Die Befreiung der Nicht-menschen und der Kirche

Zu mehreren Neuerscheinungen der Befreiungstheologie

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Zu mehreren Neuerscheinungen der Befreiungstheologie

Die in Lateinamerika geborene Befreiungstheologie hat in letzter Zeit ja ziemlich viel von sich reden gemacht: nicht so sehr aus eigenem Interesse, sondern eher weil die päpstlichen Behörden zur Reinerhaltung des katholischen Glaubens Anstoß daran genommen haben. Franz Marcus hat in dieser Zeitschrift schon sowohl über das Wesen dieser neuartigen Theologie (1) als auch über den Ort ihrer Entstehung, die kirchlichen Basisgemeinden (2) berichtet. Auch die römischen Maßregelungen wurden hier schon beleuchtet (3), auch wenn wir nicht immer in alle Details gegangen sind, weil Luxemburg nicht direkt davon betroffen ist oder andere Zeitschriften (4) weit besser darüber informieren. Heute seien ein paar rezente Bücher zum Thema vorgestellt, denn von den zwei namhaften Befreiungstheologen wurden 1984-85 zwei wichtige Werke auf deutsch herausgegeben (beide vom großen Kenner Horst Goldstein übersetzt).

So hat der peruanische Professor und Slumseelsorger, der eigentlich der neuen theologischen Richtung mit seinem 1973 erschienenen Buch "Theologie der Befreiung" den Namen gegeben hat (5), 6 Aufsätze vereinigt, die alle in kürzerer Form als sein Hauptwerk einen guten Eindruck darüber vermitteln, welche die Eigenarten dieser Theologie sind:

Gustavo GUTIERREZ, Die historische Macht der Armen, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz/ Christian-Kaiser-Verlag, München 1984, 203SS., ISBN 3-7867-1121-6 (Grünewald) / 3-459-01567-5 (Kaiser).

An erster Stelle betont Gutiérrez, daß Gott sich in der Geschichte offenbart: das hat Folgen für die Bibellektüre sowohl als für die sich daraus ergebene Glaubenspraxis: Die Bibel erzählt eine Geschichte, doch eine Geschichte, die für die Zukunft offen ist: Gott hat sie in Richtung auf Gerechtigkeit orientiert. Wer ihm treu sein will, kann dies nur durch seinen Einsatz für Recht und Gerechtigkeit unter Beweis stellen. Dadurch wird Gottes befreiendes Handeln in der Welt präsent. Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden kann also nur Kirche des armen Volkes sein.

Der Glaube des Nichtmenschen

Eine solche Erkenntnis entspringt nun nicht den profunden Reflexionen eines Gutiérrez, sondern ist das Resultat einer Praxis, in der die Armen selbst das Evangelium lesen und leben. Diese paar Zeilen, die natürlich die nüancierte Darstellung des Autors arg verkürzt wiedergeben, zeigen auch schon, daß eine solche Theologie geschichtlich ist, d.h. in einem bestimmten sozialen, wirtschaftlichen, politischen Kontext angesiedelt ist. Ohne Analyse der Situation Lateinamerikas und ihrer Ursachen ist keine Theologie der Befreiung denkbar. Insofern unterscheidet diese sich fundamental von der fortschrittlichen politischen Theologie europäischer Herkunft. Während diese von der Schwierigkeit in der modernen Welt an

Gott zu glauben ausgeht und sich mit der modernen Religionskritik auseinandersetzen muß, geht die Befreiungstheologie von der Schwierigkeit überhaupt zu leben aus: "Unsere Frage besteht vielmehr darin, wie man einem Mitmenschen sagen könne Gott sei Liebe und die Liebe Gottes mache uns alles zu Brüdern und Schwestern" (S. 159). Der "Nichtmensch" muß zum Menschen befreit werden, oder besser: sich befreien. Das ist sicher ein religiöser, aber auch ein gesellschaftlicher Prozeß. Die Theologie der Befreiung ist der Ausdruck des Armen, der sich das Recht erobert, im Glauben über diese not-wendige Befreiung nachzudenken. Theologie wird nicht in einem politisch neutralen Raum produziert.

