Von Zensoren und Profilneurotikern
Zu einem neuen Zensurfall bei RTL (II)
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Zu einem neuen Zensurfall bei RTL (II)
In ungewöhnlich heftiger Form haben gleich drei RTL-Vertreter -die Journalisten Michel Raus und Marc Linster, sowie der freie Mitarbeiter Fernand Guelff- am 30. Oktober in der Sendung "Biller, Bicher, Bühn" die 2. Clerfer Literaturtage kommentiert. Dabei wurde das Geschehen in Clerf, so wie es die Teilnehmer erlebt haben, weder objektiv, noch irgendwie informativ dargestellt. Bezweckt war offensichtlich eine persönliche Abrechnung mit zwei Autoren, Georges Hausemer und Guy Rewenig, die in Clerf über die soziale Lage freiberuflicher Autoren und über die Freiheit des Schreibens in Luxemburg referierten.
Die unverhältnismässig emotionale Reaktion der RTL-Vertreter ist nur verständlich vor dem Hintergrund eines Zensurfalls, über den wir bereits in "forum" Nr 82 berichtet haben ("Schwarzer Maulkorb, weisse Weste", S. 10 und 11). Dieser Fall ist seit nunmehr fünf Monaten in der Schwebe. Guy Rewenig hatte in Aussicht gestellt, "forum" über die weitere Entwicklung dieses Streits um die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit zu informieren. Aus aktuellem Anlass setzen wir unser Gespräch mit dem Autor fort. In das Interview haben wir Auszüge aus den erwähnten RTL-Beiträgen eingestrebt (siehe Kästen).
forum: Guy Rewenig, Du hast in unserem ersten Gespräch betont, dass Du gemeinsam mit Deinem Kollegen Georges Hausemer alle verfügbaren Mittel einsetzen wolltest, um die RTL-Verantwortlichen zu veranlassen, die erfolgte Zensur der Sendung "Fräi schreiwen" rückgängig zu machen. Hat RTL sich inzwischen zu einem Einlenken bereiterklärt?
Rewenig: Im Gegenteil. In unserem letzten Brief haben wir den Chefredakteur Roby Rauchs gebeten, den zweiten Teil der Sendung "Fräi schreiwen" innerhalb von fünf Wochen aufs Programm zu setzen, damit die RTL-Hörer endlich unsere integralen Aussagen zur Kenntnis nehmen könnten. Auf diesen Brief hat Herr Rauchs weder mündlich noch schriftlich reagiert.
Während dieser Zeit hat der ebenfalls zensierte Moderator der Sendung, Michel Raus, sich seinerseits beim bundesdeutschen PEN-Club eingesetzt, damit der Zensurfall vor dem PEN-Herbstkongress (Ende September in Saarbrücken) diskutiert und dort gegebenenfalls eine Resolution wider die Zensurpraktiken bei RTL verabschiedet werden könne.
Nach Ablauf der Fünf-Wochen-Frist hat Georges Hausemer sich telefonisch beim RTL-Chefredakteur erkundigt, ob 1) RTL endlich die Sendung "Fräi schreiwen" programmiert, und 2) den Autoren das versprochene (und mehrfach per Rechnung reklamierte) Honorar überweise. Das Verhalten des Herrn Rauchs war höchst überraschend: "hien huet den Domme gespillt", wie man auf luxemburgisch
Almanach 86
sagt. In anderen Worten: er gab vor, sich nicht mehr genau an die Sendung zu erinnern, von Honorarabmachungen nichts gehört zu haben, und vor allem nicht zu wissen, ob denn überhaupt zwei Sendungen zum Thema "Fräi schreiwen" vorgesehen waren. Mit dieser Selbstverleugnung des Chefredakteurs hat die Auseinandersetzung unverhofft ihr tiefstmögliches Niveau erreicht. Wo sogar die minimale Courage fehlt, wenigstens zur eigenen Zensurentscheidung zu stehen, wird jede weitere Diskussion einfach unmöglich.
forum: Wie lässt sich denn nun erklären, dass der gleiche Michel Raus, der sich aus eigenem Antrieb sogar um eine grenzüberschreitende Bekanntmachung des Zensurfalls bemühte, nun plötzlich RTL massiv in Schutz nimmt? Was ist in Clerf vorgefallen, dass ein solcher Gesinnungswechsel eintrat?
