralität und Legalität ist ein Ziel, das zwar nicht durch Einigung, aber durch den Respekt der Standpunkte zu erreichen ist.
Ausgangspunkt Toleranz
Der liberale Ausgangspunkt ist Toleranz, der Respekt der spezifischen Eigenarten Andersdenkender. Das Ziel einer offenen Gesellschaft setzt Pluralismus und Meinungsvielfalt voraus. Diese Haltung müsste ermöglichen, im gemeinsamen Bemühen um den Menschen, aufeinander zuzugehen und eine neue Phase der Beziehungen einzuleiten.
In Luxemburg wird diese Entfaltung leider durch erzkonservativ gebliebene Kräfte ungemein erschwert, die nicht nur den Dialog mit den Liberalen (und Gleichgesinnten) immer wieder aufs Spiel setzen. Ist es Machtverblendung, oder -besessenheit, die unnachgiebige, untolerante und zudem weltfremde Publizistik erklären, gegen die hierzulande offensichtlich niemand ankommt? Der Sache der Kirche ist mit einer rückständigen Propaganda – die den Synodalbeschlüssen zum Teil zuwiderläuft – jedenfalls qualitativ nicht gedient, wie sie von einem herrschsüchtigen Presseimperium um das "Luxemburger Wort" betrieben wird.
Kein Wunder, dass der Ruf der Kirche durch eine ständige Verflechtung mit reinen (partei-)politischen Ansprüchen aufs Spiel gesetzt wird. Der Staat darf sich mit einer Kirche oder Weltanschauungsgemeinschaft nicht identifizieren. Es darf kein Bürger wegen Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Kirche privilegiert oder benachteiligt werden.
Früher oder später wird die Kirche selbst zu entscheiden haben, ob der Preis der Macht ihr nicht zu hoch ist, um eine Position zu halten, die anderswo längst nicht mehr in diesem Ausmass vorhanden ist. Die Glaubwürdigkeit von religiösen Werten oder Überzeugungen kann auf Dauer wohl kaum für einseitige Interessen geopfert werden, die mit den Glaubensinhalten selbst nichts gemein haben.
Nicht für die totale Konfrontation geschaffen
Das Christentum, das die Geschichte, die Kultur und die ethischen Wertvorstellungen in Europa zweifellos entscheidend mitprägt und dem Menschen eine Antwort auf die Sinnfrage des Lebens gegeben hat, ist nicht für die totale Konfrontation geschaffen. Es hat schlechte Erfahrungen damit gemacht. Immer auf Kosten der Menschen. Und schliesslich seiner grossen religiösen Mission.
Die Menschen können sich nur auf eine Kirche stützen, von der sie Entgegenkommen und Verständnis für ihre Hauptfragen und auch ihre ständig ändernden Problemlagen erwarten. Das bedeutet auch positive Partnerschaft in politischen Aufgabenbereichen, wo es freilich nicht zu einer ständigen Vermischung notgedrungen oft unterschiedlicher Wirkungsfelder kommen darf.
Eine Frage der äußeren Gestalt
Das heisst nicht, dass der Kirche ein Mitsprache-recht verweigert wird, das in der pluralistischen Gesellschaft allen relevanten Gruppen und Institutionen fest erhalten bleiben muss. Die Frage der organisatorischen und rechtlichen Form der Kirche ist somit keine Frage von Substanz oder Lehre, sondern die Frage ihrer äusseren Gestalt in einer sich ständig verändernden Welt.
Es kommt auch nicht darauf an, wie wenige oder wie viele Menschen sich zu einer Religion bekennen. Nach liberaler Auffassung hat der Schutz der religiösen oder weltanschaulichen Minderheit Vorrang vor dem Recht der Mehrheit.
Oberstes Gebot: der eigene, freie Wille
Parallel dazu gilt – in Anlehnung an das Pluralitätsprinzip – die Absage an jedes Monopol sowohl des Staates wie der Kirche. Monopole beinhalten die Gefahr von Missbrauch, Bevormundung und Intoleranz. Deshalb kann der Anspruch auf die pluralistische Gesellschaft nicht oft und deutlich genug herausgestellt werden.
