Stadtgrund: Menschen und Steine in Gefahr

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Stadtgrund:

Menschen und Steine in Gefahr

Im Stadtgrund gab es bis vor kurzem zwei Probleme: alte, erhaltenswerte Häuser ver- fielen und die angestammte Bevölkerung, Luxemburger und Ausländer, riskierte in einem Ghetto marginalisiert zu werden. Bei den Versuchen, das erste Problem zu lösen, wurde das zweite meistens ignoriert: die Rettung der Steine war wichtiger als die der Men- schen, denen sie als Behausung dienten. So entstand ein neues Problem für die Grund- Bewohner: statt der Ghettoisierung droht heute eine soziale Polarisierung als Resul- tat einer tiefgreifenden Umschichtung, und die Denkmalschutzprobleme sind trotzdem nicht zufriedenstellend gelöst.

Als 1979 "forum" (Nr. 29/3.2.79) sich erstmals mit Stadtgrund beschäftigte, geschah das schon unter dem Titel "Sanieren – aber nicht so". Wohl war da- mals schon bekannt, daß das Gefängnis, das sicher nicht zum guten Ruf des Viertels beitrug, über kurz oder lang nach Schrassig umziehen sollte. Trotzdem hätte niemand damals daran gedacht, daß dieses Stadtviertel 1987 der Sitz der "Chase Man- hattan Bank" werden würde. Auch die bei der Volks- zählung von 1981 ermittelten Zahlen (siehe Kasten 1) stimmen heute kaum noch. Inzwischen ist z. B. die alte Handschuhfabrik in ein modernes Apparte- menthaus umgebaut worden und die "Winnschool" wur- de von Grund auf renoviert, so daß der durch- schnittliche Lebensstandard, gemessen an den Para- metern der Volkszählung, allein durch diese zwei Projekte erheblich gehoben worden sein dürfte. Da- mals wären Sie auch kaum auf den Gedanken gekom- men, zu später Stunde noch in den Grund zu fahren, um ein Bier zu trinken; das Nachbarviertel Clausen war allein für seine geselligen Wirtstuben be- kannt, wo sich die (Pseudo-)Bohème Luxemburgs zur Nachtstunde traf. Heute ist das anders. Geht es deshalb den traditionellen Einwohnern von Stadtgrund besser?

Die Kommentatoren

Gleich drei Wochenzeitungen beschäftigten sich in diesem Sommer mit der Unterstadt. Ohne Umschweife legte die "Revue" (Nr. 29/ 16.7.87) den Finger auf die Wunde: "Bei der geschäftstüchtigen Umwandlung des einst gemiedenen Schmuddelviertels zum schic- ken Amüsierquartier wird auf die Einwohner keine Rücksicht genommen." Der (anonyme) Autor nimmt nicht nur die Einpflanzung von Nobelherbergen und Banken aufs Korn, die wie ein Fremdkörper von der angestammten Bevölkerung abgelehnt werden, sondern vor allem das Nachtspektakel, das die Grenzen des Zumutbaren längst überschritten habe. Nach einer Rauferei, an der auch ein Sicherheitsbeamter be- teiligt war, mußte selbst der Schöffenrat einsehen daß es so nicht weitergehen kann, und er nahm alle Genehmigungen für "freie Nächte" zurück. Seither haben die Anwohner zumindest ab 1 Uhr ihre Nacht- ruhe.

Acht Tage später beschwichtigte Y. im "Letzeburger Land" (Nr. 30/24.7.87): "Von einer systematischen Verdrängung der angestammten Bevölkerung kann kei- ne Rede sein. Das sollten auch einige lokale Dema- gogen und verschiedene Journalisten endlich einse- hen. … Der Grund ist weder ein Museum, noch eine reine Touristenattraktion, noch ein hemmungsloses

Vergnügungsviertel: kein Spekulationsobjekt, kein Bankenzentrum, aber auch keine langweilige Schlaf- stadt. Der Grund soll ein lebendiges historisches Viertel sein, das sich weder tagsüber noch nachts entvölkert."

