Entwicklungshilfe aus Brasilien
Zu einer Neuerscheinung von Leonardo Boff
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Nicht nur bei Jugendlichen hört man immer häufiger die Meinung, mit Christus könnten sie eventuell noch was anfangen im Leben, aber mit der Kirche … Aufgeschlossenen Theologen ist auch nicht entgangen, dass ‚in den letzten Jahrhunderten sich die Organisation der Kirche nach einem straffen hierarchischen Schema entwickelt (hatte), und die Beziehungen der Christen untereinander vor allem rechtlich verstanden worden (waren)‘. (S.9) L. Boff schreibt diesen Satz des einleitenden Kapitels im Imperfekt. In Südamerika haben nämlich seit einigen Jahren neue Gemeinschaften – sogenannte ‚Kirchliche Basisgemeinden‘ (KBG) – ein neues Bild von Kirche entstehen lassen, und nicht mehr das Hierarchische: ‚Das christliche Leben in den KBG ist gekennzeichnet durch das Nichtvorhandensein entfremdender Strukturen durch unmittelbare Beziehungen, Gegenseitigkeit, tiefe Brüderlichkeit, wechselseitige Hilfe, Gemeinsamkeit in den evangelischen Idealen und Gleichheit der Mitglieder untereinander. Das was Gesellschaften sonst charakterisiert, gibt es hier nicht: strikte Regelungen, Hierarchien und vorgeschriebenes Verhalten je nach den Unterschieden in Funktionen und Obliegenheiten.‘ (S. 15) Der Frage, welche Folgen für die Theologie sich aus der Erfahrung dieser KGB ergeben, ist das jüngst erschienene Büchlein eines der bedeutendsten Vertreter der sog. südamerikanischen Theologie der Befreiung gewidmet:
Leonardo Boff, Die Neuentdeckung der Kirche. Basisgemeinden in Lateinamerika, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1980, ISBN 3-7867-0802-9, 140 S., DM 19,80
Im Gegensatz zu den meisten (wenn nicht allen) westeuropäischen Theologen geht also L. Boff von einer konkreten Erfahrung aus, wie nämlich Kirche in Südamerika gelebt wird, und fragt dann danach, wie sich diese Erfahrung vor dem Heilsruf Jesu Christi verantworten kann. (Das soll aber keineswegs heissen, dass er die europäische ekklesiologische Forschung nicht kennt:
Ich habe noch nie ein Buch eines europäischen Theologen gelesen, in dem nur halb soviele Theologen aus der Dritten Welt zitiert und verarbeitet worden wären, wie das umgekehrt bei diesem Brasilianer der Fall ist ! )
Gerade diese gelebte Erfahrung hat aber der ehemaligen Synodenkommission 4 gefehlt, als sie der Kirche Luxemburgs in der Synode eine ähnliche Reorientierung auf kleinere Gemeinden vorschlagen wollte. Mit juristischen Argumenten wurde damals der Vorschlag typischerweise abgelehnt. Würden die damaligen Vorlage-Autoren Boffs Buch lesen, sie sähen ihre oft noch recht ungenauen Vorstellungen theologisch bis ins letzte Detail begründet – und kirchlich praktiziert ! Es bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die europäischen Kirchen diese ‚Entwicklungshilfe‘ aus Südamerika annehmen und verarbeiten!
P-F 14/78
Doch wir können uns damit trösten, dass nicht nur in Luxemburgs Kirche starke Bedenken gegen die KBG laut wurden. Und so ist Boffe Buch zum grossen Teil eine Zusammenstellung der wichtigsten Probleme, die durch die KBG für die Theologie aufgeworfen wurden.
Infristen eigentlichen Kapitel zeigt Boff in Anlehnung an südamerikanische Soziologen, dass der Gemeinschaftsgeist und die Institution in der Kirche immer gleichzeitig nebeneinander existieren (müssen). Die Gesamtkirche braucht nämlich eine Organisation, eine Autorität als Symbol der Einheit, ein Credo zur Bekundung des gemeinsamen Glaubens. Aber vor Ort muss die Gemeinschaftskomponente den Vorrang haben. Für L. Boff besteht kein Zweifel, dass die KBG "das Eigentliche der christlichen Botschaft besser leben, das in der universalen Vaterschaft Gottes, der Brüderlichkeit gegenüber allen Menschen, der Nachfolge des getöteten und auferstandenen Jesus Christus, der Feier der Auferstehung und der Eucharistie sowie im schon begonnenen Aufbau des Reiches Gottes in der Geschichte besteht" (S. 14) Dennoch soll man keinesfalls hoffen, die ganze Kirche durch ein Netz von KBG ersetzen zu können, weil dann ja das Spontane wieder institutionalisiert, die Gemeinschaft erstarren würde.
