Wird der Papagei überleben?
Robert Garcia über Freud und Leid bei Radio ARA
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Robert Garcia über Freud und Leid bei Radio ARA
"forum": Seit dem 6. Dezember ist Radio ARA 24 Stunden täglich auf Sendung. Wie würdest Du den dreimonatigen Sendebetrieb beurteilen?
Robert Garcia: Um die Programme von Radio ARA nach drei Monaten beurteilen zu können, müssen zuerst einige Kriterien aufgeführt werden, anhand derer ein solches Projekt vorsichtig und vorläufig beurteilt werden kann. Ich würde zuerst einmal drei Kriterien anlegen, die da sind: die Zielsetzung des Projektes, die vorhandenen Möglichkeiten und die Reaktionen des Publikums.
Ziele eines alternativen Senders
Zur Zielsetzung des Projektes: Hier muß ich vielleicht auf die Beweggründe zurückkommen, welche die "alternativen" RadiomacherInnen bewogen haben, in die kommerzielle Radioszene einzusteigen. Psychologisches Moment war natürlich der Grimm darüber, daß nach 11 Jahren piratenähnlicher Tätigkeit die Pioniere der Radioliberalisierung kurz vor dem Ziel die Waffen vor einem Mediengesetz strecken sollten, das eindeutig auf die kommerziellen und politischen Interessen der herrschenden Nomenklatura ausgerichtet ist. Einige Leute aus dieser Pionierszene – und ich muss zugeben, daß ich anfangs nicht dazu gehörte – drängten also darauf, die Werte und Inhalte des alternativen Radiowesens auch in die Legalität hinüber zu retten.
Zweiter Beweggrund war sicherlich die Unsicherheit über die Zukunft des nationalen sozio-kulturellen Senders. Vor einem Jahr war nicht mal klar, ob es diese Anstalt überhaupt geben würde, und diese Unsicherheit besteht weiter. Sicherlich spielte die Überlegung, sozio-kulturelle Programme wenigstens in einer regionalen Frequenz zu sichern, auch eine Rolle bei der Entscheidung der Vereinigungen und der Individuen, Geld in ein doch weitgehend unsicheres Projekt zu investieren.
Zielsetzung des Projekts war also ein partizipatives Radio, das auf der Kreativität der freiwilligen MitarbeiterInnen basiert, ein sozio-kulturelles Radio, das versucht, den vielen Aktivitäten auf diesem Gebiet ein radiophones Sprachrohr zu geben, ein pluralistisches Radio, das sowohl die interessierteren Bevölkerungsgruppen – "Intelligentsia", Kulturschaffende,
aktive BürgerInnen,… – als auch zumindest einen Teil der breiten Bevölkerung anzusprechen wußte.
Der Anspruch der Partizipation wurde sicherlich eingelöst: immerhin beteiligen sich über 150 freiwillige MitarbeiterInnen und die gleiche Zahl von Jugendlichen an den Programmen von Radio ARA. Das ist ein grosser Erfolg, der die Nachfrage nach freiem Zugang zum Äther und nach kreativer Entfaltung aufzeigt. Auch in punkto Kontrast kann Radio ARA kaum Nivellierung nachgesagt werden: das Pro-
gramm ist extrem "farbig". Musikalischer Mainstream kocxistiert mit Jazz, Folk und Worldmusic, Hardrock-Sendungen sind mit "Musique Sacrée" auf einer und derselben Frequenz zu vereinbaren. Auch was den Pluralismus der Ideen und Meinungen betrifft, so ist es bislang weitestgehend gelungen, ein möglichst breites Spektrum zu Wort kommen zu lassen, dies trotz der teils hausgemachten, teils vorgefaßten Etikettierung als "grüner" oder "Müsli"-Sender. Besonders in den Informationssendungen "CoolTour", "Bistro" und "Ronnen Desch" waren bisher alle demokratischen Tendenzen gleichmäßig stark vertreten. Besonders die Echos auf die "Ronnen Desch"-Sendungen zeigen ein übermäßig starkes Interesse an Streitkultur und Meinungsaustausch auf in einem
Zielsetzung des Projekts war ein partizipatives Radio, das auf der Kreativität der freiwilligen MitarbeiterInnen basiert, ein soziokulturelles Radio, das versucht, den vielen Aktivitäten auf diesem Gebiet ein radio-phones Sprachrohr zu geben, ein pluralistisches Radio, das sowohl die interessierten Gruppen als auch zumindest einen Teil der breiten Bevölkerung anzusprechen wüßte.