Rewenig: In unseren beiden Clerfer Referaten haben wir das Thema RTL nur völlig marginal in einem grösseren Sinnzusammenhang berührt. In meinem Text wurde RTL nicht einmal namentlich genannt, sondern nur die Monopolstellung bestimmter Medien hierzulande kurz im letzten von elf Kapiteln erwähnt.
Die Probleme der Luxemburger Autoren im Umgang mit RTL waren auch in Georges Hausemers Vortrag lediglich ein Punkt unter zahlreichen Erörterungen. Wenn nun die "Biller, Bicher, Bühn"-Sendung den Eindruck vermittelt, in Clerf hätten Hausemers und Rewenigs Interventionen sich auf einen Schlagabtausch mit RTL reduziert, kann dies nur
an der verzerrenden Perspektive der Kommentatoren liegen. Wovon in Clerf tatsächlich die Rede war, kann jeder Interessierte in den sachlichen und nüchternen Berichten und Reflexionen im "Tageblatt" (31. Oktober), "Lëtzebuerger Land" (31. Oktober), "Républicain Lorrain" (1. November), oder "Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek" (8. November) nachlesen. Ausserdem wird das Kulturministerium in Kürze die Texte aller Clerf Referate in einer Broschüre veröffentlichen. Jeder kann sich dann ein genaues Bild über Ursache und Wirkung machen.
Ich möchte auch nicht spekulieren über die Gründe, die Michel Raus bewogen haben, die realen Sachverhalte plötzlich abzustreiten und die Schuld an der Zensur förmlich den betroffenen Autoren anzulasten. Mich stört diese ganze Personalisierung eines grundsätzlichen Problems. Dies ist nämlich der bequemste und publikumswirksamste Weg, von der Zensur bei RTL abzulenken und eine höchst unbequeme öffentliche Debatte zu verhindern. Die Gleichung lautet: Autoren, die sich über Zensur beschweren, sind Profilneurotiker und intolerante Querulanten. Diese Methode hat System und Tradition, nicht nur hierzulande. Jeder mag sich selbst ein Urteil bilden über die Berechtigung und die intellektuelle Qualität der "Biller, Bicher, Bühn"-Kommentare.
Ich möchte die Auseinandersetzung auf ihren eigentlichen Kern zurückbringen: RTL hat eine Sendung zensiert, und weigert sich, zu erklären, warum. Diese Weigerung lässt sich auch nicht mit Gefühlsausbrüchen und RTL-Übertragenen Aburteilungen der zensierten Autoren verdrängen und verwischen. Nach wie vor bleibt RTL uns eine elementare Erläuterung schuldig. Dabei geht es garnicht um die RTL-Journalisten, sondern um die Verantwortlichen, die nach eigenem Ermessen die Zensurentscheidung getroffen haben.
forum: In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Michel Raus in der "Biller, Bicher, Bühn"-Sendung unüberhörbare Fragen an Dich und Georges Hausemer gerichtet hat. Heisst dies, dass euch beiden nun ein Antwortrecht auf dem gleichen RTL-Forum eingeräumt wird?
Revenig: Ich nehme an, dies ist eine reine Scherzfrage. Es ist klar, dass RTL sich hier einfach revanchiert hat, und zwar mit Vorbedacht. Mir kommt das Ganze vor wie ein radiophonischer Amoklauf. Der Inhalt der verschiedenen Kommentare ist aus diesem Grund völlig indiskutabel.
