Was wir den Protestanten zu verdanken haben
Interview mit Mathias Schiltz, Generalvikar und Ökumenereferent der katholischen Kirche in Luxemburg
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Mathias Schiltz
Was wir den Protestanten zu verdanken haben
Der Generalvikar und Ökumenreferent der katholischen Kirche in Luxemburg, Mathias Schiltz, über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und gegenseitige Befruchtung zwischen Katholizismus und Protestantismus
Herr Generalvikar, was schätzen Sie am Protestantismus?
M.S.: Am Protestantismus schätze ich die große Achtung vor der Heiligen Schrift, den direkten Bezug auf die Heilige Schrift als Quelle unseres Glaubens. Für die Protestanten ist die Schrift die einzige Quelle – sola scriptura. Wir Katholiken sagen hingegen, dass Gottes Wort uns auch durch die Tradition, die mündliche Überlieferung vermittelt wird. Freilich hat das 2. Vatikanum in seiner Konstitution über die Offenbarung klar herausgestellt, dass die Tradition nicht als quantitativ materiale Ergänzung der Heiligen Schrift zu verstehen ist, sondern als qualitative Vertiefung der Aneignung durch Verstand und spirituelle Erfahrung. Auch für den Katholiken muss die Tradition immer in der Heiligen Schrift nachvollziehbar und verifizierbar sein. Dadurch haben sich die Standpunkte wesentlich angenähert.
Wahr bleibt jedoch, dass die Protestanten uns wieder einen unmittelbaren Zugang zur Schrift erschlossen haben, der im Mittelalter abhanden gekommen war. Es gab andere Zugänge, es gab eine ganze Reihe von Devotionen, in denen zwar das Heilsgeschehen immer wieder auch in Erscheinung trat und den Gläubigen vermittelt wurde, aber nicht mehr direkt aus der Quelle, aus der Heiligen Schrift heraus. Die Protestanten haben
die Heilige Schrift wieder ins Zentrum unseres Glaubens gerückt. Es hat natürlich einige Jahrhunderte gedauert, bis das in der katholischen Kirche und auch in anderen Kirchen ganz rezipiert wurde. Ich denke jedoch, dass – nicht zuletzt durch die Liturgiereform, aber auch durch eine breit angelegte Bibelarbeit das Wort Gottes in meiner Kirche heute wieder den gebührenden Platz einnimmt. Diesen Durchbruch haben wir weitgehend den Protestanten zu verdanken.
Es ist unerlässlich, dass wir zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen.
Weswegen würden Sie dann trotzdem einem Katholiken heute raten, beim Katholizismus zu bleiben?
M.S.: Wenn ich mit Protestanten in Verbindung bin – und das ist ja des öfteren der Fall – dann höre ich von ihrer Seite auch manchmal die Klage, dass es bei ihnen eigentlich keinen Referenzpunkt der Einheit gibt. Sie bedauern nicht, keinen Papst zu haben, aber es schält sich allmählich der Gedanke heraus, dass es für die ganze Christenheit gut wäre, wenn es einen solchen Referenzpunkt gäbe – jemand, der der ganzen Christen-
heit vorsitzt oder vorsteht in der Liebe, praesidere caritati, wie es auch in alten Schriften vom Papst heißt. Er führt den Vorsitz in der Liebe und ich denke, das ist für die Katholiken eine große Gnade.
Ein zweites, was ich am Protestantismus eher bedauere ist, dass in protestantischen Gemeinden die Feier Sakramente bis vor nicht allzu langer Zeit eher Seltenheitswert hatte. Sola scriptura: Der Gottesdienst war wesentlich Predigtdienst. Für uns Katholiken gilt auch hier das bekannte katholische und: Wort und Sakrament – Sakrament als Gestalt gewordenes Wort.
