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HERBERT HAAG
Rettet den Teufel!
(…) (Der Papst) erklärte in einer Predigt, die er am 29. Juni 1972, dem 11. Jahrestag seiner Krönung, in der Peterskirche hielt, die Situation der Kirche von heute sei dadurch gekennzeichnet, daß „durch eine Ritze der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen sei“. Man habe sich nach dem Konzil einen sonnigen Tag für die Geschichte der Kirche erhofft. Statt dessen habe sich ein Tag des Gewölks, des Sturmes, des Dunkels, des Fragens, der Unsicherheit eingestellt. Schuld daran sei die Intervention einer feindlichen Macht: „Ihr Name ist der Teufel.“
Größere Publizität als diese liturgische Homilie erfuhr eine Pilgeransprache, die der Papst am 15. November des gleichen Jahres hielt und die ausschließlich dem Thema Teufel gewidmet war. Der Teufel sei, so wird hier gesagt, „eine wirkende Macht, ein lebendiges geistliches Wesen, verderbt und verderbend, eine schreckliche Realität, geheimnisvoll und beängstigend“. Seine Abwehr sei heute „eines der dringendsten Bedürfnisse der Kirche“.
Nun lösen sich päpstliche Pilgeransprachen in rascher Folge ab; sie füllen Bände um Bände und geraten deshalb auch schnell wieder in Vergessenheit. Der Teufel war aber zu wichtig, als daß er zwischen zwei Aktendeckeln verschwinden durfte. Deshalb taten sich neun römische Theologen zusammen und veröffentlichten einen Monat später, am 17. Dezember 1972, im Osservatore Romano einen überdimensionierten Kommentar, in dem sie den Inhalt der Papstansprache zu begründen und zu verteidigen suchten. Der Haustheologe der Vatikanischen Zeitung, der Franziskaner Gino Concetti, verstieg sich dabei sogar zur Behauptung, ohne den Teufel sei die Sünde kein Geheimnis mehr, ja, Existenz und Wirken des Teufels seien ein tragender Pfeiler des Christentums, ohne den dieses zusammenbrechen müsse.
Noch nicht genug damit, wurde im Sommer 1975 im Vatikan ein von einem anonymen „Experten“ verfaßtes Studiendokument „Christlicher Glaube und Dämonenlehre“ der Presse übergeben. Seitenlang versucht der „Experte“ nachzuweisen, daß der Teufelsglaube unentbehrlich und heilsnotwendig sei. Er bedauert auch, daß in den Ritualenbüchern der Teufel nicht mehr den gleichen Platz einnehme wie früher und daß der im Todeskampf liegende Kranke nicht mehr „an den Schrecken der Hölle und die letzten Anstürme des Satans“ erinnert werde. Mit diesem Dokument hat Rom den Anschluß an das Mittelalter wiederhergestellt.
Die breite Öffentlichkeit, vor allem die nicht kirchlich gebundene, blieb freilich von der Diskussion um den Teufel unberührt. Brisanz erlangte diese erst durch den „Fall Klingenberg“. Da starb am 1. Juli 1976 eine 23jährige Studentin, weil man sie monatelang unter Ausschluß von Ärzten exorziert hatte. Nachdem der als Sachverständiger geltende Jesuit Rodewyk gutachtlich festgestellt hatte, das Mädchen sei vom Teufel besessen, erteilte der Bischof von Würzburg einem Salvatorianerpater den formellen Auftrag (nicht, wie nachträglich behauptet wurde, die Erlaubnis), den „Großen Exorzismus“ nach dem Rituale Romanum (1614) vorzunehmen.
