- L'éducation artistique et culturelle: (en)quête de sens.
Kulturelle Bildung als Raum ästhetischer Erfahrung und gemeinsamer Lernprozesse
Ein Interview mit Yann Leiner
Yann Leiner ist Redaktionsmitglied des OPUS-Kulturmagazins, Vorstandsmitglied der Saarländischen Gesellschaft für Kulturpolitik und Fachreferent für Kulturelle Bildung am Bildungscampus Saarland[1].
1) Wie können sich die künstlerische Welt und die Bildungswelt einander annähern, sodass Kinder und Jugendliche einen experimentellen und reflexiven Zugang zu Kunst und Kultur entwickeln können?
Künstlerische Welt und Bildungswelt können sich vielschichtig einander annähern. Wenn Künstlerinnen und Künstler in Bildungseinrichtungen arbeiten, eröffnen sie Möglichkeiten der ästhetischen und künstlerischen Erfahrung, die das pädagogische Kernpersonal alleine nicht bieten kann. Künstlerische und kreative Angebote fördern die Fähigkeit, Probleme zu lösen und schaffen es, eine inspirierende und motivierende Lernatmosphäre zu ermöglichen. Ihre Lernangebote können sich dabei auch losgelöst von eng gefassten Lehrplänen und dem Leistungsdruck entwickeln, was diese Tendenzen zusätzlich stärkt.
In der Schule lassen sich zudem Kunst- und Kulturtechniken aus allen Sparten direkt mit dem Unterricht verknüpfen, wenn Lehrkräfte eine experimentierende Haltung einnehmen. Unterrichtsinhalte können beispielsweise filmisch, theater- oder tanzpädagogisch umgesetzt werden. Interessant ist hierbei auch der Ansatz der „Ästhetischen Forschung“, wie er etwa über das Kultur.Forscher!-Programm der Universität Marburg vermittelt wird (Arbeitsstelle für Kulturelle Bildung dort). Dabei können wissenschaftliche Erkenntnisse und Recherchen auch in künstlerische Inszenierungen, wie z. B. einer Theater- oder Tanzaufführung präsentiert werden.
Eine weitere wesentliche Rolle spielen außerschulische Lernorte wie Museen oder Theater. Die unmittelbare Begegnung mit Kunstwerken oder künstlerischen Methoden vor Ort stärken die Resonanzbeziehung zu Kunst und Kultur, wobei zusätzlich sogar ein Aspekt der Berufsbildung entsteht, wenn Kinder und Jugendliche die Berufsbilder in diesen Kulturinstitutionen kennenlernen. Von besonderer Bedeutung ist, dass diese Einrichtungen hochqualifiziertes pädagogisches Personal besitzen, um die Bildungsarbeit und die Kooperationen mit Bildungseinrichtungen strukturell zu verankern. Sinnvoll ist, dass Schulen permanent mit diesen kulturellen Lernorten kooperieren, um ihre Angebote mit dem Unterricht, Exkursionen und Wandertagen zu verknüpfen. Auch die aufsuchende Kulturarbeit der Kunst- und Kulturinstitutionen in den Schulen selbst stärkt diese Bindung.
2) Wie wird diese Perspektive konkret in der schulischen Praxis umgesetzt?
In der Schule ist der Kernunterricht immer noch das zentrale Element der Wissensvermittlung. Künstlerisch-kreative Methoden lassen sich dort auch mit nichtkünstlerischen Fächern verbinden, wenn beispielsweise in Mathematik anhand von architektonischer Formen geometrische Prinzipien betrachtet werden oder in Erdkunde Wetterphänomene in Gedichten sichtbar werden. Kulturelle Fächer wie Musik, Bildende Kunst oder Darstellendes Spiel können mit den Unterrichtsinhalten anderer Fächer verbunden werden. Künstlerinnen und Künstler können hierbei in den Projektunterricht einbezogen werden. Das in Kanada entwickelte Konzept „Learning through the arts“ (LTTA) ermöglicht Künstlerinnen und Künstlern unmittelbar, ihre Methoden mit dem Fachunterricht zu verbinden.