Land, in dem quasi alte Presseorgane Pro- und Kontra Diskussionen einfach nicht kennen.
Was uns sicherlich nicht gelungen ist, ist ein Programm, das trotz seines Kontrastreichtums breitere Schichten der Bevölkerung ansprechen kann. Das im Projekt formulierte Ansinnen, tagsüber, in den "leichteren" Programmteilen, ein fast an "mainstream" grenzendes Programm à la SWF3 anzubieten, ist sicherlich nicht eingelöst worden. Das scheinbar leichtere "mainstream"-Programm ist uns unsäglich schwerer gefallen als die vermeintlich schwierigeren Zielgruppensendungen. So ist Radio ARA zur Zeit ein Einschaltradio, das von den meisten HörerInnen aufgrund von spezifischen Sendungen ein- oder abgeschaltet wird.
Umsetzungsmöglichkeiten
Das zweite Kriterium, nämlich das der Möglichkeiten, schwächt die Kritik an verschiedenen Programmteilen natürlich wesentlich ab. Ich möchte mal unsere Situation mit derjenigen, der sicherlich erfolgreichsten Basisinitiative im kulturellen Bereich, dem Kino Utopia, vergleichen. Jahrelang racketen sich die InitiatorInnen des Utopia in mehr oder weniger wüsten Vereinssälen mit der Kinotechnik in ihrem "Ciné-Club" ab. Als dann der erste Utopia-Saal eröffnet wurde, lief das Projekt mit den üblichen Tücken der freiwilligen Mitarbeit an. Ich erinnere mich noch mit Schmunzeln an falsche Filmspulen, technische Pannen, Verspätungen, etc. Inzwischen hat sich die Mischform der kommerziellen Ausrichtung, der professionellen Koordination und des freiwilligen Engagements bewährt und aus dem Projekt Utopia ein im europäischen Vergleich als Musterbetrieb zu bezeichnende Institution gemacht.
Radio ARA ist jetzt im Stadium der ersten Gehversuche des Utopia: ein Übermaß an Engagement, erste Erfolge und Anerkennung, aber immer noch ein Riesenballast an radio-pubertären Mängeln. Da ich nun die finanziellen und menschlichen Möglichkeiten von Radio ARA genauestens kenne, so muß ich trotz subjektiver Vorbelastung sagen, daß wir noch verdammt viel aus den begrenzten Möglichkeiten machen. Besonders im Vergleich zu unseren Goldath-Konkurrenten steht der David ARA recht gut da.
Das Publikum
Letztes Kriterium ist natürlich die Reaktion des Publikums. Unser Radio wird sicherlich nie ein Publikumssender sein. Anstalten mit einem ähnlichen Programm liegen im Ausland bei 3 bis 5% Einschaltquote. Das mag als sehr wenig erscheinen, man muß aber z.B. festhalten, daß in Frankreich das Radio mit dem größten Werbeumsatz und mit der dritthöchsten Beliebtheit beim Publikum es auf gerade 7% bringt, dies infolge der Atomisierung der Radiolandschaft.
Da noch keine Umfrageergebnisse vorliegen und wir nicht die Mittel haben, uns eine eigene Umfrage machen (oder manipulieren) zu lassen, können wir nur auf die subjektiven Reaktionen aus der HörerInnenenschaft eingehen. Hier zuerst ein negativer Aspekt. Drei Monate lang funktionierte Radio ARA ohne Programmschema, was natürlich für ein Kontrastme-
dium tödlich ist. Viele Leute, die im falschen Moment reingehörhaben, wurden durch ungewohnte Klänge verschreckt und ließen den Papagei im Käfig. Erst seitdem wir unser Programm mehr unter die Leute bringen, merken wir eine deutliche Zunahme von meist positiven Reaktionen.
