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Die moderne Medizin macht die Menschen krank. Das ist grob gesagt die Hauptthese von I. Illich, die er in seinem 1976 erschienenen Buch "Die Nemesis der Medizin" darlegen und belegen wollte. Sein Buch hat damals, innerhalb und außerhalb des Medizinbetriebs, eine breite Diskussion ausgelöst, denn er verlieh dem Unbehagen und der Kritik vieler Laien und Ärzte gegenüber der herrschenden Medizin einen systematischen Ausdruck. Auch wenn einige Fakten von Illich falsch eingeschätzt worden sind oder das Zahlenmaterial, das er anführt überholt ist, hat sich an den Tendenzen, die er beschreibt und analysiert nichts geändert und sie verdienen Beachtung in jeder Diskussion über Gesundheit und Medizin. Seine Ausführungen dürfen deshalb in diesem Dossier nicht fehlen.
Das Phänomen der krankmachenden Medizin nennt Illich Iatrogenesis, ein medizinischer Fachbegriff für jeden durch ärztliche Behandlung hervorgerufenen Krankheitszustand. Er unterscheidet drei Ebenen der Iatrogenesis: die klinische, die soziale und die kulturelle Iatrogenesis.
I Klinische Iatrogenesis
Klinische Iatrogenesis bezeichnet krankmachende, unerwünschte Nebenfolgen einer ärztlichen
Behandlung. Illichs Hauptaugenmerk gilt jedoch nicht dieser Form der Iatrogenesis, denn sie ist so alt wie die Geschichte der Medizin und auch seit jeher Gegenstand medizinischer Forschung. Als neue Qualität kommt jedoch heute hinzu, daß die Entpersönlichung von Diagnose und Therapie sowie die Komplexität der dabei eingesetzten Technologie den Behandlungsprozeß undurchsichtig machen und Verantwortlichkeitszuweisungen erschweren.
Aber Illich geht noch weiter: er entmystifiziert
die vermeintlichen Erfolge der Medizin. Nach
landläufiger Meinung ist es das Verdienst der
Ärzte, die Infektionskrankheiten besiegt zu ha-
ben, die noch vor drei bis vier Generationen
epidemieartig die Menschen töteten und die
durchschnittliche Lebenserwartung niedrig hiel-
ten. Entscheidend war vielmehr die Verbesserung
der Wohnbedingungen, der Ernährungslage, der
Wasserversorgung, der Müllbeseitigung usw. Die
Tatsache, daß die Verbreitung der meisten Infek-
tionskrankheiten schon bedeutend zurückgegangen
waren, bevor wirksame Gegenmittel gefunden wa-
ren, benutzt Illich als Argument, um der Medizin
jeglichen Einfluß auf die Ausmerzung dieser
Krankheiten abzusprechen. Seine Einschätzung
der Rolle der Medizin beim Zurückdrängen der In-
fektionskrankheiten wird von der Sozialmedizin
geteilt: "Die Geschichte der Tuberkulose ver-
deutlicht vielleicht besser als die irgendeiner
anderen Infektion einen allgemeinen Gesichts-
punkt über den Beitrag medizinischer Behandlung.
Hirkungsvolles klinisches Eingreifen fand spät
in der Geschichte einer Krankheit statt. Während
des gesamten Zeitraums, in der sie zurückging,
war dessen Beitrag klein, verglichen mit dem an-
derer Einflüsse." (McKeown, S.140) Die Schluß-
folgerung, die daraus gezogen wird, ist aller-
dings differenzierter. "Die Herausforderung an
die medizinische Wissenschaft und Praxis bestand
darin, den Rückgang der Sterblichkeitsrate zu
beschleunigen und, wenn möglich, die Bedrohung
durch diese Krankheit, die für fast zwei Jahr-
hunderte eine infektiöse Haupttodesursache ge-
wesen war, zu beseitigen. Hierbei war die Medi-
zin ungeheuer erfolgreich. Und es wäre genauso
unvernünftig, die Errungenschaften zu unter-
schätzen, wie es unvernünftig wäre, die Tatsache
zu übersehen, daß ihnen eine Verbesserung der
Bedingungen vorausging, die dazu beitrug, daß
Tuberkulose zu einer so schrecklichen Krankheit
werden konnte. Es waren dies die geringere Wi-
derstandskraft durch Unterernährung und ein ho-
her Ausgesetztheitsgrad durch Übervölkerung."
