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Am vergangenen 21. November 1979 hatte das Kollektiv "Spackelter" zu einem Rundtischgespräch im Clausener "Melusina" geladen, an dem nach einem Einführungsreferat von Pastor Dr. Paul Schulz Journalisten, Politiker und Therapeuten über das Drogenproblem in Luxemburg diskutierten. Wenn man von einigen organisatorischen Mängeln absieht – der Saal war zu klein für die 300-400 Interessenten (unter ihnen übrigens auch ein luxbg. Kleriker!); zuviele Organisationen waren zu offiziellen Stellungnahmen eingeladen (die Pressevertreter hätte man z.B. ganz aus dem Spiel lassen können) -, so war der Abend sicher ein Erfolg. Auch wenn das Informationsbedürfnis, das, wie der Riesenandrang oder auch der schnelle Verkauf der "forum"-Nummer über das Drogenproblem (Nr. 34) bewiesen, noch keineswegs gesättigt wurde – das lange Totschweigen des Problems hat hier ein zu großes Loch hinterlassen -, so kann dies ja nun mittels Presse, die sich einhellig gegen jede Polemik in dieser ernsten Sache aussprach, nachgeholt werden.
Erfreulich war vor allem die Spontaneität, mit der die Jugend ihrer Entrüstung über das Ignorieren des Problems durch die Öffentlichkeit, vor allem aber durch die Politiker freien Lauf ließ. Es mochte manchmal etwas naiv erscheinen, wie die jugendlichen Redner sofortige Maßnahmen und Gesetzesänderungen statt Versprechen forderten, doch hoffentlich haben sich die Politiker gemerkt, wie tief der Ärger sitzt, wie groß die Kluft zwischen ihr und der Jugend geworden ist. Und als Lehrer kann ich ihnen nur bestätigen: das Publikum war durchaus repräsentativ, keineswegs nur aus marginalen Gruppen zusammengesetzt. Wie ernst die Anwesenden das Thema nahmen, erhellt schon aus der Tatsache, daß die damals noch keine 8 Tage alte Schließung der "Blow Up"-Diskothek in keinem Moment Diskussionsgegenstand war: solche Einzelheiten sind Nebensache im Gesamtproblem. (Zudem war die Drogenfrage offensichtlich nur ein Vorwand, um wegen des Lärms protestierende Nachbarn zu beruhigen.) Aus demselben Ernst heraus sind auch die gereizten Reaktionen zu verstehen, jedesmal wenn ein Journalist oder Politiker einen polemischen Pfeil abschießen zu müssen glaubte, oder als die Vertreter der Porte Ouverte" und der "Ligue d’hygiène mentale" sich aus unerklärlichen (?) Gründen weigerten, ihre Drogentherapien neben jener von "Spackelter" vorzustellen. (Hatten sie ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Zusammenarbeit mit der Zwangs-"heil"-anstalt Ettelbrück?)
Doch die Politiker waren im allgemeinen fair. Die CSV-Abgeordnete V. Reding oder der OGI-Vertreter z.B. bekundeten offenherzig ihren Mangel an Information (obschon erstere offenbar im LW als Fachmann für Drogenfragen gilt … !) Es war also eigentlich ein Organisationsfehler, gerade den Pafteivertretern die Frage nach den Ursachen des Drogenkonsums zu stellen, denn von dieser Seite konnte eine befriedigende Antwort vernünftigerweise nicht erwartet werden. Im Zusammenhang mit Informations-
fragen sei hier noch eine Klarstellung wiederholt, die der "forum"-Vertreter Dan Arendt schon an jenem Abend machte: Die von "forum" veröffentlichte Zahl von 10 000 Drogenkonsumenten in Luxemburg, die vom Kollektiv "Spackelter" in einem Pressekommuniqué bestätigt wurde und von der LW-Journalistin V. Reding als "Phantasieszahl" bezeichnet worden ist (LW, 10.11.79), geht durchaus auf Angaben der "Söreté" zurück. Es gibt rund 10 000 gelegentliche und permanente Drogenkonsumenten im Lande, aber "nur" rund 3000 Drogenabhängige, unter ihnen rund 800 Heroinsüchtige! Viel richtiger müßte man aber von rund 250 000 Luxemburger Drogenkonsumenten sprechen, denn Alkohol und Nikotin sind auch Drogen, nur wird ihr Konsum nicht gesetzlich bestraft! Bei 13 000 Menschen hat der Alkohol übrigens zu einer physischen Sucht geführt.