Natürlich gibt es noch jede Menge an berechtigten und weniger berechtigten Kritiken. Ich glaube, daß sich erst Ende des Jahres die Qualität des Senders wird definitiv feststellen lassen.
"forum": Kann sich der freiwillige Einsatz von über Hundert unbezahlten MitarbeiterInnen auf die Dauer auf diesem Niveau halten? Wie wird sich Radio ARA zwischen dem sozio-kulturellen Radio und den anderen Radios behaupten?
Garcia: Beim Einsatz der Freiwilligen von Radio ARA kann man zwischen drei Kategorien unterscheiden:
-
die alten Hasen und Häsinnen der alternativen Radio-Szene, die z.T. über 10 Jahre unter Radio-Stress stehen. Ein großer Teil davon macht mit einer gewissen Routine noch mit, wäre allerdings über einen sanften Ausstieg, bzw. über eine "vitesse de croisière" mit einer regelmässigen Sendung nicht undankbar.
-
neue Rekruten mit einem spezifischen Profil, die in einem bestimmten Gebiet, sei es musikalisch oder thematisch, spezialisiert sind und von daher stark motiviert sind, ihre Anliegen einem Radiopublikum zugänglich zu machen. Von vielen dieser Neuen ist zu erwarten, daß sie sich auf einen tragbaren Rhythmus einpendeln und über Jahre ein gutes Programm machen werden. Allerdings besteht hier die "Gefahr", daß andere, betuchtere Anstalten gute Leute wegwerben können.
-
schließlich gibt es da Dutzende begeisterte Greenhorns, die sich euphorisch in das neue Medium stürzen. Aus Erfahrung kann man erwarten, daß ein kleiner Teil sich durch Weiterbildung und inhaltliche Straffung zu guten Radioleuten entwickeln wird. Ein anderer Teil wird sicherlich mittelfristig die Lust verlieren und muß durch neue MitarbeiterInnen ersetzt werden. Wie alle Initiativen wird Radio ARA sicher einer großen Fluktuation und Rotation ausgesetzt sein. Das ist nicht unbedingt negativ, weil ja gerade ein Aspekt des Projektes die Einführung in aktive Medienarbeit für möglichst viele BürgerInnen beinhaltet.
Konkurrenz zu anderen Sendern
Was nun die Positionierung zwischen den übrigen Radios in Luxemburg betrifft, so besteht eine Interferenz lediglich mit dem sozio-kulturellen Sender. Zwar ist noch nicht genau bekannt, wie die Programminhalte dieses Senders aussehen werden, doch ist zu erwarten, daß zumindest im Informationsbereich eine gewisse Überschneidung nicht zu vermeiden sein wird. Aber egal wie diese thematischen Konvergenzen aussehen werden, so wird ein wesentlicher Unterschied bleiben: als öffentlich-rechtliche Anstalt wird der SozKult-Sender sich weniger dem
Druck der großen Lobbies entziehen können als beispielsweise Radio ARA. Ich bin schon jetzt gespannt auf den ersten Eklat, sollte sich ein naiver Mitarbeiter dieses Senders erdreisten, z.B. kritische Worte über die herrschende Familienideologie zu verlieren. Bereits im Vorfeld des Starts von 100,7 hört man eigentlich nur von politischem und wirtschaftlichem Druck auf die Autonomie der Anstalt. Das stimmt nachdenklich, und unterstreicht die Notwendigkeit eines unabhängigen Radios.
"forum": Der Versuch, das Programm von Radio ARA mit Werbung finanzieren zu wollen, ist wohl fehlgeschlagen…
Garcia: Im Vorfeld des Projektes hatte es bei uns heftige Debatten über Werbung bei Radio ARA gegeben. Der im Nachhinein richtigen Argumentation, zu einem Radio wie dem unseren würde Werbung halt nicht passen, standen folgende Argumente gegenüber:
-
die Ausschreibung der "commission indépendante" sah ausdrücklich die Finanzierung durch Werbung vor. Damals fürchteten wir, ARA könnte aus dem Grunde keine Frequenz ergattern, weil die biederen Herren der Kommission sich eine Finanzierung durch die Hörerinnenschaft nicht vorstellen könnten.