(McKeown S.140)
II Soziale Iatrogenesis
Soziale Iatrogenesis besagt, daß die Medizin der
Gesundheit schadet durch die Auswirkungen ihrer
sozialen Organisation auf die ganze Umwelt. "Sie
herrscht dort vor, wo die medizinische Bürokra-
tie Krankheit provoziert, indem sie den Streß
verschärft oder lähmende Abhängigkeiten ver-
mehrt, indem sie neue quälende Bedürfnisse er-
zeugt oder die Toleranzschwellen für Unbehagen
oder Schmerz senkt, indem sie den Spielraum
einschränkt, den die Mitmenschen dem Leidenden
zugestehen, oder indem sie sogar das Recht auf
Selbstheilung abschafft. Soziale Iatrogenesis
liegt vor, wenn Gesundheitspflege sich in eine
standardisierte Massenware verwandelt; wenn jeg-
liches Leiden ins Krankenhaus verbannt wird und
das Heim des Menschen keine Heimstatt mehr für
Geburt, Krankheit und Tod bietet; wenn die Spra-
che, in der der Mensch seinen Körper erfährt, zu
einem bürokratischen Kauderwelsch gerät; oder
wenn Leiden, Trauer und Heilung, soweit außer-
halb der Patientenrolle geschehend, als Formen
der Abweichung abgestempelt werden." (S.48f)
Diese verschiedenen Erscheinungsformen lassen
sich unter dem Stichwort der ‚Enteignung der
Gesundheit‘ zusammenfassen.
Die soziale Iatrogenesis ist das Produkt der Me-
dikalisierung der Gesellschaft, das heißt der
Krankheitsbegriff wird auf immer mehr Formen des
individuellen und sozialen Verhaltens bezogen
und parallel dazu, wird die Zuständigkeit der
Medizin auf immer mehr neue Gebiete des indivi-
duellen und sozialen Lebens ausgedehnt. Die Me-
dikalisierung ist ein Charakteristikum der In-
dustriegesellschaften, deren Leistungsanforderungen
die Menschen krank machen und für die
Krankheiten nur lästige Störungen sind, die
schleunigst durch hierzu bestallte Experten be-
seitigt werden müssen. Illich wirft dem modernen
Medizinbetrieb vor, die krankmachende Industrie-
gesellschaft zu stützen, indem er bereitwillig
die Aufgabe einer Reparaturwerkstatt übernimmt
und die Frage nach den gesellschaftlichen Ursa-
chen von Krankheit ausklammert.
