Zu Arel op der Knippchen, do sëtzen hirer dräi…
Die Story von Radio "Grénge Fluessfénkelchen"
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Die Story von Radio ‚Grënge Fluessfénkelchen‘
Seit Ende Juli 1981 ist die alternative Szene in Luxemburg um ein Presseorgan reicher, und um ein sehr wichtiges, da es die Szene um ein neues technisches Mittel erweitert, nämlich um ein sogenanntes ‚freies Radio‘. ‚forum‘ sprach mit Jupp WEBER, der zusammen mit Guy VAN HULLE und Gilles WUNSCH für ‚Radio Grënge Fluessfénkelchen‘ verantwortlich zeichnet.
Ein Paradestück luxemburgischen Journalismus‘
Am Anfang saßen mal drei Leute zusammen, die ganz einfach an Musik und an gutem Journalismus interessiert sind. Sie fanden, daß in Luxemburg – im Gegensatz zu den Orten z.B. wo sie studierten – eine Radio-station fehlt, die unabhängig von jeder Reklame, Sendungen ‚machen‘ kann, die eventuell nur einen kleineren Kreis von Zuhörern interessieren, z.B. Themensen-
dungen. Und da der finanzielle Aufwand zur Anschaffung der technischen Infrastruktur für einen solchen Radiosender gar nicht so groß ist (keine 50 000 F!), beschlossen sie, selbst ein solches Unternehmen zu starten. Der Anstoß kam nach einem Fest von ‚Zoustänn‘, einer alternativen Zeitschrift in Luxemburg, an dem auch die Folklore-Gruppe ‚Tuten a Blosen‘ mitmachte, aus der noch heute drei Hauptanimatoren des Senders stammen.
Die definitive Entscheidung fiel auf eine sehr lustige Art und Weise: Jupp Weber und Philippe Matias, Mitarbeiter von ‚Zoustänn‘, saßen im Frühsommer auf der Place d’Armes und redeten über den möglichen Inhalt einer ersten Sendung, ohne allerdings schon die technischen Probleme geklärt zu haben. Am Nebentisch saß aber Robert Mancini, Mitarbeiter bei der Tageszeitung ‚Le Républicain Lorrain‘, den beide nicht kannten, und der sich das Gespräch anhörte. Zwei Tage später stand im ‚Répu‘ zu lesen, daß in etwa 3 Wochen das erste freie Radio seine Sendungen aufnehme. Und Tag für Tag schrieben die Luxemburger Zeitungen die Informationen voneinander ab und wußten jede ein Stück mehr als die andere. Das ‚tageblatt‘ brachte sogar einen Leitartikel über freie Radios, in dem es – dankenswerterweise – die gesamte Gesetzgebung zusammenfaßte, so daß die Initiatoren nur noch die Texte nachzuschlagen brauchten. Und drei Tage später stand in derselben Zeitung, die Sendungen würden mittwochs, am 22. Juli 1981 um 18.15 Uhr auf 106 Mhz beginnen. Da nun eine bessere Reklame nicht zu denken war, wurde beschlossen, diesen Termin wahrzunehmen. Schleunigst mußte ein Freund einen Sender beschaffen und zusammenbauen, ja noch samstags vor der ersten Sendung wurde ein neuer Quartz aus Aachen beschafft, weil die meisten Hörfunkapparate in Luxemburg nur einen Empfangsbereich bis 104 Mhz haben. Und so wurde am 22.7.1981 die erste Sendung aus einem Kuhpark im belgischen Grenzgebiet auf 102,35 Mhz in den Äther geschickt.
Von belgischen Kirchtürmen
Der Sender trägt rund 40 km. Die erste Sendung war in der Minettegegend erstaunlich gut zu empfangen, in der Hauptstadt nicht überall. Deshalb beschlossen die drei Verantwortlichen einen besseren Sendeort zu suchen. Durch Nicolas Bach, Präsident von ‚Areler Land a Sprooch‘, bekamen sie Kontakt mit Pfarrer Gengler, der ihnen den Kirchturm der Donatuskirche in Arlon (‚d’Areler Knippen‘) zur Verfügung stellte! Wohl gilt es da jedesmal den Sender in den Kirchturm hinaufzutragen, die Antenne am Dach zu befestigen, eine recht sportliche Angelegenheit. Aber seit der 2. Sendung wurde von dort aus ausgestrahlt, mit elektrischer Energie aus der Sakristei. Abbé Gengler gebührt auf jeden Fall Anerkennung und Dank!
Warum nun wird aus Belgien gesendet? Um nicht mit der luxemburgischen Gesetzgebung in Konflikt zu geraten! Nach einem Gesetz von 1929 braucht man nämlich eine ministerielle Genehmigung, um vom luxemburgischen Boden aus zu senden. Da aber die Wellen ohne Zoll die Grenze passieren und die belgische Gesetzgebung günstiger ist, profitierten die drei Radiomacher von der Nähe Arlons, in dessen Umgebung übrigens ja noch viel luxemburgisch geredet wird.
Nun hat aber bislang irgendwer – wahrscheinlich die luxemburgische Postverwaltung – die Sendungen von Radio ‚Gränge Fluessfénkelche‘ jedesmal gestört. Diese Störmanöver sind wahrscheinlich zwar illegal, weil das Gesetz von 1929 ja eine Sendeerlaubnis verlangt, und für 102,35 Mhz ist keine solche Erlaubnis bekannt; genauso wenig ist eine Genehmigung bekannt, laut welcher ausländische Sender gestört werden dürfen.
