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Mehrere Leser haben schon gefragt, was es mit der ‚Perspektiv‘ auf sich hat, die wir regelmäßig in der Rubrik ‚Lesenswert‘ vorstellen, mit der zusammen ‚forum‘ ein öffentliches Rundtischgespräch organisiert hatte, mit Beiträgen aus der wir uns aber auch schon kritisch auseinandergesetzt haben. Dieser Artikel will daher versuchen, die wesentlichen Charakteristika dieser Zeitschrift im Verhältnis zu ‚forum‘ darzustellen.
Zwischen beiden Zeitschriften gibt es nämlich eine Reihe von Ähnlichkeiten. Beide sind m. E. heute die einzigen Blätter der Alternativpresse, deren Thematik ganz allgemein gesellschaftspolitisch orientiert ist (im Gegensatz zu ‚Brennpunkt‘, ‚Keisécker‘, ‚Atomix‘, die thematisch enger gefasst sind, oder ‚de Kregeliert‘, der auf eine enger definierte Publikumsschicht (die Jugend) hin geschrieben wird). Die wichtigste Parallele gibt es m.E. in beiden Entstehungsgeschich-
ten: So wie "forum" entstanden ist, weil nicht alle Christen in der sich christlich nennenden Tageszeitung schreiben dürfen, so ist "Perspektiv" entstanden, weil nicht alle Sozialisten in der sozialistisch sich nennenden Tageszeitung geduldet werden. Beide Zeitschriften wollen aus dieser Erfahrung heraus, denn auch undmatisch sein, die Fronten aufweichen, einen Gesprächsort für alle Interessierte anbieten. Bestes Dokument dieses gemeinsamen Anliegens war wohl das zusammen veranstaltete Rundtischgespräch zum Thema "Christentum und/oder Sozialismus". (Nebenbei sei übrigens an den Vorschlag von H.Hausener erinnert, das Thema in kleinerem Kreis vertieft weiterzuführen).
Mit der Anfang Juni erschienenen Nr. 22 ist "für die Herausgeber der ‚Perspektiv‘ nun die Phase des elementaren Aufbaus, Abonnentenwerbung, Mitarbeitergewinn, Verteilungsnetz abgeschlossen." Sie wollen nun darangehen, "inhaltlich die ursprünglichen Zielsetzungen (…) deutlicher" zu betonen: "So soll vor allem die Diskussion über sozialistische Theorie und Praxis (…) neubelebt und stimuliert werden. (…) Auch der kulturelle Teil soll ausgebaut werden, vor allem um den zahlreichen nichtorganisierten Kulturarbeitern eine Plattform anzubieten." Wie "forum" wird auch "Perspektiv" hauptsächlich "kommentierenden und analysierenden Charakter" haben, denn der Erscheinungszythmus – aber wohl auch der Platzmangelzwingt, die reine, aktuelle Information auf ein Minimum zu beschränken, nämlich auf jene Fakten und Ereignisse, die anderswo verschwiegen und unterschlagen werden.
"Die politische Marschroute (von ‚Perspektiv‘) ergibt sich aus dem Postulat des ‚linken Pluralismus‘: alle Ideen, Ansichten, Modelle – d.h. auch kontroverse und kontradiktorische – der einheimischen Linksbewegung respektieren und dokumentieren und dabei die Autonomie der einzelnen linken Zellen und Gruppen als verbindliches Prinzip voranstellen" (Guy Newenig). Maßstab ihres Handelns (lies: Veröffentlichens) ist dabei die in der ersten Nummer (eigentlich Nr. 8 von Februar 1979, nach der Spaltung des SoAK) veröffentlichte politische Plattform. Dieses journalistische Konzept hat "Perspektiv" bislang in bemerkenswerter Unabhängigkeit (und mit kommerziellem Erfolg) durchgehalten, u.a. auch bei den Wahlen von Juni 1979. Gerade deshalb ist "Perspektiv" auch für Christen, die sich politisch informieren wollen – und eigentlich müßten das ja alle -, eine unentbehrliche Lektüre. In der Praxis reicht die "linke unabhängige Gegenöffentlichkeit", die "Perspektiv" herzustellen sich bemüht, von der LSAP über KP, KBL usw. bis zur LCR.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich "forum" sicher von "Perspektiv". Bei uns wird der politische Pluralismus weiter gefaßt und "forum" sollte auch als Gesprächsort für Nicht-Linke offenstehen (vgl.: "forum"
und die Linke, in Nr 36/31.12.1979), genauso wie theologisch gesehen jede Meinung, auch, und gerade auch jene von Nicht-Christen, zu Wort kommen soll.
Wenn man nun vom "forum"-Selbstverständnis der politischen Unabhängigkeit und des christlichen Engagements ausgeht und das linke "Perspektiv"-Forum betrachtet, kann bei aller Anerkennung eine Kritik nicht fehlen. In der neuen Redaktionsstruktur, nach welcher jeder der ständigen Mitarbeiter für ein oder zwei Ressorts verantwortlich ist, fehlt, wie in jedem linken Presseorgan in Luxemburg, ein Ressort Religion. Nach dem "Perspektiv"-Gespräch über den Rechtstrend in Luxemburg, nach der schon erwähnten Debatte über Christentum und Sozialismus, hatte ich gehofft, es gebe endliche linke Zeitungsmacher, die der Religion jene eigene, wenn nicht eigenmächtige Rolle zuerkennen, die jeder Soziologe eigentlich beobachten kann. Es spielt dabei m.E. keine Rolle, ob die Religion ideologisch von reaktionären Kräften mißbraucht wird oder ob sie wie etwa in Lateinamerika eine echte befreiende Kraft darstellt im spirituellen wie im politisch-wirtschaftlich-sozialen Bereich. Aber auch bei "Perspektiv" scheint man sie genausowenig als eigenen gesellschaftlichen Faktor anzuerkennen wie in t und LW.; auch dort gibt es (trotz Forderung der Synode) keinen eigenen Redakteur für religiöse und kirchliche Fragen.
m.p.
Inhaltsangabe "Perspektiv" Nr. 22
- Editorial zur Nordstrecke und Transportpolitik des Monopolkapitals
- Kommentar zur neuen Organisationsstruktur der Zeitschrift (siehe oben)
- Interview mit Ernest Mandel über die Krise des Kapitalismus
- Satire über den Gesundheits- und Kriegsminister
- Beitrag über die familiäre Rollenstruktur
- Gedichte zum Nationalfeiertag
- Ende der Serie über die UdSSR
- Beiträge über Peru und Brasilien
- Kritik an der politischen Zensur im "t" u.a.m.
Kaufen: an allen Kiosken; Abonnement: 300 Fr. (10 Nummern); CCP 43070-02 von "d’Alternativ, a.s.b.l."
DE KEISECKER NR 2/80
- Cattenom: erstmals wird der Wortlaut des Memorandums der Luxemburger Regierung sowie die französische Antwort veröffentlicht. Höchst erbaulich!!
- Interview mit Rudolf Bahro
- Dossier Stadtverkehr (vgl. "forum" Nr. 39)
- Frédéric Vester, Phänomen Stress
Bestellen: Jeunes et Environnement, B.p. 374, Luxbg. CCP 39 217-29; Nr. 2: 35,-; Abo (6 Nummern): 200,-
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