Der Roman einer Nation: revisité ‒ La Bataille de Gaulle : J’écris ton nom (Teil 2)

J’écris ton nom, der 2. Teil von Antonin Baudrys Double-Feature-Hommage an Charles de Gaulle, bezieht seinen mysteriös klingenden Untertitel aus dem Gedicht Liberté, das der kommunistisch engagierte Surrealist Paul Éluard 1942 schrieb. Dieser Text ist, was auch der Film sein will: eine lyrische Hymne an die Freiheit angesichts der Besatzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland.

© 2026 Pathé Films – TF1 Films Production – Belvédère – Auvergne-Rhône-Alpes Cinéma

J’écris ton nom führt nach L’Âge de Fer die Erzählung des politischen und militärischen Ringens um das freie Frankreich weiter. Zwischen 1943 und 1944 kämpft de Gaulle darum, international als legitimer Vertreter des freien Frankreichs anerkannt zu werden. Er gerät dabei in Konflikte mit dem US-Präsidenten Roosevelt und mit dessen bevorzugtem Partner bei den Franzosen, General Giraud. Der politische Kampf zwischen de Gaulle und General Giraud (Thierry Lhermitte) – und damit mit den alliierten Amerikanern – steht im Zentrum des Films.

In parallel geführten Erzählsträngen werden die Bemühungen des Widerstandskämpfers Jean Moulin (Félix Kysyl) gezeigt, die politisch sehr unterschiedlichen Résistance-Gruppierungen hinter dem keinesfalls unumstrittenen de Gaulle zu vereinen. Auch die Kämpfe der französischen Streitkräfte in Nordafrika (Libyen, Tunesien) gegen die Truppen des faschistischen Italiens und das deutsche Afrikakorps werden dargestellt ‒ mit Spezialeffekten, die einem Hollywood-Blockbuster in nichts nachstehen. Der Regisseur zeigt General Leclercs (Niels Schneider) Bedeutung für den Aufbau der neuen französischen Streitkräfte, die später auch bei der Befreiung Frankreichs zum Einsatz kommen sollen. Moulin und Leclerc, das machen die Wechsel und Verknüpfungen zwischen den Erzählsträngen klar, verhelfen de Gaulle letztlich bei den diplomatischen Verhandlungen mit den Amerikanern und Briten zu mehr Legitimität, da er sich in einem zähen diplomatischen Ringen als die unumgängliche Symbolfigur des Widerstands herauskristallisiert.

Dass dies so kommen würde, ist nicht vorbestimmt. De Gaulle gesteht sich in einem Moment des Selbstzweifels sogar ein, dass er mit seiner Sturheit und seinen Forderungen ein Hindernis für die zukünftige Entwicklung Frankreichs sein könnte. Er bringt Churchill, dessen politische Priorität bei aller Frankophilie natürlich das Empire ist, zur Verzweiflung. Und Roosevelt würde ihn, den er für einen Fanatiker hält, am liebsten durch einen zahmeren Offizier ersetzen. Er will Stabilität und Kontrolle über die Gebiete, die die US-Armee nach der Landung in der Normandie befreien wird: Priorität hat der militärische Sieg über die Nazis.

© Malgosia Abramowska

Die Kompromisslösung für die Amerikaner ist schließlich, dass General Giraud und de Gaulle Frankreich zusammen durch den Krieg führen sollen. Doch de Gaulle festigt Schritt für Schritt seine Position als legitimer Vertreter Frankreichs, während Giraud zunehmend an Einfluss verliert. Der Film verdeutlicht die Isolation des konservativen Militärs Giraud in einer starken Szene, in der über das politische Gefüge des freien Frankreichs debattiert wird. Giraud ist nicht besonders an parlamentarischer Demokratie interessiert. Er denkt nur in militärischen Kategorien und bevorzugt eine starke Exekutive: also die Vereinigung der militärischen und politischen Macht in einer Person, am besten bei sich selbst. Als er dies so vor den Entscheidungsträgern der France libre ausspricht, herrscht peinliche Stille, er wird überstimmt und gebeten, den Regierungsrat zu verlassen. Spätestens da soll das Publikum erkennen: Der einzige mit einer politischen Vision für eine legitime, demokratische Nachkriegsordnung in Frankreich ist de Gaulle. Giraud ist hauptsächlich Soldat.

