Ein Geschäft ohne Profite

Boutique Tiers Monde, Lantergässel Nr. 6

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Daß "forum" einen neuen Laden vorstellt, kam eigentlich noch nie vor. Eher gab es Kritik an Geschäften. Der neue Laden, der seit dem 9. Oktober in der "rue du Génistre" täglich von 8 – 12 (außer montags) und von 14 – 18 Uhr geöffnet ist, ist denn auch ein besonderes Geschäft, erstens von den angebotenen Waren her, zweitens vom Gewinnzweck her.

Aus dem Warenangebot können wir nur einige Beispiele aufzählen, die eine Ahnung von der Vielfalt vermitteln sollen:

  • Jacken, Röcke, Pullover aus Tibet, Latzhosen, Blusen und Kinderhemde aus Indien, Ponchos aus Peru,
  • Halstücher (batikbedruckt) aus Indien,
  • Armreifen, Ketten (aus Holz, Perlen, Muscheln, Steinen) aus Honduras und Indien
  • Ledertaschen aus Mexiko, Schlüssel- und Zigarettenetuis (aus Leder oder Stroh) aus Honduras, Umhängetaschen, Geldbeutel, Gürtel aus Tibet
  • Jutekörbe in allen Größen und Formen aus Bangla Desh
  • Tischdecken und Bettüberwürfe aus Mali, Senegal, Indien; Wandteppiche aus Peru, Indien, Bangla Desh (gewoben, batikbedruckt oder geflechtet)
  • Bodenteppiche aus Tibet und Peru; Fußmatten und Topfunterlagen (aus Bananenfibern) aus Indien
  • Patchworks aus Chile
  • Becher, Schildkröten, Vögel, Plättchen, Anhänger aus mexikanischer Keramik; hölzerne Kästchen, Aschenteller, Bestecke aus Honduras
  • Gläser aus Mexiko
  • Kleiderbügel, Kerzen aus Indien
  • Puppen aus Indien und Honduras
  • Flöten aus Sri Lanka und Peru
  • Sandalen aus Indien

Wer weiß wie sehr Folklore und Handgemachtes "in" sind, vor allem bei der Jugend, hat keine Sorge für den Erfolg des neuen Ladens. Doch im Gegensatz zu andern Läden, die dieser Mode schon seit Jahren nachzukommen suchen, will die neue Boutique keine Geschäfte machen. Alle Waren stammen direkt von Handwerkern in den Herkunftsländern. Ihre Originalität ist so gesichert, und der Verkauf erlaubt diesen allesamt armen Produzenten, ihre Zukunft ein bißchen rosiger zu sehen, den Kampf ums Überleben etwas erfolgsversprechender führen zu können. Wohl sind die 1000 Waren die in der "Lantergässel" angeboten werden nur ein Tropfen auf einen heißen Stein, doch die Initiatoren hoffen, daß ihre Aktion zu einer Bewußtseinsbildung führt, an deren Ende eine neue Weltwirtschaftsordnung stehen wird, die es jedem Menschen erlaubt, sich satt zu essen.

Die Information wird im neuen Laden denn auch groß geschrieben. Neben Büchern, die zum Kauf oder nur

zum Einlesen aufliegen, zeigen Schildchen auf die genaue Herkunft eines Produktes hin. Im Laufe der kommenden Wochen werden für jede Ware Begleitzettel ausgearbeitet, die mit verpackt werden sollen und dem Käufer erklären, wie sein Kauf z. B. eines Pullovers aus Tibet dazu beiträgt, daß die älteren Mädchen eines S.O.S.- Kinderdorfes in Nordindien ihre kulturelle Tradition auch im Exil bewahren und zu ihrem Unterhalt beitragen können.

Trotz dieses "guten Zwecks", der mit dem Handel verbunden ist, bleiben die Waren für Luxemburger Käufer, insbesondere auch im Vergleich mit Modeboutiquen die ähnliche Produkte aus Fabriken anbieten, durchwegs billig. Dies hängt sicher an erster Stelle daran, daß die Verkäufer in direktem Kontakt zu den Produzenten in der Dritten Welt stehen und jeder Zwischenhandel ausgeschaltet ist. (Zum Vergleich: vom Preis, den die Hausfrau bei uns für eine Banane zahlt, erhält der Dauer in Mittelamerika nur 11,5%). Zum Einkaufspreis schlagen die Verkäufer nur rund 30% hinzu: 10 % Zollgebühren, 10 % Mehrwertsteuer, 10% für allgemeine Unkosten (inkl. Gewerbesteuer!). Personalkosten fehlen also völlig in dieser Rechnung, weil die Verkäufer, die sich im Laden ablösen, alle freiwillige Mitarbeiter und zum großen Teil auch "Aktionäre" der neugegründeten Handelsgesellschaft sind. Das Lokal hat ihnen das Bistum zu sehr günstigen Bedingungen vermietet.

Endlich ein Geschäft, wo man für sich und für andere Geschenke kaufen kann, ohne irgendwelchen Kapitalisten wieder zu etwas mehr Profit zu verhelfen…! Und sogar wenn man nichts kauft, wird einem gratis eine Tasse indischer Tee oder guatemaltekischer Kaffee angeboten! m.p.

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