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Der Titel klingt abgegriffen. Aber was soll einem sonst einfallen zu einem Thema, das so alt ist und trotzdem unser Gewissen nicht ruhen lassen darf? An unser moralisches Bewußtsein wurde angesichts der 50 Millionen Hungertoten pro Jahr in Luxemburg schon oft appelliert. Wenn Sie für die Lektüre dieses Beitrags 3 Minuten brauchen, heißt es im Editorial von "Brennpunkt 3. Welt" Nr. 42/43, sind am Ende Ihrer Lektüre 285 Menschen, darunter 81 Kinder, an Hunger und seinen Folgen gestorben. (1)
Über die üblichen moralischen Appelle hinausgegangen zu sein, ist das Verdienst der "AFC – Solidarité Tiers-Monde", die im Juli 1981 ein Dossier veröffentlichte in Form einer Doppelnummer ihrer Zeitschrift "Brennpunkt 3. Welt", das unseres Wissens die erste umfassende Dokumentation darstellt, die mit wissenschaftlichem Anspruch – aber lesbarer Sprache – in Luxemburg zu diesem Thema geschrieben wurde. Daß das Hungerproblem nicht durch Mitleid und Almosen gelöst werden kann, zeigt ja eine Erfahrung, die viele rechtschaffene Menschen seit Jahren machen. Obschon nach einer Umfrage des Familienministeriums allein 1979 rund 43 Millionen Franken an privaten Spenden zugunsten verhungernder Kinder in Luxemburg gesammelt wurden, und ähnliches läßt sich wohl aus andern Industrieländern berichten, hat man ja nicht gehört, daß die Zahl der Hungertoten rückläufig sei, im Gegenteil!
Spenden sind also nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein. Wer an der Lösung des Hungerproblems wirksam mitarbeiten will, wird sich also ernsthaft über die wahren Ursachen des Welthungers informieren müssen. Genau darüber handelt die genannte Dokumentation der AFC – STM. Wichtig ist dabei, wie SS. 11 – 18 gezeigt wird, daß es viele "Legenden" gibt in Bezug auf die Ursachen des Hungers: in vielen Köpfen kursieren völlig falsche Vorstellungen, die es zuerst zu entlarven gilt, bevor die wirklichen Ursachen von Hunger und "Unterentwicklung" dargestellt werden (SS. 19 – 23). Eine große Rolle spielt dabei die Tatsache, daß Nahrungsmittel auch ein Geschäftsobjekt, eine Ware sind, und zwar eine absolut notwendige, so daß sehr hohe Gewinne möglich sind, da der Käufer kaum auf sie verzichten kann. Es wundert insofern nicht, wenn der Weltgetreidehandel heute in der Hand einiger weniger Multis konzentriert ist (SS. 35-46).
Hunger ist nicht nur der Skandal, sondern auch "das Geschäft des Jahrhunderts" (Kapitel 3, SS. 25-73). Ja, manche Staaten, wie die USA, schrecken nicht davor zurück, "Hunger als Waffe" zu gebrauchen (SS. 47-50): Wie leicht ist es doch, einen Staat zur politischen Fügsamkeit zu bringen, falls er Getreide von mir haben will!
Wie kann man angesichts solcher Einsätze und Interessen an eine Lösung des Hungerproblems herangehen? Zuerst gilt es zwei weitverbreitete "Lösungen" als falsch zu entlarven: die Nahrungsmittel "hilfe" dient nach allen bisherigen Statistiken nur den Agrarinteressen der Geberländer und trägt zur Deformation der Landwirtschaft im Empfängerland bei (SS. 52-54), und die berühmte "Grüne Revolution" kommt ebenfalls nur reichen Großgrundbesitzern, lies dem Agrobusiness zugute (SS. 55-60).
Was wir tatsächlich tun können, stellt die AFC-STM im 4. Kapitel (SS. 74-95) dar. Mehrere Leitlinien lassen sich erkennen: Umdenken in unserm Konsumstil (z.B. weniger Kalbfleisch, weniger Pommes-Chips!) (SS. 74-80), Überdenken unserer Produktionsweise (85 % des Kraftfutters, mit dem luxemburgische Kühe gefüttert werden, wächst in der Dritten Welt, wo Menschen an Hunger sterben!) (SS. 81-83), für einen gerechteren Welthandel eintreten, kritisch einkaufen, (Dritte-Welt-Läden als erste Bausteine …) (SS. 87-92), und vor allem: den politischen Willen und Mut aufbringen, das Hungerproblem zur Priorität zu machen. Und das tun Politiker nur, wenn die Wähler es fordern!
Daß es bis dahin noch einen weiten Weg zurückzulegen gilt, zeigte wie hier schon angekündigt ("forum" Nr. 45/81), eine andere Veröffentlichung der AFC-STM: Im Rahmen des "Stage pédagogique" widmete Christian Delcourt seinen "mémoire scientifique" der luxemburgischen Entwicklungshilfe. Angesichts der Brisanz des Themas, und weil bekanntlich nur Information und nochmals Information Wähler und Politiker überzeugen kann, das Welthungerproblem ernsthafter in die Hand zu nehmen, hat Chr. Delcourt (2) das Risiko auf sich genommen, seine 25sseitige Arbeit auf eigene Kosten zu veröffentlichen. (Verlage sind an solchen Werken bekanntlich auch wenig
(1) Brennpunkt Dritte Welt, Nr. 42/43; 70F (Abonnement: 6 Nummern: 180F)
(2) Christian Delcourt, La contribution à l’aide au développement du Tiers Monde prêtée par le Grand-Duché de Luxembourg, Luxembourg 1980; 350F
Zu beziehen durch: AFC-Solidarité Tiers Monde, 23, av. C. Diderich, Luxembourg; CCP 10235-50
Am Lëtzebuer Budgetprojekt 1982
geet d’Entwicklungshällef
Jun 190 op 177 Millionen,
d.h. ëm 7%, zréck!?
interessiert.) Die AFC-STM hat den Vertrieb des Buches ihres Mitarbeiters übernommen und in ‚Brennpunkt‘ Nr. 40 eine Kurzfassung veröffentlicht. Wie recht er mit dem mutigen Schritt hatte, zeigt die Tatsache, daß er immerhin die Ehre hatte, daß im L.W. und im t ein Leitartikel seinem Buch gewidmet wurde.
Das Werk ist vor allem deshalb interessant und neu, weil es nicht nur die quantitative Entwicklung (?) der Entwicklungshilfe im Luxemburger Haushalt analysiert, sondern ebenfalls die ‚Qualität‘ dieser Hilfe (was geschieht damit?) einer Untersuchung
unterzieht – sofern das Außenministerium zu Informationen bereit war (!??) – und den öffentlichen Diskurs über die Entwicklungsproblematik kritisch unter die Lupe nimmt. Ein Kapitel ist auch den privaten Entwicklungshilfeorganisationen gewidmet. In seiner Schlußfolgerung macht Christian Delcourt Vorschläge, wie man, sogar ohne wesentliche Krediterhöhungen, die luxemburgische Hilfe wirksamer zugunsten der Dritten Welt einsetzen kann. Aber der Autor hegt wenig Illusionen: schon 1969 hatte Minister G. Thorn ähnliche Überlegungen in seiner Budgetrede angestellt: Taten folgten nie. m.p.
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