-
desweiteren war die Aufgabe, einen Radiosender auf der Basis von Freiwilligen aufzubauen, ein derart ambitioniertes Unternehmen, daß wir der Versuchung erlagen, alle finanziellen Sorgen bequem auf externe Aktivitäten abzuwälzen;
-
schließlich war auch die Zeit zu knapp, aufgrund eines real noch nicht existierenden Projektes genügend Unterstützer zu werben.
Wir beauftragten also eine der drei Agenturen, die in Luxemburg überhaupt Radio-Regie machen, mit dem Kundenfang. Nach acht Monaten blieb nur noch der ultimative Schritt übrig, der Agentur zu kündigen. Ob es an der Unfähigkeit der Agentur, der abgeschwächten Konjunktur, der Vorsicht der Werbekunden – die ja die anderen Radios auch zu spüren bekommen – oder an unserem "werbefeindlichen" Profil liegt, daß wir kaum Werbekunden gewinnen konnten, sei dahin gestellt.
Im Augenblick stehen wir jedenfalls recht nackert da: mit schrumpfendem Finanzpolster, ohne feste Werbeeinnahmen und mit der Unsicherheit, kurzfristige Unterstützung durch unsere "Basis" zu bekommen.
Die Finanzlage
"forum": Wie lange kann Radio ARA mit mageren Werbeeinnahmen überleben, und gibt es kein Alternativkonzept zur Fremdfinanzierung?
Garcia: Um es gleich mit aller Deutlichkeit zu sagen: beim heutigen Stand der Ausgaben und Einnahmen ist es spätestens im Herbst, vielleicht sogar früher, mit Radio ARA zu Ende!
Aus diesem Grunde haben die Versammlung der Teilhaber sowie das Beratungsgremium der särl "Alter Echos" beschlossen, das vom Geschäftsführer vorgelegte Sanierungskonzept bis Mitte Mai durchzuziehen, das folgende Elemente beinhaltet:
- Partielle Eigenfinanzierung: wir machen aus der Not eine Tugend. Wenn Radio ARA nicht durch Werbung finanzierbar ist, müssen wir uns halt auf die Vorzüge der zumindest partiellen Eigenfinanzierung
besinnen. In einer ersten dringlichen Phase wollen wir bis Anfang Mai ein Spendenvolumen von 150.000 frs monatlich über steuerlich absetzbare Daueraufträge gesichert wissen. Sicherlich in der kurzen Zeit ein hochgestecktes Ziel, aber drunter gehts halt nicht, weil dies gerade das minimale Polster für das Überleben des Projektes darstellt.
-
Eigene Werbebemühungen: wir sind dabei, unseren ursprünglichen "marktwirtschaftlichen" Auftrag erfüllen zu wollen, nämlich kleinen und mittleren Betrieben, nicht nur aus dem alternativen Bereich, zu mittleren Tarifen Zugang zur Radiowerbung zu geben. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob genügend UnternehmerInnen erkennen werden, daß Radio ARA ihnen zwar keinen flächendeckenden, generellen Impakt, dafür aber attraktive und effiziente Formeln, spezifische KundInnen zu erreichen, bietet.
-
bessere Programmdiffusion: ein großes, völlig unverständliches Handicap für unser Radio war bislang das Fehlen eines gedruckten Programms. Seit kurzem bringen wir ein monatlich aktualisiertes Programm heraus, das es den HörerInnen ermöglicht, gezielt ihre Sendungen auszuwählen.
-
Straffung der Redaktion: die "rédaction générale" wurde ebenfalls erweitert und gestrafft, so daß jetzt für fast jeden Bereich eine bestimmte Person zuständig ist, was das Personal entlastet und die Effizienz des Senders erhöht.
Wer Radio ARA finanziell unterstützen will mit einem monatlichen Dauerauftrag, kann dieses Formular ausschneiden oder kopieren und ausgefüllt an Radio ARA, BP 266, L-2012 Luxembourg
Allerdings hängt der Erfolg, ja das Überleben von Radio ARA, kurzfristig von einer massiven und extrem raschen finanziellen Unterstützung ab. Bis Anfang Mai muß ein substantielles Polster gesichert sein, sonst stellt sich die Frage des Überlebens in höchst dringlicher und brutaler Weise. Deshalb sind alle, die ein Radio ARA für wichtig halten, jetzt und sofort gefordert.