Allerdings gibt es ist auch hier eine Parallel- bzw. Gegenbewegung. Ich sagte, dass wir von den Protestanten die Hochschätzung der Schrift wieder übernommen haben, man kann auch sagen, dass die Protestanten die Sakramente, insbesondere das Abendmahl, das in früheren Zeiten in protestantischen Gemeinden nur ausnahmsweise gefeiert wurde, heute wieder stärker entdecken. Es gibt heute schon wieder protestantische Gemeinden, die regelmäßig nicht nur einen Wort-Gottes-Dienst, einen Predigtdienst am Sonntag haben, sondern auch das Abendmahl ins Zentrum rücken und es regelmäßig feiern und praktizieren.
Gibt es noch weitere Unterschiede, die Sie als Argument bringen würden?
M.S.: Wenn ich auf unsere luxemburgische Situation schaue, dann ist das schon so, dass der Protestantismus davon lebt, dass er keine Uniformität der Christenheit haben möchte. Das möchten wir eigentlich auch nicht, sondern eine Einheit in der Vielfalt. Vielfalt ist im Protestantismus gegeben, es besteht allerdings dann auch die Gefahr der Zersplitterung. Diese Gefahr ist besonders in unseren Tagen durch die stetig wachsende Anzahl von evangelikalen Freikirchen gegeben.
Im ökumenischen Rat in Luxemburg tun wir uns zur Zeit etwas schwer mit dieser Erscheinung und wissen nicht so recht, wie weit wir die Arme ausbreiten sollten, um alle aufzunehmen, und welche Kriterien zu erfüllen sind, damit eine Kirche oder Gemeinde dem Rat angehören kann. In der Tat haben wir da ein formelles Kriterium. Es sind immer nur Kirchen und Gemeinden zugelassen, die entweder der katholischen Kirche oder dem Weltrat der Kirchen angehören.
Gibt es eine wechselseitige Befruchtung zwischen Katholizismus und Protestantismus?
M.S.: Einige Beispiele wie Schrift und Sakrament wurden bereits genannt. Ich denke, dass keine Kirche die ganze Fülle des christlichen Glaubens existentiell realisiert, interiorisiert hat. Die katholische Kirche behauptet zwar, sie habe den Vollbesitz; das mag als Anspruch oder gnadenhafte Zusage stimmen, dem möchte ich nicht widersprechen. Aber ich möchte sagen, dass es auch bei uns Defizite gibt – etwa wie eben gesagt, die nicht genügende Beachtung der Heiligen Schrift, andere Defizite gibt es bei den Protestanten. Alle Kirchen haben einen Gewinn davon, wenn sie voneinander lernen und auch voneinander übernehmen.
Warum muss es dann Ökumene geben?
M.S.: Ich denke, was ich eben sagte, ist schon ein erster Grund. Dieser Austausch ist sehr wertvoll, wenn nicht für die einzelnen Kirchen lebenswichtig. Zweitens, wir brauchen nicht zu einer Einheitskirche, zu einer uniformen Kirche zu kommen. Das ist gar nicht notwendig. Dass wir bei allen Verschiedenheiten aber in der Welt von heute ein gemeinsames Zeugnis geben können, ich denke, dass das nicht nur den christlichen Glauben und die Stellung des christlichen Glaubens in der Welt von heute stärken würde, sondern, dass
Ordination einer Pfarrerin © epd-bild / Thomas Lohnes
das auch für die Menschen von heute, die auf der Suche nach Sinn sind, eine glaubwürdige Antwort auf die existentiellen Grundfragen darstellen würde. Jetzt sagen viele Menschen: „Die sind ja unter sich zerstritten, die wissen ja selber nicht was gilt und was nicht gilt.“
Wir wollen das Zeugnis dadurch stärken, dass wir gemeinsam Zeugnis geben, und mit Zeugnis meine ich nicht nur ein verbales Zeugnis, sondern auch das gemeinsame Engagement im Bereich des tätigen Glaubens, im Bereich der Nächstenliebe, im Bereich der Diakonie, der Solidarität, der Sorge um Frieden in der Welt. In diesem Zusammenhang darf ich an das Leitwort der 9. Generalversammlung des Weltkirchenrates erinnern, die zur Zeit in Porto Alegre (Brasilien) stattfindet: „Gott, in deiner Gnade verändere die Welt.“ Es ist unerlässlich, dass wir da zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen.