Ausgaben für Medizin
Ein Indikator für die Medikalisierung einer Ge-
sellschaft ist das Volumen der für medizinische
Dienstleistungen und Produkte getätigten Ausga-
ben. Hat ein typischer Arbeiterhaushalt in den
USA vor 1950 noch weniger als ein Monatsein-
kommen ausgegeben, so waren es Mitte der 70er
Jahre bereit 5 bis 7 Wochenlöhne. Die staatli-
chen Gesundheitsausgaben der USA stiegen zwi-
schen 1969 und 1974 um mehr als 40%. Ein Teil
dieses finanziellen Aufwandes machte die Ärzte
reich (sie stehen heute an der Spitze der
Einkommensverteilung), ein anderer Teil floß in
die Taschen der Medizinbürokraten. Paradoxer-
weise begann nach dieser Aufblähung des Gesund-
heitswesens die Lebenserwartung der erwachsenen
Männer in den USA zu sinken… "Je mehr Zeit,
Mühe und Opfer eine Bevölkerung aufbringt, um
Medizin als Massenware zu produzieren, desto
aus: Témoignage Chrétien
größer ist das Nebenprodukt, nämlich der Irrtum, die Gesellschaft besitze versteckte Reserven an "Gesundheit", die nur erschlossen und vermarktet zu werden bräuchten." (S.74)
Medikamentenkonsum
Ein weiterer Indikator für die Medikalisierung ist der Medikamentenkonsum. Der Griff zur Tablette bei kleinster "Störung" ist heute bei vielen eine Selbstverständlichkeit. Zugrunde liegt eine "Einstellung, die den Körper als eine von mechanischen Bedienungsknöpfen betriebene Maschine auffaßt." (S.76f) In den USA werden jedes Jahr 20 Tausend Tonnen Aspirin geschluckt, das sind fast 225 Tabletten pro Person. Der größte Umsatz läßt sich mit auf das zentrale Nervensystem wirkenden Mitteln machen. Die am meisten verschriebene Droge der Welt ist Valium.
Mit dem Aspirin begann 1899 das Drogenzeitalter. Bis dahin fanden neben Morphium nur wenige Substanzen eine allgemeine Verwendung wie z.B. der Pockenimpfstoff, Chinin gegen Malaria und Brechwurzel gegen Ruhr. Allein zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1962 kamen in den USA 4.300 verschreibungspflichtige Arzneien auf den Markt. Diese wurden 1962 von der US-Food and Drug Administration geprüft, mit dem Ergebnis, daß zwei von fünf unwirksam, viele gefährlich und nur wenige besser waren als die, die sie ersetzen sollten. Erfahrenen Medizinern zufolge würden zwei bis vier Dutzend Arzneien reichen, um den Bedarf von 98% bis 99% der gesamten Bevölkerung zu befriedigen. Also eine äußerst geringe Zahl, gemessen an den Tausenden Präparaten, die der Markt zur Verfügung stellt.
Von den Arzneien, die jedes Jahr neu auf den Markt kommen, sind die meisten nicht so neu, oft sind es nur neue Kombinationen von bereits bekannten Wirkstoffen oder neue Hersteller bringen unter neuem Namen Produkte auf den Markt, die identisch sind mit bereits existierenden. Weniger als 5% der in einem Zeitraum von 18 Jahren in den USA vertriebenen neuen Medikamenten stellten wirklich nennenswerte Neuerungen dar. Ein Teil der Kostensteigerung des Gesundheitswesens kommt dadurch zustande, daß die scheinbar neuen Arzneien teurer sind als die, die sie ersetzen – bei gleicher pharmakologischer Leistung.
aus: Public-Forum
Zeichnung: Pilegram
Die Pharmahersteller werben für ihre verschreibungspflichtigen Produkte beim Arzt, der sie verordnet aber nicht bezahlt. 1973 bezifferten sich ihre Werbeausgaben auf 11.250 DM pro niedergelassenen Arzt. Die Handelsspannen der pharmazeutischen Industrie sind unvorstellbar. So hat das Bundeskartellamt berechnet, daß ein kg des Wirkstoffs Diazepam, bei Hoffmann-La Roche für 89,94 DM hergestellt, in Form von Valium-Tabletten 9389,42DM wert ist, also 10,399% mehr. Hinzu kommt, daß ein gleiches Produkt, je nach Marktlage zu verschiedenen Preisen vertrieben wird: ist es konkurrenzlos wird es für 30 DM verkauft, steht es unter dem Druck von konkurrierenden Produkten wird es für 5 DM verkauft.
