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ÜBER DIE UNSICHERHEIT DER ELTERN DEM FERNSEHEN GEGENÜBER.
"Herr Lehrer, wenn unsere Kinder fernsehen, dann lernen sie doch was dabei. Neulich erst kam unser Jüngster und wusste plötzlich, dass am Nordpol alles mit Eis bedeckt ist. Das kann er nur im Fernsehen gesehen haben. Und auch die Caroline. Die meisten Buchstaben hat sie in der Sesamstrasse gelernt und nicht bei Ihnen im ersten Schuljahr. Ich weiss gar nicht, was das soll, wenn Sie von diesem ‚Montagsmorgen-Syndrom‘ reden. Die interessanten Sendungen kommen eben am Wochenende, und unsere Kinder sollen doch auch mal was Interessantes sehen. Aber dass sie dadurch am Montagmorgen nervöser und aggressiver sein sollen, habe ich noch nicht gemerkt. Vielleicht ist das auch nur, weil sie wieder zur Schule müssen …
… Nein, nein, bei uns wird nicht den ganzen Tag über ferngesehen, das würden wir gar nicht erlauben, aber Sie müssen verstehen, wenn man mit zwei Kindern in einer Etagenwohnung mit zwei Schlafzimmern und einem viel zu kleinen Wohnzimmer lebt, dann ist man halt froh, wenn am Nachmittag die Kinder ruhig vor dem Fernseher sitzen. Und abends dürfen sie ja nicht mehr. Natürlich, wenn wir – also mein Mann und ich – am Abend dann fernsehen, können wir die Kinder nicht einfach aus dem Wohnzimmer schicken, schliesslich soll die Familie ja auch zusammensein. Aber um 9, halb 10 ist Schluss. Wir sind da sehr streng, mein Mann und ich …
… Nein, sehen Sie, die schlechten Prüfungen in letzter Zeit, also, die Caroline muss da irgendwas in der Schule nicht verstanden haben, aber das Fernsehen ist da bestimmt nicht dran Schuld. Eigentlich sieht sie nur Sendungen, die für sie geeignet sind.
… Bitte? Also das sind vor allem Kindersendungen … Tierfilme, … Zeichentrickfilme, ja und dann die Werbung, also Werbung sieht sie gern, … und dann so die Serien im Vorabendprogramm. Sie weiss inzwischen besser Bescheid, was abends kommt als wir. Aber mehr ist da nicht. Und wenn sie mal ungezogen war, ist’s sowieso vorbei für den Abend. Wenn sie eine schlechte Schulnote mit nach Hause bringt, darf sie zwei Tage lang nicht fernsehen. Bei einer besseren Note darf sie dann auch mal länger aufbleiben.
… Und schliesslich, Herr Lehrer, was sollen wir denn tun? Das Fernsehen gehört doch dazu. Ja, uns gefällt auch dieses und jenes nicht, aber wir können
nen doch nicht immer nur alles verbieten, die andern Eltern lassen ihre Kinder ja auch fernsehen. Ich meine, Sie sollten sich nicht so viele Gedanken machen. Die Fernsehmacher sind doch auch noch da. Die wissen schliesslich, was gut und was schlecht ist für unsere Kinder. Und uns selbst hat es ja bis jetzt auch noch nicht geschadet, oder …?"
2. «Bitte, Frau Schmit …!»
ÜBER DIE WIRKSAMKEIT PÄDAGOGISCHER RATSCHLÄGE IN BEZUG AUF DAS FERNSEHEN.
"Jedenfalls, Frau Schmit, zeigen die Arbeiten, die die Caroline in letzter Zeit gemacht hat, deutlich, dass sie sich nicht mehr konzentrieren kann. Und da spielt das Fernsehen eine Rolle. Die meisten Schüler meiner Klasse sind übrigens in derselben Lage. Zuviel Fernsehen, zuwenig Schlaf, nachlässig gemachte Hausaufgaben, das alles führt zu einem Absinken der schulischen Leistungen.
Sie sollten Ihre Caroline ermutigen, weniger fernzusehen und statt dessen mehr zu spielen. Versuchen Sie, mit Ihrer Tochter zusammen die Sendungen auszuwählen, die sie dann auch sehen darf. Bitte …? Ja, also ich würde sagen, das sind, … also … gute Kindersendungen; … Tja, was gute Kindersendungen sind, das müssen Sie schon selbst herausfinden, nicht wahr. Jedenfalls wäre Ihrer Caroline damit geholfen.
Wie Sie das anstellen sollen? Das ist eine gute Frage! Vielleicht erklären Sie Ihrer Tochter, wie schädlich sich das Fernsehen auf sie auswirkt…
Warum lachen Sie?… Es muss doch eine Möglichkeit geben, eine vernünftige Programmauswahl zusammenzustellen. Sie sollten sich das Überlegen.
Dann wäre es auch wichtig, dass Sie oder Ihr Mann dabei sind, wenn die Caroline fernsieht. Sie könnten ihr so helfen, das Gesehene zu verarbeiten.
Bitte…? Nun, ich weiss, dass die Caroline noch einen kleinen Bruder hat, aber Sie sollten trotzdem versuchen zu helfen, auch wenn Sie wenig Zeit dazu haben.