Wo sind heute noch die Probleme der Ökumene? Wo sind die Widerstände?
M.S.: Die größten Widerstände in diesem Augenblick liegen meiner Meinung nach im Amtsverständnis bei den verschiedenen Kirchen. Auch da gibt es sicherlich eine Annäherung, aber das ist eine sehr schwierige, komplexe theologische Frage.
Einerseits ist es die Papstfrage, und wenn wir davon sprechen, möchte ich daran erinnern, dass Papst Johannes Paul II. 1995 den Wunsch ausgesprochen hatte, die anderen Kirchen mögen ihm helfen, eine Praxis, eine Amtsführung
für das Petrusamt zu finden, die zwar das Wesentliche, was dem katholischen Verständnis nach dazu gehört, bewahrt, aber auch von anderen akzeptiert werden könnte. Dieser Wunsch ist nicht eingelöst worden, auch innerkatholisch nicht, denn diese erneuerte Ausübung des Papstamtes könnte dann selbstverständlich nicht mehr so zentralistisch geschehen, wie das jetzt in der katholischen Kirche der Fall ist.
In der katholischen Kirche gilt zurzeit noch die Tendenz nach mehr Zentralismus, wenigstens in den letzten Jahren von Johannes Paul II. Ob Benedikt XVI. das vielleicht etwas zurücknimmt? Es nimmt sich ja selber ein Stück zurück auch gegenüber den Lokalkirchen. Er ist nicht mehr so omnipräsent. Er reist sicher viel weniger. Damit kommen die Bischöfe auch wieder mehr zur Geltung und die einzelnen Lokalkirchen können eine gewisse Eigenständigkeit entwickeln.
Das Zweite ist die Frage nach der apostolischen Nachfolge bei den Bischöfen. Das ist eine Frage, die ganz besonders im Zusammenhang mit der anglikanischen Kirche unter Leo XIII. schon debattiert und dann in einer gewissen Richtung entschieden wurde. Ich denke, dass auch das noch einmal überarbeitet werden muss, und es auch möglich ist, dass das Amt in diesen Kirchen anerkannt wird. Bisher ging man in der katholischen Kirche davon aus, dass die apostolische Nachfolge eine physisch nachweisbare Nachfolge von Handauflegungen von rechtmäßigen Bischöfen an Priester
und andere Bischöfe voraussetzt. Heute sieht man das vielfach in einem größeren Kontext. Möglicherweise kann es auch hier zu einer Einigung kommen.
Allerdings kommen dann wieder neue Probleme auf, und ganz sicher ist die Frauenordination nicht nur für das Priesteramt, sondern auch für das Bischofsamt in den Kirchen der Reformation und in der anglikanischen Communion ein neuer Holperstein, über den wir dann auch reden müssen. Das ist besonders auch ein Hindernis für die Ökumene zwischen den Kirchen der Reformation und den orthodoxen Kirchen, die der Frauenordination mindestens genau so ablehnend gegenüber stehen wie Rom.
Das scheinen eher institutionelle Fragen. Welche Widerstände bestehen auf dem Glaubensgebiet?
M.S.: Auf dem Glaubensgebiet gibt es sicherlich eine Annäherung. Da ist die große Erklärung zur Rechtfertigungs-
lehre aus dem Jahre 1999. Das ist ein großer Durchbruch, denn die Reformation hat sich ja gerade an dieser Frage der Rechtfertigung durch den Glauben entzündet. Da hat es zumindest zwischen der katholischen Kirche und den lutherischen Kirchen eine große Annäherung gegeben, die aber im gesamten Protestantismus nicht von allen nachvollzogen und geteilt wird. Übrigens ist die Erklärung auch in manchen katholischen Kreisen nicht unumstritten.
