- Musik
Wo versteckst du dich, oh weibliche Kulturschaffende?
Wenn Sie sich die neue Saison beliebter Konzerthäuser anschauen, stellen Sie sich da auch manchmal die Frage, wie viele Frauen eigentlich auf den großen Bühnen stehen? Interessiert Sie, von wem die Sonaten komponiert sind und wer die Texte Ihrer Lieblingsmusik geschrieben hat? Macht es für Sie einen Unterschied, ob eine Frau, ein Mann oder eine nicht-binäre Person am Klavier sitzt? Oder geht Ihnen die ganze Diskussion rund um Quoten und Repräsentation gehörig auf die Nerven?
Ich möchte mich diesen Fragen widmen und einen konstruktiven Beitrag zu der Rolle von Repräsentation und der gleichberechtigten Teilnahme im Kulturbereich leisten.
In diesem Artikel werden zunächst die zentralen Ergebnisse der Studie zur Geschlechterrepräsentation in der kulturellen Programmgestaltung ausgewählter Kulturinstitutionen Luxemburgs vorgestellt.1 Im Anschluss werden mögliche Ursachen für die signifikante Unterrepräsentation von Frauen in diesem Bereich veranschaulicht, um abschließend – mit Blick auf eine zukunftsorientierte und paritätisch gestaltete Kulturlandschaft –
konkrete Handlungsempfehlungen zu formulieren.
Da forum sich in dieser Ausgabe auf die Musik konzentriert, wurde der Fokus der Analyse im vorliegenden Text mit den entsprechenden Studienergebnissen daran angepasst.
Die gläserne Decke – wo sind die Frauen in Luxemburgs Kulturlandschaft?
Angesichts der unzureichenden Datengrundlage im Bereich der Geschlechterrepräsentation im luxemburgischen Kultursektor beauftragte das CID | Fraen an Gender das Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER) mit der Durchführung einer empirischen Erhebung (2023). Ziel der Untersuchung war es, die Geschlechterverhältnisse in der Programmgestaltung ausgewählter Kulturinstitutionen sowie die geschlechtsspezifische Berufsverteilung innerhalb des luxemburgischen Kultursektors systematisch zu analysieren. Die Studie bezieht sich auf die Kultursaison 2022-2023 und umfasst die Bereiche Theater, Tanz, klassische sowie zeitgenössische Musik. Die Ergebnisse wurden im Februar 2024 veröffentlicht und zuvor im Rahmen einer Konferenz den beteiligten Institutionen präsentiert.
Dieses Projekt ist eingebettet in die kontinuierliche Auseinandersetzung des CID mit Formen struktureller Diskriminierung aufgrund des Geschlechts im Kulturbereich. Die vorliegenden Daten liefern erstmals eine belastbare Grundlage, um geschlechterbezogene Disparitäten im luxemburgischen Kulturbetrieb sichtbar zu machen. Die Ergebnisse sollen künftig als Referenzpunkt für die Entwicklung gezielter Gleichstellungsmaßnahmen dienen. Zugleich dient diese Studie als Ausgangspunkt für weiterführende Forschungsvorhaben.
Es sei an dieser Stelle ausdrücklich betont, dass die Analyse auf einem binären Geschlechterverständnis beruht. Aufgrund der limitierten Datenlage war es nicht möglich, nicht-binäre Geschlechtsidentitäten systematisch zu erfassen. Dieses methodische Defizit verdeutlicht den dringenden Bedarf an einer Erweiterung der Datenerhebung hin zu einer umfassenderen geschlechtlichen Diversität.