Der starke Medikamentenkonsum in den Industriegesellschaften hat dazu geführt, daß die Ärzte es zunehmend mit zwei Kategorien von Süchtigen zu tun haben: "der einen, der sie Medikamente verschreiben, und der anderen, die an deren Auswirkungen leidet. Je reicher die Gesellschaft, desto größer ist der Prozentsatz von Menschen, die beiden Gruppen angehören." (S.89)
Lebenslängliche Medikalisierung
Neben dem Heilungsmonopol verfügt die Ärztezunft über ein Definitionsmonopol, das ihre soziale Macht weit über Heilungsprozesse hinaus ausdehnt: sie entscheidet über Arbeitsunfähigkeit, Behinderung, vorzeitige Pensionierung, sie bestimmt welcher Zustand als Krankheit einzustufen ist und welcher nicht. In einer medikalisierten Gesellschaft ist jeder ein Patient, vom Mutterleib bis zum Totenbett. "Ist eine Gesellschaft einmal so organisiert, daß die Medizin Leute zu Patienten erklären kann, weil sie ungeboren oder Neugeborene sind, weil sie sich in der Menopause oder irgend einem anderen ‚gefährlichen Alter‘ befinden, dann verliert die Bevölkerung unweigerlich einen Teil ihrer Autonomie an die Heiler. Die Ritualisierung der einzelnen Lebensstadien ist nichts Neues. Neu ist allerdings ihre intensive Medikalisierung." (S.94f)
Als das Alter ein allgemeines demographisches Phänomen geworden war, wurde es als Krankheitszustand definiert und die alten Menschen zu einer wichtigen Patientenkategorie. Das Altwerden in Unabhängigkeit wird in unserer Gesellschaft zunehmend schwieriger und die Zahl der Alten, die in Anstalten Zuflucht suchen müssen, wird immer größer. Die Medikalisierung des Alters erweckt zudem bei dieser Gruppe unrealistische Erwartungen, denn es steht nicht in der Macht der Medizin, die Menschen von der Erfahrung und dem Vorgang des Alterns zu kurieren.
Mit der Medikalisierung des Alters und des Sterbens schließt sich der Kreis, der im Kreißsaal begonnen hat. Die institution-alisierte Entmündigung und Entfremdung trifft am stärksten die Frauen: (meist) männliche Ärzte bestimmen wann, wie und wo sie zu gebären haben. Gebären ist keine spontane Handlung der Frauen mehr, es ist zum Geburtsvorgang verkommen, in dem der Arzt die Initiative und die Leitung übernommen hat. Den Frauen bleibt die Rolle der fügsamen Ausführenden.
Die Kindersterblichkeit ist in der Tat zurückgegangen, aber in den armen Ländern und bei den unteren Einkommensschichten liegt sie ungleich höher als in den reichen Ländern und bei den höheren
Einkommensgruppen. Eine Tatsache, die nicht durch ein Mehr an Ärzten aus der Welt zu schaffen ist, sondern durch eine gerechtere Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen, damit für diese sozialen Gruppen bessere Lebensbedingungen möglich werden.
"Man könnte natürlich behaupten, daß die medizinische Klassifikation der Altersgruppen nach ihrem jeweils diagnostizierten Bedarf an Gesundheitswaren an und für sich nicht Krankheit erzeugt, sondern lediglich den gesundheitsschädigenden Niedergang der Familie als eines schützenden Kokons, der Nachbarschaft als eines Netzes von Geschenkbeziehungen und der Umwelt als Behausung einer lokalen Subsistenzgemeinschaft reflektiert. Es trifft zweifellos zu, daß in der medikalisierten Auffassung von Gesundheit eine Realität zum Ausdruck kommt, die durch die Organisation einer kapitalintensiven Produktion bestimmt ist, und daß sie eine das Heim, die Nachbarschaft und das soziale Milieu zerstörende Gesellschaftsstruktur widerspiegelt, die einer Welt von Kernfamilien, Wohlfahrtsinstitutionen und Umweltschäden entspricht. Doch die Medizin spiegelt nicht einfach die Realität; sie verstärkt und reproduziert jenen Prozeß, der die sozialen Kokons zerstört, in denen der Mensch sich entwickelt hat. Die medizinische Klassifizierung rechtfertigt den imperialistischen Triumph von Standardwaren wie Babynahrung über die Muttermilch und von Altersheimen über die häusliche Ofenbank. Indem der Medizinbetrieb aber das Neugeborene so lange als hospitalisierten Patienten behandelt, bis ihm offiziell Gesundheit attestiert ist, und indem er Großmutters Klagen als Bedürfnis nach Therapie statt nach geduldigem Respekt definiert, legitimiert er nicht nur in biologischen Formeln die Konsumentenhaltung des modernen Menschen, sondern erzeugt auch neue Zwänge, die die Eskalation der Megamaschine beschleunigen. Die genetische Selektion der für diese Maschine Tauglichen ist dann der logische nächste Schritt der medico-sozialen Kontrolle." (S.106f)