Teil zwei ist politischer als der erste Teil. Die innerfranzösische Zerrissenheit zwischen Loyalität gegenüber dem Vichy-Regime oder der France libre, dann gegenüber Giraud oder de Gaulle tritt deutlich hervor. Die fehlende demokratische Legitimität de Gaulles wird thematisiert. Auch die anfängliche Zersplitterung des Widerstandes zwischen Kommunisten, Republikanern und Konservativen, obwohl diese politischen Gräben nur oberflächlich angedeutet werden. Und wie Jean Moulin die zerstrittenen Fraktionen letztlich zur Zusammenarbeit zwingt, will ich hier nicht spoilern. Es ist einer dieser gelungenen Agententhriller-Momente des Films, die die Waagschalen zugunsten des général kippen lassen.

Eine Landkarte, die es in sich hat

© 2026 Pathé Films – TF1 Films Production – Belvédère – Auvergne-Rhône-Alpes Cinéma

Der Film wirft auch die Frage auf, welches Schicksal Frankreich gedroht hätte, wenn de Gaulle es nicht repräsentiert und im Lager der Alliierten positioniert hätte. Und Baudry findet einen sehr effektvollen Weg, diese Idee im Kopf des Publikums zu verankern: eine Landkarte. Nun sind Landkarten selten unschuldig, weil sie ja immer Ansprüche verdeutlichen und Weltsichten vermitteln; diese aber hat es in sich. Die Karte zeigt ein befreites Westeuropa, in dem Frankreich genau wie Deutschland vom amerikanischen Militär verwaltet würde. Zudem gäbe es westlich von Luxemburg und den Niederlanden einen neuen Staat, der Teile Nordostfrankreichs umfassen und sich bis hinunter zur Schweizer Grenze ziehen würde: New Wallonia.

Man ahnt es: De Gaulle und seine Berater sind entsetzt, als ihnen diese Karte zugespielt wird. Nun versteht man, wieso Roosevelt in einem Zwiegespräch mit dem General die besiegten Franzosen von 1940 als „Kinder“ bezeichnet hat. Kinder brauchen die Aufsicht eines Erwachsenen. Alle (Zuschauer:innen) erkennen: Dieser amerikanische Plan wäre ein Verrat an der Sache der France libre. Das Problem ist nur: Das ist filmisch effektvoll und gut gefunden, um eine abstrakte Idee schnell zu konkretisieren, aber es ist historisch unehrlich. Diese Karte gab es so nie, nicht einmal der Name dieses fiktiven Staates ist überliefert. Tatsächlich ist die Karte KI-generiert und enthält zudem offensichtliche Fehler: Es gibt z.B. eine Slowakei neben der Tschechoslowakei.

© Malgosia Abramowska

Der Plan wurde nie von offizieller Seite irgendwo formuliert, niedergeschrieben oder vorgestellt. Er ist als Gedankenspiel allenfalls anekdotisch. Überliefert sind informelle Gespräche Roosevelts zwischen 1942 und 1943 u. a. mit dem Luxemburger Premierminister im Exil, Joseph Bech, und Großherzogin Charlotte. Dort wurden vom US-Präsidenten eher Ideen in den Raum geworfen, um eine stabile Nachkriegsordnung zu schaffen. Einmal ging es um eine Union Luxemburgs, Belgiens und des Rheinlands, das man aus Deutschland heraustrennen wollte. Dann wieder um einen Pufferstaat zwischen Deutschland und Frankreich, der eventuell auf ein vergrößertes Luxemburg (mit Gebieten aus den Nachbarländern) unter der Herrschaft Charlottes hinausgelaufen wäre. Charlotte hat übrigens abgelehnt. Was im Film bewusst als US-Imperialismus dargestellt wird, war in Wirklichkeit wohl eher ein theoretisches Suchen nach einer pragmatischen Lösung für den nationalistisch aufgeheizten Dauerkrisenherd Europa, dem die USA nun schon zum zweiten Mal in einem Vierteljahrhundert zu Hilfe eilen mussten. Und auch die Franzosen dachten an neue Grenzverläufe, man wollte das Saarland nicht annektieren, aber als autonomes Gebiet aus Deutschland herauslösen. Belgien, die Niederlande und Luxemburg fanden übrigens noch während des Krieges einen anderen Lösungsansatz in der Gründung der BENELUX (1944). Eine willkürliche Neuziehung der Grenzen, wie auf der fiktiven Filmkarte gezeigt, wäre auch dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zuwidergelaufen, dem sich Churchill und Roosevelt 1941 in der Atlantic Charter verpflichtet hatten und die wiederum auf die Gründung der UNO hinauslief.

