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Der Messbesuch in Luxemburg:
nur noch 30%
Die Kirchgänger unter den Lesern erinnern sich vielleicht noch an den ‚Rappsonndeg‘: am 13.3.1977 wurden in den Kirchen des Landes die Leute gezählt, die zur Sonntagsmesse kamen, und zwar nach Altersgruppen differenziert. Das Ergebnis liegt jetzt, von Pfarrer Jupp Wagner kommentiert, vor. Dem Klerus wurde es schon zugestellt. Profanen Interessenten kann die ‚forum‘-Redaktion mit Erlaubnis des Autors die gesamte Studie mit dem Zahlenmaterial auf Anfrage zustellen; dass die katholische Presse zu seiner Verbreitung beitragen wird, steht leider nicht zu erwarten. Obschon die alarmierenden Ergebnisse jedem Christen möglichst eindringlich nahegebracht werden müssten!
Bislang waren die Pastoralsoziologen in Luxemburg auf die grosse Synodenumfrage von 1971 angewiesen. Trotz der sensationell hohen Antwortquote von 35% litt diese Umfrage darunter, dass die Kirchenbesucher mit über 60% wahrscheinlich überproportional stark vertreten waren.
Der Zählsonntag stellt diese Zahlen richtig: in Luxemburg gehen nur noch 30,6% der Einwohner zur Sonntagsmesse, zumindest an jenem 13.3.77, einem ganz normalen Fastensonntag. Nach Altersgruppen differenziert ergibt die Kurve für das Dekanat Esch, mit den geringsten Besucherzahlen und für das Dekanat Clerf, wo die Sonntagspraxis noch am stärksten ist, folgende Graphik.
Le Luxembourg, paysage chrétien fort différencié
Assistance probable à la messe dominicale selon les régions calculée en fonction de l’assistance au 13.03.1977, et des données de l’enquête présynodale (Ne sont considérées que les tranches d’âge de 16 à 70 ans et plus)
| Assistance à la messe dominicale | Clervaux Ospern Vianden Wiltz | Echternach Grevenmacher Remich | Diekirch Mersch | Luxbg.-V. Luxbg.-C. | Koerich | Bettenbourg Esch | Ensemble |
| — | — | — | — | — | — | — | — |
| tous les dimanches | 47 | 36 | 28 | 19 | 21 | 13 | 21 |
| preque tous les dimanches | 12 | 16 | 12 | 10 | 11 | 8 | 11 |
| de temps en temps | 11 | 15 | 13 | 13 | 16 | 12 | 14 |
| rarement | 14 | 16 | 20 | 24 | 24 | 27 | 24 |
| jamais | 16 | 17 | 27 | 34 | 28 | 40 | 30 |
| Profession de foi (Dieu, Jésus- Christ, vie éternelle) donnent les 3 réponses du catéchisme | 34 | 30 | 25 | 20 | 22 | 17 | 21 |
| donnent au moins 2 réponses du catéchisme | 33 | 34 | 32 | 30 | 31 | 29 | 31 |
| ne donnent aucune des réponses du catéchisme | 33 | 36 | 43 | 50 | 47 | 54 | 48 |
Auf die regionalen Unterschiede, die schon auf obigem Schema hervorstechen, und die selbstverständlich sozial bedingt sind, geht Jupp Wagner in seinem Kommentar weniger ein. Aber das Zahlenmaterial liegt vor. Ihn interessieren vor allem die altersbedingten Unterschiede beim Kirchenbesuch bzw. beim Fernbleiben und die jeweiligen Motivationen. Sie sind in der Tat so deutlich zu erkennen, dass sie direkte Folgen für die pastorale Arbeit haben müssten:
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Tatsache: Die kirchliche Sozialisation, also die Einführung in die Grundwerte und die Einübung in die Grundhaltung der christlichen Gemeinschaft, findet nicht in der Schule statt. Gingen am Erstkommunionstag noch wohl 100% der Kinder zur Messe, sind es im 5. und 6. Schuljahr schon nur mehr 64,5%, bei den Jugendlichen von 12-15 Jahren 37,8%. Diese Zahlen nehmen je schneller ab, je weniger die Eltern noch zur Messe gehen: im Oesling gehen noch 80,3% der 12-15-jährigen zur Messe und 45% ihrer Eltern (20-45 Jahre), in Esch, Bettenburg nur 31,3% der Jugendlichen und 11% ihrer Eltern. Wenn im Elternhaus den Kindern keine kirchlichen Haltungen mehr vermittelt werden, kann der Religionsunterricht daran nichts ändern. Ja, die Schule ist in Regionen mit geringer Sonntagspraxis zum Ort der Gegensozialisation geworden: die Kinder tun es ihren Kameraden, die der Messe fernbleiben, nach.