Die Ergebnisse zeichnen ein teilweise ernüchterndes Bild: Frauen sind lediglich in etwa einem Fünftel der ausgewerteten professionellen Positionen vertreten. Besonders auffällig ist die Unterrepräsentanz von Frauen in sämtlichen beruflichen Bereichen der Musikbranche. Eine weitere bemerkenswerte Beobachtung betrifft den Einfluss des Geschlechts von Entscheidungsträger*innen auf personelle Besetzungen sowie auf den Veranstaltungsort. So zeigt sich, dass der Anteil an Tänzerinnen um 12 % steigt, wenn eine Choreographin für die Besetzung verantwortlich ist. Eine ähnliche Tendenz lässt sich beim Theater beobachten: Hier steigt bei Regisseurinnen nicht nur der Anteil an Schauspielerinnen, sondern auch an Autorinnen. Zudem zeigen männliche Choreographen ihre Arbeiten häufiger vor größerem Publikum, wohingegen Inszenierungen von Regisseurinnen eher in kleineren Veranstaltungsorten gezeigt werden.
Wie sieht’s in der Musik aus?
Im Rahmen der vorliegenden Studie wurde die geschlechtsspezifische Repräsentation in zwei zentralen Bereichen der Musik analysiert: der klassischen und der zeitgenössischen Musik. Für den Bereich der klassischen Musik wurden die Geschlechterverhältnisse unter den Autor*innen, der musikalischen Leitung sowie unter den Solist*innen bzw. Leitsänger*innen untersucht. Im Gegensatz dazu differenzierte die Analyse im Bereich der zeitgenössischen Musik zwischen Künstler*innen, Musiker*innen sowie Vorbands. Darüber hinaus wurde bei Festivals das jeweilige Line-up erfasst und ausgewertet.
Die Ergebnisse im Bereich der klassischen Musik zeigen eine deutliche männliche Dominanz: 80,9 % der ausgewerteten Positionen sind von Männern besetzt. Besonders ausgeprägt ist das Ungleichgewicht im Bereich der künstlerischen Kreation, wo über 90 % der Autor*innen männlich sind. Auch die musikalische Leitung liegt mit einem Anteil von 87,2 % überwiegend in männlicher Hand. Somit sind insbesondere Entscheidungs- und Führungspositionen strukturell durch Männer geprägt. Diese ungleiche Verteilung lässt sich auf historisch gewachsene Rollenzuschreibungen innerhalb der klassischen Musik zurückführen. Frauen wurden über lange Zeit primär mit dem Gesang sowie mit wenigen ausgewählten Instrumenten in Verbindung gebracht, was ihnen den Zugang zu zentralen Entscheidungsfunktionen und Positionen als Solistinnen weitgehend verwehrte.2
Dies wirft grundlegende Fragen auf: Welche möglichen Ursachen hat diese Marginalisierung, und welche grundlegenden Maßnahmen sind notwendig, um ein geschlechtsspezifisches Gleichgewicht herzustellen?
Ein besonders aufschlussreicher Befund betrifft den Zusammenhang zwischen dem Geschlecht, der musikalischen Leitung und der Größe des Veranstaltungsortes: Ist eine männliche Person für die musikalische Leitung verantwortlich, ist der Veranstaltungsort durchschnittlich fast zweieinhalbmal größer als bei weiblich besetzter Leitung. Dies verweist auf eine geschlechtsspezifische Asymmetrie auch im Hinblick auf Sichtbarkeit und institutionelle Wertschätzung.
Auch im Bereich der zeitgenössischen Musik bestätigen sich diese strukturellen Ungleichheiten. Besonders drastisch fällt die Unterrepräsentation von Frauen im Berufsfeld der Musiker*innen aus: Ihr Anteil liegt bei lediglich 1,4 %. In den weiteren untersuchten Bereichen übersteigt der Frauenanteil nicht die Grenze von 17,5 %. Bei der Analyse von Festivalbesetzungen zeigt sich die Disparität besonders deutlich: 82,5 % der Line-ups bestehen ausschließlich aus männlichen Künstlern.