"forum": Ein "Pay-Radio" in Luxemburg wäre wirklich etwas Neues. Glaubst Du, daß sich genügend HörerInnen bereit finden, ein an sich kostenlos zu empfangendes Medium finanziell zu tragen?
Garcia: Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie etwa Deutschland, wo die Rundfunkgebühren die gleiche Selbstverständlichkeit haben wie ein Abonnement für eine Zeitung, ist in Luxemburg der Konsum von Hörfunk und Fernsehen immer parasitär gewesen.
Es geht also zuerst einmal darum, den Leuten klar zu machen, daß es sich bei dieser gratis Medienbedienung um ein Pseudogeschenk handelt, da die VerbraucherInnenschaft ja die Kosten durch erhöhte Produktkosten eh tragen muß.
Wenn ich nun allerdings fordere, daß Radio ARA nicht durch Werbeeinnahmen, sondern durch die Unterstützung der HörerInnen getragen wird, so wird das die Preise der Konsumartikel eben dieser HörerInnen kaum senken. Deshalb muß die Argumentation und die Motivation hier anders sein.
senden. Da das Radioprojekt von der Stiftung Oekofonds anerkannt ist, sind Spenden, deren Jahresbetrag 5.000 Frs übersteigt, von der Steuer absetzbar.
ORDRE PERMANENT
Je soussigné/ée
NOM, PRÉNOM
RUE
CODE POSTAL
LOCALITÉ
charge par la présente (biffer ce qui ne convient pas) :
le Service des Chèques Postaux à Luxembourg / la Banque
d’exécuter l’ordre permanent suivant :
Compte débiteur : N°
☐ auprès du Bureau des C.C.P.
☐ auprès de l’Institut Financier
Compte créditeur : C.C.P. 73418-86
Bénificiaire : OEKO FONDS, fondation d’utilité publique
6, rue Vauban
L-2663 LUXEMBOURG
Montant (flux) : ☐ 500.- ou ☐
Périodicité : mensuelle
Motif du payement : soutien Radio ARA
, le
(signature)
Wer eine Alternative zu den "mainstream"-Radios in jeder Hinsicht will, muß angesichts der, zumindest kurzfristig, offenbar unmöglichen Finanzierung durch Werbung für sich entscheiden, was ihm das Weiterleben oder das kurzfristige Verschwinden von Radio ARA wert ist. Im übrigen zeigt der politische und wirtschaftliche Druck, dem alle Medien ausgesetzt sind, daß eine nahezu völlige wirtschaftliche Autonomie für den Pluralismus und die Qualität von Radio ARA das Allerbeste wäre.
Der Challenge von Anfang Mai ist also in zweifacher Hinsicht äußerst wichtig. Zum einen ist es ein Test für die gesellschaftliche Notwendigkeit der Institution Radio ARA. Zum anderen kann zu diesem Zeitpunkt die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit eindeutig festgestellt werden. Sollte die Schwelle von 150.000 frs monatlich nicht erreicht sein und auch keine konkreten Engagements von Werbekunden vorliegen, so ist die Entscheidung über die Zukunft von Radio ARA recht eindeutig: Ende und aus!
"forum": Was würde ein Scheitern des Projektes Radio ARA für die engagierten Leute bedeuten?
Garcia: Ein solches Scheitern wäre, um es gelinde auszudrücken, eine brutale, aber vielleicht heilsame Ernüchterung. Ich kann da natürlich nur für mich persönlich sprechen, glaube trotzdem, daß meine Einschätzung stellvertretend für viele engagierte Menschen steht.
Wie bei den meisten Basisinitiativen der letzten 10, 15 Jahren, gibt es jeweils einen harten Kern von Hyperaktiven, die sich über Jahre voll in ein oder mehrere Projekte investieren. Daneben gibt es einen Kreis von SympathisantInnen, welche die Projekte durch regelmäßige Zuwendungen unterstützen. Bei vielen Initiativen hat sich eine doppelte Mischform herausgeschält: im Bereich der Aktivität eine Ergänzung der freiwilligen Arbeit durch einen mehr oder weniger hohen Anteil von bezahlter Arbeit; im Bereich der Finanzierung eine Mischform von Eigenfinanzierung und öffentlicher Subvention.