Die KBG halten den Gemeinschaftsgeist in Christentum und Kirche wach, sind ein Sauerteig in der Kirche. Die zwei Kirchenmodelle stehen aber für L. Boff nicht zufällig und unvermittelt nebeneinander. Typischerweise entspricht das institutionelle Modell den wohlhabenden Bereichen der Gesellschaft bzw. der Welt, während das gemeinschaftliche Kirchenbild seinen Ort in den unterprivilegierten Schichten hat. Wichtig ist nun, dass die institutionelle Grosskirche, um der Nachfolge Christi treu zu bleiben, bereit ist, (wird) die Forderungen und Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Verfolgung ernstzunehmen und die Bildung immer weiterer Gemeinschaften zu unterstützen.
Im 3. Kapitel beweist dann L. Boff, (u.a. mit Konzilstexten), dass die KBG authentisch Kirche sind, und nicht nur einige kirchliche Elemente aufweisen. Denn die eine, universale Kirche kann immer nur in der lokalen Einzelkirche wirklich werden, und für die Einzelkirche ist der Glaube das konstituierende Element: Der Glaube bringt Gemeinschaft – vertikal mit Gott und dem auferstandenen Jesus, horizontal mit den Glaubensbrüdern und -schwestern. Und daher steht jede kirchliche Gemeinschaft auch in Gemeinschaft mit allen andern Ortskirchen der Region und der Welt, Einheit die im Bischof bzw. Papst symbolisiert wird.
Der Franziskaner L. Boff betont im 4. Kapitel die Heilig-Geist-Geburt der Kirche. Wenn die Kirche sich bewusst wird, dass sie eine Gemeinschaft von Menschen ist, die der Heilige Geist im Glauben zusammengeführt hat, dann wird auch das "Volk Gottes" wieder erste kirchliche Instanz, und die Hierarchie wird relativiert. Durch Glaube und Taufe sind alle gleich in der Kirche. Jeder hat seine eigene Aufgabe (Charisma) in der Kirche, zu der er durch den Hl. Geist berufen ist. Die besondere Aufgabe des Dienstes der Einheit und der Leitung besteht nun darin, die vielen Charismen zu integrieren und zu fördern. Priester ohne Gemeinde kann es also gar nicht geben.
Auf Grund dieser Sicht ist natürlich eine völlig neue soziale Strukturierung auch der Gesamtkirche zu erwarten, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis die KBG die Gesamtkirche von innen her erneuert und entklerikalisiert haben (5. Kapitel).
Das letzte Gerücht
Nachdem bekannt geworden ist, daß der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff wegen seiner Lehrmeinungen von Rom offiziell nicht verurteilt wird, heißt es nun in vatikanischen Kreisen, daß auch der in den Niederlanden lebende belgische Theologe Edward Schillebeeckx kein Verurteilung zu erwarten hat. Schillebeeckx hatte sich Ende letzten Jahres in einem Kolloquium verantworten müssen. Daß Rom im Fall dieser beiden Theologen von einer Verurteilung bzw. einem Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis Abstand nimmt, sei auf den persönlichen Einsatz der Kardinäle Evaristo Arns von Sao Paulo (im Fall Boff) und Jan Willebrands von Utrecht (im Fall Schillebeeckx) zurückzuführen. In Rom heißt es weiter, auch der in Tübingen lebende Schweizer Theologe Hans Küng könnte die kirchliche Lehrerlaubnis wieder erhalten, wenn die deutschen Kardinäle Höfner (Köln) und Ratzinger (München) dem zustimmen würden. Die Maßnahme gegen Küng sei maßgeblich deshalb zustandegekommen, weil Höfner und Ratzinger dies gewollt hätten.
zu: F. H. B. R. M. L. B. B. R.
