Kolonialismus, Imperialismus, Dritte Welt

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Während im Biologieunterricht ökologische Fragen seit einigen Jahren als selbstverständlich zum Schulprogramm gehörend behandelt werden, gilt dasselbe leider noch nicht für die Behandlung der Probleme der Dritten Welt im Geschichtsunterricht. Solchen Fragen wird entweder vorgeworfen sie seien zu sehr politisch und ideologisch befrachtet, zu kompliziert oder zu speziell um das überladene Geschichtsprogramm zusätzlich zu belasten, oder … die Entschuldigungen, die Geschichtslehrer finden, sind zahlreich. Ihnen allen hilft ein vor einigen Monaten erschienenes Buch, an dem auch Luxemburger mitgearbeitet haben:

Alfred Bergmiller, Peter Feldbauer, (Hrg.), Kolonialismus, Imperialismus, Dritte Welt 1 (347 S.)

Jean-Paul Lehners, (Hrg.), Kolonialismus, Imperialismus, Dritte Welt 2 (258 S.)

= Bände 2/1 und 2/2 der Reihe ‚Geschichte und Sozialkunde‘ – Lehrbehelfe, Verlag Wolfgang Neugebauer, Salzburg, ISBN 3-85376-010-4 und 3-85376-013-9

Für ‚forum‘-Leser sind beide Bände zum Vorzugspreis von 700 Franken (inklusive Versandkosten) erhältlich durch Ueberweisung des Preises auf das CCP 25001-72 von Jean-Paul Lehners, Strassen, mit dem Vermerk ‚Dritte Welt 1/2‘

Wenn der Geschichtsunterricht nämlich nicht nur eine die Neugier befriedigende Beschäftigung mit vergangenen Persönlichkeiten und Kulturen sein soll, sondern sich vor allem auch mit jenen historischen Themen beschäftigt, die für die Gegenwart von Wichtigkeit sind und deren Behandlung die Zukunft vorbereitet, kann er an den Fragen von Kolonialismus, Imperialismus und Dritter Welt nicht vorbei. Die mit diesen

Begriffen bezeichnete weltpolitische Situation betrifft nicht nur die drei Viertel der Menschheit, die darunter leiden, sondern auch uns, die davon profitieren.

Sech Informieren,
nét nëmmen spendéieren! (AFC)

Die koloniale Expansion Europas beginnt im 16-Jahrhundert. Nach einer ersten Phase des "Raub- und Plünderungskolonialismus", der im Buch am Beispiel Spaniens dargestellt wird, versuchen seit dem 17. Jahrhundert vor allem die englischen Kaufleute die Kolonien in ein stabiles Abhängigkeitsverhältnis zur Metropole zu bringen. Die merkantile Wirtschaftspolitik des sich entwickelnden Nationalstaates erhebt den Kolonialhandel zum Monopol. Die Kolonien liefern einen oder wenige Rohstoffe und Nahrungsmittel und importieren die Fertigwaren aus der Metropole. Um jede Konkurrenz der Kolonie für die Metropole zu verhindern, wird jede eigenständige Entwicklung notfalls mit Gewalt unterbunden, vorhandene Produktionsstätten (z.B. indische Textilfabrikation) zerstört, der Aufbau einer industriellen Produk-

tion verhindert. Dieses klassische merkantile Kolonialsystem liegt auch am Ursprung des Sklavenhandels, der zur Bewirtschaftung der Plantagen in Übersee notwendig war. Nur auf dieser Grundlage ist die wirtschaftliche Vormachtstellung Englands und die dort beginnende industrielle Revolution zu verstehen.