Ein neuer Markt: die Präventivmedizin
Neben der Krankenfürsorge ist zunehmend die Gesundheitsvorsorge zur Ware geworden: "etwas, wofür man bezahlt, statt daß man es selber täte." (S.107) Durch die Prävention werden die Menschen zu Patienten gemacht ohne krank zu sein. Die persönliche Verantwortung für die eigene Zukunft wird an eine Institution übergeben. Durch die Erschliessung verborgene therapeutischer Bedürfnisse sind der Ausbreitung der Medikalisierung keine Grenzen gesetzt. Menschen, die sich gesund fühlen bzw. mit ihrer Krankheit leben können, werden zu "Patienten, die vor dem Ratschluß des allmächtigen Experten zittern."
Ernstzunehmde Gefahrenquellen der Präventivmedizin sind das diagnostische Vorurteil als Bestandteil des medizinischen Habitus und diagnostische Fehlurteile. Das diagnostische Vorurteil wird jedem Arzt im Laufe seiner Ausbildung eingeprägt: er lernt, daß "etwas tun" die einzig angemessene Reaktion gegenüber Krankheit ist, was ihn dazu verleitet bei jeder ersten Begegnung mit einem Patienten im Zweifelsfalle eher eine Krankheit anzunehmen als auszuschließen. "Der klassische Nachweis dieser Voreingenommenheit erfolgte in einen 1934 durchgeführten Experiment. Bei einer Reihenuntersuchung, die 1000 Kinder aus öffentlichen Schulen New Yorks ein-
bezog, wurde festgestellt, daß bei 61% von ihnen bereits die Mandeln entfernt worden waren. Die restlichen 39% wurden durch eine Gruppe von Ärzten untersucht, die 45% dieser Kinder zur Tonsillektomie (Entfernen der Mandeln) vorschlugen und den Rest ohne Befund nach Hause schickten. Letztere Kinder wurden durch eine andere Gruppe von Ärzten nachuntersucht, und diese ordneten bei 46% der nach der ersten Untersuchung übriggebliebenen Kinder Tonsillektomie an. Als die bei dieser zweiten Untersuchung ohne Befund heimgeschickten Kinder ein drittes Mal – wieder von anderen Ärzten – untersucht wurden, empfahlen diese abermals bei einem ähnlichen Prozentsatz eine Tonsillektomie, so daß nach drei Untersuchungsgängen nur noch 65 von 1000 Kindern übrigblieben, bei denen die Ärzte nicht das Entfernen der Mandeln angeordnet hatten. Diese Versuchspersonen wurden kein weiteres Mal untersucht, da keine gutachtenden Ärzte mehr zur Verfügung standen. Das Experiment fand an einer kostenfreien Klinik statt, so daß das Vorurteil der Ärzte nicht aus finanziellen Erwägungen zu erklären war." (S. 112f)
Viele frühdiagnostische Tests sind von zweifelhaftem Wert, wenn nicht gar mit Risiken verbunden für den einzelnen oder seine Nachkommen (z. B. die routinemäßigen an Kindern und Jugendlichen vorgenommenen Röntgenuntersuchungen). Routinemäßig und in großem Maßstab durchgeführt bestärken sie die Menschen in ihrem Glauben, "sie seien Maschinen, deren Lebensdauer vom regelmässigen Besuch der Reparaturwerkstatt abhängig ist".(S.116)
III Kulturelle Iatrogenesis
Die kulturelle Iatrogenesis setzt ein, "sobald der Medizin-Betrieb den Willen der Menschen schwächt, ihre Realität zu erleiden. Symptom solcher Iatrogenesis, daß das Wort ‚Leiden‘ in-
Mittelalterliche Darstellung: Christus als Heiler aus: Fischer-Homberger, Geschichte der Medizin
zwischen kaum noch geeignet ist eine realistische menschliche Reaktion zu bezeichnen, weil es an Aberglauben, Sadomasochismus oder an die Verachtung der Reichen für das Los der Armen erinnert. Die zünftisch organisierte Medizin fungiert als allbeherrschendes moralisches Unternehmen, das jegliches Leiden durch industrielle Expansion bekämpfen will. Damit hat es die Fähigkeiten der Menschen zerstört, ihre Realität zu ertragen, ihre Wertvorstellungen zu artikulieren.
