Nur Ölpalmen?
Hintergründe eines zweifelhaften Entwicklungshilfeprojektes
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Hintergründe eines zweifelhaften Entwicklungshilfeprojektes
Trotz heftiger Proteste mehrerer ONG’s hat der Staatsekretär für Entwicklungshilfe im August dieses Jahres das Vertragsdokument über einen Kredit unterzeichnet, der zwischen der vorigen luxemburgischen Regierung und der Regierung Ecuadors ausgehandelt worden war. Damit unterstützt "unsere" Regierung ein Projekt in einem Land der sog. Dritten Welt, das die Verdachtsmomente bestätigt, die bei staatlicher Entwicklungshilfe leider allzu oft angesagt sind: die Hilfe dient großen Konzernen und nicht der lokalen Bevölkerung; das Projekt ist exportorientiert und zielt nicht auf die Nachfrage auf dem Binnenmarkt; das Geld fließt teilweise oder ganz in die Taschen von Industrieunternehmen des Geberlandes.
Da die Kritik an dieser, aus dem Budgetposten für Entwicklungshilfe finanzierten Exportbeihilfe zugunsten einer Luxemburger Firma in der Tagespresse ein breites Echo gefunden hat, soll an dieser Stelle vor allem über die Hintergründe informiert werden: die Lage der Indianer und Siedler in der Provinz Napo, die an den Interessen der Großgrundbesitzer orientierte Agrarreform und die Machenschaften der Regierungsbehörden zugunsten der agroindustriellen Konzerne.
Die Situation der Landrechte in der Provinz Napo
In der Provinz Napo, die sich vom Ostrand der Anden in das Tiefland des Amazonas erstreckt, leben ungefähr 150.000 Menschen. Davon sind ca. 25.000 Quichas-Indianer und 4.000 gehören anderen Indianervölkern an. Auch wenn schon lange Elemente der Konsumgesellschaft in das Leben der Indigenes eingezogen sind, konnten sie bisher ihr Recht auf Land, auf Selbstversorgung sowie ihre damit zusammenhängenden sozialen und kulturellen Rechte wahren. Das Leben – und Überleben, muß man angesichts der gegenwärtigen Bedrohung hinzufügen – der Tiefland-Indianer ist eng verbunden mit dem Land und dem Urwald. Bis heute betreiben sie ihre traditionelle Art der Bodenbewirtschaftung, die im Gegensatz zu den Monokulturen der Agroindustrie, dem empfindlichen ökologischen Gleichgewicht des Tropenwaldes voll Rechnung trägt: kleine Flächen Urwald werden schonend, d. h. ohne Brände zu legen, gerodet und in Mischkulturen und Fruchtfolgen
werden bis zu 80 verschiedene Pflanzen angebaut (Früchte, Gemüse, Gewürze, Heilkräuter). Nach 2 bis 5 Jahren wird der Boden brach liegen gelassen, damit er sich regenerieren kann. Wild und Fische sind in der Nähe von Städten und Siedlungen rarer geworden; dafür hat die Kleintierhaltung an Bedeutung gewonnen.
Verglichen mit der Ernährungslage der armen und arbeitslosen Ecuadorianern sicherte dieses ausgeklügelte Waldgartenbausystem den Tiefland-Indianer bislang eine ausgewogene Ernährung sowie einen relativen hohen Grad an Selbstversorgung. Bislang, muß betont werden, denn die Rechte der Indianer auf ihr angestammtes Land und ihre damit verbundene kulturelle und soziale Identität werden zunehmend bedroht. Angefangen hat die Bedrohung als zu Beginn der 60er Jahre Erdölvorkommen in ihrem Gebiet entdeckt worden sind. Ihr Territorium, das bis dahin schwer zugänglich gewesen war, wurde mit einem Netz von Verkehrswegen überzogen und regelrecht zerstückelt. Außerdem kamen über diese Strassen neue Siedler, zum Teil Kleinbauern und Landarbeiter, die ihr Recht auf Land in anderen Regionen, in den Küstengebieten und in den Anden, verletzt sahen, aber auch Landspekulanten und Holzraubfirmen. Angesichts dieser Bedrohung haben sich die Indianer, die traditionell in Großfamilien oder Clans lebten, im Laufe der letzten 10 bis 15 Jahren zu Gemeinschaften zusammengeschlossen, um ihr Land entsprechend der gesetzlichen Möglichkeiten abzustecken, abmessen und anerkennen zu
Comics aus der Basisarbeit der COMPENIAE
lassen. Auf diesem Wege wollten sie wenigstens einen Teil ihres angestammten Territoriums retten. Unterstützt wurde dieser Prozeß durch die Gründung von drei Indianerföderationen der Provinz Napo, die zusammen mit den Föderationen der anderen Amazonasprovinzen die CONFENIA (Confederación de Nacionalidades Indígenas de la Amazonia Ecuatoriana) bilden.