Um Ausgewogenheit bemüht dagegen Ingrid Schmit- Thomas im "Télécran" (Nr. 35/ 29.8.87): endlich kämen die Restaurierungsarbeiten zügig voran, doch schon müsse man befürchten, "der Grund verkomme zu einem Amüsierviertel". Und wenn sie auch ganz in indirekter Rede schreibt, sie kommt doch nicht an den Klagen der Einwohner vorbei: "Man befürchtete eine soziale Umschichtung. … Häufig kritisiert wurde die Art und Weise, wie Mietern von Wohnungen gekündigt wurde. … Kleine Handwerksbetriebe seien willkommen, aber keine ‚Haute Couture‘."

"forum" wollte wissen, was denn nun tatsächlich in Grund los ist. Wir informierten uns an Ort und Stelle, aber auch bei so unverfänglichen Instanzen wie dem Katasteramt, dem Hypothekenamt, der Ge- meindeverwaltung. Erstaunliches förderten wir dabei zutage, was eigentlich jeder professionelle Journalist schon hätte herausfinden müssen, statt andern Lektionen erteilen zu wollen.

In keinem andern Stadtviertel ist wohl der Aus- druck "Großgrundbesitzer" so berechtigt wie hier.

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Bild 1: Die Baupläne der "Vieux Luxembourg S.A." für die Häuser 1-7, rue St-Ulric

"forum"-Graphik (Pol Leurs)

Besitz der Familie Georges Lentz und der "S. à r.l. Brasserie Nationale et Cie. S.e.c.s." (1985)

Eigentum der Stadt Luxemburg

Eigentum der "Vieux Luxembourg S.A." (Die Häuser in der oberen Montée du Grund; 1-5. Biisserwee; 27-29. rue St-Ulric; 28. rue de Trèves wurden wieder veräußert.)

Eigentum des "Fonds de Logement à Coût modéré" (FLCM)

Photo Serge Meyer

Bild 2

Die vom Abriß bedrohten Hinterhäuser der rue St-Ulric

Die nebenstehende Kartenskizze zeigt es in aller Klarheit: Die Stadt Luxemburg selbst besitzt am meisten Wohnhäuser im Grund (neben öffentlichen Gebäuden und Plätzen). "Vieux Luxembourg S.A." hat den Kauf von Häusern zum (offiziellen) Zweck der Restauration weitergetrieben und mittlerweile schon wieder einige verkauft. Als Grundeigentümer ist neu hinzugestoßen der "Fonds pour le Logement à Coût modéré" (FLCM), der u.a. auch der "Vieux Luxembourg S.A." mehrere Häuser (21, rue St-Ulric und 1-5. Büissersee) abgekauft hat, während dem Staat auch weiterhin die beiden Gefängnisse, von denen nur Teile schon eine neue Zweckbestimmung erhalten haben, die früheren Wärterwohnungen in der Münstergasse sowie 2 Häuser zu Beginn der rue Sosthène Weis gehören. Kartographiert wurde auch der Besitz der "S.à r.l. Brasserie Nationale et Cie. S.e.c.s." und der Familie Georges Lentz; als ehemalige Inhaberin der Brauerei Funck-Bricher ist ihr Besitz nämlich schwer zu trennen von jenem den sie in die 1975 durch Fusion mit der Brauerei Bofferding gegründete Firma einbrachte (Mémorial C 113/18.6.75).

