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Die Debatte um die Atomenergie treibt einem neuen Höhepunkt entgegen. Das Projekt Remerschen wurde zwar vor kurzem auf Eis gelegt – und die ‚forum‘-Redaktion darf sich mit allen Bürgerinitiativen über diesen Erfolg freuen. Aber noch hat die DP nicht offiziell vom Reaktorvorhaben Abstand genommen. Noch besteht auch weiterhin die SENU und treibt ihre ‚Forschungen‘ und frisst Steuergelder. Vor allem aber wird es 5 km jenseits der französischen Grenze brenzlig. Trotz des Widerstandes der Mehrzahl der betroffenen Gemeinden steht zu befürchten, dass der ‚Conseil d’Etat‘ in Paris im Herbst definitiv grünes Licht gibt für den Reaktorbau in Cattenom. Das wird ihm umso leichter fallen, als der luxemburgische Staatsminister jüngst vertraglich Paris zugesichert hat, sein Land (!?) habe keine Bedenken gegen einen solchen Bau. (Kam diese Vorleistung als Entgelt für eine französische Zusage, Luxemburg dürfe getrost den europäischen ‚Raben‘ bauen?) Und die EDF ist an Ort und Stelle längst mit kaum wiedergutzumachenden Erdarbeiten beschäftigt.

Trotzdem scheint die luxemburgische Presse noch zu schlafen. Die Protestmanifestation von rund 2 500 – 3 000 Atomgegnern am 4. Juni 1978 in Cattenom wird eher als folkloristische Kundgebung dargestellt. ‚forum‘-Redakteure, die in Cattenom anwesend waren, bedauern zwar auch, dass die älteren Generationen nur spärlich am Protest teilnahmen; dem Meeting das jedoch zum Vorwurf zu machen, wie man das zwischen den Zeilen des einen oder andern Journalisten lesen musste, scheint uns nur ein demagogischer Trick im Dienste der Atomlobby zu sein. Wenn vorwiegend Jugendliche gegen die Atomenergie protestieren, so doch wohl nur weil ältere Generationen anscheinend glauben, den nuklearen Gefahren sowieso nicht mehr ausgesetzt zu sein!

Auch das Protestmeeting, das der C.N.A.M. am 16.6.1978 im Hollericher ‚CentreCulturel‘ abhielt, wurde in der Presse nur sehr knapp angekündigt und in verschiedenen Zeitungen trotz seiner Wichtigkeit für die Relance der Anti-KKW-Bewegung fast noch knapper nachbehandelt. Es stimmt zwar leider, dass nur 200 Leute erschienen waren, aber nicht weniger als 20 Gruppierungen gaben eine mündliche Stellungnahme ab: vom C.N.A.M. über die verschiedenen Bürgerinitiativen aus dem Grossraum Lothringen – Saar – Rheinland-Pfalz – Luxemburg bis zu drei luxemburgischen Parteien (CSV, LSAP, SdP – die KPL liess sich entschuldigen). Besonders freute uns das ethisch begründete Nein der Katholischen Männeraktion. Wann folgt der Rest der Kirche? Endlich wurde offensichtlich, dass sich zumindest in Luxemburg zum jetzigen Zeitpunkt – ob z.T. aus opportunistischen Gründen spielt im Augenblick nur eine unwesentliche

Rolle – im Parlament keine Mehrheit für ein Atomprojekt Remerschen finden lässt. Es ist also zu hoffen, dass die Bewusstseinsbildung nun auch verstärkt gegen das französische Vorhaben in Cattenom einsetzt und mit demselben Erfolg wie in Luxemburg abgeschlossen werden kann. Ohne das Zutun der Tagespresse dürfte das kaum gehen.

Beim Protestmeeting des CNAM am 16.6.1978 gegen das Atomprojekt Cattenom gab der Vertreter der ‚forum‘-Redaktion folgende Stellungnahme ab:

Christen gegen die Atomenergie

Die ‚forum‘-Redaktion fühlt sich durch ihren christlichen Glauben verpflichtet, dazu beizutragen, dass der Mensch glücklicher wird, dass der Mensch mehr Mensch wird. Dafür ist Christus, unser Herr, gestorben.

Nun scheint uns aber, dass ein ‚Fortschritt‘ wie die Atomenergie ihn angeblich darstellt, ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung ist.

In eine Richtung, in der unser Leben in Gefahr ist. Ich möchte hier nicht weiter auf die Sicherheitsfrage eingehen (1). Es sei mir trotzdem eine Zwischenbemerkung erlaubt: Warum setzen sich die vielen Menschen, die das ungeborene Leben gegen die Abtreibungsgefahr verteidigen, nicht genauso stark gegen die Atomenergie ein? Gerade das ungeborene Leben kommt durch sie in die grössten Gefahren! Man denke an die erheblichen genetischen Risiken, die mit der Atomenergie verbunden sind (2)! Und die schlimmsten Folgen sind bekanntlich ja erst in einigen Generationen spürbar! Deshalb wohl glauben ja auch einige Politiker heute skrupellos Atommeiler bauen zu können: die wirklich gefährdeten Wähler sind noch nicht geboren.

in: links 3/77

In eine Richtung, in der unsere Freiheit und unsere Demokratie in Gefahr sind. Die Einführung der Atomenergie vergrössert die auf uns lastenden Zwänge zu immer mehr Energiekonsum, immer sophistizierteren Apparaten. Die Atomtechnologie verlangt zudem unheimlich zentralisierte politische Entscheidungsstrukturen. Sie verlangt eine Technokratie im Dienst des Grosskapitals (3), während wir als Christen eine Vertiefung der Demokratie fordern (4). Die Sicherheitsmassnahmen im Lande müssen immer weiter verstärkt werden bis hin zum Polizeistaat (5): Brokdorf, Kalkar (6), Malville reden eine deutliche Sprache!

