Lange Zeit habe ich nicht verstanden, weshalb ich überhaupt Geschichte studierte. Ich saß in kargen Seminarräumen, versuchte Heinrich den Löwen von Heinrich dem Kahlen zu unterscheiden und übersetzte mittellateinische Urkunden aus dem 12. Jahrhundert in mittelgutes Deutsch. Unser Dozent hatte einen albern onomatopoetischen Namen, den ich aus Datenschutzgründen lieber nicht nenne – es klang ein bisschen wie Dr. Holger Schramm oder Dr. Walther Trümm. Er genoss meine Talentlosigkeit sichtlich: „Ihre Übersetzung ist aber süß, Herr Hamen, immerhin geben Sie sich Mühe.“ Ein, zwei Semester später zeigte ich in einer Power-Point-Präsentation eine Karte des antiken Griechenlands und wies den Standort Spartas mit einem This-is-Sparta-Meme aus dem Film 300 aus. Niemand lachte. Es machte wirklich sehr wenig Spaß.

Erst als ich Jahre später auf einer Industriebrache in Wiltz stand und eine kaputte Fliese in Händen hielt, dämmerte es mir, was das bedeutet: historisch denken und schauen. Über uns flog seit Stunden einer dieser gruseligen Vögel, deren Schreie wie das Gelächter von Affen klingen. Schauspielerinnen und Regisseur probten mein Stück, das sich – so lautete der Auftrag von MASKéNADA – mit einem historischen Ort auseinandersetzen sollte. In Ëm- geht es um die Familie Polzikoff, die 1917 aus Russland geflohen und über Umwege in Luxemburg gelandet war, genauer: in Wiltz. Hier, in dieser Talsenke, hatte der militärisch hochdekorierte Vater mit weiteren Russen in der Lederfabrik Ideal niederste Arbeiten verrichtet. Die Historikerin Inna Ganschow ist dieser Migrationsbewegung jüngst in ihrem Buch 100 Jahre Russen in Luxemburg nachgegangen.

Das Gelände in Wiltz besteht heute aus einem hoch aufragenden Schornstein, Kies- und Erdhügeln sowie von Unkraut aufgesprengten Bodenbelägen und Mauerresten. Beim Umherstrolchen hatte ich die halbzerschlagene Fliese entdeckt. ABATI – der Prägestempel auf der Rückseite war nur mehr zur Hälfte zu lesen. Kurzes Grübeln, dann war klar: Die Platte stammte aus der Wasserbilliger Plattenfabrik Cérabati, in der Polzikoff Arbeit fand, nachdem er bei der Ideal im Verlauf der Weltwirtschaftskrise entlassen worden war.

Ein kleiner Fund, klar, aber mit Erweckungspotenzial für den ausgebildeten, aber nie richtig überzeugten Historiker in mir: Etwas wurde konkret; ich spürte eine Schnittstelle zwischen all den Epochen, Biografien und Erfahrungen, die einem sonst als Begriff oder Argument vorgesetzt werden. Mir gefiel sogar der verdächtig kitschige Gedanke, dass Polzikoff die Fliese womöglich mit hergestellt hatte, über die ich stolperte, als ich mich ihm zu nähern versuchte. Mit kleinen Händen, Augen und Worten konnte ich mich jedenfalls kurz einreihen in den Verlauf von Zeit, an ihr teilnehmen und im Ansatz verstehen, was es heißt – einem vergangenen Leben nachzuspüren.

Wer verwaltet die Räume?

Dabei war das Terrain, das wir im Sommer 2019 bespielten, längst reklamiert worden – und mit ihm die Ausschweifung einer geschichtlichen Erfahrungsweise. Während der Freilichtproben kamen mehrmals Wachmänner angefahren; die Staubspur von ihrem Renault Clio kündete wie in einem miesen Western vom nahenden Unheil: Vous avez une autorisation? Désolé, je n’ai pas d’information, vous devez partir. Ein, zwei Tage vor der Premiere schlich sich ein Mann vom Fonds du logement heran und fotografierte uns skeptisch aus der Ferne. Mit Bügelfalten-Business-Hemd und angestaubten Büroschuhen stand er schließlich vor uns und schaute uns durch eine Brille an, mit der er alles im Blick behielt: die baulichen Nutzmöglichkeiten dieser Fläche genauso wie uns Schwachsinnige, die er, ein Mann der Verwaltung von Räumen, nicht verstehen konnte und wollte.

Ein Infrastrukturprojekt wird seit Jahren vorbereitet. Der Wohnungsmangel ist akut, der Druck groß, endlich zu liefern. Und die baupolitische Dringlichkeit erlaubt nun einmal kaum Kompromisse, schon gar nicht, wenn jemand daherkommt und sagt: Ich habe Müll gefunden und es hat mich berührt. Bitte rühren Sie nichts an! Historische Bausubstanz ist zuallererst Bausubstanz und viel, viel später historisch. Die Debatte rund um die Bewahrung des patrimoine wird sich vor diesem Hintergrund sicherlich weiter zuspitzen.

Nun gut, mit etwas Glück gibt’s am Eingang eine Plakette zur Russenkolonie in Wiltz, gleich neben dem Monument, das an den Generalstreik von 1942 erinnert, der in der Lederfabrik seinen Anfang nahm. (Noch so ein Detail.) Gemeindearbeiter werden die Tafel immer mal wieder blank polieren, damit sie schön sauber in Vergessenheit geraten kann. Und wer weiß, an guten Tagen wird einer der schelmisch krächzenden Vögel vielleicht sogar draufscheißen. Dann wird er dort oben aufjaulen, und sein Lachen wird zwischen den eng aneinandergebauten Wohnungen erschallen wie das Echo eines Trottels, den niemand mehr versteht.

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