Wir haben keine Möglichkeit, über RTL die Antworten zu liefern, um die man uns mit letzter Eindringlichkeit gebeten hat. RTL demonstriert hier banalerweise nur seine tatsächliche Macht: dieser Sender hat die Mittel, zwei Autoren als unglaubwürdige Scharlatane und Lügner hinzustellen, und ihnen gleichzeitig das Antwortrecht von vorneherein zu verweigern. Jeder mag sich ein Bild machen, was Geistes Kind solche Methoden sind.
Die ganze Sendung über Clerf ist nur die frappierende Verlängerung der Zensur: wer am Mikrofon sitzt, hat auch das Sagen, umso mehr, wenn er sich der Rückendeckung durch seine Vorgesetzten sicher ist. Er kann umso hemmungsloser attackieren, je mehr er sich in Sicherheit weiss, und je weniger er eine Gegenrede zu fürchten hat.
forum: In Clerf hat ein anderer RTL-Journalist euch vorgeworfen, die Bereitschaft des Senders, "etwas für die Luxemburger Kultur zu tun", mit eurer Medienkritik zu untergraben. Ein weiterer RTL-Mitarbeiter rief in den Saal: "Warum regt ihr euch auf über diesen banalen Fall, ihr habt ja keine Ahnung, wie oft ich schon bei RTL zensiert wurde!" Schliesslich meinte ein Diskussionsteilnehmer: "Auch wenn Kultursendungen zensiert werden, es werden aber doch Kultursendungen gemacht". Kann ein Autor sich auf ein solches Kalkül einlassen?
"Biller, Bicher, Bühn", 30. Oktober (RTL)
Michel RAUS:
"Es tritt auf Guy Revenig, und Guy Revenig, wie sein Image es von ihm verlangt, tritt an, er tritt aber auch, und er trifft auch, aber nicht unbedingt allein die Literatur und die Literaten in Luxemburg, er verpasst gleich einem ganzen Land, einem ganzen Staat, einem ganzen Volk -der Gesellschaft, wie dies dann heisst- einen kräftigen Fusstritt. Diese Gesellschaft aber -und das zeigt sich vor allem nachher bei der Diskussion- ist für Guy Revenig geschrumpft zu einer Aktien-, zu einer Kapitalgesellschaft, einer Medienfirma, die partout, mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln zum Feind Nummer eins erhoben werden muss, weil der gleiche Guy Revenig sich bis heute fast alle andern Medien zum Feind gemacht hat, weil ihm -wie es scheint- kein anderer Gegner mehr übrigbleibt. Dabei prägt Guy Revenig ganz an passant die schöne und gerechte Formel "Schreiben, das ist Arbeit an der Freiheit". Eine Frage zurück an Guy Revenig: Freiheit, gehört die denn nur den Schriftsteller? Hat nur ein Schriftsteller Recht auf Freiheit? Dann bliebe ja für alle andern Menschen kein Span Freiheit mehr übrig, das heisst, nur mehr die Unfreiheit. Wäre das nicht Diktatur? Was messen sich denn Schriftsteller da an? Womit rechtfertigen Schriftsteller diesen Anspruch auf Freiheit, exklusiv für sich?"
Revening: Nein. Denn das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Wir bestreiten nicht im geringsten, dass bestimmte RTL-Journalisten von sich aus Anstrengungen machen, der Darstellung von Kultur -oder dessen, was sie für Kultur halten- im Programmschema einen gewissen Raum zu sichern. Der Streit dreht sich garnicht um diesen Punkt. Wir fordern unser Recht in einem sehr präzisen Fall. Damit diskreditieren wir nicht die generellen Bemühungen um kulturelle Rundfunkarbeit. Wenn bestimmte RTL-Journalisten unsere Gegenwehr so interpretieren, vergessen sie, dass es hier prinzipiell um Meinungsfreiheit geht, und zwar nicht allein in Bezug auf RTL. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass freischaffende Autoren gegenüber Journalisten, die unter vielfältigen Zwängen arbeiten müssen, besonders herausfordernd wirken. Denn der freie Autor hat sich ja von sich aus die Bedingungen zur eigenen Freiheit und Unabhängigkeit geschaffen.