Der Prozeß der Umwandlung angestammter Landrechte in Besitztitel gestaltet sich sehr schwierig angesichts der auf dem Spiel stehenden Interessen und der ungleichen Machtverteilung zwischen den Kontrahenten. Um dies zu verdeutlichen sollen kurz die Landbesitzverhältnisse in Ecuador sowie die Ergebnisse der Landreform geschildert werden.
Unter landwirtschaftlichen Aspekten ist Ecuador in drei Regionen geteilt: die Küstenregion, die Andenregion und die Amazonasregion. Die Küstenregion arbeitet vor allem für den Export (Kaffee, Bananen, Kakao) und hier konzentriert sich der meiste Großgrundbesitz. In der Andenregion, die traditionell hauptsächlich für den Binnenmarkt produzierte, hat der Grad der Selbstversorgung abgenommen. Zunehmend machen sich agroindustrielle, für den amerikanischen Markt produzierende Betriebe breit. Gemeinsamer Nenner beider Regionen sind eine absolut ungleiche Landverteilung und das Fortbestehen feudaler Strukturen.
Die Umsetzung der 1954 angekündigten Agrarreform verbesserte die Lage kaum. 1954 mußten sich 90% der weniger als 20 ha umfassenden Betriebe 17% der landwirtschaftlichen Nutzfläche teilen, 1974 sind es noch immer 85% der weniger als 20 ha umfassenden Betriebe, die sich 18% der Nutzfläche teilen müssen. Seit der Amtsübernahme durch den neuen Präsidenten León Febres Cordero im August 1984 ist die Landreform praktisch gestoppt. Die Behörde, die mit der Umsetzung der Landreform betraut worden war (IERAC=Instituto Ecuatoriano de Reforma Agraria y Colonización), dient eher der Besitzstandwahrung der Großgrundbesitzer und den Interessen der agroindustriellen Unternehmen. Sie schreckt nicht davor zurück mit Polizeigewalt Kleinbauern aus der Küstenregion zu vertreiben und sie ermutigt die freiwillige und ungeordnete Umsiedlung in die Amazonasregion, ohne Rücksicht auf die Rechte der dort lebenden Indianerbevölkerung.
Die Folgen für den Tropenwald sind irreparable ökologische Schäden, weil große Flächen abgeholzt werden, dafür ungeeignete Böden als Weideland benutzt werden. Werfen landwirtschaftlich genutzte Böden nichts mehr ab, werden sie ihrerseits in Weideland umgewandelt. Unterstützt werden diese Praktiken durch Kredite, die die IERAC für intensive Bodennutzung gewährt.
Durch diese Form der Besiedlung der Amazonasregion konnte die IERAC die Großgrundbesitzer der Küstenregion beruhigen und die neuen Siedler gegen die Indianer innerhalb der Amazonasregion ausspielen. Aber angesichts der Bedrohung die für beide die transnationalen Konzerne der Agroindustrie darstellen, sind die Neusiedler und die Indianer bereit sich gemeinsam zur Wehr zu setzen.
Die Interessen der Ölpalmenkonzerne
In Ecuador werden seit 1953 in der Küstenregion Ölpalmenplantagen angelegt, deren Ausdehnung 1980 eine Fläche von 20.000 ha erreicht. 1975 werden Untersuchungen unternommen über die mögliche Anpflanzung von Ölpalmen im amazonischen Tiefland. 1977 bzw. 1979 erhielten zwei ecuadorianische Gesellschaften, Palmeras de Ecuador und Palmoriente, in der Provinz Napo von der IERAC jeweils 10.000 ha Land zugeteilt. Die Palmeras de Ecuador besteht aus ecuadorianischem und kolumbianischem Kapital und arbeitet mit französischem Know How. An der Palmoriente sind neben ecuadorianischem Kapital (60%) auch europäische Kapitalgeber beteiligt, so die SOCFIN, eine belgische Management- und Beratungsfirma mit 19%, die britische CDC (Commonwealth Development Corporation) mit 15% sowie die DEG (Deutsche Finanzierungsgesellschaft für Beteiligungen in Entwicklungsländern) mit 6%.
Um das ecuadorianische Palmöl auf dem Weltmarkt absetzen zu können, muß sein Säuregehalt gesenkt werden, d.h. die Auspresstechnik muß verbessert werden. Im Februar 1984 bekommt Palmeras de Ecuador, vermittelt über den Staat, von der belgischen und luxemburgischen Regierung einen Kredit von 3 Millionen Dollar gewährt für den Kauf einer Ölmühle. Eine belgische und eine luxemburgische Firma teilen sich den Auftrag.