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Tatsache: Die Jugendlichen (16-19 Jahre) die noch regelmässig zur Kirche kommen, tun dies zunehmend aus einer eigenen Motivierung heraus, und weniger aus äusseren, fremden Gründen. Wohl zeigt der Zählsonntag, daß sich die Zahl der jugendlichen Messbesucher schnell der Zahl ihrer Eltern (30-55 Jahre) nähert, nach Regionen recht unterschiedlich bleibt, aber ein Vergleich mit den Antworten in der Synodenumfrage zur Frage der Motivation ergibt recht deutlich, dass zwischen 16 und 19 Jahren die profanen Beweggründe (Gewohnheit, Wunsch der Familie, Konformismus) abnehmen, während die religiösen Motivationen (Kirchengebot, Begegnung mit Christus, Teilnahme an der christlichen Gemeinschaft) zunehmen. Ebenso ist festzustellen, dass zwischen 16 und 19 Jahren, die Zahl der regelmässigen Messbesucher zwar abnimmt, der Anteil derjenigen, die den orthodoxen Gottes-, Jesus- und Jenseitsglauben ankreuzen aber wächst (vgl. ‚forum Nr. 14/1977); d.h. der Ritualismus wird langsam abgebaut, das Gleichgewicht zwischen dem tatsächlichen Glaubensstand und der religiösen Praxis nach und nach hergestellt.
Von dieser Altersgruppe an steigt aber konstant die Zahl jener, die trotz zunehmender Entfernung vom kirchlichen Leben von sich behaupten werden, ‚gute Christen‘ sein zu wollen, auch ohne Messbesuch. Man beginnt, sich seine eigenen Vorstellungen vom Christsein zu machen, bzw. die verbreiteten Vorstellungen (siehe folgende Altersgruppen) zu übernehmen.
- Tatsache: Bei den jungen Erwachsenen (20-29 Jahren) erreicht das Verhältnis von Glaubensüberzeugung und Glaubenspraxis ein gewisses Gleichgewicht. In dieser Altersgruppe ist der Sonntagsmessbesuch zwar in allen Regionen am Tiefpunkt angelangt, der nun tiefer liegt als bei ihren Eltern, eine Tatsache, die insbesondere bei der Ehepastoral Konsequenzen haben müsste. Doch die religiösen Motivationen derjenigen, die ‚trotzdem‘ regelmässig zur Messe gehen, nehmen zu, insbesondere das Kirchengebot scheint zu motivieren. Der soziale Druck durch die Familie ist fast bedeutungslos geworden. Wenn allerdings 51,6% der 25-jährigen das Kirchengebot als Motivation ihres Messbesuches nennen, wage ich, entgegen Jupp Wagner, an der Tiefe der Glaubensüberzeugung zu zweifeln. Steckt hier nicht möglicherweise ein genauso falsches Bild vom Christsein hinter der Motivation wie bei den 55,3% derjenigen, die nur unregelmässig zur Kirche gehen, (und den 43% jener, die nie gehen) und meinen, auch ohne dies ‚gute Christen‘ sein zu können?
Wohl nehmen die Ritualisten weiter ab, die Zahlen jener die regelmässig zur Kirche gehen liegen nur zwischen 25 und 34 Jahren niedriger als die Zahlen derer, die die ‚richtige‘ Antwort auf die Fragen nach Gottes-, Christus- und Jenseitsglaube geben. Doch von jenen, die keine kirchliche Antwort auf diese Fragen ankreuzen- rund 40% zwischen 16 und 29 Jahren- geben nur rund 4% zu, Schwierigkeiten mit der kirchlichen Auffassung in Glaubensfragen zu haben. Fragen der Sexualmoral und des politischen Engagements der Kirche sind eher Ursache für die Dissonanz mit der Kirche. Es verwundert also nicht, wenn so viele meinen ‚gute Christen‘ ohne Messbesuch sein zu können, sie haben nie erfahren (siehe Kinder) und wissen heute noch nicht, was Christsein
bedeutet. Und das gilt m.E. auch für die vielen Kirchenbesucher, die nur wegen des Kirchengebotes hinkommen. (Ursache ist hier wahrscheinlich auch eine gewisse Erziehung, die eher mit Gehorsamspflicht (vgl. Teufelsangst u.ä. ‚forum‘, Nr 17/1977) als mit Überzeugungskraft operierte. Interessanterweise nehmen die Prozentzahlen beim Kirchengebot stärker zu zwischen 20-24 und 25-29 Jahren als zwischen 18-19 und 20-24 Jahren: in den 50er Jahren ist ein wichtiger Wandel in den Erziehungsmethoden eingetreten.)