Zurück zur einleitenden Frage: wer sich selber ernstnimmt, wird Zensur immer und überall bekämpfen, und zwar prinzipiell. Man kann nicht sagen: "Weil ich an zehn Sendungen teilgenommen habe, die nicht zensiert wurden, schliesse ich nun gnädig beide Augen, wenn die elfte zensiert wird". Genauso fragwürdig wäre folgende Überlegung: "Weil wir schon ziemlich viele Freiheiten haben, fallen die paar Unfreiheiten hierzulande nicht ins Gewicht". Demokratie fusst ja eben darauf, dass Freiheit unteilbar ist und als solche gefordert und verteidigt werden muss.
Schlimmer ist schon, dass bei solchen Milchmädchenrechnungen die versteckte Aufforderung zur Käuflichkeit anklingt, nach dem Motto: wenn du diesmal die Zensur stillschweigend übergehst, verdienst du dir damit eine Einladung zu den nächsten fünf Sendungen. Umgekehrt wurde uns offen gesagt: ihr habt euch mir eurer Kritik aus eigener Schuld den künftigen Zugang zu RTL versperrt. Deutlicher noch: in Clerf betonte ein RTL-Journalist vor Zeugen, ihm sei "von oben herab" untersagt worden, mich noch je einmal ins Studio zu laden. An sich sind solche kindliche Drohgebärden zum Lachen. Andererseits zeigen sie sehr anschaulich, wie bei diesem Sender Strukturprobleme gelöst werden: indem der Kritiker totgeschwiegen wird, schafft man sich die Kritik vom Hals.
"Biller, Bicher, Bühn", 30. Oktober (RTL)
"Zum Teil war es das Thema Zensur, das zur Sprache kam: ein Thema, das nicht genug Aufmerksamkeit verdient. Aber da, wo Zensur nicht mehr als politischer oder gesellschaftlicher Faktor verstanden wird, da, wo sie als Begriff zum Selbstzweck, zur persönlichen Reklame avanciert, kann sogar die progressivste Stimme sich hier nicht in ihren Dienst stellen. Wie erfrischend -und auch dies ist keine Provokation-, wie erfrischend ist eine Zensur, auf die man sich vorzubereiten weiss, die man kennt. Wie gefährlich die andere, hinterlistige, anonyme, nicht greifbare unter dem Deckmantel der Toleranz, aber in jedem Augenblick präsente."
Uns geht es garnicht darum, an möglichst vielen RTL-Sendungen teilzunehmen. Das ist eine reine Unterstellung. Sie ist möglich, weil RTL sich als eine Art Volksbeglücker versteht, den jedermann kniefällig anhimmein muss. Wir verstehen uns gegenüber RTL nicht als Bittsteller, die unterwürfig um gnädige Berücksichtigung betteln. Allzugern gefällt RTL sich in der Rolle des grosszügigen Protekteurs, der die armen Schriftsteller- wichte barmherzig unter seine Fittiche nimmt.
Wir sehen das grundsätzlich anders. Erstens gilt auch für RTL die Pflicht zur Information -sofern bei diesem Sender nicht separate deontologische Richtlinien gelten-, und zweitens tragen wir zur Programmgestaltung bei, wenn wir an Sendungen teilnehmen. Dies ist eine ganz pragmatische Sicht der Dinge. Wir liefern RTL einen Teil des Programms und verlangen selbstverständlich, dass dieser Beitrag genauso honoriert wird wie die Beiträge für andere Sendungen. Dann aber hören wir regelmässig den Einwand: "Wir machen doch Reklame für euch, wie könnt ihr verlangen, dass euch Gratispublizität auch noch bezahlt wird?"