Schon 1979 beschrieben wir die Wohnverhältnisse im Stadtgrund als menschenunwürdig und Soziologe André Pix Reuter gebrauchte in einem "forum"-Beitrag von 1982 (Nr. 53/16.1.82, S. 7ff.) den "Apartheid"-Ausdruck, um die Lage zu charakterisieren. Selbst in der von der Stadtverwaltung herausgegebenen "Ons Stad" (Nr. 15/ 1984) meinte Mario Hirsch: "Tous les ingrédients sont réunis pour faire du Grund un creuset de luttes urbaines. … Vieux quartier populaire, à forte proportion de population ouvrière et à forte concentration de travailleurs immigrés, la détérioration du patrimoine immobilier y est sans doute beaucoup plus avancée que partout ailleurs sur le territoire de la Ville de Luxembourg. En plus, le surpeuplement, dans des conditions de logement qui frisent souvent l’insalubrité, imprime une configuration bien particulière à ce quartier qui fait figure de laissé pour compte en ce qui concerne la rénovation du tissu urbain et de dépo-toir en ce qui concerne les conditions de vie de sa population. … Une enquête récente effec-

tuée par l’administration communale a constaté que 50% des logements doivent être qualifiés d’insalubres."

Die Sanierer

Auf Grund des Gesetzes vom 25.2.1979 über die Wohnungsbeihilfen brachte das 1980 unter dem Namen "Comité international pour la sauvegarde du Grund a.s.b.l." (CISG) gegründete Einwohnerkomitee, unterstützt von "Interactions-Faubourg" und "Atelier de Recherche Sociale et Urbaine" (ARSU), es schon im Juli 1980 fertig, 60 Haushalte zu mobilisieren, die beim Gemeinderat beantragten, den Grund zur "zone d’assainissement" zu erklären. Das Gesetz sieht eine Frist von einem Jahr vor, innerhalb derer die Stadt nun die entsprechende Prozedur hätte einleiten müssen. Es dauerte de facto nicht nur bis nach den Gemeindewahlen von 1981, sondern bis zum 24.10.1983 bis der Gemeinderat die Sanierungserklärung (einstimmig) verabschiedete. Der Staat war nunmehr gehalten, 50% der Sanierungskosten zu übernehmen und Privateigentümer konnten im Bedarfsfall zur Instandsetzung ihrer Bruchbuden gezwungen werden. Die entsprechende Konvention zwischen Staat und Stadt läuft am kommenden 11.10.1987 (am Wahltag) aus. Wie es weitergehen soll, ist nicht bekannt.

Sicher ist bis dahin der gesamte Stadtgrund noch nicht saniert. Doch einiges ist inzwischen ohne Zweifel geschehen. Nach Aussage der Stadtarchitektin Martine Schneider-Vermast (Ons Stad, 24/ 1987) hat die Stadtverwaltung bis heute 23 gemeindeeigene Häuser mit 42 Wohnungen renoviert: "Elle s’interdisait par ailleurs une modernisation outrancière qui aurait entraîné une augmentation trop considérable de la valeur des habitations et partant de leurs loyers." Genau das ist nämlich von seiten anderer Hausbesitzer geschehen, wie noch zu zeigen sein wird. Andererseits besitzt die Stadt im Grund auch eine Reihe von Plätzen (z. B. die abgerissene "Hasteschmillen" am Ende des "Büsserwees"), die sich hervorragend für den sozialen Wohnungsbau eignen würden, die sie aber brach liegen läßt oder zu Parkings für die Kunden der

Luxuskneipen herrichtete. Und sie schreckte auch nicht vor dem Abriß einer Reihe von Häusern zurück (siehe Steinhaufen auf Nr. 30-34, rue de Trèves!), unter dem Vorwand, eine Renovierung sei zu teuer.

