Religionsunterricht — Teil der Jugendpastoral oder Ersatz für eine Jugendpastoral?

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In der Diözese Luxemburg wird jährlich, mit starkem Personalaufwand, versucht, möglichst viele Religionsstunden ‚unter Dach und Fach‘ zu bringen. Geistliche und Laien, eigens dazu ausgebildet oder nicht, haben im Religionsunterricht (RU) ein haupt- bzw. nebenamtliches Arbeitsfeld. Selbst die Priester in den Pfarreien haben ein RU-pensum von bis zu 16 Wochenstunden.

Demgegenüber ist die ‚Sorge‘ der Kirche Luxemburgs um außerschulische Jugendarbeit, religiöse Weiterbildung Jugendlicher und Möglichkeiten für die Jugend, den Glauben zu leben und zu vertiefen, eher theoretischer als praktischer Natur. Die gesamte Jugendpastoral wird den Zufall überlassen. Nur der RU macht eine Ausnahme. Hier tut sich etwas, hier wird gearbeitet, das ‚Bild nach aussen‘ bleibt intakt.

Welchen Beitrag zur Jugendpastoral kann der RU wirklich leisten ?

Ersetzt ein angemessener RU die Jugendpastoral ? Oder wird dem RU zuviel zugemutet ?

Was kann RU heute erreichen ? Was nicht ? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

RU ‚heute‘ unterscheidet sich vom RU ‚gestern‘ dadurch, daß die Glaubenssituation der Teilnehmer sich geändert hat.

‚Gestern‘ besuchte jeder den RU. Religion und Glaube gehörten zum Leben der meisten Familien. Was in der Familie gelebt und weitergegeben wurde, konnte im RU aufgearbeitet, gegliedert und formuliert werden. Der Katechismus mit seinen Formeln konnte so eine Hilfe sein.

‚Heute‘ hat sich diese Situation grundlegend geändert. Die Familie hat ihre Rolle als Glaubensvermittlerin vielfach verloren.

Die meisten Schüler im RU haben keinen Glauben. Sie wissen nichts von diesen Dingen, denn niemand hat ihnen davon erzählt und kaum noch erleben sie Menschen, die ihren Glauben leben. RU kann also nicht mehr dieselbe Rolle spielen wie das früher der Fall war. Dies wird bedauert. Mancheiner wünscht sich ein

Zurück in die ‚gute alte Zeit‘, wo noch alles ‚klar und durchsichtig‘ war. In der letzten Zeit nimmt die Zahl derer, die nach einem neuen Katechismus (?) rufen, ständig zu. Auf dem deutschsprachigen Schulbuchmarkt kommen tatsächlich solche ’neuen Katechismen‘ heraus. Aber machen wir uns nichts vor! RU kann den Glauben der Schüler nicht mehr voraussetzen. Und damit ändert sich das gesamte Bild des RU.

Die Glaubenssituation hat sich verändert. Religiöse Fragen aber bleiben, haben vielleicht noch zuge-

nommen, denn auch hier sind in den letzten Jahren glücklicherweise einige Hemmungen verschwunden. Fragen nach Freundschaft, Hass, Tod, Glück, Freiheit, Toleranz, Leid, Gerechtigkeit, Solidarität, Frieden u.a.m. sind und bleiben menschliche und religiöse Fragen. Nimmt die Schule ihr Ziel, zur Erziehung des ganzen Menschen beizutragen, ernst, dann muss es in ihr einen Ort geben, in dem diese Fragen zur Sprache kommen können, und zwar in einem eigenständigen Fach. Diese Fragen in allen Fächern dort zu behandeln, wo sie sich stellen, halte ich, in Anbetracht der überfüllten Lehrpläne und des Leistungsdrucks in unsern Schulen, für eine Illusion. Nur ein Fach, das gezielt solche Fragen aufgreifen kann, hat überhaupt eine Chance.

Andere Fragen stellen sich. Fragen nach dem Wohin und Wozu des Menschen, Fragen nach Gott, nach Jesus Christus sind heute aktueller denn je. Auch sie sollten diskutiert werden können und zwar dort, wo viele Jugendliche einen Grossteil ihrer Zeit verbringen: in der Schule.

Hier reiht sich RU als Fach Religion in den Fächerkanon einer Schule ein, nicht als Unterweisung im Glauben, nicht als religiöse Wissensvermittlung, sondern als ein Fach, in dem religiöse Fragen des Menschen und der Menschheit ausgesprochen und diskutiert werden können, in dem Antworten gesucht, vorgestellt und kritisiert werden können, ein Fach, in dem Lehrer und Schüler ihr ‚Menschsein‘ zur Sprache bringen dürfen und versuchen, gemeinsam mit den Erfahrungen der Menschheit, mit den Antworten der Religionen, mit dem Anspruch der Christen, ihren Weg zum wahren Menschsein freizulegen.