Gutiérrez zweifelt nicht daran, daß dieser Befreiungsprozeß im 100% religiösen Volk Lateinamerikas schon begonnen hat: "Zwar ist das entscheidende Los noch nicht gefallen; aber schon ist das Geräusch der Würfel im Becher der Geschichte zu hören" (S. 51). Bestätigt wird er in seinem Optimismus von den Vertretern der kirchlichen Hierarchie. Im Aufsatz "Arme und Befreiung in Puebla" (SS. 80-124) kann er nachweisen, daß die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Puebla (1979) ihr Engagement auf der Seite der Armen keinen Deut zurückgenommen hat, wie bestimmt progressive Kreise bemängelten. Diese Auseinandersetzung mit einem offiziellen Text der Kirche, der sich öfters auf Papst Johannes Paul II. bezieht, zeigt, daß die Thesen der Befreiungstheologie durchaus Anerkennung finden. Das gilt sowohl für deren Analyse der ungerechten Gesellschaftsordnung, wie von deren Christologie und von ihrem Befreiungsbegriff. Hier findet Gutiérrez ganz mächtige Argumente um nachzuweisen, daß die Befreiungstheologie keineswegs eine Reduktion des Glaubens darstellt: "Eines der ältesten Themen der Befreiungstheologie ist der umfassende und komple-

xe Charakter der Befreiung. Dabei hat man sich die ganzheitliche Befreiung als einen einzigen Prozeß vorzustellen, innerhalb dessen sich verschiedene Dimensionen oder Ebenen voneinander abheben: die wirtschaftliche, soziale und politische Befreiung, die Befreiung des Menschen aus jeder Art von Sklavendaseln und die Befreiung von der Sünde, die Gemeinschaft mit Gott als dem letzten Grund für die Brüderlichkeit unter den Menschen ist" (S. 104).

Dieser leicht defensive Stil, in dem Gutiérrez schreibt, macht dem europäischen Leser, der das Buch mit einer ganzen Reihe von Vorbehalten liest, der insbesondere die Vorwürfe kennt, die europäische Kirchenführer der Befreiungstheologie machen, die Lektüre einfacher. Gutiérrez kennt die Fragen, die ein solcher Leser sich stellt und antwortet implizit darauf. Auf einen oft wiederholten Vorwurf kann er im voraus mit einem Puebla-Zitat antworten: "Die Furcht vor dem Marxismus hindert viele daran, die unterdrückerische Realität des liberalen Kapitalismus ins Auge zu fassen. Man kann sagen, daß man angesichts der Gefahr eines Systems, das deutlich von der Sünde gekennzeichnet ist, vergißt eine andere Wirklichkeit anzuprangern und zu bekämpfen, die das Ergebnis eines Systems ist, das nicht weniger von der Sünde geprägt ist." (Puebla, Nr. 92, zit. in Anm. 49, S. 120). Auch den Vorwurf, die Befreiungstheologie vernachlässige die "spirituelle" Dimension des Christentums kann Gutiérrez mühelos zurückweisen: "Das Spirituelle(…) ist kein Gegensatz zum Sozialen. Der eigentliche Widerspruch besteht zwischen bürgerlichem Individualismus und biblischer Spiritualität," (S. 173 f.)

Wenn "ganzheitliche Befreiung" die vom Evangelium verkündete Befreiung in Jesus Christus ist, dann kann – so Gutiérrez – "die Evangelisierung erst dann wirklich befreiend (wirken), wenn sie in den Händen der Armen liegt" (S. 181). Durch ihre befreiende Praxis verkünden die Armen selbst das Reich Gottes, die Befreiung aller, selbst ihrer Unterdrücker.

Die Kirche in einer Klassengesellschaft

In einer solchen Situation kommt es natürlich auch zu einem völlig neuen Selbstverständnis von Kirche: "(…) die Kirche, wenn sie dem Gott Jesu Christi die Treue halten will, (muß) ihr Selbstverständnis von unten aufbauen, aus der Sicht der Armen dieser Welt, die ausgebauten Klassen, der verachteten Rassen und der marginalisierten Kulturen (…) Im Grunde geht es darum, daß die Kirche das lebt, was die Mehrheit ihrer Mitglieder Tag für Tag lebt" (S. 184).

Was Gustavo Gutiérrez nur implizit andeutet, wird bei seinem brasilianischen Kollegen zum Hauptthema seines Buches:

Leonardo BOFF, Kirche: Charisma und Macht. Studien zu einer streitbaren Ekklesiologie, Patmos Verlag, Düsseldorf 1985, 285 SS., ISBN 3-491-77293-1

Obschon es sich wie bei Gutiérrez um eine Aufsatzsammlung handelt, besticht Boffs Buch durch seine systematische Gliederung und seine klare Sprache, die sicher auch ein Verdienst des Übersetzers ist.