Hier handelt es sich wohl um eine Art professionel-le Deformation: weil beim Kommerzsender RTL alles nach Kategorien von Reklame und Kaufwert eingestuft wird, fällt zwangsläufig auch der Bereich Kultur unter diese merkantile Gesetzmässigkeit. Als Fazit bleibt: kulturelle Arbeit als solche wird nicht respektiert.
forum: Kommen wir noch einmal kurz zurück zur "Biller, Bicher, Bühn"-Sendung. Es ist ungewöhnlich, dass RTL sich in eigener Sache so massiv zu Wort meldet. Gewöhnlich werden Kritiken verschwiegen und verdrängt, jedenfalls nicht über den Sender kommentiert. Heisst dies -paradox gefragt-, dass man hier Ansätze zu einer neuen Form der öffentlichen Auseinandersetzung über RTL erkennen kann?
Rewenig: Nein, im Gegenteil. Denn es handelt sich ja nicht um eine Auseinandersetzung zwischen zwei gleichberechtigten Parteien. Diese Sendung war nichts weiter als eine öffentliche Massregelung, also von vorneherein nicht zur Kommunikation bestimmt. Auf das freie Spiel von Rede und Gegenrede will sich keiner der betroffenen RTL-Herren kaprizieren, schon garnicht, wenn ein Zensurfall im eigenen Haus zur Debatte steht.
Das eigentlich Tragische ist, dass die Verantwortlichen schweigen und sich bedeckt halten, und nun den ebenfalls zensierten Moderator der Sendung "Fräi schreien" in die Arena schicken, damit er zwei Schriftstellerkollegen, die sich banalerweise zur Wehr setzen, öffentlich zu Profilneurotikern und Saboteuren stempelt. Abgesehen davon, dass hier die altbekannte Masche der Personalisierung von institutionellen Streitfragen erfolgreich durchgespielt wird -dass also das Opfer der Zensur plötzlich zum Attentäter auf die Meinungsfreiheit umgepolt wird-, fällt mir an der Machart dieser Sendung noch etwas anderes auf.
Es ist in der Tat sehr erstaunlich, wie unausgewogen, "sehr persönlich" und "einseitig" (zitiert aus dem Vorspann der Sendung) RTL-Redakteure auf einmal vom Leder ziehen dürfen, wenn ihre Brotgeber sich von aussen in Frage gestellt fühlen. Dann geht plötzlich keine Rede mehr von der sakrosanken "Neutralität" und "ideologischen Enthalt-samkeit", die bei RTL buchstäblich kultiviert werden, wenn unbequeme Meinungen vor dem Mikrofon vertreten werden. Das Zynische ist ja, dass Autoren zensiert werden, weil sie von der Meinungsfreiheit Gebrauch machen, und dass RTL-Redakteure sich im Nachhinein der gleichen Meinungsfreiheit ausgiebig bedienen dürfen, wenn es darum geht, ein lädiertes Image wieder zurechtzubiegen.
Dieser bedenkenlos Übertragene Wutausbruch hat also bestenfalls als Kuriosität einen Stellenwert. Denn bisher waren RTL-Hörer es wirklich nicht gewohnt, dass da einer sich völlig frei und vizieral zu Wort melden darf (wenn man einmal von Pol Leuck absieht, aber dieser Herr fällt ja bei RTL im weitläufigen Sinn unter die Rubrik "Kirchliche Berichterstattung", und auf diesem Sektor wiederum ist alles erlaubt). Im Grunde genommen wäre dies schon ein schöner Fortschritt in Richtung Meinungsfreiheit bei RTL. Ich fürchte nur, es war ein einmaliges Ereignis, das sich nur dadurch legitimiert, dass da ein Journalist als Mündel von den RTL-Verantwortlichen vorgeschickt wird, um genau das zu tun, wozu die Herren auf der Chefetage nachweislich nicht den Mut haben: nämlich öffentlich zu erklären, bei RTL gebe es keine Zensur.