Wer in Fiktionsfilmen, sogar wenn es historische Spielfilme sind, nach der Wahrheit sucht, sucht einfach an der falschen Stelle. Der Regisseur warnt selbst am Ende des Films, dass sein Werk eine Interpretation ist und viele Dialoge so geschrieben wurden, damit der Film als solcher funktionieren kann. Auch die Reden de Gaulles würden nicht als Quellenmaterial für eine Geschichtsprüfung herhalten können. Baudry erklärt in einem Interview, dass er für Dialoge und Reden mehrere historische Aufrufe des Generals vermischt habe, ohne aber deren Aussagen zu verfälschen. Es geht ihm nicht darum, die richtige Rede wiederzugeben, sondern eine Rede, die sich im Film richtig anfühlt. Es geht um Gefühle und starke Bilder.

„Paris martyrisé ! Mais Paris libéré !”

© Guy Ferrandis

Und der emotionale Höhepunkt des Films, der seine Wirkung nicht verfehlt (ich habe Leute im Publikum weinen sehen), ist die Befreiung von Paris. Diese Hymne an die Pariser und Pariserinnen, die sich gegen die Nazis auflehnen, wird effektvoll inszeniert und unterlegt mit den rhythmischen Versen aus Paul Éluards Liberté. Das Gedicht, noch während des Krieges im Untergrund veröffentlicht, besteht aus einer Aufzählung aller Orte, auf die das lyrische Ich das Wort „Freiheit“ schreibt:

„Sur mes cahiers d’écolier
Sur mon pupitre et les arbres
Sur le sable sur la neige
J’écris ton nom (…)”

Die Fäden finden zusammen. Leclerc eilt der Pariser Bevölkerung entgegen den militärischen Prioritäten der Alliierten mit seinen Panzern zu Hilfe. De Gaulle zieht unter Jubel ein. So endet der Film im Freudentaumel dieser Befreiung.

Man muss dem Regisseur zugestehen, dass sein Film trotz der langen Laufzeit nichts an Dramatik und Tempo verliert, dass er eine kohärente ästhetische Vision verfolgt hat. Der Film entwickelt sich dynamisch, emotional… teilweise allzu pathetisch. Wie ein gelungener Blockbuster made in Hollywood also (wenn man diesen Vergleich denn ziehen will), nur mit französischem Flair… und mit einer sehr französischen Brille, durch die die Ereignisse interpretiert werden. Das mag eine willkommene Abwechslung zu US-Produktionen über den Zweiten Weltkrieg sein, die selten ohne eine gehörige Portion Pathos und Sepia-Filter auskommen. Aber teilweise strapaziert Baudry halt die Geschichte, um seine Message zu vermitteln. Vor allem der zweite Teil wirkt in seiner Darstellung der Beziehungen zwischen den alliierten Staatsmännern wie eine Inszenierung der Maxime, nach der Nationen keine Freunde haben, sondern allenfalls Eigeninteressen. So erscheint dieser Film – gerade wegen des Gewichts, den der Antagonismus zwischen de Gaulle und Roosevelt erhält – wie eine Reaktion auf die aktuellen transatlantischen Beziehungen und die Diskussionen um mehr Eigenständigkeit der Europäer gegenüber den USA.

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