Zahlen für Luxemburg
Indiz für die von Illich beschriebene fortschreitende "Medikalisierung" der Gesellschaft sind die zunehmenden Ausgaben im Gesundheitssektor, die auch in den Luxemburger Statistiken festzustellen sind. In den letzten 10 Jahren haben sich die Ausgaben für das Gesundheitswesen im Staatshaushalt um 116 % erhöht (1975: 1372 Mio Flux; 1985: 2964 Mio Flux). Besonders hohe Steigerungsraten sind bei der Subventionierung der Krankenhäuser auszumachen.
Doch nicht nur der Staat auch der Einzelne gibt immer mehr für seine Gesundheit aus. So sind die Gesundheitsausgaben (oder "consommation médicale et pharmaceutique" wie es beim STATEC heißt) von 70-84 um 395% gestiegen. Das macht pro Kopf eine Steigerung von 4385 Flux im Jahre 1970 auf 21.703 Flux im Jahre 1984 aus. Diese Steigerung ist nur teilweise durch die Geldentwertung bedingt. Auch sind die allgemeinen Lebenshaltungskosten in diesem Zeitraum um ca. 150% gestiegen. Das überprozentuale Steigen der Gesundheitsausgaben zeigt sich auch, wenn man ihren prozentualen Anteil an den Gesamtausgaben der Privathaushalte betrachtet: 1970 gaben die Privathaushalte 5,38% ihres Einkommens für die Gesundheit aus, 1984 waren es schon 7,06%, eine Steigerungsrate von 30 %.
Die Zahl der Ärzte hat entsprechend zugenommen:
| | 1938 | 1950 | 1960 | 1970 | 1980 | 1984 |
| — | — | — | — | — | — | — |
| Total | 194 | 235 | 304 | 362 | 538 | 637 |
| allg. | | 149 | 148 | 129 | 175 | 231 |
| Spez. | | 86 | 156 | 233 | 363 | 406 |
Diese Statistik erfaßt alle in Luxemburg zugelassenen Ärzte, auch die, die nicht praktizieren, weil sie z. B. bei einer Verwaltung angestellt sind. Die Zahl der Praxen ist also geringer. Doch dies ist in unserem Zusammenhang nicht wesentlich, denn auch die Zunahme von angestellten Ärzten bei Behörden ist ein Indiz für die zunehmende Medikalisierung der Gesellschaft: Ärztesteigerungsrate: 1970-1984: 76%. Die Verschiebung vom allgemeinen Hausarzt zum Spezialisten, die in den 50ziger und 60ziger Jahre stattfand ist ein Indiz für die Reduzierung des Kranken auf eine Ansammlung von einzelnen kranken Organen.
aus: Vorsicht Arzt!
lieren und die Unvermeidbarkeit und manchmal Unheilbarkeit von Schmerz und Schwäche, von Verfall und Tod zu akzeptieren." (5.150f) Die kulturelle Iatrogenesis bezieht sich auf die Medikalisierung der Köpfe: die Menschen übernehmen und verinnerlichen die in den Medizinstitutionen geronnenen Normen und Vorstellungen und tragen ihrerseits, durch die Erwartungen, die sie gegenüber dem Medizinbetrieb hegen, zu dessen Legitimation und Erhaltung bei.