Obwohl Frauen insgesamt lediglich rund ein Fünftel der analysierten professionellen Posten einnehmen, zeigen die Ergebnisse der Studie besonders im Musikbereich eine signifikante Unterrepräsentation von Frauen. Dies wirft grundlegende Fragen auf: Welche möglichen Ursachen hat diese Marginalisierung, und welche grundlegenden Maßnahmen sind notwendig, um ein geschlechtsspezifisches Gleichgewicht herzustellen?
Eine individuelle Entscheidung? Die Ursachen für den Mangel an Frauen in der Kultur
Die Unterrepräsentation von Frauen in vielen Bereichen der Kulturbranche ist keineswegs das Resultat individueller Lebensentscheidungen, sondern Ausdruck tief verwurzelter struktureller Ungleichheiten. Ein Blick auf die Rahmenbedingungen innerhalb der Kulturszene offenbart vielfältige Barrieren, die den Zugang und Verbleib von Frauen in künstlerischen und leitenden Positionen erschweren.
Ein zentrales Problem stellt der strukturelle Machtmissbrauch in kulturbezogenen Institutionen dar, der durch mangelnde Transparenz und hierarchische Strukturen begünstigt wird. #MeToo, ein Online-Phänomen aus dem Jahr 2017, welches sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen veranschaulicht, hat einen bedeutsamen Beitrag geleistet, um die systematischen Dynamiken hinter Sexismus und Diskriminierung zu verdeutlichen. Im Rahmen dieser Diskussion meldeten sich auch viele Betroffene aus dem Kulturbereich zu Wort, die auf Gewalterfahrungen und Unterdrückungsmechanismen sowohl auf als auch hinter der Bühne aufmerksam machten.3
Hinzu kommt, dass der Kulturbereich insbesondere durch unregelmäßige und atypische Arbeitszeiten gekennzeichnet ist. Diese sind vor allem mit familiären Verpflichtungen – insbesondere der Kinderbetreuung – schwer vereinbar. Da Frauen aufgrund tief verankerter sexistischer Rollenzuschreibungen weiterhin primär die unbezahlte Fürsorgearbeit übernehmen, erschweren diese Arbeitsbedingungen den Zugang insbesondere für sie.
Befristete Arbeitsverträge und Minijobs sowie das ständige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Geldgeber*in und Antragsteller*in fördern neben den bereits genannten Faktoren ein prekäres Arbeitsklima.
Nicht zuletzt zeigt ein historischer Rückblick, dass Frauen in der Kultur lange auf bestimmte Ausdrucksformen – etwa den Gesang – beschränkt waren, während ihnen Zugang zu anderen künstlerischen und gestalterischen Bereichen systematisch verwehrt blieb. Diese historisch gewachsenen Ausschlussmechanismen wirken bis heute fort.4
All dies macht deutlich: Der Ausschluss von Frauen aus bestimmten Bereichen der Kultur ist keine individuelle Entscheidung, sondern die Konsequenz inhärenter Dynamiken, die in einem sexistischen und misogynen Wertesystem verankert sind. Diese strukturellen Bedingungen behindern eine geschlechtergerechte Teilhabe im Kulturbereich und unterstützen demnach die Marginalisierung weiblicher Kulturschaffenden.
Und nun? Wie wir unsere Kulturlandschaft in Zukunft paritätischer gestalten können
Abschließend schlage ich einige Maßnahmen vor, um der festgestellten Unterrepräsentation von Frauen entgegenzuwirken und die Kulturlandschaft in Zukunft geschlechtergerechter zu gestalten:
- Einführung von Quotenregelungen in der Programmgestaltung sowie auf Entscheidungsebenen, um eine paritätische Repräsentation sicherzustellen.
- Prüfung der Einführung von Quoten im Rundfunk, insbesondere im Hinblick auf die geschlechtergerechte Ausstrahlung musikalischer Werke.
- Förderung flexibler Arbeitszeitmodelle, auch in Führungs- und Entscheidungspositionen, um Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit zu gewährleisten.