Bei Radio ARA ist die öffentliche Subvention mittelfristig leider unmöglich, da ja durch das Gesetz das Korsett der marktwirtschaftlichen GmbH aufgesetzt wurde. Auch die Eigenfinanzierung ist nicht evident, denn Abo-Einnahmen wie bei Zeitschriften sind a priori nicht üblich und müssen erst argumentativ erstritten werden. Im übrigen sollte es alternative Projekte ja auch nicht zum Nulltarif geben, sonst hätten sie die Bezeichnung "alternativ" ja wohl nicht verdient. Eine kleine Eigenleistung der HörerInnen und SympathisantInnen wäre m.E. nicht zu viel verlangt, bedenkt man das doch durchschnittlich hohe Konsumniveau des Zielpublikums.
Was nun die psychologische Komponente betrifft, möchte ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben.
Es ist nicht so, daß ich mir persönlich eine große Bedeutung zumesse oder gar weinerlich Mitleid heischen möchte. Auch Überengagement basiert bei den meisten Betroffenen auf einer freien Wahl, und die überbeanspruchten AktivistInnen sollten sich nicht zu sehr bedauern lassen. Aber irgendwann stößt jeder missionarische Eifer an seine Grenzen. Auch wenn
das assoziative Leben befriedigende Momente aufweist, so gäbe es an manchen Abenden und Wochenenden sicherlich auch Besseres zu tun als für irgendein philanthropisches Projekt zu arbeiten. Lange Rede, kurzer Sinn: ein Scheitern von Radio ARA aus Mangel an materieller Solidarität der, oft gut betuchten, HörerInnenschaft, würde für mein Engagement, und sicherlich für das vieler MitstreiterInnen, kurzfristige und definitive Folgen, auch in anderen Bereichen, mit sich ziehen.
Ich bin aber trotz alledem recht optimistisch. Bei aller Kritik, die sicherlich berechtigt ist, bin ich kaum einem begegnet, der unser Radio in den Boden gestampft hätte. Bei vielen Leuten hat sich ein Effekt der angenehmen Überraschung eingestellt, und eine solide Basis von ZuhörerInnen möchte nicht mehr auf ihre Lieblingssendungen verzichten. Ob diese Erkenntnis den Leuten nun 500 frs im Monat wert ist, darüber muß jede R selbst entscheiden. "Our future in your hands"!
Perspektive
"forum": Angenommen, es gelingt Radio ARA sich durch eine Mischfinanzierung von Hörerunterstützung und Werbung über Wasser zu halten. Welche programmatischen Perspektiven gibt es, sagen wir mal, über das Jahresende hinaus?
Garcia: Das ist natürlich sehr schwer abzuschätzen. Bei den freiwilligen MitarbeiterInnen wird es wahrscheinlich zwei entgegengesetzte Tendenzen geben. Zum einen bezweifle ich, ob wir den frenetischen Rhythmus der Anfangszeit ad libitum durchhalten können. Andererseits wird sich eine gewisse Routine einstellen, die beinhaltet, daß sich die meisten Aktiven auf einen vernünftigen Arbeitsrhythmus einpendeln werden. Dann ist zu hoffen, daß sich das große Netz an gelegentlichen, aber regelmässigen MitarbeiterInnen, vor allem aus dem assoziativen Bereich, das wir momentan aufbauen, dermaßen stabilisiert hat, daß die Leute quasi reflexartig an Radio ARA herantreten und nicht immer hofiert werden müssen. Der Kern der AnimatorInnen wird sich dann eher um die Form der Informationssendungen als um den Inhalt bekümmern müssen.
Dann hoffe ich, daß die 15 Stunden "Graffiti", also die "Medien-Werkstätten" von und für Jugendliche, autonom funktionieren können. Im Moment kosten uns diese pädagogischen Programme eine Menge Einsatz und Stress, und auch über ein Viertel unserer Personalkosten.
"forum": Was heißt autonom?