Durch diese Methoden entstehen motivierende Lernformen, die auch die Freude am Verstehen und Erkennen erhöhen. Nicht nur Schülerinnen und Schüler spüren selbstwirksame Erfahrungen, auch auf die Lehrerinnen und Lehrer springt die Motivation über und sie spüren eine höhere Zufriedenheit. Sie können sogar neue Sinnpotenziale in ihrem Berufsfeld entdecken. Ein Faktor, der auch in seiner gesundheitsfördernden Wirkung nicht zu unterschätzen ist.
3) Inwiefern sehen Sie Kulturelle Bildung als eigenständige Bildungsdimension, und wie lässt sich vermeiden, dass sie vor allem in den Dienst schulischer Wissensvermittlung gestellt wird?
Neben den Aspekten der Kreativen Unterrichtspraxis und der Verknüpfung mit schulischen Lernformen ist es wichtig, dass die Kulturelle Bildung auch ihren Eigenwert bewahrt. Ästhetische Erfahrung braucht auch die freie und spielerische Entfaltung, jenseits von Leistungsdruck, Notengebung und Vorgaben von Lernzielen. Daher ist es gut, wenn Schulen wertungsfreie Zeiträume schaffen, in denen sich das Kreative Gestalten offen und frei experimentierend vollziehen kann. Die Zusammenarbeit mit Kunst- und Kulturinstitutionen gibt den Schulen auch Möglichkeiten, AGs oder Projektwochen mit Kunst- und Kreativschaffenden zu ermöglichen, in denen dieses freie Lernen möglich ist. Auch die Nachmittagsangebote von Kulturinstitutionen oder Jugendzentren bieten diese Möglichkeit.
Letztlich ist es aber immer auch ein systemischer Reibungsprozess, wenn die freie Kunst mit dem Schulsystem in Berührung kommt. Dabei sollten freie ästhetische Erfahrungsräume bewusst eröffnet werden, es ist aber auch nötig den Kernunterricht durch kreative Methoden zu erweitern, um eine zeitgemäße Lernkultur zu schaffen.
4) Welche zentralen Maßnahmen und Programme gibt es im Saarland im Bereich der Kulturellen Bildung?
In Deutschland gibt es in jedem Bundesland Programme zur Kulturellen Bildung. Diese Initiativen zur kulturellen Schul- und Unterrichtsentwicklung gehen auf eine 10-jährige Förderung durch die Stiftung Mercator zurück, wobei das Saarland als achtes Bundesland 2017 mit dem Programm KULTURleben![2] beigetreten ist. Seit dieser „Mercator-Zeit“ sind alle Bundesländer miteinander vernetzt und treffen sich online und in Präsenz zum Erfahrungsaustausch. Alle zwei Jahre findet der Bundeskongress „Kulturelle Schul- und Unterrichtsentwicklung“ statt.
Im Saarland gibt es seit dieser Zeit ein Netzwerk von Kulturschulen, die sich regelmäßig treffen und ihr Wissen teilen. Diese Schulen haben Kulturfahrpläne erarbeitet, in denen sie ihre Maßnahmen zur Kulturellen Bildung zusammenführen und in die schulischen Planungen integrieren. Die Schulen sind auch an Kulturinstitutionen sowie an freie Künstlerinnen und Künstler angebunden, mit denen sie zusammenarbeiten. Diese Schulen schaffen dabei Freiräume, um vermehrt mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten und ästhetische Erfahrungsräume zu eröffnen.

Eine Webseite bündelt die zentralen Informationen zum Programm KULTURleben!, darunter Projektpräsentationen, Angebote von Kulturinstitutionen sowie Unterrichtsmaterialien für Schulen. Ergänzend dazu gibt es eine gedruckte Broschüre mit saarländischen Kulturorten und ihren pädagogischen Angeboten.