Der Eigenbedarf Ecuadors an Palmöl ist seit 1984 in etwa gedeckt und trotzdem soll der Anbau von Ölpalmen weiter ausgedehnt werden. Aus einer internen Studie der Zentralbank Ecuadors vom 12.3. 1984 geht hervor, daß die Regierung daran denkt die Ölpflanzungen in der Provinz Napo auf eine Gesamtfläche von 245.000 ha auszubauen. Die Studie kommt zu dem Schluß, daß jährlich zwischen 200 und 400 tausend Tonnen auf dem amerikanischen Markt abgesetzt werden könnten.
Bezüglich der Bewohner der ausgesuchten Gebiete sagt das Dokument, daß "sie schon jetzt dazu bewegt werden sollen, sich an dem Projekt zu beteiligen" (Was ist damit gemeint? Sollen sie ihr Land gegen ungeschützte und unterbezahlte Arbeit bei den Agrokonzernen diesen überlassen?) oder daß ein Gebiet gefunden werden soll, wohin sie umgesiedelt werden können.
Am 8. August 1984 erklärt ein "Acuerdo Ministerial" ein Gebiet von 11.000 ha in der Region Loreto und ein Gebiet von 45.000 ha in der Region Limoncocha zum "Waldschutzgebiet" und stellt sie als unbewohnt dar, obwohl hier zahlreiche Dorfgemeinschaften leben, die sogar über bei der IERAC registrierte Landtitel verfügen. Soll dies eine Zwischenstufe sein bei der Zuteilung des Landes an die Ölpalmenunternehmen?
Im Laufe der folgenden Monate ergreifen die betroffenen Indianergemeinschaften und Siedler Maßnahmen zum Schutz ihres Rechtes auf Land. Sie schicken Protestschreiben an die Behörden und organisieren Demonstrationen, Menschenrechts- und Dritte-Welt-Organisationen in Europa informieren über die Verletzung der Menschenrechte in Ecuador und denunzieren die Verstrickungen ihrer Länder.
Per Dekret vom 27. Mai 1985 hebt die Regierung dasjenige vom 8. August 1984 auf und fordert die IERAC auf, das Land der Indianergemeinschaften zu vermessen. Das Problem ist, daß in dem neuen Dekret die schon lange vorhandenen Besitztitel der Dorfgemeinschaften der Regionen Loreto und Limoncocha nicht erwähnt werden und daß die IERAC nicht dazu angehalten wird, die Prozeduren zur vollen legalen Garantierung der Besitzrechte zu beschleunigen. Im Laufe des gleichen Monats entzieht die IERAC den Indianergemeinschaften die von ihr bewilligte Genehmigung ihr Land von privaten Firmen vermessen zu lassen. Außerdem stoppt sie das vom Deutschen Entwicklungsdienst durchgeführte Vermessungsprogramm, mit dem Argument sie verfüge selbst über Vermessungstrupps, die auf die Vermessung von Indianerland spezialisiert seien. Was sich dahinter verstecken könnte, wird durch folgende Beobachtung eines Repräsentanten einer anderen Indianergemeinschaft deutlich, die dieser im Kataster-
amt von Lago Agrio gemacht hat: ein Teil das Gemeinschaftslandes der Comuna San Pablo war von der Landvermessungskarte der IERAC verschwunden!
Am 10 Juli wollen Vermessungstrupps der IERAC in der Region Loreto Land vermessen, für das die dort lebenden Siedler und Indianer schon bei der gleichen Behörde registrierte Besitztitel haben. Der Verdacht kommt auf, daß zugunsten der Ölpalmengesellschaften neu vermessen werden soll. Die lokale IERAC-Behörde arbeitet in enger Koordination mit dem Führungspersonal von Palmoriente. Aber diese Vermessungsgruppe muß unverrichteter Dinge abziehen, weil mehrere hundert Indianer und Siedler von ihnen Erklärungen verlangen.
Die hier geschilderten Vorgänge werfen nur ein paar Schlaglichter auf die zweifelhaften Praktiken offizieller Behörden, die die territorialen Rechte der Indianergemeinschaften verletzen und vornehmlich den Interessen der agroindustriellen Konzerne dienen.
ds
Dieser Artikel stützt sich hauptsächlich auf Informations- und Dokumentationsmaterial der FIAN, einer im Juni 1986 gegründeten internatioanlen Menschenrechtsorganisation zur Verteidigung der Rechte auf Land und der Rechte der Landarbeiter.
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