Nach einer knapp 2 Seiten langen prinzipiellen Erörterung über das Verhältnis von Reich Gottes-Welt-Kirche, die dem Leser bis zur letzten Seite präsent bleiben sollte, stellt Boff in histori-

ischer Übersicht 4 Modelle von Kirche und 6 theologische Ansätze mit ihren jeweiligen pastoralen Auswirkungen vor. Das erlaubt ihm die "Theologie der Gefangenschaft und der Befreiung" sowie dies ihr zugeordnete Modell einer "Kirche aus der Erfahrung der Armen" in die Geschichte des Christentums einzuordnen und andererseits deren Spezifika herauszuarbeiten.

in: Plantu, Pauvres chéris

In Kapitel III geht es dann allgemein um das Verhältnis von Kirche bzw. Glaube und Politik (im Sinne eines Engagements für Gerechtigkeit) bevor Kap. IV spezieller die Frage der Menschenrechte in der Kirche anspricht. Bei Boffs Versuch zu erklären, warum die kirchliche Zentralinstitution sich so schwer tut in dieser Frage, kommt es zu den ersten Hypothesen, die wohl den Zorn der römischen Kurie erregt haben. Konsequenterweise fragt Boff in Kap. V "Können sich Macht und Institution in der Kirche bekehren?" und er analysiert, wie es historisch zu der pervertierten Machtstruktur in der Kirche gekommen ist. In diesen Kapiteln wird auch klar, wie fruchtbar der Rückgriff des Theologen auf die Soziologie (und andere Sozialwissenschaften; bei Gutiérrez vor allem Wirtschaftslehre und Politologie) sein kann.

Boff zweifelt nicht daran, daß die Kirche zur Umkehr fähig ist: in den Basisgemeinden – von denen am Schluß noch ausführlicher die Rede sein wird – ist schon eine Kirche ohne Machtzwänge am Entstehen. Das stellt aber auch die theologische Frage nach dem Verhältnis von ideeller Kirche und der historisch-juridischen Institution Kirche, oder, anders ausgedrückt, nach der historischen Vermittlung des Evangeliums, die nie das Evangelium selbst sein kann und darf (Kap. VI.) Leider läuft es oft anders: "Die Dogmen werden rechtlich und die kirchenrechtlichen Bestimmungen werden dogmatisch verstanden. Die Einheit, die als Konformität und Uniformität ausgelegt wird, verstellt den Blick dafür, daß Konflikte Zeichen für Vielfalt und Leben sind" (S. 102). Katholisch sein müßte aber bedeuten, daß man einerseits ja sagt zur historischen Konkretion des Evangeliums und gleichzeitig nein zu jeder Verabsolutierung

einer Konkretion (S. 145 f.). Andernfalls kommt es zu Pathologien des Katholizismus, von denen Boff eine ganze Reihe aufzählt. Zu dieser Offenheit des Katholischen gehört laut Boff vor allem auch die Bereitschaft, zur Konkretion des Christentums in verschiedenen Kulturen und zur Verschmelzung mit deren Elementen, sofern sie dem Wesen des Christentums nicht widersprechen (Kap. VII: Plädoyer für den Synkretismus).

Mit Kapitel VIII (6) wendet der Professor für systematische Theologie in Petropolis (Brasilien) sich verstärkt der Kirche in Lateinamerika zu. Er untersucht die gesellschaftliche Bedingtheit jeder Kirche und vergleicht die Merkmale einer Kirche auf der Seite der Herrschenden und einer solchen auf der Seite der unterprivilegierten Klassen. Zwischen diesen beiden macht er den Hauptwiderspruch aus und nicht, wie viele unterstellen zwischen offizieller Kirche und Basiskirche. Letztere, betont er, weiß sich in enger Konvergenz mit der großen institutionellen Kirche: "Die Kirche als Netz von Basisgemeinden empfängt von den Großkirchen das Symbolkapital des Glaubens, die Verbindung zur apostolischen Überlieferung und die Dimension der weltweiten Universalität. Die Großkirche erhält von den Basisgemeinden die örtliche und persönliche Konkretheit, hautnahe Berührung mit dem Volk und Engagement für die dringenden Anliegen der Menschen, wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Beteiligung und Mitbestimmung. (…) Wir haben es nicht mit zwei Kirchen zu tun" (S. 216). Die Kapitel IX und X beschäftigen sich dann im einzelnen mit den Basisgemeinden und insbesondere mit ihrem Verhältnis zur Hierarchie, bevor Boff in Kap. XI die prinzipielle Frage nach der Berechtigung einer Arbeitsteilung zwischen Lehrenden und Lernenden in der Kirche stellt.