- Tatsache: Die Altersgruppe von 30-54 Jahren ist, nach Jupp Wagner, Zeuge, dass die kirchliche Sozialisation früher funktioniert hat. Allerdings, als christliche Grundtugend, die damals vermittelt wurde, galt, wie Jupp Wagner schreibt, der Gehorsam. 45,4% geben das Kirchengebot als Motivation an, bei den 50-54jährigen sind es bis zu 50,7%. Christusbegegnung und Teilnahme an der christlichen Gemeinschaft motivieren zwar auch zunehmend, aber die betreffenden Prozentzahlen liegen bei 54 Jahren noch erst bei 37,1% bzw. 34,3%. Konsequenterweise fallen bei den Messbesuchern die Zahlen jener, die einen orthodoxen Christus- und Jenseitsglauben bekennen, d.h. der Ritualismus nimmt wieder zu, auch wenn oft die ‚richtige‘ Antwort auf die Frage nach dem Gottesglaube angekreuzt wird. Bei jenen, die nicht mehr regelmässig bzw. nie zur Messe ge-
hen, führt diese auf eine schiefe Verkündigungspraxis zurückgehende Glaubensauffassung dazu, dass nun mehr als die Hälfte behaupten, auch ohne Messe ‚gute Christen‘ sein zu können. (Einzige Ausnahme: die Eltern (30-39 Jahre) geben auch Zeitmangel als wichtige Ursache für periodische Abwesenheit in der Messe an.)
- Tatsache: Die alten Menschen sind verunsichert. Hatte die Altersgruppe von 50-54 Jahren einen Höhepunkt im Messbesuch dargestellt, so nimmt er mit zunehmendem Alter verständlicherweise wieder ab, ausser in den Regionen Luxemburg und Bettemburg-Esch, wo die Zahlen regelmässig zunehmen, ohne allerdings jene des Oeslings, die regelmässig abnehmen, zu erreichen. Eine mögliche Erklärung ist in der geographischen Entfernung zur Kirche zu suchen. Dass das Kirchengebot Hauptmotiv beim Kirchgang ist, wundert kaum noch. Dass die Begegnung mit Christus an Antriebskraft gewinnt, im Gegensatz zur christlichen Gemeinschaft, mag schon eher auffallen. Bei jenen die nicht mehr regelmässig zur Kirche gehen, bleibt die Überzeugung trotzdem ‚gute Christen‘ zu sein im Vordergrund, wird aber deutlich seltener als Entschuldigung gebraucht. Die Ursachen, warum die älteren Leute Schwierigkeiten mit der Kirche haben, werden jetzt recht charakteristisch für ihre Verunsicherung im Glauben. Die Autorität des Papstes, die Mitwirkung der Laien in der Kirche, die immer stärker nach vorne rücken in der Reihe der Schwierigkeiten, zeigen, wie schwer es ältere Leute haben, von einem klerikal geprägten Kirchenverständnis loszukommen. (Daher m.E. auch der relative Rückfall der ‚christlichen Gemeinschaft‘ als Motivation zum Messbesuch)! Der Vorwurf, die Kirche ändere zu schnell und zuviel ist jetzt auf den 1. Platz vorgestossen. In Glaubensfragen macht vor allem die Erwartung eines Jenseitslebens Schwierigkeiten; in dieser Hinsicht nehmen die Ritualisten weiterhin zu.
Die Zukunft sieht also nicht rosig aus, wenn die Verkündigungspraxis den obengenannten Tatsachen nicht eine entschiedenere Beachtung schenkt. Denn wenn es heisst die Besucherzahlen hätten mit 20-29 Jahren ihren Tiefpunkt erreicht und nähmen danach wieder zu, dann ist nicht zu vergessen, dass das für jene Leute gilt, die heute dieses Alter haben. Morgen haben die 20-29jährigen 30-40 Jahre und gehen deshalb kaum öfter zur Messe. Und ihre Kinder werden mangels Vorbild noch schneller der Kirche fernbleiben als dies jetzt schon der Fall ist.
Und Synode und Priesterrat schlafen weiter.
m.p.
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