Illichs Ausführungen über die kulturelle Iatrogenesis beruhen auf der Unterscheidung zwischen Kultur als System von Sinnbedeutungen und (kosmopolitischer) Zivilisation als System von Techniken. In den traditionellen Kulturen sind Schmerz, Krankheit und Tod in ein Ensemble von Sinnbedeutungen gebettet, die unvermeidbaren Schmerz erträglich, Krankheit und Schwäche verstehbar und den Tod sinnvoll erscheinen lassen. Schmerz, Tod und Krankheit werden als Herausforderungen interpretiert, denen der einzelne sich stellen muß. Im Gegensatz dazu ist die medizinische Zivilisation getragen von der Bestrebung den "Schmerz abzutöten, Krankheit zu eliminieren und das Bedürfnis nach der Kunst zu leiden und zu sterben abzuschaffen." (5.156)
Nach Illich zeichnen die traditionellen Kulturen sich dadurch aus, daß sie Gesundheit als ein Gut betrachten, für dessen Erhaltung der einzelne verantwortlich ist. Schmerz, Schwäche, Krankheit und Sterben werden als integrale Bestandteile des Lebens aufgefaßt, mit denen jeder sich auseinandersetzen muß. Die Kultur bietet Haltungen (Geduld, Demut, Mut, Resignation, Selbstbeherrschung, Ausdauer, Nachsicht), mythische und religiöse Begründungen (Krankheit als gottgewolltes Schicksal, Rückwirkung der Sünde, Bürde aus früheren Inkarnationen usw.), Vorbilder für das Verhalten (der Buddha, der Heilige, der Krieger usw.) und Linderungen (Drogen, Rituale), die den einzelnen befähigen den Schmerz zu ertragen und sich in der Kunst des Leidens zu üben. Auch wenn die einzelnen Kulturen sich in Bezug auf diese Programme unterscheiden, so ist doch ihr gemeinsames Charakteristikum, daß sie Leiden und Sterben wesentlich als persönliche, selbstgestaltete und intransitive Handlungen auffassen.
Die medizinische Zivilisation verändert die Erfahrung des Schmerzes, indem sie ihn in ein technisches Problem verwandelt. Der Schmerz wird aus seinem Bedeutungszusammenhang herausgerissen und vornehmlich als physische Reaktion
gesehen, die verifiziert, quantifiziert und reguliert werden kann. Er wird seiner persönlichen Bedeutung beraubt und objektiviert. "Nur solcher Schmerz, der von einem Dritten von außen beobachtet wird, wird als ein Zustand diagnostiziert, der eine spezifische Therapie verlangt. … Der Schmerz erfordert demnach kontrollierende Maßnahmen des Arztes, statt daß er bei dem, der den Schmerz erleidet, eine Haltung bewirken würde, die ihm helfen könnte, die Verantwortung für seine Erfahrung zu übernehmen. Die Ärzte-Zunft entscheidet darüber, welche Schmerzen authentisch sind, welche einen physischen und welche einen psychischen Grund haben, welche eingebildet und welche simuliert sind. Die Gesellschaft erkennt dieses Expertenurteil an und bestätigt es, Mitleid als Tugend ist veraltet. Der Schmerz erleidende Mensch steht immer weniger in einem sozialen Kontext, der seiner mitunter überwältigenden Erfahrung einen Sinn gäbe." (S.162-163)
Es würde zuviel Platz beanspruchen hier auf die Vielfalt der Faktoren und Umstände einzugehen, die jenen Entwicklungsprozeß konstituieren, den Illich die Erfindung der Krankheit nennt. Einschneidend war auf jeden Fall die Durchsetzung einer mechanistischen Auffassung des menschlichen Körpers, die Körper und Seele trennt und den Körper als Uhrwerk sieht, das gelegentlich von Störungen heimgesucht wird, die durch das biomedizinische Eingreifen eines Spezialisten beseitigt werden müssen. Nicht mehr der kranke Mensch sondern die Krankheit steht im Mittelpunkt des medizinischen Systems.