Vor allem hat sich aber der FLCM im Stadtgrund eingeschaltet und Vorbildliches geleistet: die schon 1981 begonnene Erneuerung der "Winnschou" in der rue Saint-Ulric ("Tilleschgaass") ist inzwischen abgeschlossen und beherbergt mehr Familien als je zuvor, obschon der Wohnkomfort bedeutend verbessert wurde; vorher war er eher inexistent. Auch die gegenüberliegenden Häuser (13-17, rue St-Ulric) sind Musterbeispiele einer Renovation "à la douce", die auch die angestammte Bevölkerung nicht eliminiert. Hervorzustreichen ist bei den FLCM-Projekten insbesondere der (gelungene) Versuch, die betroffenen Bewohner an Planung und Ausführung der Renovierung zu beteiligen. Am Anfang des "Biisserwe", gegenüber der Brücke, sind demnächst zwei weitere dem FLCM gehörende Häuser bezugsbereit. In diesem Fall, hat er allerdings leider die schönen alten Bauten abreißen lassen und neue Häuser mit pseudohistorischer Fassade an ihre Stelle gebaut. Der Versuch, die Fassaden stehen zu lassen, schlug fehl, verteuerte aber dem Vernehmen nach das Projekt derart, daß nunmehr das Geschäftslokal im Untergeschoß an ein japanisches Restaurant vermietet werden soll, um die Kosten wieder einzuspielen. Hier sollen auch besser betuchte Bürger einziehen, denn beim FLCM sind die Mieten dem Einkommen angepaßt. Von sozialem Wohnungsbau kann in diesem Fall also nur bedingt die Rede sein. Doch der FLCM besitzt weitere Häuser (siehe Karte), wo er seine Sanierungspläne fortsetzen will.

Wie kann man nach diesen doch sehr lobenswerten Initiativen, die höchstens etwas lange auf sich warten ließen, von Spekulation und "preistreibender Restaurationslust" (Revue) sprechen?

Die (Pseudo-)Restaurierer

Nun, seit 1974 die Stadtverwaltung die "Hasteschmillen" abreißen ließ, (um sich heute mit den so

geschaffenen Grünflächen zu brüsten), sind auch die Denkmalschützer auf den Verfall des Grund aufmerksam geworden, oder zumindest der etabliertere Teil unter ihnen. Sie gründeten, zusammen mit einigen Kulturbegeisterten, Finanzmanagern und Politikern aus den drei großen Parteien am 22.7. 1976 die Aktiengesellschaft "Vieux Luxembourg" (vgl. "forum" Nr.29/79). Ihr Ziel ist laut Statuten folgendes: "l’achat, la location, la vente, la conservation et la restauration d’immeubles ayant une valeur artistique ou historique, dans le but d’en éviter la destruction ou le dépérissement et d’en assurer une réinsertion harmonieuse dans le tissus (sic) urbain" (Mémorial C 182/ 3.9.76).

Schon 1979 fragte "forum", wieso dieses Ziel nicht über den Weg einer Vereinigung ohne Gewinnzweck (a.s.b.l.) oder einer Stiftung zu erreichen versucht wird. Unter dem pompösen Untertitel "Société pour la protection du patrimoine architectural et artistique" konnten bisher jedenfalls breiten Kreisen der Bevölkerung die Gewinnabsichten der Gesellschaft kaschiert werden. Von einem Spekulationsverbot steht in den Statuten – entgegen der Behauptung eines Y. im LL – nichts geschrieben. Die Maske des Vereins "Sauvez-la-Ville a.s.b.l.", der 1974 aus Protest gegen den Abriß der "Hasteschmillen" gegründet worden war und der 1976 selbst Aktionär bei "Vieux Luxembourg S.A." wurde und deren kulturelles Feigenblatt darstellte, wurde inzwischen abgeworfen: der Verein, aus dem sich die Mehrheit der Aktionäre rekrutierte, wurde aufgelöst.