In den beiden Schlußkapiteln versucht Boff dann ein neues Bild der Kirche (oder das Bild einer neuen (erneuerten) Kirche) zu entwerfen. Die "Kirche als Sakrament des Heiligen Geistes" (Kap. XI) muß Zeichen und Werkzeug des auferstandenen Christus sein: sie ist "Leib Christi", aber ohne die Begrenzungen des menschlichen Körpers. Folglich müssen die Institutionen dieser Kirche offen sein, im Dienst des Geistes stehen, bereit zu Reform und Vervollkommnung, so daß der auferstandene Herr durch sie auch heute wirken und in der geschichtlichen Sichtbarkeit der Menschen gegenwärtig werden kann" (S. 265). Nicht zu vergessen ist, daß die Auferstehung mit der Befreiungstat Christi zu übersetzen ist, im Sinne der ganzheitlichen Befreiung (vgl. Gutiérrez). Für die Befreiungstheologen ist das ganze Volk "der historische Träger der Sache Christi": "Gewiß handelt es sich um ein organisiertes Volk, aber die Instanzen der Organisation sind nur als Dienst an allen zu rechtfertigen und dürfen ihnen nicht jene sakrale Macht Christi nehmen, deren Erben und Treuhänder alle Mitglieder sind. Die Unterscheidung zwischen Laienschaft und Hierarchie zwischen lernender und lehrender Kirche ist (…) nur dann gerechtfertigt, wenn die innere Funktionalität der Pole garantiert ist und jedes ontokratische Klassendenken vermieden wird" (S. 269). Wie in den Paulusgemeinden muß die Kirche sich wieder bewußt werden, daß jedes Mitglied sein Charisma (Talent) von Gott empfangen hat, mit dem er zum Aufbau und Zusammenhalt der Gemeinde beiträgt (Kap. XII): "Eine alternative Struktur: Charisma als Organisationsprinzip").

Diese (verkürzende) Zusammenfassung läßt verstehen, daß einige römische Monsignori Leonardo Boffs Theologie nicht mochten. Die von "Publik-Forum" herausgegebene Broschüre

Zeichnung: Jais

P.-F. Nr. 5/1983

Kardinal Joseph Ratzinger/Leonardo Boff. Dokumente eines Konfliktes um die Theologie der Befreiung. Das Buch "Kirche: Charisma und Macht" in der Diskussion. Eine Publik-Forum-Dokumentation, Frankfurt a.M. 1984, 93 SS., ISBN 3 – 88095 -013 – X

zeigt allerdings, wie wenig diese Leute verstanden haben, um was es geht. Der von der Glaubenskongregation gegen Boff angestrengte Prozeß ist ein reiner "dialogue de sourds", zumindest auf einer Seite. Die Art und Weise, wie die vaticanische Bekanntmachung vom 11.3.1985 über Boffs Buch zu ihrem Urteil kommt (falsche Zitate, Unterstellungen, …) ist haarsträubend (7). Daß dann gewisse Presseorgane genauso einseitig Stimmung machen, braucht nicht mehr zu verwundern.

Wem die abstrakte Theologie nicht so liegt, dem sei aber noch folgendes Buch empfohlen:

Basisgemeinden und Befreiung. Lesebuch zur Theologie und christlichen Praxis in Lateinamerika, hrg. v. Antonio Reiser und Paul Gerhard Schoenborn, Jugenddienst-Verlag, Wuppertal 1981, 384 SS., ISBN 3 – 7795 – 2

Es bringt eine ganze Fülle von (kürzeren) Texten, verschiedenster Natur (Briefe, Gedichte, Berichte, Protestschreiben, Messtexte, Protokolle von Bibel- und Glaubensgesprächen, …), die dem Leser anschaulich machen, wie Basisgemeinden leben, wie sie sich für Gerechtigkeit und Befreiung engagieren und wie sie Liturgie feiern, … und wie beides ineinanderwirkt. Da sowohl Gutiérrez als auch Boff nicht nur Professoren sind, sondern zuerst Mitglieder solcher Gemeinden, deren Glaubenserfahrung und -reflexion sie eigentlich nur auf die wissenschaftliche Ebene der Theologie heben, die sie aber selbst nicht erfunden haben, lohnt es sich unbedingt, auch für Fachtheologen, diese Basisgemeinden als "Sitz im Leben" ihrer Theologie kennenzulernen. Im übrigen ist das Buch durchaus auch für den Religionsunterricht geeignet.

In Europa liegt die Kirche im Sterben; alle Soziologen sind sich darin einig. Nach der Lektüre der obengenannten Bücher komme ich immer mehr zur Überzeugung, daß nur eine Kirche im Schwinden ist. Eine andere Kirche, die "geschichtliche Konkretion des Evangeliums für unsere Zeit und unseren Kontinent", wird an ihre Stelle treten. Lateinamerika ist uns voraus.

michel pauly

Fußnoten umseitig

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