In eine Richtung, in der unser Recht auf Arbeit in Gefahr ist. Der französische Delegierte hat vorhin auf die diesbezüglichen Gefahren in bestehenden lothringischen Elektrizitätswerken hingewiesen. Eine immer stärker technisierte und kapitalintensive Wirtschaft wie die Atomenergie sie voraussetzt und nach sich zieht, wird zu einem noch grösseren Abbau der Arbeitsplätze führen. Hingegen könnte eine konsequente Politik des Energiesparens allein in Europa rund 300 000 neue Arbeitsplätze schaffen (7).

Falsch scheint uns die Richtung schliesslich, weil sie allein von den Interessen einer engen Oberschicht in den Industrieländern bestimmt wird. Je mehr Energie wir,

wusst, dass diese Definition äusserst dürftig und anfechtbar ist, aber ich finde, dass sie im Zusammenhang mit dem was ich in Bezug auf Arbeitslosigkeit sagen will, genügt.

Arbeitslos sein trifft jeden Menschen hart in seinem ganzen Lebensvollzug. Es ist nicht meine Aufgabe zu beschreiben wie entwürdigend sich Arbeitslosigkeit im Leben jedes betroffenen Menschen auswirken kann. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass einfache Arbeiter am härtesten davon betroffen werden, materiell und seelisch…

Will die Kirche etwas mit jenen zu tun haben, die man arbeitslos gemacht hat? Will sie sich in ihren Dienst stellen? Diese Frage ist überflüssig. Die Kirche sorgt sich um jeden Menschen, der in Not gerät, auch um die Arbeitslosen. Sie tritt für sie ein. Sie nimmt sie auf in ihr Gebet. Sie unterstützt verbal alle Versuche, die zur Verhütung oder zur Verringung der Arbeitslosigkeit unternommen werden. Wenn nötig wird sie auch Kollekten ausrufen. Die Kirche nimmt ihre karitative Aufgabe gegenüber Arbeitslosen wahr. Mittlerweile, gibt es aber, was unser Land angeht, eine Arbeitslosenunterstützung, die jene Hilfe der Kirche weitaus überflüssig macht. Bleibt für die Kirche das Gebet und der tröstende Zuspruch.

Aber stellen wir die Frage treffender: Wenn die Kirche für die Seele der Menschen Sorge tragen will, genügt dann die Erfüllung der karitativen Aufgabe, der Gebets- und der Anteilnahmepflicht? Und fragen wir uns: Ist kirchliche Hilfe überhaupt gefragt? Rechnen die Arbeitslosen eigentlich mit den Diensten der Kirche?

Folgendes Frage- und Antwortspiel, das die Situation der Kirche im Arbeitermilieu beschreibt, leitet, obwohl es an sich ziemlich pauschal ist, meine Frage gut ein.

  1. Frage: Braucht der Arbeiter und seine Familie die Kirche?
    Antwort: Ja. Denn von ihr erwartet auch er (wie die meisten Luxemburger) verschiedene fast allgemein gewünschte und auch meist hochgeschätzte sakrale Dienste.

  2. Frage: Wie sieht ein Arbeiter die Kirche?

Antwort: Auch er sieht die Kirche als eine wichtige Institution, die ihre festen und traditionellen Formen hat (an denen nichts geändert werden soll). Diese Kirche hat eine ganz bestimmte Rolle in der Gesellschaft und in seinem Leben zu spielen: sie soll den familiären, gesellschaftlichen und nationalen Ereignissen festlicher oder betrüblicher Art eine feierliche erhebende Note verleihen. Die Kirche wird gesehen und auch akzeptiert als religiöser Rahmen der menschlichen Existenz. Die Wenigsten haben eine tiefere innere Beziehung zur Kirche als christliche Gemeinschaft, in der sie sich getragen wissen in den Nöten und Sorgen ihres Alltags (der zahlenmässig minime Besuch der Sonntagsmesse weist dies aus.) Die Meisten bleiben auf Distanz, denn sie zählen die Kirche zu jenen Institutionen und Gewalten, die ihr Leben bestimmen und ordnen: Politiker, Arbeitgeber, Gewerkschaftsfunktionäre, Bürokraten usw. Die Arbeiter treten all diesen Gewalten, denen sie sich ausgeliefert fühlen, misstrauisch entgegen. Auch der Kirche (=Hierarchie), die sie auf der Seite der Einflussreichen und Mächtigen sehen. Die Arbeiterschaft hat ein gutes Gedächtnis.

  1. Frage: Hat die Kirche etwas mit dem Lebensvollzug eines Arbeiters zu tun?

Antwort: Ja! Insofern sie dem Arbeiter verschiedene sittliche Ansichten einprägt und auch den Grund für etliche, meistens vage, religiöse Anschauungen legt. Nein! Insofern es um den konkreten Bereich seiner Arbeit geht. Dort erwartet er keinerlei Hilfe von der Kirche. (Es sei denn er vertraut den guten Beziehungen eines Kirchenmannes, um sich Vergünstigungen oder eine bessere Stelle zu verschaffen).

aus: Fluchblatt

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