Was der amerikanische Film „The Exorcist“ nicht geschafft hatte, war jetzt gelungen: Mit einem Schlag war der Exorzismus Tagesgespräch. Mit Erstaunen nahm man zur Kenntnis, daß die katholische Kirche sich noch immer Praktiken bedient, die mittelalterlichem Aberglauben und magischem Denken entspringen und alle modernen Erkenntnisse der Psychiatrie und der Parapsychologie mißachten. Kein Wunder, daß die ultimative Forderung laut wurde, der Exorzismus müsse gesetzlich verboten werden. (…)
Der massive Druck der Öffentlichkeit war es denn auch, der den Bischof von Würzburg zwang, am 11. August 1976 die erwähnte „Erklärung zum Geschehen von Klingenberg“ abzugeben. Man darf sie gewiß nicht einfach als Kompromiß abwerten. Vielmehr ist sie als Pionierüst zu begrüßen. Denn erstmals wird hier in einem amtlichen kirchlichen Dokument eingeräumt, daß die biblischen, ja sogar die späteren kirchlichen Äußerungen über Teufel und Dämonen vom jeweiligen Weltbild abhängig seien; daß die verhängnisvolle Rolle, die die Besessenheit in der Geschichte der Kirche, vor allem im Mittelalter, gespielt habe, auf die Vernachlässigung der fundamentalen Wahrheiten des Glaubens zurückgehe; daß medizinische Hilfeleistung dringend geboten sei – alles
Auszug aus einer Erklärung des Würzburger Bischofs Joseph Stangl (11.8.1977) im Anschluss an den Tod einer 23 jährigen Studentin, die im Verlauf eines Exorzismus gestorben war:
Was lehrt die Kirche über Teufel und Dämonen?
Das Neue Testament sagt, Jesus habe Dämonen ausgetrieben. In einigen kirchlichen Lehräußerungen ist vom Teufel die Rede. Für solche Aussagen gilt, was bei allem menschlichen Reden berücksichtigt werden muß:
Es ist zu verstehen auf dem Hintergrund der jeweiligen Zeit und aus dem Zusammenhang, in dem es steht:
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Ein Blick auf das Weltbild der Bibel zeigt, daß sich der Mensch des biblischen Kulturraumes die Welt ohne Dämonen nicht vorstellen konnte. Neben anderen Einflüssen mag dazu auch das unmittelbare Erleben beigetragen haben, daß den Menschen das Böse oft wie eine unentrennbare Macht anfällt, daß der Mensch in sich nicht selten einen Drang zum Bösen verspürt. Dieses Weltbild wird auch von entsprechenden späteren kirchlichen Äußerungen vorausgesetzt, ohne daß es im einzelnen als verpflichtender Teil der kirchlichen Lehre selbst angesehen werden muß.
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Berücksichtigt man den Zusammenhang, in dem solche Aussagen stehen, dann zeigt sich, daß es, wo von Teufeln oder Dämonen die Rede ist, letztlich immer um die Macht Gottes geht. Bibel wie kirchliche Lehräußerungen wollen also nicht eine Lehre über den Bösen, eine Satanologie, entfalten. Es geht ihnen vielmehr einzig darum, zu sagen, daß Gott und nur Gott stärker ist als alles Böse.
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Aussagen über das Böse oder den Teufel sind demnach dort falsch und widerstreiten dem Geist des Neuen Testaments und der kirchlichen Überlieferung, wo sie differenziert etwas über das Wesen und Verhalten von Teufeln oder Dämonen zu wissen glauben; oder wo sie eine Drohbotschaft beabsichtigen, den Menschen also Schrecken einjagen anstatt Vertrauen zu einem Gott zu wecken, der keinen ernsthaften Konkurrenten in dieser Welt haben kann.
in: P.-F. Nr. 48/76
Dinge, die bislang nie zugegeben wurden und die deutlich machen, daß man sich modernen Argumenten nicht mehr grundsätzlich verschließt.
Andererseits aber entbehrt diese Erklärung nicht des bitteren Beigeschmacks. Sie ist unverkennbar darauf angelegt, die bisherige Lehre und Praxis der Kirche zu beschönigen. Wie soll man es sich sonst erklären, daß auf die Frage, was Exorzismus sei, geantwortet wird: „Exorzismus ist nichts anderes als das Gebet der Kirche im Namen Jesu für einen Menschen, der seiner nicht mehr mächtig ist, sich ausgeliefert fühlt, sogar selbst nicht mehr beten kann.“ In einem Gebet wird doch Gott angeredet, der Exorzismus aber richtet sich eindeutig an den Teufel. Dieselbe Verkehrung wiederholt Kardinal Höffner in einem vom Presseamt des Erzbistums Köln verbreiteten Interview vom 12. September 1976, in dem er den Exorzismus als eine „Bitte an Gott“ bezeichnet. In Wirklichkeit haben die entscheidenden Passagen des lateinisch abgefaßten Exorzismusrituals mit einer „Bitte an Gott“ nichts zu tun, vielmehr wird der Teufel mit Drohungen und Flüchen beladen: „Ich beschwöre dich, alte Schlange, du Übertreter der Gebote, du Verführer voller List und Trug, du Feind der Tugend, du Verfolger der Unschuldigen, du Grauenhaftester, du nichtsnütziger Drache…“ Hier geht es um einen Zweikampf auf Leben und Tod, bei dem der Exorzist alle Mittel (Kreuzzeichen, Weihwasser, Weihrauch, ja selbst die Eucharistie) einsetzt, um das Höllentier zu besiegen.