Im 6. und letzten Kapitel beschreibt L. Boff die Merkmale einer Kirche auf der Seite der unterprivilegierten Klassen. Denn, ob sie es will oder nicht, auch die Kirche ist durch die Produktionsweise einer bestimmten Gesellschaft bestimmt. Der kapitalistischen Wirtschaftsform entspricht eine Tendenz zur Beherrschung und Indienstnahme der Kirche zugunsten des herrschenden Blocks sowie in der Kirche eine Vorherrschaft des Klerus, der dem Volk die religiösen "Produktionsmittel" enteignet hat. Einheit wird dann mit Uniformität, Heiligkeit mit Gehorsam gleichgesetzt, Apostolizität auf eine Gruppe (die Bischöfe) beschränkt. Diese historische Entwicklung entspricht aber nicht der Jesus-Botschaft von der Liebe, der Hoffnung und des Dienstes unter den Menschen. Aufgrund dieser Verkündigung kommt der Kirche eher eine revolutionäre Funktion zu, und die Praxis der KBG zeigt, dass eine Kirche der (religiös und sozial) unterprivilegierten Klassen diese Rolle zu übernehmen. Hier hebt Boff sich am deutlichsten etwa von Küngs idealistischem, immer noch deduktivem Kirchenbild ab; hier zeigt sich am eindeutigen wie stark seine Theologie in der lateinamerikanischen Realität verankert ist. (Daher darf sie auch nicht unbesehen auf die wenigen europäischen KBG übertragen werden, die eher in der intellektuellen Mittelschicht angesiedelt sind!) "Die Gemeinschaften bedeuten zum einen den Bruch des gesellschaftlichen und religiösen Monopols und zum andern den Beginn eines religiösen und sozialen Prozesses, in dem Kirche und Gesellschaft neustrukturiert werden sowie die gesellschaftliche und religiös-ektesistische Arbeitsteilung anders gestaltet wird" (S. 65). Denn, Reich Gottes heisst Befreiung des ganzen Menschen und aller Menschen" (S. 14). Nur "eine Kirche, die […] für die Anliegen der Ausgebeuteten dieser Welt eintritt, lässt glaubwürdig werden, was der Glaube bekennt und was die Hoffnung verheisst" (S. 76). Und dann würde auch bei vielen Fernstehenden nicht mehr der eingangs zitierte Gegensatz konstruiert werden zwischen Jesus dem Christus und der Kirche.
Auf den letzten 60 Seiten legt L. Boff in Form von "Quaestiones disputatae" Hypothesen vor zu drei Problemen, die er aber nicht als der Theologie letzte Weisheit angesehen wissen möchte. Aus Platzgründen seien hier nur die drei Fragestellungen genannt:
- Wollte der historische Jesus nur eine institutionelle Form von Kirche? (Hier geht es um die frühchristliche Entstehung einer nicht-jüdischen Kirche.)
- Der Laie und die Befähigung zur Feier des Herrenmahls (Sind Eucharistiefeiern ohne Priester unter bestimmten Bedingungen sakramentale Feiern?)
- Das Priestertum der Frau und seine Möglichkeiten.
Schade ist, dass dieses von Horst Goldstein tadellos übersetzte Buch jetzt erst auf deutsch erscheint. Einige der 1976-77 von Boff angeschnittenen Fragen sind inzwischen nämlich auch von der europäischen
Theologie und der römischen Kurie so oder so behandelt worden.
Nichtsdestoweniger soll das Buch gelesen werden. Vor allem auch von jenen, die in Luxemburg Hoffnungszeichen sind in Richtung einer gemeinschaftlicheren, weniger hierarchisch-autoritären Kirche. Denn auch bei uns gibt es Gemeinschaften, die ihren Glauben intensiver leben, im Gebet, im Studium der Schrift und im Engagement für eine gerechtere Welt. Leider sind sie zu wenig bekannt, werden daher auch als Zeichen, als Sauerteig, kaum wirksam. Das Bewusstsein der kritischen Distanz zur institutionellen Kirche ist bei ihnen noch stärker als das Bewusstsein, eine Hoffnung darzustellen für eine Kirche, die Zeichen und Werkzeug der Einheit und des Heils aller Menschen zu sein berufen ist.
Michel Pauly
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