Das Kapital von "Vieux Luxembourg S.A.", das auf 50 Millionen erhöht werden kann, beträgt zur Zeit 16 040 000 Franken. Seit der Gründung wurden 17 Immobilien gekauft, die wohl zufällig alle im Grund liegen. In der letzten veröffentlichten Bilanz gibt sie den Wert ihres immobilisierten Kapitals mit 19 487 741 Franken an (Mém. C 264/10.9.85). Seit der Generalversammlung vom 15.6.1987 setzt sich der Verwaltungsrat wie folgt zusammen: Christian Calmes, Georges Arendt, Léon Bollendorf, Adolphe Deville, Albert Dondelinger, Dr. Jean Goedert, Jean-Pierre Koltz, Georges M. Lentz, Annette Schwall-Lacroix, Antoine Wehenkel jr. und

Bild 3: Die vom Abriss bedrohten Hinterhäuser der rue St-Ulric

DER STADTGRUND IN ZAHLEN (1981)

80,1% der Wohnungen wurden vor 1919 gebaut
(14% auf dem gesamten Stadtgebiet)
2,1% wurden zwischen 1971-81 gebaut (18,2%)
10,5% der Wohnungen haben Zentralheizung (66,8%)
25,5% der Wohnungen verfügen über ein Bad (73,25)
11,0% der Bewohner sind Eigentümer ihrer Wohnung
(36%)
72,1% sind Mieter einer kalten Wohnung (49,9%)
46,1% haben einen Telefonanschluß (80%)
54,9% der Einwohner sind Ausländer (38,5%)

(Quelle: STATEC, Recensement général de la
population du 31 mars 1981, vol. 6, Luxembourg
1984)

zwei Vertreter des Kulturministeriums (Henri Schumacher und John Zimmer). Die Mischung von Politik, Kultur und Hochfinanz ist also weiterhin gewahrt. Aktivisten waren bis 1978 Herr Léon Nilles (der aber dann wegen innerer Querien abgesägt wurde, weil sein Spekulationstrieb angeblich doch etwas zu durchsichtig war), seit 1980 Herr Georges M. Lentz jr., Mitinhaber der "Brasserie Nationale S.à r.l.", der den Vorteil hat, gebürtiger Einwohner von Grund zu sein, da er der Brauerei Funck-Bricher entstammt.

Paradebeispiel der sog. Restaurationsarbeiten der "Vieux Luxembourg S.A." sind drei Häuser im unteren Breitenweg (16-20, montée du Grund). Allerdings gibt es hier zwei Haken: Einerseits sollte man von Restauration in diesen Fällen besser nicht sprechen, denn die alten Bauten wurden zum Teil fast vollständig abgetragen und durch neue im historisierenden Stil ersetzt. Und andererseits sind die Mieten in den neuen Häusern so hoch, daß die vorigen Bewohner genau wie andere Grund-Bewohner als Mieter ausgeschlossen waren, und nun eine neue, erlesenere Schicht von Einwohnern in Grund einzog, aus dem Artistenmilieu und dem gehobenen Bürgertum. Wer nicht schon aus finanziellen Gründen als Mietkandidat ausschied, wurde nach der Vorlage seines obligatorischen "Curriculum vitae" ausgesondert.

Nach diesen paar sog. Restaurationen war es aber bei "Vieux Luxembourg S.A." bald schon getan. Wohl kaufte die Gesellschaft noch munter Häuser auf, aber für Sanierungsarbeiten fehlte wohl das Geld. (Das letzte 1985 in der rue St-Ulric aufgekaufte Haus zahlte sie z.B. auf Raten ab). Von zehn restaurierten Häusern, wie es im LL-Artikel heißt, kann keine Rede sein. Man darf sich also fragen, was mit den Gewinnen aus ihren bisherigen Verkäufen geschehen ist. Von den 6 Objekten, die sie wieder veräußert hat, hat sie immerhin 4 560 000 Franken an Mehrwert im Vergleich zum Kaufpreis eingenommen. Zum Teil muß man davon zwar die Ausgaben für die zwischenzeitlich erfolgte Renovierung abziehen, doch das war keineswegs bei allen veräußerten Häusern der Fall. Allein von zwei Objekten, die sie ohne vorherige Restauration an den FLCM bzw. an einen italienischen Unternehmer verkaufte, hat sie einen Gewinn von 1,9 Mio. bzw. 1,860 Mio. F eingesteckt.