Mit Erstaunen findet man in der Würzburger Erklärung auch eine neue, von der bisherigen Lehre völlig abweichende Definition der Besessenheit: „Das, was man ‚Besessenheit‘ bezeichnete, kann nach heutiger Sicht zwei Tatbestände umfassen: es kann – das war es wohl meist – eine schwere Erkrankung sein. Es kann auch – solche Erfahrungen der Mystik lassen sich kaum leugnen – ein besonders tiefes Eintauchen des Menschen in den Leidensweg Jesu sein, der nach Aussage der Bibel bis in das Erlebnis der Gottverlassenheit ging.“ Wenn man weiß, wie schwierig es immer war, Besessenheit und Krankheit voneinander abzugrenzen und wie sehr sich manche Theologen gewehrt haben, sogenannten Besessenen auch nur die Disposition zu einer Krankheit zuzuerkennen, kann einen die Feststellung, Besessenheit sei wohl meist eine schwere Erkrankung gewesen, nur verwundern. Und als schokkierend muß man es empfinden, wenn das Leiden und die Gottverlassenheit Jesu am Kreuz mit teufelischer Besessenheit, wie sie die Kirche immer verstand, in Verbindung gebracht wird. Auch die mystischen Erfahrungen der Heiligen haben von ihrem Wesen her nichts mit Besessenheit zu tun.
(…)Alles steht und fällt mit der Frage, ob der Glaube an die Existenz des Teufels zu den verbindlichen Inhalten des christlichen Glaubens gehört. Wenn die deutschen Bischöfe geltend machen: „Auch heute erfahren der einzelne und die Menschheit insgesamt zur Genüge das Geheimnis des Bösen“, so ist dem durchaus zuzustimmen, jedoch ist dies kein Beweis für die Existenz des Teufels. Denn wosu der eine den Teufel braucht, das kann der andere ohne Teufel erklären, zumal in einer Zeit, in der wir über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (Fromm) einiges mehr wissen als frühere Generationen. Entschieden zu leicht aber haben sich die Bischöfe ihre Sache gemacht, wenn sie global erklären: „Wir können einfach nicht aus der Bibel herausstreichen, daß sie an vielen Stellen von Mächten und Gewalten, von Engeln und vom Teufel spricht.“ Kann man beim heutigen Stand der Bibelwissen
schaft noch so argumentieren? Ist denn alles, was in der Bibel steht, glaubensverbindlich? Wird man dem, der bezweifelt, daß das weibliche Geschlecht seine Existenz der Erschaffung der ersten Frau aus der Rippe des ersten Mannes verdanke, vorwerfen, er streiche die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel? Niemand ist je auf die absurde Idee gekommen, etwas aus der Bibel herauszustreichen. Es ist jedoch sehr die Frage, wie die biblischen Aussagen in die Sprache und das Verständnis von heute umzusetzen sind.(…)
Auf den ersten Blick bestechend nimmt sich die Argumentation aus, der sich Bischof Graber von Regensburg in einer in Altötting gehaltenen Predigt bediente (26. 9. 76). Anlaß war eine Sternwallfahrt der „Actio Mariae“, an der sich nach Auskunft des Regensburger Bustumsblatts (3. 10. 76) mehr als 8000 Marienverehrer beteiligten. Eine Marienpredigt bietet immer willkommene Gelegenheit, auch über den Teufel zu reden, wird doch Maria gerne als Drachenbesiegerin dargestellt. So predigte denn Bischof Graber: „Wenn es den Bösen nicht gibt, dann steckt das Böse ganz im Menschen. Dann ist der Mensch allein verantwortlich für die abgrundtiefe Schlechtigkeit, Bosheit, Gemeinheit und Grausamkeit. Dann ist er allein schuldig an den Morden im Archipel Güllag und an den Gaskammern von Auschwitz, an den unmenschlichen Folterungen und Qualen. Dann aber entsteht die Frage: Kann Gott den Menschen als ein solches Scheusal erschaffen haben? Nein, das kann Gott nicht, denn er ist Güte und Liebe. Wenn es keinen Teufel gibt, dann gibt es auch keinen Gott.