In Belgien sind seit kurzem freie Sender mit bestimmten Auflagen offiziell zugelassen. Radio ‚Fluessfénkelchen‘ profitierte bislang von der ungeklärten Lage kurz vor dem Votum des betreffenden Dekrets, da die belgische Postverwaltung in letzter Zeit schon keine freien Sender mehr störte.
Räuber und Polizei
In Luxemburg hingegen wurden die Verantwortlichen sehr stark überwacht. Sie haben eindeutige Beweise, daß Telefongespräche mitgehört wurden, und zwei von ihnen wurden bei einer Fahrt von Steinfort nach Eischen, nahe der belgischen Grenze, von einer 8-10 Mann starken Gendarmerie-Mannschaft ‚Überfallen‘. Mit Blaulicht und Sirenengeheul überholte sie ein weißer Audi, stellte sich nach Cowboy-Manier quer in die Straße, während drei weitere Wagen hinter ihnen stoppten. Adjutant Geiben von der ‚Sûreté‘ verlangte die Personalausweise und untersuchte den Inhalt des Autos: eine verdächtige grüne Kiste enthielt aber leider nur eine Motorsäge. Der Adjutant klärte dann die beiden darüber auf, daß man in Luxemburg eine Genehmigung zum Senden brauche. Auf die erstaunte Frage der beiden hin teilte er ihnen mit, er handele nur auf Befehl des Staatsanwalts. Auch der Transport eines nicht-plombierten Senders sei strafbar. Für die Störungen ausländischer Sender, teilte der korrekte Geheimpolizist ihnen mit, sei die Post verantwortlich. In der anschließenden Sendung bedankten sich die ‚Journalisten‘ beim Staatsanwalt für die Ehre, mitten im Sommer mehr als ein halbes Dutzend Sicherheitsbeamten mit zwei unschuldigen Bürgern ‚Räuber und Polizei‘ spielen zu lassen. Die ‚Fénkelchen‘-Leute kennen die Gesetzgebung über das Sendewesen nämlich gut genug, um sich keine Straftaten zuschulden kommen zu lassen.
Später wurde dann die Gesellschaft ohne Gewinnzweck ‚Knuewelek a.s.b.l.‘ gegründet (B.P. 1745, Luxembourg), deren Ziel es ist, einen Radiosender in Luxemburg zu betreiben. Dieser Verein hat nun beim Postminister einen A trag auf Sendeerlaubnis gestellt. Außerdem hat der Verein beim Staatsanwalt eine Klage gegen den Störsender eingereicht, der ausländische Sendungen unempfindlich macht. Es wird der Post sicher nicht schwer fallen, ihn ausfindig zu machen. Vor wenigen Tagen antwortete Minister Josy Barthel, und gab einen abschlägigen Bescheid: 1930 habe die Regierung mit der ‚Compagnie Luxembourgeoise de
in: TC 31/3/77
Télédiffusion‘ (RTL) einen Vertrag unterschrieben, laut welchem die CLT das Monopol (!!) für Sendungen von luxemburgischem Boden aus habe. ‚De Knuewelek‘ hat vor, alle rechtlichen Schritte zu unternehmen, um diesem Skandal – eine private Handelsgesellschaft hat von staatswegen das Monopol über ein Pressemedium in Luxemburg ! – in einem ‚freiem‘ Land, in dem laut Verfassung Pressefreiheit herrscht, aufzuhelfen. ‚De Knuewelek‘ selbst will nur die Sendeerlaubnis für ein nicht-kommerzielles Radio – ‚des émissions à vocation socio-culturelle‘, – das RTL kaum je Konkurrenz machen wird.
Folklore und Knoblauch
Das Ziel von ‚Knuewelek a.s.b.l.‘ ist nämlich ein dreifaches: 1. die freien Medien fördern, die alternativen Presseorgane z.B., und natürlich freie Sender, 2. die Kleinkunst fördern, d.h. Folk- oder Jazz-Konzerte, kleine Kunstgalerien, Kabarettaufführungen, Ciné-Clubs unterstützen, 3. den ökologischen Gedanken weiter verbreiten. Das ganze soll in luxemburgischer Sprache ablaufen, ist aber nicht nur für Luxemburger gedacht, sondern soll auch die Menschen im Trierer Land, in Lothringen, um Arlon ansprechen, die noch luxemburgisch reden.
Deshalb ist eine Sendeerlaubnis in Luxemburg selbst so wichtig, um zentral, z.B. vom Kirchberger Eurokratensilo aus, dieses gesamte Gebiet (Radius: 40 km) erreichen zu können. Zur Zeit sind die drei Hauptverantwortlichen offiziell Mitglieder der Arloner ‚Maison de la Culture‘, die unter der Sakristei der genannten Donatuskirche ein vollwertig eingerichtetes Studio besitzt und vom belgischen Kulturministerium finanziell unterstützt wird. Als solche senden sie seit dem 9.9.1981 jeden Mittwoch von 20.15 – 21.45 Uhr, in vollster Übereinstimmung mit den belgischen Gesetzen. Zu hören sind sie auf 102 Mhz.
Jede Sendung bringt einen Manifestationskalender der sog. Kleinkunst (Mitteilungen: Postfach 1745, Luxbg.), ein Wochenthema, das der (politischen) Aktualität entstammt, Berichte über die alternative Szene, einen Teil eines längerfristigen Dossiers, (z.Z. der biologische Gartenbau) und viel Musik, vor allem Folk, Jazz, Folklore, manchmal Klassik, sehr häufig auch ‚life‘.
Finanziert wird Radio ‚Grénge Fluessfénkelchen‘ durch die ‚Knuewelek a.s.b.l.‘, bei der jeder für 150 F sympathisierendes Mitglied werden kann. (CCP 70315-87). m.p.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
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