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Wertschöpfungskette
Vielleicht steckte ja wirklich Fügung dahinter. Tatsache ist, daß in dem Jahr, in dem die UN-Menschenrechte ihr 50. feiern, dieselben zunächst im Mittelpunkt der Frankfurter Buchmesse standen, die ihrerseits 1998 die 50. Ausgabe veranstaltete. Salman Rushdie, der vor fast zehn Jahren abtauchen mußte, weil den Derwischen im Iran sein Roman «The Satanic Verses» gewaltig mißfiel, lustwandelte am Eröffnungstag geradezu durch die Hallen, insofern als die ihn begleitenden Polizisten ihre Helme abgenommen hatten. (Inzwischen müssen die Sicherheitsbeamten ihre Helme wieder aufsetzen, denn das Kopfgeld für den Schriftsteller wurde erneut kräftig erhöht.)
Dann entpuppte sich die türkische Regierung als chaotischer Haufen, weil sie den Reisepaß der Verlegerin Ayse Nur Zarakolu nicht rechtzeitig finden konnte. So mußten Ehegatte und Sohn den erstmals verliehenen Menschenrechtspreis «International Freedom to Publish Award» der Internationalen Verlegerunion stellvertretend in Empfang nehmen. Als dann den Behörden — nach mächtigem Druck aus dem Ausland — völlig unerwartet doch noch ein großartiger Sucherfolg beschieden war, mußte Frau Zarakolu passen: ein Wasserrohrbruch in dem darüberliegenden McDonald’s-Restaurant hatte den Bücherkeller ihres Verlags überschwemmt. Ist die Türkei erst einmal Mitglied der Europäischen Union, werden solche Peinlichkeiten natürlich nicht mehr vorkommen. Großes Militärehrenwort!
Als das andere große Thema der diesjährigen Buchmesse erwies sich die Buchpreisbindung und die unerschrockenen Bemühungen der Brüsseler EU-Kommission, diese zu kippen. Michael Naumann, der designierte Kulturnarr am rotgrünen Hof zu Berlin, stellte gleich eine gesetzliche Initiative in Aussicht für den Fall, daß Wettbewerbshüter Karl van Miert Ernst macht. Der belgische Eurokrat will partout nicht begreifen, daß Bücher mehr als eine Ware sind. Tut er es eines Tages doch, macht es auch keinen Unterschied mehr.
Denn die Konzerne gehen ohnehin und ohne ihn in Stellung. Wertschöpfungskette heißt das Zauberwort. Damit gemeint ist ein integrierter
Medienverbund, wie Bertelsmann ihn vorbildlich und zunehmend betreibt. Man verdient überall mit, ob als Verlag oder Vertrieb, als Druckerei oder Fernsehsender, als Rechteinhaber oder weiß der Kuckuck… Nachdem das Gütersloher Unternehmen sich neulich mit Random House den bedeutendsten US-Verlag einverleibte, kündigte es in Frankfurt an, sich zur Hälfte an barnesandnoble.com zu beteiligen, einem Onlinebestelldienst, der derzeit für 15 Millionen Dollar Bücher über das Internet verkauft. Da müssen sich die Betreiber feiner, aber kleiner Buchhandlungen künftig warm anziehen. Und die kleinen, aber feinen Verlage noch mehr…
Wenn es diese beiden Institutionen denn noch braucht. Schließlich ist das elektronische Buch in den Startlöchern. Man lädt sich auf seinen Computer runter, was man braucht, und druckt das Manuskript aus, je nach Bedarf. Pay per reading sozusagen. Unnötig anzumerken, daß ein Partner der Firma Rocket eBooks seinen Sitz in Gütersloh hat…
Romain Kohn
Die Vereinigung Lieszeechen und das Centre National de littérature laden ein zu einer
Lesung mit
Christoph Ransmayr
Freitag, 13. November, 20 Uhr
im Centre National de littérature (Maison Servais) in Mersch
Christoph Ransmayr wurde am 20. April 1954 in Wels/Oberösterreich geboren. Er studierte Philosophie an der Universität Wien und schrieb zunächst Artikel und Reportagen für verschiedene Zeitschriften. Sein erster Roman, «Die Schrecken des Eises und der Finsternis», erschien 1984. Er hat eine österreichisch-italienisch-ungarische Arktisexpedition zum Inhalt und wurde enthusiastisch gelobt. 1988 veröffentlichte er den Ovid-Roman «Die letzte Welt», der zum Welterfolg wurde. 1995 erschien «Morbus Kitahara»; 1997 «Der Weg nach Surabaya». Christoph Ransmayr wurde vielfach ausgezeichnet, so unter anderem mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis (1995), dem Aristeion-Literaturpreis der Europäischen Union (zusammen mit Salman Rushdie, 1997), und dem Hölderlin-Preis (1998). Ransmayr lebt und arbeitet seit 1994 in West Cork/Irland.
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