In diesem Herbst soll es nun wieder losgehen: Die zwei noch übriggebliebenen Mieter der Häuser in der rue St-Ulric, Nr. 1 bis 7, erhielten ihr Kündigungsschreiben und der Bautenkommission der Stadt Luxemburg liegt ein Neubauplan der "Vieux Luxembourg S.A." zur Begutachtung vor. Obschon die Baufläche in einem "secteur protégé" liegt, sind

nur sehr allgemeine Auflagen (angepaßter Stil u.ä.) zu beachten, da es sich um ein "plan d’ensemble" und nicht um ein isoliertes Haus handelt. Eine Neuaufteilung der Parzellen ist nicht verboten. Wie beim "11St Clairefontaine" oder beim "Hôtel de Luxembourg / Ciné de la Cour" erweist sich der Begriff des "secteur protégé" als reinste Hypokrisie.

Den an Ort und Stelle angebrachten Skizzen nach (Bild 1) wird es wieder Pseudo-Antike geben: Die kleinen Hinterhofgebäude, in denen sich meistens noch die Toiletten dieser Häuser befinden, sollen in Gartenhäuschen aus Fachwerk umgewandelt werden, obschon in Luxemburg diese mittelalterliche Bauweise mit sichtbarem Holzgerüst aus klimatischen Gründen nur in sehr wenigen Fällen historisch belegt ist. Eine Uferpromenade soll die romantische Attraktivität des Viertels zusätzlich steigern helfen. Auch in diese Häuser werden die früheren Mieter nicht mehr einziehen. Sowohl echte Denkmalschützer als auch Einwohnerkomitee (CISG) haben nur noch eine Hoffnung: daß Stadt und "Commission des Sites et Monuments" sich in letzter Minute querlegen. Aber große Illusionen liegen sie nicht, sind doch die Bürgermeisterin und der Bautenschöffe in ihrem persönlichem Namen und namens der Gemeinde Aktieninhaber der "Vieux Luxembourg S.A.", und der Kulturminister ist mit zwei Vertretern im Verwaltungsrat präsent.

Wenn man nicht bald Denkmäler (und dazu gehören unbedingt auch einfache Häuserzeilen, die für eine bestimmte Epoche typisch sind und einem Stadtviertel seinen Charme, aber auch seine Lebensqualität geben) einfach durch Abbilder ersetzen will (und die kann man ja dann in einem Museum alle beieinander aufbewahren), kann man als wahrer Denkmalschützer unmöglich der Zerstörung der alten Bausubstanz, wie sie bei solchen Projekten Voraussetzung zu sein scheint, zustimmen. Am Beispiel von Bamberg hat im April 1987 Volkmar Eidloth bei einer Konferenz von "Jeunes et Patrimoine" gezeigt, daß es sehr wohl möglich ist, auch in alten Häusern Wohnqualität zu erreichen, die modernem Standard entspricht. Man muß nicht, wie in der rue St-Ulric in einer herrlichen verwölbten Wohnstube geschehen, die mittlere Säule rausreißen, um den Heizungskessel dorthin zu setzen, damit endlich Zentralheizung "in dieses morsche Gemäuer" (Dr. Jean Goedert) kommen kann. Es stimmt auch meistens nicht, daß Abreißen und Neuaufbauen billiger wird als die fachgerechte Restauration. Bei solchen Milchmädchenrechnungen – wie sie die Stadtverwaltung nachweislich vornimmt – werden normalerweise die Kosten für den Abriß selbst einfach weggelassen.