Dieser demokratische Anspruch ist gleichbedeutend mit einer Absage an Abhängigkeit, aus denen sich die Menschen kaum noch befreien können.
Der eigene freie Wille des mündigen Bürgers muss oberstes Gebot bleiben.
Für Staat und Kirche!
Rob Roemen
Anmerkung der Redaktion
Rob Roemen sieht die Ursachen für ein in der Vergangenheit oft gespanntes Verhältnis zwischen Kirche und DP vornehmlich auf ideologischer Ebene. Er erwähnt insbesondere den Vorwurf des Relativismus und der Permissivität, den die Kirche gegenüber dem liberalen Gedanken erhob. Wohl aus diplomatischen Gründen übergeht er die parteipolitische Bildung der Luxemburger Kirche, die aus Machterhaltungsgründen geschah und so manchen Konflikt mit anderen Ideologien am leichtesten erklärt.
Wichtiger scheint uns die Feststellung, dass der "Journal"-Chefredakteur einen anderen Vorwurf, den die Kirche spätestens seit Papst Leo XIII. regelmässig an die Adresse des Liberalismus erhob, übergeht: nämlich den Vorwurf, dass das liberale, kapitalistische Wirtschaftssystem auf dem Profitstreben des einzelnen Unternehmens beruht und die Masse der Lohnabhängigen viel zu kurz kommt. Der Liberalismus vertritt seit jeher die Freiheit des Unternehmens, Profit zu machen, und verhindert die Freiheit der meisten Menschen zu wählen, ob sie Unternehmer oder Angestellte werden wollen, weil in einem liberalen Wirtschaftssystem eben nur die Starken, die Kapitalkräftigen sich durchsetzen können. An dieser fundamentalen Entfremdung haben auch von Gewerkschaften erkämpfte soziale Mindestregeln nichts geändert. Vor allem in der Dritten Welt setzt sich die Ausbeutung der Menschen durch Grossunternehmen mit blanker Gewalt fort. Solche Konsequenzen des Wirtschaftsliberalismus hat die Kirche immer wieder gebrandmarkt. Dass Rob Roemen diese Konfliktursache übersieht, liegt aber nicht nur an ihm. Auch die tonangebenden Kreise der Luxemburger Kirche haben aus entsprechenden Lehrschreiben der Päpste immer nur die gleichzeitige Verurteilung des Sozialismus herausgelesen. Ihre soziale Pflicht hat die Kirche bei uns immer nur auf karitativer Ebene, nie auf gesellschaftspolitischem Feld in die Tat umzusetzen versucht. Die Liberalen konnten eine solche Haltung der Kirche natürlich nur begrüssen, da so die negativen Flecken ihres Wirtschaftssystems von einigen Christen aufgewischt wurden.
Mit unserer Anmerkung möchten wir nicht einem neuen Konflikt zwischen DP und Kirche in Luxemburg das Wort reden. Wir konnten aber nicht umhin, unser Verständnis von Christentum einer unseres Erachtens, sehr partiellen Darstellung des Liberalismus gegenüberzustellen. Dass in der Praxis sowohl in der DP (als auch etwa in der LSAF) Christen engagiert sind, ändert nichts an der Notwendigkeit, ideologische Unvereinbarkeiten aufzuzeigen; es zeigt höchstens, dass manche Kirchenmitglieder ihre politische Anschauungen über ihre Glaubensüberzeugungen setzen. Andererseits ist eine sinnvolle Auseinandersetzung nur dann möglich, wenn die wahren gegensätzlichen Standpunkte klar sind. Dass es diesbezüglich in der Kirche aber sehr starke Nüancen gibt, hat Rob Roemen richtig erkannt.
Solidaritéit Landarbechter
CCP 9990-96 AFC-SOLIDARITE TIERS MONDE
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Mehr Information dazu im Centre d’Information Tiers Monde, 23 av. Gaston Diderich Luxemburg. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr; sonst Telefon 45 25 86.
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(FAD)
Commun.:
"don projet Geisen"
(AFC-Solidarité Tiers Monde)
Projekt wurde in "forum" Nr. 92 vorgestellt!
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