Amerika, ein Land, das unaufhörlich neu geboren wird

Interview einer argentinischen Journalistin Mona Moncavillo mit dem bekannten uruguayischen Schriftsteller Eduardo Galeano

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Am 8. Mai 1987 druckte die peruanische Tageszeitung LA REPUBLICA ein Interview ab, das die argentinische Journalistin Mona Moncavillo mit dem bekannten urugayischen Schriftsteller Eduardo Galeano ("Die offenen Adern Lateinamerikas") geführt und in der Zeitschrift "Humor" veröffentlicht hatte.

Frage: Haben die elf Jahre deines Exils dir in irgendeiner Weise geholfen?

Antwort: Die Zeit des Exils war eine fruchtbare Erfahrung für mich. Ich bin gewachsen, nicht zerbrochen. Und ich würde lügen, wenn ich dir sagen würde, ich hätte ein leidvolles Exil mitgemacht.

Das heißt nicht, daß ich nicht einsehe, daß das Exil für viele Leute eine schmerzvolle, ja tragische Erfahrung ist. Und ich denke nicht nur an die Leute im politischen Exil, sondern auch an die weitaus größere Zahl von Menschen aus Uruguay, die sich im wirtschaftlichen Exil befinden, weil sie aus einem System vertrieben werden, das ihnen Arbeit verweigert.

F: Ich kann es nicht lassen, dich etwas über dein berühmtes Buch zu fragen, das du in 40 Nächten geschrieben hast: "Die offenen Adern Lateinamerikas". Dieses Buch hat dich bekanntgemacht und ist schon in ich weiß nicht wievielen Sprachen erschienen. Was würdest du heute an diesem Buch ändern? Denn wir sind uns ja darin einig, daß die Ausbeutung weiter anhält…

A: Ja, natürlich. Ich bereue kein Komma in diesem Buch, aber es wurde halt vor 15 Jahren geschrieben. Wenn ich es heute zu schreiben hätte, würde ich es anders machen, das ist klar. Ich bin heute nicht mehr derselbe wie damals. Wenn ich mich in diesen 15 Jahren geändert habe, dann ist das der Beweis, daß ich labe. Hätte ich mich nicht geändert, wäre es so, als hätte ich mich zur Ruhe gesetzt, oder? Festzustellen, daß ich 1985 die Dinge genauso sage wie 1970, das wäre so, als würde ich mich zu meiner Beerdigung einladen. Ich glaube im wesentlichen weiter an dasselbe, nur empfinde ich heute das Bedürfnis, die Vision der Geschichte zu vervielfältigen, sowohl in der Breite als auch in der Tiefe…

F: Vielleicht ist "Erinnerung an das Feuer" eine Art Fortsetzung…

A: Klar, eine Fortsetzung und Vertiefung, denn dieses Buch umfaßt andere Räume, die in den "Adern Lateinamerikas" nicht enthalten sind. Hier wurde die wirtschaftliche und politische Gegengeschichte Amerikas erzählt. Aber die Geschichte ist nicht nur wirtschaftlich, politisch, sie besteht auch aus vielen anderen Dingen. Sie ist gelebtes Leben, atmet mit vielen Lungen und greift in alle Gebiete des Lebens ein.

F: "Erinnerung an das Feuer" ist eine Trilogie: der erste Band heißt "Die Geburten", der zweite "Gesichter und Masken" und der dritte ist, glaube ich, noch nicht erschienen. Kannst du den Inhalt dieser Werke kurz zusammenfassen?

A: Es ist der Versuch, die Geschichte in all ihren Dimensionen zu erfassen, all ihre Stimmen zu hören. Aber es ist keine Anthologie, in keiner Weise. Es ist eine freie Nachbildung urkundlicher Daten, die ich zu verkörpern suche. Sie sollen atmen und sich in Personen verwandeln. Der Leser soll spüren, daß das, was sich zugetragen hat, gerade in dem Augenblick geschieht, in dem der Autor es ihm erzählt, daß die Geschichte sich in dem Augenblick zuträgt, wo sie erzählt wird. Und das Beste, was der Vergangenheit passieren kann, ist, daß sie in der Gegenwart geschieht.

F: Woher kommt deine Geschichtsbesessenheit, wenn du in Geschichte ein so schlechter Schüler gewesen bist?