Garcia: Autonom, bezogen auf das Funktionieren der Jugendsendungen, hieße konkret, daß die Graffiti-Leute – Jugendliche und Erwachsene – quasi als autonome Redaktion bei uns die Sendezeiten mieten und sich die Koordination von den für Medienerziehung zuständigen Stellen, vor allem dem Erziehungsministerium, finanzieren lassen. Es ist nicht Aufgabe einer privaten Initiative, sich den öffentlichen Auftrag, Hunderte von Jugendliche in das Medium Radio einzuführen, von privaten Spendern finanzieren zu lassen. Freistellungen wäre das Mindeste, was sie vom Ministerium verlangen müßten.
Alternative Projekte sollte es nicht zum Nulltarif geben, sonst hätten sie die Bezeichnung "alternativ" ja wohl nicht verdient. Eine kleine Eigenleistung der HörerInnen und SympathisantInnen wäre nicht zu viel verlangt, bedenkt man das durchschnittlich hohe Einkommensniveau des Zielpublikums.
Dem gesamten Prozeß der zehnjährigen Erarbeitung des Mediengesetzes hängt der Ruch des politischen Skandals an.
"forum": Wäre eine Synergie mit dem sozio-kulturellen Sender, vielleicht im Kontext einer Korrektur des Mediengesetzes, nicht angebracht?
Garcia: Ja, diese Frage ist ganz klar mit Ja zu beantworten. Allerdings stellt sie sich heuer nicht, da ja das Mediengesetz, entgegen jeder Vernunft, eine Synergie des 100,7-Senders mit RTL vorschreibt. Diese unmögliche Situation ist der Logik des Mediengesetzes inhärent. Theoretisch könnte ich mir langfristig ein professionelles Kernprogramm von 100,7 mit einem ARA-Rahmenprogramm vorstellen. Das wäre zumindest logischer als die Fensterlösung mit RTL 92,5. Leider müßte dazu aber das von der Regierung gezimmerte Mediengesetz geändert werden.
"forum": Wie ist die Radiolandschaft in Luxemburg insgesamt zu beurteilen und welche Zukunftsszenarien sind möglich?
Garcia: In Bezug auf den globalen Kontext der Medienlandschaft in Luxemburg möchte ich deutlich sagen, daß dem gesamten Prozeß der zehnjährigen Erarbeitung des Mediengesetzes der Ruch des politischen Skandals anhängt. Symptomatischer Fall ist der von der kritischen Öffentlichkeit unbemerkt vollzogene Berufswechsel des Regierungsrats Paul Zimmer um die Jahreswende. Der Mann, der den Text des Gesetzes quasi Wort für Wort verfaßt hat, wird sechs Monate nach Inkrafttreten beigeordneter Direktor der Skt-Paulus-Konzerns, der ja der Hauptnutznießer des Gesetzes ist. In einem demokratisch funktionierenden Staat hätte es hier eine Rücktrittswelle geben müssen.
Ein weiterer Skandal ist im übrigen die prophylaktische Kapitulation der nicht paulinen Presse vor einem ernsthaften Radio-Konzept. Die "Zeitung" lästerte völlig zu Recht über die beiden "mildife-Geschäftsführer" von "Eldorado", die "im XXL-T-shirt" ihren pubertären Dudelsender präsentierten.
Persönlich finde ich es erniedrigend, wenn Leute, die immer für sozio-kulturellen Rundfunk lobbiierten, jetzt auf dem Niveau der totalen Volksverdammung angelangt sind. Mehr als ein "constat d’échec" einer Yuppie-Generation ist es eine Kapitulation des Pressepluralismus vor dem kommenden Rundfunkmonopol des "Wahrheit&Recht"-Imperiums.
Vielleicht wäre es zum Schluß noch angebracht, kurz auf die Perspektive 1995 einzugehen, wenn der Vertrag zwischen der CLT und der Regierung erneuert werden muss. Dann sind eine Reihe von Horrorszenarien möglich: eines davon wäre die Fusion des sozio-kulturellen Senders mit dem aktuellen "92,5", an dem die CLT ja nur noch beschränktes Interesse haben dürfte. Ein anderes die Übernahme der 100,7-Frequenz oder der aktuellen RTL-Oldie-Frequenz durch den DNR, ein solches Ziel verfolgt der Sankt-Paulus-Konzern sicherlich. Ohne den sozio-kulturellen Sender und ohne Radio ARA, mit DNR-Monopol und Eldorado-Gedudel wäre die Pressediktatur in Luxemburg noch perfekter.