Doch schon vor dem zentralen Programm KULTURleben! mit systematischer überregionaler Anbindung hat Kulturelle Bildung im Saarland stattgefunden. Die Landesakademie für musisch-kulturelle Bildung existiert bereits seit 1985. Seit 2016 gibt es in seinen jetzigen Strukturen ein Theaterpädagogisches Zentrum (TPZ), das sich aus dem Kinder- und Jugendtheater „überzwerg“, der Theaterpädagogik des Staatstheaters und einer Beratungsstelle für Schultheater zusammensetzt. Dort werden Lehrerinnen und Lehrer auch für das Fach „Darstellendes Spiel“ qualifiziert. Im Programm „Kreative Praxis“ des Ministeriums für Bildung und Kultur wird die Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern mit Schulen gefördert.
5) Wie funktionieren die Kunstschulen und das Fortbildungsprogramm KULTURleben?
Kunstschulen gibt es in Deutschland und im Saarland in großer Zahl, wobei sie oft das zentrale Feld Bildende Kunst oder auch Musik bedienen. Gleichzeitig gibt es ebenso Kunstschulen, die sich für die gesamte Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen öffnen. Sie bieten jungen Menschen dann Raum, ihre Kreativität spielerisch zu entdecken und auszuprobieren – sei es Malen, Zeichnen, Musik, Tanz, Theater oder andere künstlerische Ausdrucksformen. Es gibt ebenso private wie staatlich geförderte Schulen, die wiederum teils auch verbandlich in der Bundesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) organisiert sind. Kunstschulen bieten dabei sowohl künstlerische Angebote jenseits der Schulzeit als auch sozialräumliche Kooperationen mit Schulen.
Das Fortbildungsprogramm von KULTURleben! beinhaltet Veranstaltungen zur kulturellen Schul- und Unterrichtsentwicklung, wobei es sich in Online- und Präsenzveranstaltungen gliedert. Dabei gibt es eine Reihe zur Kreativen Unterrichtspraxis, die künstlerisch-kreative und forschend-entdeckende Lernansätze verbindet. Gleichzeitig werden künstlerische Techniken wie z. B. Film, Tanz oder Kreatives Schreiben mit allen Fächern methodisch verbunden. In der Schulentwicklung geht es verstärkt um organisatorische Fragen. Schulen erhalten Impulse, wie sie ein kulturelles Schulprofil entwickeln können. Auch Künstlerinnen und Künstler, die an Schulen arbeiten, erhalten ein Fortbildungsangebot. Ein besonderes Augenmerk wird auch auf das sozial-emotionale Lernen gerichtet, weil Kulturelle Bildung in diesem Feld interessante Methoden wie z. B. theaterpädagogische Konfliktbewältigung oder die Rolle der Körpersprache in der Kommunikation bietet. Auch Kulturorte stellen ihre Arbeit und Angebote vor.
6) Könnten Sie uns Beispiele für didaktische Materialien und Konzepte nennen, die in diesem Rahmen entwickelt wurden, und welche Rolle dabei künstlerisch-ästhetische Zugänge spielen?
Innerhalb des Programms KULTURleben! sind fächer- und jahrgangsübergreifende Unterrichtsmaterialien entwickelt worden. Ein Unterrichtskonzept ist eine Kooperation zwischen Kultureller Bildung und BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) und heißt „Boden-Geheimnisse!“. Ziel ist es, die Ressource Boden besser kennenzulernen und sensibler wahrzunehmen, weil sie für unsere Ernährung und den Naturschutz von herausragender Bedeutung ist. Mit künstlerisch-kreativen und forschend-entdeckenden Methoden können Schülerinnen und Schüler über didaktisierte Module den Boden erforschen und eine empathische Beziehung zu ihm aufbauen. Nicht nur naturwissenschaftliche Experimente sind möglich, auch mit Erde oder aus Erde gewonnenen Farben kann getöpfert oder gemalt werden. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, weil wir vom Boden oft nur die Oberfläche sehen und seine vielfältigen Funktionen darunter nur begrenzt wahrnehmen. Durch die ästhetischen Zugänge entsteht eine sinnliche Erfahrungsdimension, die auch die Identifikation mit der Ressource „Boden“ erhöhen kann, was wiederum zu mehr Wertschätzung führt.