RU kann im besten Fall den Weg zum wahren Menschsein freilegen. ‚Freilegen‘ bedeutet nicht zu diesem Weg hin manipulieren, sondern ihn aufzeigen als eine Möglichkeit sein Leben sinnvoll zu leben. Die Entscheidung ob dieser oder ein anderer Weg begangen wird, muß eine freie Entscheidung jedes einzelnen sein. Solche Entscheidungen werden nicht in einem Schulfach getroffen. Das Klima in den Schulen läßt kaum wirklich freie Entscheidungen zu.

Wo aber können solche Entscheidungen getroffen werden ? Wo sind die Freiräume in denen solche Entscheidungen heranwachsen und in aller Freiheit getroffen werden können ? Ist es nicht ein Ziel der Jugendpastoral eben solche Freiräume zu schaffen ? Dies setzt allerdings eine Jugendpastoral voraus, die bei den Bedürfnissen der Jugend ansetzt und die Jugendlichen dort sucht, wo sie sich wirklich wohlfühlen, eine Jugendpastoral, die nicht alles zu ‚taufen‘ versucht, was nicht gerade als ‚christlich‘ angesehen wird.

Aus kirchlicher Sicht könnte so der RU auch heute noch als ein Teil der Jugendpastoral gesehen werden, als wichtige Vorstufe, die aber die eigentliche, außerschulische Jugendarbeit bedingt. M.E. hat RU (noch immer von der Kirche her gesehen) dann erst recht einen Sinn, wenn er in einem Gesamtpastoralkonzept die Vorfeldarbeit übernimmt, die aber ständig von einem Angebot kirchlicher (und außerschulischer) Jugendarbeit begleitet wird.

Aus schulischer Sicht bliebe der RU ein eigenständiges Fach mit eigenen Lernzielen und Lerninhalten, ein Fach das, unabhängig von einer außerschulischen Jugendpastoral, einen Lernprozess beinhaltet.

Eine letzte Frage: Wie versteht die Kirche Luxemburgs den RU heute? Als Antwort diene folgendes Beispiel:

Am 7. November 1979 setzte der Bischof die Beschlüsse der Luxemburger Diözesansynode über ‚Die Sakramente im Leben der Kinder‘ in Kraft (Kirchlicher Anzeiger 9/1979). In diesen Beschlüssen wird grossen Wert auf den RU als Ort der Sakramentenvorbereitung gelegt. Nur zusätzlich sind Formen der Gemeindekatechese erwünscht.

RU wird wiederum als Katechese, d.h. als direkte Einführung in den Glauben gesehen, denn Sakramente sind (auch heute noch) Zeichen des Glaubens. Diese Aufgabe kann der RU m.E. nicht mehr erfüllen da … (siehe oben).

An diesem Beispiel mag deutlich werden, daß die Kirche Luxemburgs noch immer RU als Katechese versteht. Vielleicht erklärt diese Einstellung zum RU sogar das Fehlen einer Jugendpastoral. Denn wenn der RU wirklich Katechese, also Glaubensverkündigung wäre, dann würde der christliche Glaube ja im RU weitervermittelt. Jugendarbeit wäre dann bestenfalls eine Spielerei, die man sich, angesichts des immer bedrohlicher werdenden Priestermangels, einfach nicht leisten könnte.

Kostprobe aus dem ‚Beicht- und Kommunionkurs‘ von Raphael Niessner OSB, erschienen in der Verlagsbuchhandlung der Benediktiner 8428 Rohr:

  1. Gebot: Ich muss glauben und Gott über alles lieben.

Trage nie ein Tierkreiszeichen als Anhängsel! Das sind die Zeichen der Astrologie, und damit die Zeichen der gefallenen Engel, der bösen Geister. Für die Wissenden ist das Tragen Aberglauben, weil sie den bösen Geistern mehr vertrauen als Gott. Wenn du aber eine geweihte Medaille trägst, dann stehst du unter dem besonderen Schutze Gottes und der lieben Gottesmutter.

Mein Jupp-Kommentar: Muss man da nicht in die Luft gehen, weil Neunjährigen solch ein haarsträubender Unsinn als christlicher Glaube angeboten wird? Was werden diese Neunjährigen von diesem Schwachsinn halten, wenn sie einmal Sechzehnjährige geworden sind? Denn dieser ‚Beicht- und Kommunionkurs‘ wird auch hierzulande und heute gebraucht. Was denken die Eltern, die ihre Kinder mit dieser ‚Nahrung‘ füttern lassen?

Wie dem auch sei. Ein Umdenken in Sachen RU und Jugendpastoral wird unumgänglich werden. Zu hoffen bleibt nur, daß dieses Umdenken bald einsetzt, und daß es nicht zu lange dauert.

Théo Péporté

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