Die Spekulanten

Die Aktiengesellschaft "Vieux Luxembourg S.A." scheint also wieder etwas Geld bzw. die Hoffnung zu haben, die restaurierten Wohnungen zu genügend hohen Preisen vermieten oder verkaufen zu können. Und in der Tat stehen die Zeichen für letzteres nicht schlecht. Übers Jahr wird wohl auch die "Chase Manhattan Bank" ihr Gebäude in der Plätsgasse beziehen und dann wird die Nachfrage der in Grund Luxuswohnungen suchenden Bankbeamten groß sein. Spätestens dann werden sich die Investitionen der "Vieux Luxembourg S.A." gelohnt haben. Hielten sich die Spekulationsgewinne der Aktieninhaber bisher in Grenzen, so wird sich der lange Atem bestimmt bald bezahlt machen.

Die "Chase Manhattan Bank" führt uns noch zu einem weiteren Spekulanten in Stadtgrund: die Familie Georges Lentz, der früher die Brauerei Funck-

Bild 4: aus "Lux Post" vom 4.9.1987. – Vergangen sind die Zeiten, wo es im Stadtgrund noch Industriebetriebe gab.

Bricher gehörte, die 1975 mit der Brauerei Boffer-ding zur "Brasserie Nationale" fusionierte. Sie hat in den letzten Jahren ohne Zweifel das beste Geschäft im Stadtgrund gemacht. Die Gebäulichkei-ten der alten Brauerei waren an sich nämlich ziem-lich wertlos. Neue Interessenten dafür zu finden, war angesichts des desolaten Zustands des ganzen Viertels eher aussichtslos.

Als dann aber 1984 das Gefängnis endlich nach Schrassig umzog, gelang es, dank der Promotions-kampagne für eine Sanierung des Viertels und dank der von "Vieux Luxembourg S.A.," aber auch einiger Privatleute erfolgten Restaurierungen das Gesamt-image des Viertels wieder so attraktiv zu gestal-ten, daß auch "upper-class-people" es wieder chic fanden, im Grund zu wohnen. Im Nu waren die teuren Appartements der 1984 "umgenutzten" Handschuhfa-brik, die zum Eigentum der "Brasserie Nationale S.à r.l." gehörte, verkauft. Einige feine Herren aus Polit-, Geschäfts- und Finanzwelt (unter ihnen "tageblatt"-Direktor Alvin Sold) gründeten mit 25 Millionen Startkapital den selekten Club des "Cercle Munster", der sich linksseitig vor der Brücke in einem schönen alten Gebäude der früheren Brauerei (Bild 4) niederließ, das (zur linken Seite) pseudohistorisch vergrößert wurde. Ein "Individualist" ("Télécran") baute die Wirts-stube ("The Pub") am Eingang des "Biisserwees" zum abendlichen Treffpunkt für Europabeamten um. Staat und Gemeinde bauten einen Lift, um den Kunden den Weg in die Unterstadt zu erleichtern. Schließlich war sogar die prestigiosse "Chase Manhattan" bereit, die Brauereimauern aufzukaufen, um dort ihren Sitz zu etablieren. Nur die Post sah einige Schwierigkeiten, da sie die angefragten 500 (!) Leitungen nicht sofort zur Verfügung hatte.

An allen diesen Niederlassungen war die Familie Lentz beteiligt: sei es als (früherer) Inhaber von Grund und Boden, sei es als Aktionär oder Clubmit-glied, sei es als Bierlieferant für die neuen Lokale. Und die z. T. ihrer Wohnung beraubten Grundbewohner konnten nicht einmal böse sein über den Erfolg eines der Ihren. Anscheinend erhielt außerdem jeder von ihnen, der wegziehen mußte, einen Kochherd geschenkt. Georges Lentz sr. und seine Nachkommen dürfen denn auch als die wahren Nutznießer der Grund-Sanierung angesehen werden. Georges Lentz jr. kam auch die geniale Idee vom "Péitruss-Express": zusammen mit einer Transport-

firma teilt sich der "Ingénieur commercial" die Gewinne dieser neuen Touristenattraktion, die den Grund auch auf diesem Sektor vermarktet. Die ein Jahr nach der Brauereienfusion gegründete "Vieux Luxembourg S.A." hatte mit ihrem Aufkauf von Häusern exklusiv im Grund hervorragende Vorarbeit geleistet.