Ein anderes fächer- und jahrgangsübergreifendes Unterrichtskonzept nimmt die saarländische Bergbau- und Industriegeschichte in den Blick. Geschichtliche und regionale Perspektiven spielen dabei ebenso eine Rolle wie künstlerische Techniken, die mit der Industrialisierung entstanden sind, allen voran Film und Fotografie. Literarische Erzeugnisse bieten ebenfalls interessante Zugänge und spannende Erkenntnisse in diesem für die grenzüberschreitende Region so spannenden Themenfeld. Diese ereignisreiche Zeit, in welche der beschleunigte gesellschaftliche Wandel das erste Mal greifbar wurde, spiegelt sich aber genauso in der Bildenden Kunst wider.
Unter dem Titel „Draußenpädagogik“ hat sich zwischen Kultureller Bildung und BNE eine Initiative gebildet, die explizit den Unterricht nach draußen verlagert und interessante Lernräume einbezieht. Auch dort spielt die Verbindung zwischen forschend-entdeckenden und künstlerisch-kreativen Methoden die zentrale Rolle. Mitunter wird in den Unterrichtsmodulen auch die Natur als Künstlerin sichtbar und die Schülerinnen und Schüler können bemerken, dass Formen und Symmetrien der Bildenden Kunst sich bereits in der Natur, z. B. in Moosstrukturen oder in Schneeflocken abbilden. Durch diese ästhetischen uns sinnlichen Erfahrungsebenen wird die Beziehung zur Natur gestärkt.
7) Könnten Sie uns außerdem schildern, wie Lehrkräfte und Künstler aufgrund dieser Aktivitäten und Programme ihre Zusammenarbeit innerhalb des Bildungssystems wahrnehmen?
Zentral für die Zusammenarbeit von Lehrkräften und Künstlern ist das saarländische Programm Kreative Praxis. Jeder saarländischen Schule stehen dabei eine große und eine kleine künstlerische Intervention zu. Damit kommen Künstlerlinnen und Künstler direkt in die Schule und eröffnen offenere und freiere Lernräume. Davon können auch die Lehrpersonen profitieren, weil sich auch für sie nochmal neue Perspektiven des Lernens und Unterrichtens ergeben.
Haben Schulen permanente Kooperationen mit Künstlerinnen und Künstlern und Freiräume für projektorientiertes Unterrichten, können sie auch gemeinsam Unterrichtstunden planen und sich wechselseitig methodisch bereichern. Die Künste lassen sich mit allen Unterrichtsfächern verbinden und Themen auf andere, oft sinnlichere Weise aufgreifen. Dieser Ansatz wird im ursprünglich kanadischen Programm „Learning through the arts“ (LTTA) vertieft, wenn Lehrkräfte mit Künstlerinnen und Künstlern systematisch Unterrichtseinheiten gemeinsam konzipieren.
8) Und schließlich noch eine letzte Frage, die wir allen interviewten Personen stellen: Wird die EAC / Kulturelle Bildung die Welt retten?
Die Welt zu retten, würde die Kulturelle Bildung alleine überfordern, aber ich glaube andererseits, dass die Welt nicht ohne sie gerettet werden kann. Sie schafft Beziehung zwischen den Menschen sowie zwischen Menschen und der Natur. Wir lernen uns selbst über die Dimension der sinnlichen Erfahrungen wieder besser und tiefgründiger kennen, nehmen bewusster wahr. Kunst und Kultur ermöglichen auch eine tiefgründigere Verbindung zur Natur.
Die Gegenwart kann als eine Zeit der gestörten Beziehungen mit vielen weltweiten, aber auch vielen kleineren zwischenmenschlichen Konflikten gedeutet werden. Auch unsere Beziehung zur Natur ist beeinträchtigt, die wir oft eher zerstören als schützen. Daher braucht es eine andere Beziehungsqualität, die durch die Methoden der Kulturellen Bildung und ästhetischen Erfahrung unterstützt wird.
[1] https://www.saarland.de/mbk/DE/portale/kulturportal/kulturpolitik/kulturellebildung
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!