Vom Kinderschutz zur Familienhilfe
Der Umgang mit Kindern in Schwierigkeiten und ihren Familien
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Kinder in Schwierigkeiten? Ganz klar, hier geht es um «die Anderen», jene, um die sich die Sozialarbeiter kümmern müssen. Ein Thema nur für Insider, für Leute aus dem Sektor also? Nein, die wohlmeinende Überheblichkeit der Mittelschicht gegenüber den Benachteiligten unserer Gesellschaft ist ein Thema für uns alle, und sie treibt ihre stillsten und auch erschreckendsten Blüten gerade dort, wo am meisten Hilfe gebraucht wird.
Bei der Vorbereitung des Dossiers über Sozialarbeit (Nr 183) waren wir bereits mit der Problematik der exzessiven Heimeinweisungen in Berührung gekommen. Im jetzt vorliegenden Dossier zeigt sich die Logik, die dieser Praxis zugrunde liegt: 1. Der kurzfristige Schutz des Kindes wird sehr hoch angesetzt, der längerfristig für das Kind wichtige Erhalt der familiären Bindungen (zu seinen «unfähigen» Eltern) wird vernachlässigt.
- Hilfe nach dem Motto «wir wissen was gut für euch ist» artet in Bevormun-
Bovormundung aus, die bestenfalls zu passiver Einwilligung, schlimmstenfalls aber zu aggressiver Ablehnung und Sabotage führt. Gewiß, es gibt Fälle, in denen Zwangsmaßnahmen notwendig sind, doch man sollte immer die langfristigen Folgen für das Kind bedenken. Es ist kein Zufall, daß die Kinderrechte das Recht des Kindes, in seiner Familie aufzuwachsen, einschließen. Kinderrechte sind Familienrechte.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht um eine Wiederherstellung einer absoluten Verfügungsgewalt der Eltern über ihre Kinder. Es geht nicht um den Erhalt einer idealisierten Familienstruktur um jeden Preis. Es geht um eine Neubewertung von nichtkonformen und/oder beschädigten Familiensystemen, die zur Zeit oft gedankenlos ausgeschüttet werden, wenn Hilfsmaßnahmen auf das Kind angewendet werden, pardon, wenn dem Kind geholfen wird.
Es geht auch nicht darum, die Ghettoisierung von Teilen der Gesellschaft schönzureden und dem Kind die Option
zu nehmen, einen eigenen Lebensweg, auch gegen seine Herkunftsfamilie, zu versuchen und dabei unterstützt zu werden. Es geht darum, die Schwierigkeiten der Kinder als S.O.S. der Kinder und der Eltern zu verstehen, statt die Kinder zu ihrem Besten zu «befreien» und die «verantwortungslosen» Eltern herumzuschubsen oder ihrem Schicksal zu überlassen.
Seligmann
In unserem ersten Beitrag über Kindesmißhandlung stellt Dr Roland Seligmann die luxemburgische Situation vor. Dabei setzt er sich kritisch mit den Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes auseinander. In einem zweiten Teil gibt er ein Fallbeispiel, nennt fünf mögliche Folgen des Falls (unter anderem die sofortige Heimeinweisung), und erklärt die jeweiligen Gründe. Schließlich erläutert er, warum er die «prise en charge transmultidisciplinaire» vorzieht, und wie diese in Luxemburg etabliert werden könnte.
Brandhorst/Achten
Zum Ende letzen Jahres erschienenen «Weißbuch» zur stationären Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Luxemburg machen Katrin Brandhorst und Manuel Achten einige Anmerkungen. So werten sie es als positiv, daß hiermit die Praxis der Fremdunterbringung und die Fragen, die sie aufwirft, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sie bemerken, daß die luxemburgische Situation dem in anderen europäischen Ländern angeführten Erklärungsschema widerspricht, wonach die zunehmende Fremdunterbringung auf die zunehmende materielle Not antwortet. Anstelle der im Buch angesprochenen Verzahnung von Hilfe und Kontrolle plädieren sie für eine soziale Arbeit, die sich an den Bedürfnissen des Adressaten orientiert und sich in seine Lebensverhältnisse hineinversetzt.
ET/FN
In einem recht kontroversen, aber zum Nachdenken anregenden Beitrag setzen sich E.T. und F.N. mit der täglichen Praxis des Jugendschutzes in Luxemburg auseinander. Sie nehmen die Begleitumständen des umstrittenen Falls K. zum Anlass für eine sehr kritische Betrachtung der Heimeinweisungspraxis und des Umgangs mit Problemfamilien. Unter anderem prangern sie die Rolle des Jugendgerichtes als eines sozialen Kontrollinstruments an. Sie zeigen anhand von Beispielen, zu welchen Auswüchsen es führt, wenn die Probleme von Familien mit sich selbst und der Gesellschaft als Probleme der Gesellschaft mit den Familien und den Kindern angegangen werden. Die in der gleichen Logik verhaftete Praxis der «Schutz-strafe» kann auch keine Antwort auf die Jugendkriminalität sein.