“ Während für andere die Würde des Menschen gerade darin liegt, daß er auch für sein böses Tun verantwortlich ist, sieht Bischof Graber den Menschen dadurch entwürdigt. Er weiß auch erstaunlich gut, was Gott kann und was er nicht kann. Vor allem aber scheint er sich nicht die Frage gestellt zu haben, welcher Teufel an den „unmenschlichen Folterungen und Qualen“ schuld war, die in den Hexenverfolgungen durch die Organe der Kirche verübt wurden. Sie unterschieden sich in nichts von den Vernichtungslagern Hitlers. Würde hier der Teufel durch Beelzebub ausgetrieben? Und außerdem: weiß der Bischof nicht, daß der Teufel nach der herkömmlichen Lehre der katholischen Dogmatik nur das vermag, was Gott ihm ausdrücklich erlaubt? Daß Gott ihm gestattete, die Hölle von Auschwitz anzurichten, hält Graber offensichtlich nicht für unvereinbar mit der Liebe und Güte Gottes. Nicht ohne, sondern gerade mit dem Teufel stellt sich die bohrende Frage: Kann man nach Auschwitz noch glauben?
Zu schaffen macht den Befürwortern des Teufelsglaubens die Tatsache, daß der Teufel in keinem der klassischen Glaubensbekenntnisse erwähnt wird und daß er auch nie Gegenstand einer direkten dogmatischen Lehräußerung der Kirche war. Aber auch dafür hat Bischof Hemmerle eine Antwort bereit: „Was elementar und selbstverständlich im Glaubensbewußtsein lebt und was nicht angefochten wird von Leugnung und Irrlehre, bedarf im allgemeinen nicht der ausdrücklichen Festlegung durch Papst oder Konzil. Und doch – oder gerade deshalb – können wir es nicht von dem Vollzug unseres Glaubens herausstreichen.“ In Wirklichkeit weiß der einstige Theologieprofessor sehr wohl, daß alle wichtigen Glaubenssätze formuliert wurden und im Glaubensbekenntnis stehen, der Teufel aber nicht. Hat je jemand bestritten, daß Jesus unter Pontius Pilatus gelitten hat und gekreuzigt wurde? Und doch bekennen wir uns in jedem Credo dazu! Das Glaubensbekenntnis verlore ja seine normative Funktion, wenn es darüber hinaus noch andere verpflichtende Glaubenswahrheiten gäbe.
Wir konnten zur Tagesordnung übergehen. Wenn die Wickert-Institute mit ihrer Meinungsumfrage (12. 8. 76) recht haben, rechnen ohnehin nur noch elf Prozent der Befragten mit der Existenz des Teufels. Wozu dann der ganze Aufwand? Warum engagieren sich Papst und Bischöfe so sehr in der Teufelsfrage? Warum versuchen sie, am tatsächlichen Bewußtseinsstand der Mehrzahl ihrer Gläubigen vorbei eine Lehre aufrechtzuerhalten, die von Widersprüchen strotzt und vom heutigen Stand der Theologie und der profanen Wissenschaften nicht gedeckt wird? Es gibt nur eine Antwort: Die Amtskirche befürchtet, ihr eigene Identität zu verlieren, wenn sie ein jahtbundertealtes „Glaubensgut“ aufgibt. Unkritisch und mit billigen Argumenten schärft man den Gläubigen überholte Vorstellungen ein, ohne zu merken, wie man an den eigentlichen Problemen und Nöten der Menschen vorbeizieht. Die Behandlung der Teufelsfrage ist ein Beispiel dafür, wie die Kirche ihre Glaubwürdigkeit verliert, indem sie – ängstlich oder naiv – alles tut, um sie zu bewahren. So decken die erschütternden Erklärungen in Sachen Teufel das Existenzproblem der heutigen Kirche auf: Wenn sie nicht bald den Mut faßt, in die Zukunft zu sehen, wird sie zu einer Sekte erstarren.
in: Süddeutsche Zeitung, 12./13. 3. 1977
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