Viele glauben noch an eine Zukunft des sozio-kulturellen Senders, und ich würde einen guten öffentlich-rechtlichen Hörfunk, trotz aller Konkurrenz, in Luxemburg nachdrücklich wünschen. Was man aber z.Z. hört über politischen und wirtschaftlichen Druck bereits im Vorfeld der sozio-kulturellen Programme, stimmt einen sehr bedenklich. Wer sich von 100,7 Pluralismus erwartet, dürfte in unserem Staat der hinter den Kulissen operierenden Lobbies zutiefst enttäuscht und getäuscht werden.
Sie sehen, es führt für Anhänger der Pressefreiheit und des Meinungspluralismus kein Weg an der Unterstützung von Radio ARA vorbei!
(Robert Garcia antwortete am 22. März 1993 schriftlich auf die Fragen von "forum".)
Der Papagei und die Politik
Täglich an Wochentagen gibt es auf ARA zwei News-Magazine: "Bistro" (17.00-19.00) und "Cooltour" (12.00-14.00). Diese Sendeform ist in Deutschland weitverbreitet. Kurze Wortbeiträge von ca. fünf Minuten werden in ein Musikrahmenprogramm eingebettet. Während "Cooltour", wie der Name es sagt, sich dem kulturellen Geschehen zuwendet, ist "Bistro" eher der politischen und der allgemeinen Aktualität gewidmet. Zunächst überrascht, wieviele und wie vielfältige Besucher im Studio begrüßt werden konnten. Man kann keineswegs sagen, daß hier eine kleine alternative Szene unter sich Familientratsch betreibt. Und da eingehende Faxe gleich über die Antenne verlesen werden, habe ich hier einige wirkliche Neu-igkeiten erfahren. Sicher, mit dem Nachrichtenangebot von RTL kann man nicht konkurrieren, aber man hat aus der Not, der Unmöglichkeit einer
richtigen Nachrichten-sendung, die Tugend einer Sendung gemacht, die nicht auf breitgestreute sondern auf gezielte Information und Kommentare setzt. "Cooltour" ihrerseits erinnert in gewissem Maße an "Rido-Clap" von RTL, nur daß "Cooltour" täglich ausgestrahlt wird.
Das politische Flaggschgiff von Radio ARA ist die sonntägliche Sendung "Ronnen Dësch" (10.00-11.30). Man stelle sich vor: Viviane Reding und Guy Rewenig diskutieren miteinander über die Streitkultur; Carlo Meintz kommentiert die Aussagen von Jos Daleiden zum Beamtenstatut; Victor Weitzel diskutiert mit Gast Giberyen über populistische und ausländerfeindliche Anwandlungen der 5/6-Bewegung; Conny Scheel von der Artistengewerkschaft streitet mit Marie-Josée Jacobs, der zuständigen Ministerin… um nur einige wenige Sendungen zu erwähnen.
Es gab auch Flopps: als der angekündigte Fernand Rau ausblieb und anderthalb Stunden Musik gesendet wurden, als Brüsseler Journalistik-Stundenten über die Uni-Luxemburg sprechen sollten und nicht nur nichts zu sagen hatten, sondern dies auch noch schlecht taten. Peinlich auch, wenn vorbereitete Fragen vom Moderator oder von der Moderatorin als lange Schachtelsätze vom Papier abgelesen werden. Aber die ARAs haben bislang unsere Nachsicht, da man bekanntlich alles erst lernen muß. Und daß man dies kann, beweist "Ronnen-Dësch"-Moderator Claude, der dank seiner langen RADAU-Erfahrung die bisher besten "Ronnen Dësch"-Gespräche über Beamten und Streitkultur zustande gebracht hat.
Genauso wie die RTL-Sendung "Chefredakter fir eng Stonn" gehört schon jetzt der "Ronnen Dësch" zum Must des politisch interessierten Luxemburgers.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!