- Schaffung von Festanstellungen für Künstler*innen anstelle von ausschließlich projektbezogenen, befristeten Anstellungen, um strukturelle Sicherheit und Gleichstellung zu fördern.
- Ausbau von Sensibilisierungsprogrammen für Musikschulen, pädagogisches Personal sowie Entscheidungsträger*innen, mit Fokus auf die Reflexion eigener Fördermechanismen und impliziter Bias.
- Bereitstellung bedarfsgerechter Kinderbetreuung, insbesondere bei Proben, Aufführungen und Festivals, zur Unterstützung der Vereinbarkeit von künstlerischer Tätigkeit und familiären Verpflichtungen.
- Einführung transparenter Gehaltsstrukturen, um geschlechterbedingte Einkommensunterschiede sichtbar zu machen und gezielt abzubauen.
- Einrichtung von Vermittlungs- und Anlaufstellen für Personen, die von Diskriminierung betroffen sind
– insbesondere innerhalb künstlerischer und kultureller Institutionen. - Gezielte finanzielle Förderung von Institutionen, die in ihrer Programmgestaltung geschlechterparitätische Ansätze verfolgen und umsetzen.
- Implementierung eines externen Monitorings, das eine unabhängige Kontrolle und Evaluation der Maßnahmen in kulturellen Einrichtungen sicherstellt.
Obgleich das luxemburgische Arbeitsrecht5 Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ausdrücklich verbietet, lässt sich im Kulturbereich weiterhin eine klare Dominanz von Männern feststellen. Es erfordert ein gesellschaftliches Umdenken sowie politischen Willen, um diesem strukturell bedingten Ungleichgewicht konsequent entgegenzuwirken. Das CID | Fraen an Gender engagiert sich seit 1992 anhand gesellschaftspolitischer, kultureller und pädagogischer Sensibilisierungsangebote für eine geschlechtergerechte, inklusive und feministische Gesellschaft, in der jeder Mensch, unabhängig von seinem Geschlecht, aktiv auf allen Gesellschaftsebenen teilhaben kann.
1 Nathalie Lorentz, Monique Borsenberger, Carole Blond-Hanten & Bérengère Darud, Analyse de la programmation culturelle 2022-2023 dans une perspective sensible au genre au Luxembourg, Luxemburg, LISER, 2024. https://cid-fg.lu/news/genderculturelux/
2 Myrtille Picaud, „Quand le genre entre en scène : configurations professionnelles de la programmation musicale et inégalités des artistes dans deux capitales européennes“, in: Sociétés Contemporaines, 119 (2020), 3, S. 143-168, hier S. 143.
3 Sophie Hennekam & Dawn Bennett, „Sexual Harassment in the Creative Industries: Tolerance, Culture and the Need for Change“, in: Gender, Work and Organization, 24 (2017), 4, S. 417-434.
4 Aliette de Laleu, Mozart était une femme : histoire de la musique classique au féminin, Paris, Stock, 2022.
5 Siehe Artikel L. 225-1 ff. des Arbeitsgesetzbuches in Bezug auf die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen und Artikel L. 241-1 ff. des Arbeitsgesetzbuches betreffend Diskriminierungen am Arbeitsplatz auf Grundlage des Geschlechts. http://data.legilux.public.lu/eli/etat/leg/code/travail/20250401 (letzter Aufruf: 29. April 2025)
Claire Schadeck arbeitet seit 2021 bei CID | Fraen an Gender und ist für die Koordination politischer und kultureller Projekte verantwortlich. Zwischen 2022 und 2023 war sie als Forscherin an der Universität Luxemburg im Projekt „Geschlechterdarstellungen in Lehrbüchern: Sekundarstufe I“ tätig. Ihr Bachelorstudium in Vergleichender Literaturwissenschaft hat sie an der Universität Wien abgeschlossen, gefolgt von einem Masterstudium in Gender Studies.
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