Sie persönlich haben sich im Jahr 2000, nach dem Erscheinen der Erklärung der Glaubenskongregation „Dominus Jesus“, in einem Beitrag im Luxemburger Wort enttäuscht gezeigt, dass wichtige Fortschritte in der Annäherung der Kirchen zum Teil wieder zurückgenommen worden sind.
M.S.: In der Erklärung Dominus Jesus ging es um die Frage des Amtsverständnisses und des Kirchenverständnisses. Es ging darum, welche Kriterien in den Augen der römisch-katholischen Kir-
che zu erfüllen sind, damit man von einer (Schwester)Kirche sprechen kann. Dazu hat Rom gesagt, es gebe christliche Gemeinschaften, die keine gültig geweihten Bischöfe oder kein Leitungsamt haben, das sich aus der apostolischen Nachfolge ableiten lässt. Somit hätten diese eigentlich den Namen Kirche nicht verdient. Das wurde damals in der Erklärung Dominus Jesus auf eine so massive Art und Weise gesagt, dass viele unserer evangelischen Glaubensbrüder es als einen Schlag ins Gesicht empfunden haben.
Durch meine damalige Stellungnahme wollte ich klarstellen, dass diese spitzfindigen und für unsere Brüder und Schwestern zum Teil verletzenden Unterscheidungen an dem guten ökumenischen Einvernehmen der christlichen Kirchen hier in Luxemburg nichts ändern durften.
Das Interview fand am 20. Februar 2006 statt (JST).
forum 198 (2000) zur Vergebungsbitte der katholischen Kirche
Die Vergebungsbitte der Kirche in Luxemburg im Rahmen des Jubiläums 2000
Beziehungen zu den Protestantischen Kirchen
Jahrhundertelang war das Herzogtum Luxemburg durch die Monopolstellung der katholischen Kirche und ihres Glaubensbekenntnisses geprägt, obwohl im späteren 18. Jahrhundert – während des Aufklärungszeitalters – gesellschaftliche Bestrebung die Niederlassungsmöglichkeit für evangelische Christen herbeiführen wollten. Trotz der neuen Gesellschaftsverhältnisse, die die Französische Revolution und ihre Folgen in Luxemburg schufen, bemühte sich die katholische Kirche im jungen Staat, diese Monopolstellung zu erhalten und somit die rechtliche Anerkennung der evangelischen Gemeinde in Luxemburg zu verhindern. In bischöflichen Stellungnahmen und in der katholischen Tagespresse kommen in diesem Zusammenhang Intoleranz und Hartherzigkeit gegenüber der protestantischen Minderheit zum Ausdruck, ihre Gottesdienste werden als „falscher“ oder „ausländischer Kult“ dargestellt.
Diese Äußerungen, obwohl mitbestimmt durch ein antipreußisches Klima zu Ende des 19. Jahrhunderts, bedauert die katholische Kirche heute, da sie Fürbitte des Herrn für die Einheit seiner Jüngerschaft bei allem Respekt vor der Verschiedenartigkeit widersprechen und eine kleingeistige Proselytenmacherei oder Missstimmung gefördert haben.
Die Kirche bittet im Nachhinein umso mehr um Vergebung, als sie heute den offenen ökumenischen Dialog und die Zusammenarbeit mit den evangelischen Kirchen pflegt und dafür dankbar ist. Sie sieht in der Annäherung, im gegenseitigen Verständnis und Gespräch den Weg zu einem konstruktiven Zusammenleben der christlichen Konfessionen im Zeichen der Versöhnung für die kommenden Jahrzehnte. Auch der vor einigen Jahren gegründete „Rat christlicher Kirchen in Luxemburg“ ist zu werten als ein konkreter Ort für Begegnung und Austausch.
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