Die Verärgerten

Das CISG hatte anfangs nichts gegen diese Woh-nungsbauinitiativen. Es sah jede neue Wohnung als Gewinn für das Stadtviertel an. Doch bald sollte sich herausstellen, daß die jetzige Einwohnerschicht nichts davon hatte, im Gegenteil, sie wurde verdrängt. Mußte "forum" 1979 noch eine Ghettoisierung des Grund-Viertels befürchten, so droht heute eher die Gefahr einer sozialen Polari-sierung: es bleibt beim hohen Ausländeranteil, aber die neuen gehören einer gehobenen Schicht an, genau wie die Gäste der neuen Lokale, die von den traditionellen Grund-Bewohnern, ob Ausländer oder Einheimischen, als Eindringlinge abgewiesen wer-den. Aggressionen stauen sich auf und entladen sich gelegentlich an unschuldigen Opfern. Daher ist auch das CISG heute gegen jeden Hausabriß und für die Renovation der alten Bausubstanz, nach dem Modell des FLCM. Aktuelle Grund-Einwohner sollen bei der Vermietung den Vorzug haben.

Der Ärger der Dagebliebenen entzündete sich aber erst, als die neuen Kneipen auch zu empfindlichen Störungen ihrer Nachtruhe und zu einer chaotischen Verkehrslage führten. An die derzeitige Suspendier-rung der "freien Nächte" glauben sie nicht: nach den Gemeindewahlen wird es damit wieder vorbei sein. Ihre Wünsche wurden noch nie erfüllt. Der Lift brachte keineswegs die versprochene Erleich-terung. Ampeln für die Fußgänger gibt es heute noch nicht in der "Tilleschgaass", wohl aber für den "Péitrussexpress". Hingegen zirkulieren heute im Grund Gerüchte von vier weiteren EB- und Trink-lokalien: das erste japanische Restaurant in Luxem-burg soll in das schon erwähnte Haus des FLCM kommen, das erste argentinische ist für die Ecke der Münstergasse und der Trierer Straße im Ge-spräch, das erste vegetarische soll in der Plätis-gasse öffnen und eine Filiale der Pizzeria "Giorgio’s" in der Montée de la Pétrusse. Und laut "Télécran" soll das Eurokraten-"Pub" übers Jahr ebenfalls um ein Restaurant erweitert werden.

Solange der Grund und Boden als Privateigentum gilt, dem auf dem freien Markt keine Sozialschran-ken auferlegt sind, kann man "Vieux Luxembourg S.A." und der Familie Lentz höchstens moralische Vorwürfe machen, weil sie die historische Bausub-stanz nicht respektieren und ihre Interessen über jene der angestammten Bevölkerung stellen. Die Politiker jedoch trifft der Vorwurf, im Grund eine soziologische Umschichtung großen Ausmaßes herbei-geführt zu haben, ohne je darüber eine politische, demokratisch legitimierte Entscheidung getroffen zu haben.

Vielleicht wird das aber nach dem 11.10.1987 alles anders. Kandidat bei den Gemeindewahlen ist näm-lich auch CISG-Präsident und Gemeindeangestellter Roby Clement … für die CSV. Die Sorgen seiner Mitbürger in der Unterstadt weiß er ohne Zweifel effektvoll darzustellen. Wer ihn über die Grund-Misere wettern hört, hat bald heraus, daß er den Urbanismusschöffen und Parteigenossen Dr. Jean Goedert ganz besonders in sein Herz geschlossen hat. Doch zum Streit in der CSV-Gemeinderats-fraktion wird es wohl kaum kommen: Im Stadtgrund wohnen 54,9% Ausländer: sie haben kein Wahlrecht.

m.p.

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