Zu bedauern ist, daß keine Vertreter des Drogendezernats der "Söreté" und des Justizapparates anwesend waren, oder sich zu erkennen gaben. Vielleicht waren sie auch ganz einfach nicht mehr in den Saal reingekommen. Sie hätten nicht nur die letztlich unwichtigen Statistiken bestätigen können, sondern vor allem auf die schweren Vorwürfe antworten können, die Pastor Schulz den Repressionsorganen im allgemeinen machte, einige Zuhörer aber auch an Hand von konkreten Ereignissen belegten: Wieso kann eine Jugendrichterin eine Heroinsüchtige zur Entwöhnung in die Ettelbrücker "Heil"-anstalt zwangseinweisen, obschon die Betroffene selbst zu einer solchen Kur bereit ist, sei es im "Centre hospitalier", sei es im Ausland, aber nur nicht in Ettelbrück, dessen berüchtigten Methoden bekannt sind, und dabei sowohl
die Eltern, der Rechtsanwalt, der Hausarzt als auch die Gerichtspsychologen der Jugendrichterin von einer Einweisung nach Ettelbrück abraten! Bisher standen die Chancen für eine Herauslösung des Mädchens aus dem Drogenmilieu durchaus noch gut: der Kontakt zum Elternhaus war keineswegs abgebrochen, die Schulleistungen durchaus zufriedenstellend, die Klassenkameraden bereit, ihr zu helfen. Der Ettelbrücker Zwangsaufenthalt in der Isolation riskiert die restliche Willenskraft der Gefährdeten definitiv zu brechen!
Sicher, die Jugendrichterin hatte gesetzlich das Recht zu ihrer Entscheidung. Also wird man das Gesetz ändern müssen. Auch z.B. was die Unterschiede zwischen harten und weichen Drogen, zwischen Konsumenten und Dealern, zwischen profitinteressierten Groß-Dealern und abhängigen Klein-Verkäufern anbelangt. Vor allem aber muß das Therapieziel neu definiert werden: wenn der Jugendliche aus Hoffnungslosigkeit an unserer Gesellschaft zur Droge greift, kann das Ziel der Behandlung nicht eine einfache Wiedereingliederung in dieselbe Gesellschaft sein. Pastor Schulz wird diesen wichtigen Punkt seines Referats, der im Drogendossier zu kurz gekommen war, für eine Veröffentlichung in ‚forum‘ überarbeiten. Es sei ihm herzlich dafür gedankt. ‚forum‘ jedenfalls will die Akte nicht schließen.
Mit Hunderten von Jugendlichen warten wir darauf, daß die anwesenden Politiker ihr gemeinsam gegebenes Versprechen, das Drogengesetz zu ändern, in die Tat umsetzen werden.
Die Chancen scheinen mir ehrlich gesagt sehr gering. Wie wenig etwa die CSV-Vertreterin die Jugend in ihrer Angst und ihrem Protest verstanden hat, bewies sie in ihrem LW-Bericht (23.11.79), wo sie von ‚blindwütigen Angriffen, ohne irgendein Unterscheidungsvermögen auf das Establishment‘ sprach und ihr ob ihrer – auf Erfahrung beruhenden! – Skepsis Inkonsequenz vorwarf. Und einen Tag später nennt sie die jugendlichen Parlamentarier ‚direkt erfrischend‘ und meint ihre Befürchtungen seien ’nicht ganz unberechtigt‘. Dabei hatten diese Jugendliche den Mut gehabt, vor der Großherzogin und dem Parlament, genau dieselben Fragen zu stellen wie jene vom Vortag: die Frage nach den Drogen und dem mangelnden Lebenssinn, die Frage nach dem Ernstgenommenwerden … Nur, diese Jugendliche waren 1-2 Jahre (nicht mehr!!) jünger als jene im ‚Melusina‘ und sprachen – durch die Umstände gezwungen – für ein paar Stunden die Sprache der Erwachsenen statt ihre eigentliche Umgangssprache. Ob ihr Problem wohl in der ‚erfrischenden‘ (!?) Form eher verstanden wurde?
m.p.
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