Die Industrialisierung in Europa mit ihren wirtschaftlichen (kapitalistischer Konkurrenzkampf), sozialen (Klassenkampf), politischen (Grossmachtrivalität) Problemen brachte aber nun eine Veränderung in den Expansionsstrukturen mit sich, so dass man seit dem 19. Jahrhundert von "Imperialismus" spricht. Auch bisher nicht vom Kolonialismus erfasste Gebiete der Welt werden jetzt in den kapitalistischen, internationalen Produktionsprozess eingegliedert. Zum Warenexport tritt der Export von Kapital und Investitionsgütern, d.h. zum Handelsmonopol tritt die finanziellindustrielle Abhängigkeit. Zudem ist diese weltweite Expansion für konservative Politiker ein gutes Mittel zur Sicherung ihrer Herrschaft, da innerstaatliche, soziale Spannungen im beginnenden Industriezeitalter noch das System zu sprengen drohen. Durch den Imperialismus könnten aber vorrangige Bedürfnisse der erstarkenden metropolanen Arbeiterklasse auf Kosten der Arbeiter in den abhängigen Gebieten gestillt werden. Nicht nur Grossbritannien, auch die USA, Deutschland, Frankreich mischen in diesem durch nationalistische, rassistische und missionarische Parolen verbrämten Wettlauf um neue Kolonien mit, wobei nicht unbedingt die formale Besitzergreifung überseeischer Gebiete das lukrativste Mittel imperialistischer Politik ist (vgl. USA), sondern die informelle ökonomische Durchdringung und indirekte politische Beherrschung formal selbständiger Staaten (vgl. Lateinamerika). Im Gegensatz zu einigen früheren Erklärungsmodellen des Imperialismus, die alle im Buch vorgestellt werden (Schumpeter, Hobson, Marx, Lenin, Luxemburg, Hilferding, Keynes, Wehler, u.a.), wollen die Autoren den Ausbruch des 1. Weltkrieges als nur indirekt aus dem Imperialismus ableitbar verstehen.

Die Zwischenkriegszeit ist vor allem gekennzeichnet durch die Ablösung Grossbritanniens durch die USA als dominierende imperialistische Macht.

Gefangene des Monats

Tunesien: Taieb Baccouche, Vorstandsmitglied des tunesischen Gewerkschaftsdachverbandes UGTT, wurde gemeinsam mit anderen Vorstandskollegen zu Zwangsarbeit verurteilt. Begründung: Organisation des

als Umsturzversuch gewerteten Generalstreiks am 26. Januar dieses Jahres.
Chile: Roberto Sapiains wurde nach dem Militärputsch 1973 verhaftet. Er war regionaler Sekretär der „Izquierda“ und Leiter der Unidad Popular in Valparaiso.
Vietnam: Doan Quoc Sy, Schriftsteller, be-

findet sich wie Zehntausende politischer Gefangener in einem Umerziehungslager.
forum-Leser, die sich mit Petitionen zugunsten der Gefangenen einsetzen wollen, wenden sich an: amnesty international, botta postale 1844, Luxembourg

In einem 4. Kapitel stellt das Buch den Neoimperialismus und die Lage der Dritten Welt in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart dar. Die im 2. Weltkrieg feststellbaren Ansätze einer nationalen Industrialisierung in bestimmten Ländern der Dritten Welt erwiesen sich nämlich als falsche Hoffnungen. Der weltwirtschaftliche Konzentrationsprozess, die Ausbildung multinationaler Konzerne, die korrespondierende Expansion des Bankkapitals bei ungeheurer Machtzusammenballung, die Schaffung internationaler Organisationen, aber auch der technologische Fortschritt verstärkten vielmehr, trotz

politischer Selbständigkeit, die Abhängigkeiten der peripheren Länder. Eventuelle Investitionen in diesen Gebieten geschehen nämlich nie unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Entwicklung der armen Gesellschaft, sondern bewirken im Gegenteil meistens eine Desintegration der einheimischen Wirtschaft, da die dynamischen kapitalistischen Sektoren zu einer Verformung der traditionellen, vorkapitalistischen, gar halbfeudalen Produktionsweisen, insbesondere im Agrarsektor, führen. ‚Entwicklungshilfe‘ von Seiten der Industrienationen dient fast ausschliesslich der Systemsicherung, sie soll verhindern, dass die im Abhängigkeitssystem angelegten Spannungsmomente zu dessen Zerstörung führen.

Während die übrigen Kapitel in einer sehr einfachen Sprache gehalten sind, ist dieses Gegenwartskapitel leider für Geschichtslehrer, deren ökonomische Ausbildung immer noch sehr zu wünschen übrig lässt, oft nur schwer zu verstehen.

Stellten die vier ersten Kapitel die weltweite historische Entwicklung dar, so behandeln die beiden folgenden die Geschichte des afrikanischen und lateinamerikanischen Kontinents im besonderen. Im zweiten Band folgen dann Quellen und statistisches Datenmaterial, die sich im Unterricht sehr gut verwenden lassen – man merkt, dass hier auch Praktiker migearbeitet haben –, weitere Fallstudien zu Indien (von den beiden luxbg. AFC – Mitgliedern Christian Delcourt und René Schmitt), Kuba und Chile, sowie über die jüngsten entwicklungspolitischen Optionen Brasiliens, Argentiniens und Mexikos, dreier Grosstaaten, die sich für eine Industrialisierung innerhalb des kapitalistischen Weltmarkts auf Kosten ihrer ärmeren Bevölkerungsteile entschieden haben. Vor dem abschliessenden, Gott sei Dank kommentierten Literaturverzeichnis mit 75 Titeln zur Vertiefung des Verständnisses der Geschichte der Ausbeutung der Dritten Welt, enthält dieser 2. Band noch eine Analyse von Schulbüchern, die im österreichischen Geschichtsunterricht in Gebrauch sind. Wohl steht keines dieser Werke auf einem luxbg. Programm, doch die bei uns üblichen Schulbücher enthalten dieselben Vorurteile, Fehlinformationen, Mythen über Imperialismus, seine Ursachen, Methoden und Auswirkungen.

