Wer ist jetzt noch „katholisch“?

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"Aus dem Rundfunk haben wir erfahren, daß unserem Kollegen Prof. Dr. Hans Küng … die kirchliche Lehrbefugnis entzogen wurde. Wir sind über diesen einschneidenden Schritt der Glaubenskongregation und die Art und Weise des Vorgehens … aufs tiefste bestürzt. Wir erschrecken angesichts der noch unübersehbaren Folgen. Wir sehen schwere Gefahren für die Glaubwürdigkeit der Kirche in der heutigen Gesellschaft und für die Freiheit der Theologie in Forschung und Lehre."

Mit dieser Stellungnahme wandten sich die Professoren der Kath. Theologischen Fakultät der Universität Tübingen nach Bekanntwerden der römischen Entscheidung an die Öffentlichkeit. Diese Stellungnahme bringt zum Ausdruck, was wohl die meisten, die Küng persönlich oder aus seinen Büchern kennen, empfinden: Bestürzung und ein tiefes Erschrecken. Bestürzung: Ist es möglich, daß das Verhältnis der Kirchenoberen zu Pluralismus und Kritik, maßgebliche Kennzeichen unserer Wirklichkeit – zumindest aber des Wissenschaftsbetriebes –, derart gespannt ist? Ist solches Vorgehen noch christlich zu nennen? Tiefer das Erschrecken: Wer ist nun noch katholisch? Empfinden nicht viele (Randständige?) Katholiken Küng eher als konservativ? Halten nicht Schüler, die Texte von ihm im Unterricht lesen, seine Position gänzlich unspektakulär einfach für "katho-

In einer Zeit, da immer weniger Menschen sich mit der Kirche in allen ihren Äußerungen identifizieren können, wirkt die Reduktion von «Kirche» und «Lehramt» auf die Hierarchie und die Reduktion der «apostolischen» Aufgabe auf die Bewahrung geheiligter Formeln wie ein Abschied vom Sendungsauftrag «Macht alle Völker zu meinen Jüngern». Und was soll in diesem Zusammenhang die neue amtliche Parole vom «Recht der Gläubigen auf eine eindeutige Darstellung unveräußerlicher Glaubenswahrheiten» (Kardinal Höffner) oder von ihrem «Recht, die Wahrheit vollständig übermittelt zu bekommen» (Glaubenskongregation)? Vielleicht wäre es sinnvoller, elementarere Rechte zu respektieren – und wäre es nur das eingangs erwähnte Recht, die Feste nicht vergällt zu erhalten. Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt, der jetzt bereits zurückliegt, nicht mehr so «aktuell» ist. Deshalb sei noch eine Frage hinzugefügt: Wenn etwas nicht zu Weihnachten paßt – im Ernst, kann es dann überhaupt unter Christen passen?

Ludwig Kaufmann, in: Orientierung, 44(1980), p.7

lisch"? Soll man als Lehrer diesen Schülern auf ihre Frage, was katholisch sei (sie fragen meistens nur, was denn christlich sei), die Katechismus-Ausgaben der 50er Jahre in die Hand geben, weil sie das ganze Glaubensgut vollständig und unverfälscht, aber für Schüler von heute auch unverdaubar und unverständlich beinhalten? Ist Küng nicht inzwischen so etwas wie einer der gängigen "Schulbuchautoren" geworden? Wenn er nicht mehr katholisch ist, wer dann?

Glaubenskongregation und Deutsche Bischofskonferenz beharren darauf, daß ernste dogmatische Einwände gegen Küngs Lehre zum Entzug der Lehrerlaubnis führten, wobei Küngs Aussagen über die päpstliche Unfehlbarkeit ein eher sekundäres Problem seien. Heftig wurde Küng widersprochen, der in Kommentaren seine Kritik der Unfehlbarkeit als wichtigsten Grund für die Entscheidung von Glaubenskongregation, Papst und Deutscher Bischofskonferenz bezeichnete: Man habe einen unbequemen Kritiker loswerden wollen. Ich meine, daß es nicht zu übersehen ist, daß der eigentliche Motor der Entscheidung im Wunsch bestand, einen lautstarken (selbstherrlichen?) Kritiker loszuwerden, der unbequeme Fragen stellte: Vertragen sich das Verbot jeglicher Empfängnisverhütung und Engagement gegen den Hunger in der Welt miteinander? Ist der Zölibat biblisch/theologisch begründet? Ist das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit nicht eine verhängnisvolle Lehrentscheidung, die im Interesse der weltweiten Oekumene überdacht werden muß? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß die christologischen Aussagen Küngs (War Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott?) den Ausschlag gegeben haben. Denn, wer Küngs Bücher gelesen hat, der erkennt, daß er ganz neutestamentlich-paulinisch immer wieder auf dem Bekenntnis beharrt: Jesus Christus ist der Herr, er allein ist der Maßgebende. (Der Titel "Herr" ist für Paulus und die synoptischen Evangelien eine gottheitliche Prädikation. Für Paulus war der Christustitel "Herr" zweifellos zentraler als der Titel "Gottessohn", welcher in gewissem Sinne im jüdischen Glauben jedem Gläubigen zukam. Der entscheidende "Gottessohn" ist Jesus Christus nach Paulus, weil er sich durch Kreuz und Auferstehung als der "Herr" erwiesen. Diesen Christustitel "Kyrios/Herr" hat Küng versucht zu umschreiben mit Wendungen wie "der allein Maßgebende", "Sachverwalter Gottes auf Erden" usw.)