… Wie bitte? … Nein, die Schule kann Ihnen dabei nicht helfen. Wie stellen Sie sich das vor? Sehen Sie, wir haben alle Hände voll zu tun, um das vorgeschriebene Programm überhaupt zu bewältigen. Da können wir die Kinder beim besten Willen nicht auch noch lernen, wie man mit dem Fernseher umgeht. Schliesslich sind Lesen, Schreiben und Rechnen wichtiger! … Nun, wenn zu Hause nicht mehr gelesen, dafür aber viel ferngesehen wird, dann ist das trotzdem nicht das Problem der Schule. Eltern haben dafür zu sorgen, dass ihre Kinder in vernünftigem Mass fernsehen lernen!
… Wie das bei meiner Tochter ist, wollen Sie wissen? Nun, eigentlich müsste ich da meine Frau fragen, … aber, die Anne ist ja schon älter und …, also um ehrlich zu sein, ich weiss nicht genau, wieviel sie fernsieht, sehen Sie, sie hat zur 1. Kommunion einen eigenen Apparat geschenkt bekommen, und ich hab‘ ihr dann einen Antennenanschluss auf ihr Zimmer machen lassen, so dass sie eigentlich selten bei uns im Wohnzimmer sitzt."
3. «Moment mal, Ihr beide …!»
ÜBER DIE WUNSCHE VON KINDERN ZU ERZIEHUNG UND FERNSEHEN
"Warum sprecht ihr dauernd über mich, aber nie mit mir? Ich weiss schon, dazu bin ich noch zu jung, das versteh‘ ich noch nicht. Vielleicht ist es aber auch ganz anders, vielleicht seid ihr schon zu alt und versteht mich nicht.
Ihr fragt euch, warum ich soviel vor dem Fernseher sitze (- Jetzt fällt’s mir erst auf, ihr habt euch das noch nicht gefragt; aber, aber, ihr als
meine Erziehungsberechtigten! Das hätte doch eure erste Frage sein müssen.-), und ich frage euch, was ich denn sonst tun soll. Wenn ich mal so richtig schön spiele, mache ich entweder zuviel Lärm oder mich schmutzig, und dann muss ich als Blitzableiter für Muttis Aggressionen herhalten. Ja, glaubt ihr denn, das wäre besonders lustig. Beim Fernsehen stört mich wenigstens niemand (auch wenn ich annehme, dass das nur so ist, weil ich dann niemanden störe).
Ausserdem, ihr selbst seht ja auch fern. Jeden Abend! Von 7 Uhr bis in die Nacht hinein. Wählt ihr euch denn euer Programm aus? Schaltet ihr denn nach einer Sendung ab, um über das Geschehere zu sprechen? Belügt mich nicht auch noch! Ich hab‘ noch nie erlebt, dass bei uns ernsthaft über eine Fernsehsendung gesprochen wurde. Wie soll ich das dann lernen? Wenn es stimmt, wie der Herr Lehrer einmal sagte, dass Kinder am meisten vom Beispiel der Eltern lernen, dann wundert euch doch nicht über mich. Ich mache doch nichts anderes als das, was ihr selbst auch tut. Ich schaue fern, ganz gleich, was kommt und ganz gleich, wie lange es dauert. Und das ist schön!
Und bitte, für euch ist das Fernsehen ja auch etwas Besonderes. Natürlich, alles was man als Belohnung bekommt oder was man zur Strafe nicht bekommt, ist etwas Besonderes: Schokolade, Eis, Bonbons, Geld und Fernsehen. Warum soll ich dann nicht fernsehen, wenn ich darf? Mit mir zu spielen, hat noch niemand mir als Belohnung versprochen. Also ist für euch das Fernsehen viel wichtiger als das Spielen. (Oder sollte es nur so sein, dass ihr in Ruhe gelassen werdet, wenn ich fernsehe; wenn ihr dagegen mit mir spielen würdet, müsstet ihr euch anstrengen?)
Überhaupt ist das Fernsehen eine feine Sache, um sich nicht um uns Kinder kümmern zu müssen (besonders auch an Wochenenden).
"Wenn Kinder das Fernsehen anderen Beschäftigungen vorziehen, so haben sie dafür ihre guten Gründe."
Irene Herzberg, Ist es egal, was Kinder sehen? in: Vorwärts vom 15.12.1977
Zeichnung: Langer
Publik-Forum
DOSSIER
Aber, Herr Lehrer, wenn Sie da sagen, dass das alles die Schule nichts angeht, dann ist das ein ziemlicher Quatsch. Warum können wir nicht in der Schule über gute Fernsehsendungen reden? Warum können wir nicht selbst eine "Sendung" mit der Videokamera herstellen? Wir könnten doch lernen, wie sowas gemacht wird, und was man tun muss um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Mein Vetter (er ist schon fast erwachsen) hat mir erzählt, dass er zwar wisse, wie ein Gedicht analysiert wird (dabei kann ich mir nicht vorstellen, dass der Gedichte liest), dass er aber noch immer nicht wisse, wie man einen Film analysiert (dabei weiss ich, dass er jede Woche ins Kino geht). Und genauso ist es mit dem Fernsehen. Doch, Herr Leh-
rer, Sie könnten schon was tun, natürlich müssen Sie selbst dazu erst einmal Bescheid wissen, aber das lässt sich bestimmt lernen, und klar, es müsste auch Zeit dazu dasein; vielleicht sprechen Sie mal mit dem Minister. Jedenfalls wäre das ein Fach, das mir gefallen würde.
So, und jetzt macht euch mal weiter Gedanken! Nur dieses noch: mir nützt es am wenigsten, wenn ihr euch gegenseitig versucht, die Schuld an fehlender Fernseherziehung in die Schuhe zu schieben. Versucht, zusammen was zu machen; und ihr dürft uns auch mal fragen, was wir davon halten."
Théo Péporté
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