Auf Grund der im ersten Band analysierten historischen Tatsache, dass die sog. ‚Unterentwicklung‘ kein Zurückbleiben in der Entwicklung, sondern eine Fehlentwicklung darstellt, die auf die Ausbeutung und Abhängigkeit dieser Länder von der wirtschaftlichen Entwicklung in den heutigen Industrieländern zurückgeführt werden muss, also ganz einfach das Ergebnis der rücksichtslosen Entfaltung der kapitalistischen

„Viele Menschen verstehen unter Denken nur die Umgruppierung ihrer Vorteile.“ William James

Produktionsweise ist, versuchen die Autoren Perspektiven der Überwindung der "Unterentwicklung" aufzuzeigen. Die Hoffnungen auf die multinationalen Konzerne, die "grüne Revolution", die "Entwicklungshilfe" werden als Illusionen entlarvt, weil sie immer nur den Interessen einer Minderheit dienten und die ungerechte Gesellschaftsstruktur in den peripheren Ländern unangetastet liessen. Ohne in Einzelheiten zu gehen, die den Rahmen ihrer historischen Arbeit sprengen würden, sehen die Autoren Möglichkeiten der Entwicklung durch tiefgreifende Strukturreformen im landwirtschaftlichen Bereich, die zu einer dynamischen Entwicklung des Binnenmarktes führen und infolgedessen eine differenzierte Industrialisierung einleiten können. Voraussetzung dafür ist aber eine Abkoppelung vom Weltmarkt, dessen kapitalistische Strukturen zur Aufrechterhaltung der Abhängigkeit und Fehlentwicklung wesentlich beitragen. Ob allerdings die Industrienationen eine solche sog. "autozentrierte Entwicklung" zulassen, die offensichtlich gegen ihre (unsere!) Interessen gerichtet ist, bleibt eine ernste Frage für die Zukunft der Dritten Welt und unsere Zukunft.

Wer 600 Seiten zusammenfassen und kommentieren will, kann leider nicht auch die Nuancen, die historischen Einzelfälle, das statistische Anschauungsmaterial im einzelnen vorstellen. Und doch wäre dies wichtig, denn es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche und -didaktische Arbeit, die also mit konkreten Realitäten zu tun hat, nicht um eine soziologische oder politologische Studie, die historische Beispiele nur zur Illustration ihrer abstrakten Theorie heranzieht. Ich hoffe trotzdem dem Leser klar gemacht zu haben, dass dieses Buch in jede Schulbibliothek, in jeden Bücherschrank von Geschichts- und Bürgerkundelehrern, von Politikern und Journalisten gehört. Nach seiner Lektüre sind Sätze wie jener einer jungen Redakteurin im LW vom 31.10.1978, die da meinte: "Colonialisme et impérialisme ne sont que des paroles," nicht mehr möglich.

m.p.

mouvement écologique

Seit seinem Bestehen hat "forum" nicht aufgehört, auf die Wichtigkeit und gesellschaftspolitische Tragweite der ökologischen Fragen hinzuweisen, die im Kampf um die Kernkraftenergie zu einem aktuellen Höhepunkt gelangt sind. Es war also normal, dass auch "forum"-Redakteure bei der Ausarbeitung einer politischen Plattform für die ökologische Bewegung mitarbeiteten. Diese Broschüre

iddiën fir eng nei gerellrchaft

ist inzwischen erschienen. Wir empfehlen natürlich unsern Lesern, sie zum Preis von 80 fr. durch Überweisung auf das CCP 392 17-89 zu bestellen. Die "forum"-Redaktion sah davon ab, als tragende Organisation des Programms (wie Natura, Jeunes et Environnement, usw.) aufzutreten, um den Forumcharakter unserer Zeitschrift nicht in Frage zu stellen. In Kommentaren werden einzelne Redakteure aber selbstverständlich noch darauffolfszukommen.

Die Industrieländer verbrauchen sieben Achtel der Reichtümer der Erde

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