Noch einmal: Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese theologischen Schulstreitigkeiten der Anlaß waren,

Küng die Lehrerlaubnis zu entziehen. Es waren wohl eher seine kirchenpolitisch gesehen ärgerlichen Fragen, die er – ein Meister in der Handhabung der Medien – weit hinausposaunen konnte.

WER IST NUN NOCH KATHOLISCH?

Mag man sich seitens der Kirchenoberen über Hans Küng geärgert haben und sein Verhalten als Kompetenzüberschreitung angesehen haben: es bleibt beim betroffenen Beobachter das Erschrecken, man nehme in den bischöflichen Ordinarien nicht recht wahr, daß es viele Menschen in der Kirche sind, deren Fragen Hans Küng artikulierte. Die Katholische Kirche besteht doch nicht nur aus Traditionalisten, die sich in ihrer Glaubensgewißheit durch solche und ähnliche Fragen irritiert fühlen. Es gibt daneben auch viel ernsthaft Fragende, Zweifler, Randständige, ‚Trittbrettfahrer‘. Auch für diese ist die Kirche pastoral zuständig. Soll man die Entscheidung im Fall Küng als ein Signal werten, daß man sich künftig seitens der Kirchenleitung nur noch pastoral für die Katholiken zuständig fühlt, die in ihrem Glauben nicht durch Oekumene und brennende Gegenwartsfragen verunsichert zu werden wünschen?

Als Religionslehrer, der seinen Missio-Auftrag im Sinne der Kirche sehr ernst nimmt, erfahre ich täglich, wieviele römisch-katholisch getaufte Schüler es gibt, die nicht in dem Sinne katholisch sind, wie Kirchenobere es sich vorstellen mögen. In der Durchschnittsklasse einer Schule (hier: Gymnasium einer mittelgroßen Industriestadt – Reutlingen -) hat vielleicht ein Drittel der Schüler, die den Religionsunterricht besuchen überhaupt einen engeren Kontakt zu einer Kirchengemeinde. Und höchstens ein Drittel dieses Drittels würde sich im engeren Sinne der Traditionalisten als ‚katholisch‘ bezeichnen. Der Verkündigungsauftrag des Bischofs, den der Religionslehrer übernommen hat, gilt aber allen Schülern, die katholisch getauft sind und sich nicht aus Glaubens- und Gewissensgründen vom Religionsunterricht abgemeldet haben. Diese sind aber bis auf Ausnahmen mit dem Formelgut des Katechismus nicht (mehr) zu erreichen. Wer sie ansprechen oder gar erreichen will, wird auf Autoren wie Küng u.a. nicht verzichten können.

« Je constate que la dignité de l’homme n’est pas respectée comme elle devrait l’être… »

(Discours de Jean Paul II aux cardinaux le 23 décembre.)

Hans Küng hat immer betont, daß die Professoren nicht Bischof spielen sollten, aber die Bischöfe auch nicht Professoren. Was nicht bedeuten soll, daß die Auseinandersetzungen auf einem Konfrontationskurs stattfinden, sondern – wie etwa auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil – in sachlichen Gesprächen ausgetragen werden. Voraussetzung dazu wäre aber genaues Studium der Texte – und daran haben es die Bischöfe vielleicht manchmal fehlen lassen. Daß auch Hans Küng mit leichtem Hang zu (selbst-)gefälligen Formulierungen gelegentlich Konstruktionen verwendet, die nicht einmal die Theologen verstehen, geschweige denn, die nicht glauben, aber doch ernstlich fragen; die geglaubt haben, aber unzufrieden sind mit ihrem Unglauben; die glauben, aber in ihrem Glauben sich verunsichert fühlen – vermag er in einer stillen Stunde wohl selber einzugestehen.