Da es aber sehr wohl eine Zensur gibt, und der vorliegende Fall nur die Spitze des Eisbergs ist, und da vor allem die RTL-Journalisten selbst quasi täglich unter der hauseigenen Zensur zu leiden haben, ist diese konzertierte Reaktion nur ein Zweckauftritt ohne tiefere Nachwirkungen.
forum: Besteht das fundamentale Problem nicht darin, dass Luxemburger Schriftsteller auf RTL angewiesen sind, um ihre literarischen Produkte bekanntzumachen? Ergibt sich daraus nicht auch zwangsläufig ein Vorteil für RTL, nämlich der, am längeren Hebel zu sitzen und den eingeladenen Autoren die Teilnahmebedingungen vorschreiben zu können?
"Biller, Bicher, Bühn", 30. Oktober (RTL)
Michel RAUS:
"Es tritt an, und es tritt auf Georges Hausemer, und für ihn reduzieren sich offensichtlich die Probleme der Literatur und der Literatur in Luxemburg auf materielle Fragen und Sorgen. Auch an Georges Hausemer eine prinzipielle Frage: Hat auch nur ein Mensch ihn gezwungen, freier Schriftsteller zu werden? War die Wahl dieses Berufs nicht seine freie Entscheidung, für die er nicht jedem -nur nicht sich selbst- die Verantwortung aufladen kann? Überhaupt: Sind die Schwierigkeiten des Schriftstellers, wie Georges Hausemer sie beschreibt, zum Teil durchaus zu Recht beklagt, so typisch und exklusiv luxemburgisch? Sind Schriftsteller -und überhaupt kreative und kritische Zeitgenossen- in anderen Ländern, unter anderen als freiheitlich-demokratischen Regimen, vielleicht auf Rosen gebettet?"
Rewenig: Zunächst einmal: die Teilnahmebedingung bei den beiden "Fräi schreiwen"-Sendungen war ganz einfach die mündliche Abmachung, dass wir uns ohne Zwang und ohne Einschränkung äussern dürften. Also waren für uns die Voraussetzungen durchaus in Ordnung. Diese Abmachung wurde im Nachherein von der RTL-Chefredaktion wieder zunichte gemacht.
Es ist klar, dass wir unsere Teilnahme gekündigt hätten, wenn man uns beispielsweise auferlegt hätte: im Prinzip Meinungsfreiheit, aber über dies und das dürft ihr nicht sprechen. Interessanterweise hat sich hier erst nach Ausstrahlung der ersten "Fräi schreiwen"-Sendung herausgestellt, worüber man bei RTL nicht sprechen darf, und zwar genau im Widerspruch zu einer vorherigen Vereinbarung.
Dann in aller Deutlichkeit dieses: die einheimische Literatur ist bisher ohne das sporadische Zutun von RTL über die Runden gekommen. Wenn einige RTL-Redakteure sich für unverzichtbare Mäzenen und Sponsoren halten, überschätzen sie damit nur den kulturellen Impakt des Senders. Glücklicherweise sind Literaturanhänger hierzulande nicht ausschliesslich auf RTL angewiesen, um sich über Neuigkeiten auf dem literarischen Sektor zu informieren.
Das von einem Autorenkollektiv im Selbstverlag herausgegebene Buch "In Sachen Papst" wurde beispielsweise von RTL und "Luxemburger Wort" gemeinsam boykottiert. Es wurde trotzdem zu einem der seltenen literarischen Bestseller der letzten Jahre. Nur: wenn schon Autoren von RTL eingeladen werden -und ich betone, dass wir nie von uns aus um Berücksichtigung bei RTL gebeten haben-, ist es völlig natürlich, dass sie den Anspruch äussern, als geladene Gäste zumindest ernstgenommen zu werden.
forum: Wie stehen denn nun die Chancen, dass es im vorliegenden Zensurfall zu einer Lösung kommt? Ist die Lage immer noch unverändert, oder zeichnen sich mittlerweile neue Entwicklungen ab?