Die radikale Kritik an der Entmündigung der Menschen durch die Strukturen und Apparate des Industriesystems ist das fundamentale Anliegen Ivan Illichs, das sich durch sein ganzes Werk zieht. Gegen den Herrschaftsanspruch der Experten stellt er die Forderung nach einer neu zu gewinnenden Selbstbestimmung. Adressat seiner Überlegungen sind demnach nicht die Experten sondern die Laien, die die Kontrolle über die von den Experten usurpierten und monopolosierten Erkenntnisse, Theorien und Entscheidungsprozesse wiedererlangen müssen.
Die hier vorgetragene Kritik der Gesundheits-Maschine reiht sich ein in Illichs Auseinandersetzung mit anderen Bereichen unserer Gesell-
Ein wichtiger "Wegweiser durch den Pillendschungel" nennt ‚Der Spiegel‘ das Buch, das 1983 zum erstenmal erschien, und nun vollständig neubearbeitet und erweitert im Handel zu beziehen ist. Mehr als 2600 Medikamente werden hier erfasst und bewertet:
Bittere Pillen
Nutzen und Risiken der Arzneimittel
Ein kritischer Ratgeber
K. Langbein, H.-P. Martin, H. Weiss
Kiepenheuer & Witsch 1986/87
ISBN 601-01732-9
Daneben, gibt es das Buch für alle, die mit biologischen Heilmitteln sanft und ohne schädliche Nebenwirkungen gesund werden und gesund bleiben wollen:
Die besseren Pillen
Gesundheit durch natürliche Medikamente und Heilmethoden
Mit 1900 empfehlenswerten Naturheilmethoden, Mosaik Verlag 1985
ISBN 3-570-02592-6
schaft, vom Bildungswesen, über die Technik bis zum Industriesystem überhaupt. Illich ist ein prophetischer Gesellschafts- und Kulturkritiker, der angesichts mehrerer Selbstverständlichkeiten unseres Alltags wie Kopfschmerztablette. Auto, Schule, Fernseher usw. die Frage stellt: Was haben wir durch sie verloren?
ds
Literatur:
Ivan Illich, Die Nemesis der Medizin. Die Grenzen des Gesundheitswesens, Reinbek bei Hamburg 1981 (rororo aktuell 4834)
Thomas McKeown, Die Bedeutung der Medizin. Traum Trugbild oder Nemesis?, Frankfurt a. M. 1982
Weitere Literatur:
Hans Halter (Hg.), Vorsicht Arzt! Die Krise der modernen Medizin, Reinbek bei Hamburg 1981
Alexander Mitscherlich, Krankheit als Konflikt. Studien zur psychosomatischen Medizin I, Frankfurt a.M. 1966
Wolfgang Schmidbauer, Die subjektive Krankheit. Kritik der Psychosomatik, Reinbek bei Hamburg 1986
"forum" möchte sich bei folgenden Personen bedanken, die bei der Konzeption bzw. Redaktion dieses Dossiers mitgewirkt haben:
H. und R. Krieps, Ch. Lehners-Weber, M. Müller, Ch. Scholl, L. Schroeder, G. Tanson-Steinmetzer, M. Waldbillig.
Medizin war schon in "forum". Nr. 70 und Nr. 80, unter dem speziellen Aspekt der
ARBEITSMEDIZIN
Gegenstand eines Dossiers. Die beiden Nummern können zum Preis von je 40 Flux nachbestellt werden.
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