In einem zweiten Teil erläutern sie, wie der Artikel 11 des Jugendschutzgesetzes den Heimen «den Ärger mit den Eltern erspart», und ihnen damit die Motivation nimmt, zusammen mit den Eltern nach Lösungen zu suchen. Insofern der Automatismus des Entzugs der «autorité parentale» die Ausnahme zur Regel macht, handelt es sich bei Art. 11 um eine zweifelhafte Beschneidung der
elterlichen Rechte. Massive Heimeinweisungen mit ihren psychologischen Folgeschäden führen in die Sackgasse, und entbinden von der schwierigen aber lohnenden Verpflichtung, konstruktive und flexible Hilfsangebote aufzubauen.
Soisson
Robert Soisson geht in seinem Beitrag kurz auf die Prinzipien einer familienunterstützenden Sozialarbeit ein. Er beschreibt das "Family Project", das schon 1992 die Zusammenarbeit mit den Eltern forderte. In Luxemburg wurde im gleichen Jahr das neue Jugendschutzgesetz eingeführt, dessen Anwendung zu einer systematischen Stigmatisierung und Entmündigung der betroffenen Eltern führt. Auch in Frankreich wird dieses Problem heftig diskutiert, auch im Sinne der Mitverantwortung der Gesellschaft für die materiellen, sozialen und psychologischen Alltagsschwierigkeiten gerade jener Eltern, gegen die Hardliner mit Strafen vorgehen möchten.
Robert Soisson erläutert dann die Methode des "Video-Home-Training", wo mittels des neutralen (nicht "belehrenden") Mediums Video die positiven Interaktionen in den Familien gefördert werden. In einem weiteren, kanadischen Projekt wurde erfolgreich versucht, die Vernachlässigung der Kinder indirekt zu bekämpfen durch die Verbesserung der materiellen, sozialen und psychischen Situation der Eltern. Schließlich führt er die französischen SESSAD an, die eine Mischung von Sozialdiensten, Therapiezentrum und Sonderschule sind. Solche Modelle sind auch auf Luxemburg übertragbar, unter der Bedingung daß sich Politik und freie Träger zu einem Kurswechsel entschliessen.
Rezension Pregno
Als allgemeine Lektüre zum Thema Kinder in Not empfiehlt sich das Buch "Les enfants, orphelins de droits" von Gilbert Pregno, das hier von Marie-Jeanne Schon rezensiert wird. Die vielfältigen Einzelbeiträge reichen von einem Interview Gilbert Pregnos mit Paul Watzlawick über zahlreiche Reflexionen zum Thema Mißhandlung und Mißbrauch bis hin zu streitbaren
Texten wie z. Bsp. einer schon 1993 formulierten Kritik am berüchtigten Artikel 11.
Stellungnahme
Am Ende des Dossiers findet der Leser einen Nachtrag zur Polemik um einen Fall von vermutetem Kindesmißbrauch mit sofortiger Heimeinweisung. Auf einen Artikel von mp (forum Nr 182) folgte damals eine geharnischte Antwort der Fondation Kannerschlass. Nach klärenden Gesprächen einigten wir uns mit den Verantwortlichen des Kannerschlass auf einen Text zur Klarstellung mehrerer problematischer Punkte. Zusätzlich stellt RK eine Betrachtung der ganzen Affäre an, in der versucht wird, das Thema mit einer gewissen Distanz zu beleuchten.
Am Ende bleibt das Gefühl, daß Widersprüche unvermeidlich sind. Hilfe für Kinder in Schwierigkeiten und ihre Familie auf der einen Seite, Prävention, Schutz vor, und Bekämpfung von strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen wie sexuellem Mißbrauch auf der anderen. Doch Vertrauensverhältnis (zu Tätern, aber auch zu Opfern) einerseits und das Sammeln der Beweislast andererseits vertragen sich schlecht. Sie dürfen sich aber nicht gegenseitig ausschliessen, denn die Abschreckung muß gegeben sein, und Prävention wie auch Reparation brauchen eine Haltung der Hilfe und des Verständnisses. Auch haben beide Zielsetzungen ein gemeinsames Interesse daran, daß die Gesellschaft als Ganzes wie auch der einzelne Täter und das einzelne Opfer ein Fehlverhalten als solches erkennen und anerkennen.
Mit dieser komplexen Materie, in der allzu einfache (aber allzu bequeme) Lösungen schon viel Unheil angerichtet haben, wird sich forum wohl noch öfter zu beschäftigen haben.
RK
forum dankt den Schülern der 7ème (7/15) und 8ème (8TE3) des LTML für die gelungenen Illustrationen zum Thema (Tier-) Familien und bittet um Verständnis, daß aus Platzgründen nicht alle Federzeichnungen und Linolstiche benutzt werden konnten.
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