Rewenig: Weil RTL uns systematisch jede Information über die Gründe der Zensur verweigerte, eine minimale Kommunikation also nicht zustandekam, haben wir Anfang November einen Rechtsanwalt beauftragt, unseren Forderungen gegenüber RTL Nachdruck zu verleihen. Wir bestehen nach wie vor darauf, dass die zweite "Fräi schreiwen"-Sendung von RTL ausgestrahlt wird.
Der entsprechende Brief erreichte die RTL-Redaktion am 7. November. Er enthielt die Aufforderung zu einer verbindlichen Antwort innerhalb von acht Tagen, andernfalls der Streit vor dem Tribunal geschlichtet würde. Es ist schon fast völlig überflüssig, anzumerken, dass RTL auf diesen Brief nicht reagiert hat. Wir werden also jetzt eine gerichtliche Klage einreichen, wie angekündigt. Höchst peinlich an dieser Entwicklung ist, dass die RTL-Verantwortlichen nicht die elementare Höflichkeit aufbringen, uns in irgendeiner Form Rede und Antwort zu stehen. Unsere Klage ist die Konsequenz dieser lächerlichen Informationssperre.
forum: In einem "Journal"-Beitrag über die Clerfer Literaturtage ("Clerfer Nachhall, oder: Wenn man dem Hund auf den Schwanz tritt…", 16. November) wird vermeldet, dass die zensierte Sendung jetzt auf Entscheidung der RTL-Redaktion doch noch ausgestrahlt werden soll. Was hat es mit dieser Meldung auf sich?
Rewenig: Das haben wir uns auch gefragt, weil RTL uns gegenüber nie eine ähnliche Absicht verlauten liess. Unsere Nachforschungen haben folgendes ergeben: am 8. November -also einen Tag, nachdem der Brief des Rechtsanwalts bei RTL eingetroffen war- traf sich die staatliche Programmkommission, die sich aus Vertretern der politischen Parteien zusammensetzt, mit den RTL-Verantwortlichen (u.a. den Herren Graas und Rauchs). Auf Initiative von Raymond Becker (LSAP) wurde auch der anstehende Zensurfall auf die Tagesordnung dieser Sitzung gesetzt. Herr Becker stützte sich dabei auf den "forum"-Beitrag "Schwarzer Maulkorb, weisse Weste": seiner Ansicht nach enthielt dieser Artikel so schwerwiegende Vorwürfe an die Adresse von RTL, dass er sogar die Schaffung einer "commission d’enquête" ad hoc vorschlug.
Interessant ist nun, dass versucht wurde, den teilnehmenden Kommissionsmitgliedern eine absolute Schweigepflicht über den Verlauf dieser Sitzung aufzuerlegen. Resultat: zwei Parlamentarier haben sich uns gegenüber bereiterklärt, gegebenenfalls als Zeugen zur Verfügung zu stehen, weil sie den Maulkorb selbstverständlich ablehnen.
Ich möchte kurz die wichtigsten Elemente aus dem Verlauf dieser Sitzung skizzieren:
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Auf die Frage, wieso die zweite "Fräi schreiwen"-Sendung nicht ausgestrahlt wurde, antworten die RTL-Verantwortlichen, das entsprechende Tonband sei "nicht im Haus gewesen, und sei ihnen erst vor 14 Tagen zugestellt worden". Frage: wie erklärt sich denn das mirakulöse Verschwinden des Tonbands? Wo befand es sich denn zwischen Mitte Juni und Anfang November? Heisst dieses Eingeständnis nicht auch, dass die RTL-Verantwortlichen eine Sendung zensiert haben, die sie garnicht kannten, ja nicht einmal abgehört haben?