Heinz Josef Herbort, in: Die Zeit, 28.12.1979

GROZIER SCHADEN FÜR DIE OEKUMENE

Papst Johannes Paul II. hat erst vor kurzem den Dialog mit dem Patriarchen der orthodoxen Kirche in Konstantinopel aufgenommen. Eine gemeinsame Theologenkommission wurde eingesetzt, um Trennendes und Verbindendes zu sichten. Eines der ganz großen Hindernisse auf dem Weg zur Einheit beider Kirchen ist aber unbestreitbar das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit. Sofern die Kommission auch nur einigermaßen ernsthafte Arbeit leistet, wird sie um dieses Thema nicht herumkommen. Die Entscheidung gegen Küng, der als Professor für Dogmatik und Oekumenische Theologie dieses heiße Eisen wohl zu Recht anging, läßt den bösen Verdacht aufkommen, daß es mit der signalisierten Gesprächsbereitschaft nicht sehr ernst gemeint sein könne.

Aber auch dem Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den protestantischen Kirchen wird großer Schaden zugefügt. Nicht nur, weil das Insistieren auf auch für Protestanten eher peripheren Glaubensinhalten wie der Jungfräulichkeit der Gottesmutter Maria groenteils auf Unverständnis stößt, sondern vor allem, weil man in Hans Küng einen der katholischen Theologen sah, die dem Neuen Testament gegenüber der (Kirchenväter-) Tradition in Auslegungsstreitigkeiten absolute Priorität einräumten. Ein Vorgehen gegen Küng wird somit notwendig – die Reaktion des Weltrates der ökumenischen Kirchen in Genf zeigt es – als ein Affront gegen die Grundpositionen protestantischer Theologie verstanden.

FREIE FORSCHUNG, FREIE LEHRE?

Ungeklärt sind noch die staatskirchenrechtlichen Probleme dieses Falles. (Katholische) Theologie ist in der Bundesrepublik eine der universitären Fakultäten, die unter dem ausdrücklichen Schutz des Artikels 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland stehen, der ihnen die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert. Zugleich stehen die theologischen Fakultäten aber, und das macht sie zu so anfälligen, fragilen Institutionen, unter der Aufsicht der beiden Konfessionen. Sobald eine der beiden großen Konfessionen dieses Aufsichtsrecht extensiv ausübt, in einer Weise, die mit dem in Artikel 5 garantierten Grundrecht kollidiert, werden die Fragen sicher lauter werden, ob

denn Theologie überhaupt noch einen Platz im ‚Hause der Wissenschaften‘ habe. Und für alle Betroffenen wird die argumentative Begegnung solcher Fragen ohne Zweifel schwieriger. Ohne die Freiheit für Forschung und Lehre wäre Theologie nurmehr denkbar als ein kirchliches Institut, etwa als kirchliche Hochschule. Eine solche Entwicklung wäre jedoch nach meiner Meinung ein großer Schaden sowohl für die Kirche als auch für die gesellschaftliche Öffentlichkeit. Die Kirche begäbe sich der Möglichkeit, mit vielen der ‚Gebildeten unter ihren Verächtern‘ ins Gespräch zu kommen, die gesellschaftliche Öffentlichkeit verlöre eine der wesentlichen Gruppen dieser Gesellschaft und ihre immanenten Entwicklungen weitgehend aus dem Blick.

KIRCHE AUCH FÜR ‚TRITTBRETTFAHRER‘

Was vorläufig bleibt, ist eine große Irritation. Sind Randständige oder exponiert sozial engagierte Katholiken nun nicht mehr katholisch? Zieht eine ökumenische und kirchenpolitische Eiszeit herauf, wie sie vor dem 2. Vatikanischen Konzil unter Pius XII. herrschte?

Dann bestünde allerdings die Gefahr, daß die katholische Kirche sich auf eine verhängnisvolle Entwicklung einläßt, die soziologisch betrachtet als Sektenbildung zu beschreiben wäre. Dies stellt wohl die größte denkbare Gefahr für die Kirche dar, die das Wort ‚katholisch‘ = allgemein-weltumspannend als eines ihrer vier Prädikate in Anspruch nimmt. Wenn Kirche nicht Sekte sein will, muß sie missionarisch strukturiert sein, sie muß nach außen wirken wollen. Mission bedeutet doch aber in unserer Gesellschaft Dialogführung mit selbstbewußten Gesprächspartnern. Kirche muß sich an ihre eigenen ‚Trittbrettfahrer‘ und an gesprächsbereite Außenstehende wenden, wenn sie gesellschaftlich wirken will. Will Kirche ihrem Auftrag, umfassend zu sein, gerecht werden, muß sie Randständige und Außenstehende als pastorales Problem erkennen. Gerade auch um solche bemühte sich Hans Küng. Ist die Entscheidung gegen Küng als ein Zeichen zu verstehen, daß man künftig nur noch die Sorgen und Nöte traditionalistischer Katholiken als pastorale Aufgabe akzeptieren will?

Bernhard Bosold (Tübingen)

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