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Die RTL-Vertreter beteuerten, sie hätten selbstverständlich sofort nach Eintreffen des Tonbands die Sendung abgehört, und seien zum Schluss gekommen, sie sei von so "minabler Qualität", dass sie eigentlich den RTL-Hörern nicht zugemutet werden könne. Wenn nun die Autoren unbedingt darauf hielten, sei man sogar bereit, diese qualitativ minderwertige Sendung doch noch irgendwann auszustrahlen (!).
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Den anwesenden Kommissionsmitgliedern wurde ein Brief von Michel Raus vorgelesen, in dem der "Frequenzen"-Moderator die Autoren Hausemer und Rewenig mit den wildesten Vorwürfen und Beschimpfungen traktiert: er sei hereingelegt worden, man sei ihm in den Rücken gefallen, wir hätten ihn feige im Stich gelassen (in Bezug auf Rewenig heisst es da beispielsweise wörtlich "… la censure, dont il aime passionnément être la victime"). Dieser Brief sollte den Kommissionsmitgliedern als Beweisstück vorgeführt werden, dass von Zensur überhaupt nicht die Rede sein könne.
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Die Herren Rauchs und Graas verteidigten ihre Zensurentscheidung mit dem Hinweis, in der ersten "Fräi schreiwen"-Sendung seien "grobe Lügen" verbreitet worden, und dies "könnten sie sich nicht bieten lassen". Frage: wird somit nicht deutlich, dass die Zensur aufgrund der ersten Sendung erfolgte, und mit der zweiten überhaupt nichts zu tun hat? Und weiter: wenn in der ersten Sendung "Lügen verbreitet" wurden, wieso haben die RTL-Verantwortlichen nicht gleich tags darauf ihre Hörer darüber informiert? Da sie es nicht getan haben, muss man ihnen ja wohl vorwerfen, dass sie einfach zulassen, dass ihrer Klientel Lügen zugemutet werden. Ich schlage folgendes vor: die RTL-Verantwortlichen sollen entweder den (oder die) von ihnen so titulierten "Lügner" zu einer kontroversen Live-Sendung ins Studio laden, um die Sache mit den Lügen zu klären. Falls sie dazu nicht den Mut haben, sollen sie doch bitte den (oder die) Lügner vor Gericht verklagen. Tun sie auch dies nicht, müssen wir davon ausgehen, dass man uns hier ganz einfach diffamiert, um von der Zensur abzulenken.
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Der RTL-Generaldirektor Graas erklärte wörtlich: "Mir können nät mat Leit zesummeschaffen, déi séch obstinéieren, fir nät wëlle kontrolleiert ze gin." Im übrigen behalte er sich künftig das Recht vor, jede Sendung vor der Ausstrahlung zu überprüfen und nach Gutdünken abzusetzen. Damit ist eines klar: die RTL-Verantwortlichen bekennen sich nicht nur zu ihren Zensurpraktiken, sondern drohen, in Zukunft die Zensur noch in stärkerem Mass zu praktizieren. Die Debatte über Zensur bei RTL fängt also jetzt erst richtig an. Die schlicht skandalöse Art und Weise, wie diese Herren mit der Meinungsfreiheit umspringen, soll jetzt wirklich in ihrem ganzen Ausmass publik gemacht werden. Wir sind im Begriff ein Dossier über den ganzen Fall zusammenzustellen, das wir auch an die ausländische Presse weiterleiten, vor allem in den Einflussgebieten von RTL.
"Biller, Bicher, Bühn", 30. Oktober (RTL)
Michel RAUS:
"Sind die Unbescheidenheiten bis Unverfrorenheiten gewisser Autoren nicht vielleicht die unentbehrliche, notwendige, blecherne und lärmende Musik für eine Bühne, auf der sich ein paar Leute möglichst wild und laut in Szene setzen, weil sie eben nichts anderes aufzuweisen haben als leere, oder ganz dünn beschriebene Manuskript- und Typoskriptblätter?"
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