A: Ja, als Kind langweilte Geschichte mich schrecklich – wegen der Art und Weise wie sie unterrichtet wurde. Mich interessiert Geschichte als lebendige Erinnerung in dem Maße, wie ich spüren kann, wie sie atmet. Ich hatte immer die Vermutung und später die Gewißheit – denn mein Verstand suchte das zu bestätigen, was ich im Innern vermutete –, daß der Schlüssel der Unterdrückung und Demütigung Lateinamerikas die Beraubung seiner Erinnerung war.

F: Wir fordern seit sovielen Jahren und auch heute noch die Wiederherstellung der kollektiven Erinnerung, die uns helfen wird, endlich zu verstehen, wie wir sind, warum uns das passiert, was uns passiert und warum immer wieder dieselben Fehler begangen werden…

A: Ja, wir leben in einem Land, dem man seine Erinnerung geraubt hat… Darum glaube ich, daß eine der wichtigsten Aufgaben, die auf dem Gebiet der Kultur geleistet werden müssen, um unser eigenes Gesicht, unsere wirkliche Identität wiederzuerlangen, darin besteht, die beschlagnahmte Erinnerung der Erde wiederzufinden, die uns hervorgebracht hat … oder zu der wir gekommen sind, nicht um sie zu benutzen, sondern um sie zu teilen. Das Problem besteht darin, daß diese Erinnerung getarnt wird durch Rassismus, durch Elitarismus… auch durch Machismus und durch eine Erbschaft von Verstümmelungen, die ich mit der Trilogie zu überwinden versuchte, die die "Adern" fortsetzt und vertieft.

F: Kürzlich sprachst du von den "Erinnerungen der Entwurzelten". Wie sehen deine Erinnerungen aus nach all dem Kommen und Gehen, das du zu erleiden hattest?

A: Ich beklage mich nicht über mein Zigeunerleben… es hat mich sehr bereichert… Ich bin immer von einem Ort zum anderen gegangen, vom Wind getrieben… ich bin ein Mann des Windes, und mir gefällt diese Freiheit. Trotzdem habe ich nie aufgehört, meinem Land zu gehören, auch wenn ich nicht mehr dort wohne. Ich glaube nicht, daß die Identität eine Frage des Wohnortes ist. Ich glaube in Wirklichkeit ist man das, was man wirklich fühlt, was man wirklich will, was man wirklich nachts träumt. Und nicht das, was Dokumente oder Aufenthaltsgenehmigungen aussagen. Das Exil stellt dich hierin und in vielen andern Dingen auf die Probe. Ich sagte dir vorhin, für mich sei es eine positive Erfahrung gewesen und es würde ausreichen, daran zu erinnern, daß einer der wichtigsten Denker, die Amerika im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, Mariátegui, erst in Europa entdeckte, daß er Peruaner war.

F: Wie lautet dein richtiger Familienname? Galeano ist doch der Familienname deiner Mutter…

A: Genau, mein richtiger Name lautet Eduardo Hughes Galeano. Am Anfang veröffentlichte ich Zeichnungen… Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, träumte ich davon ein Picasso zu sein, Zeichner zu werden. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, daß ich einmal schreiben würde, daß ich einmal versuchen würde, Schriftsteller zu werden, niemals. Zeichnen war meine Stärke. Damals unterzeichnete ich Gius, wegen des phonetischen Problems. Ich fing an, Karikaturen, die ich so unterzeichnete.

in einer sozialistischen Wochenzeitung, "El Sol", zu veröffentlichen, die es heute nicht mehr gibt. Heute bin ich 45, und was ich dir erzähle, bezieht sich auf die Zeit, als ich 13 war. Danach, mit 17 oder 18, fing ich an zu schreiben, und ich unterschrieb mit Hughes Galeano, dann H. Galeano und schließlich Galeano. Und dabei blieb es. Manche meinen, es sei aus Antimperialismus, aber damit reduzieren sie zu einem Akt schrecklicher Dummheit, was in Wirklichkeit eine rein musikalische Entscheidung war, außerdem aus meinem Bedürfnis erwuchs, zu einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens neu geboren zu werden. Wahrscheinlich entsprach die Änderung meines Namens dieser Notwendigkeit, neu geboren zu werden.

D: Kann man das Wiedergeborenwerden von daher verstehen?

A: Es war unmittelbar nach einem Selbstmordversuch mit 18 oder 19, als ich anfing, mich Galeano zu nennen. Eine allgemeine Krise, all die Dinge, die man mit 18 hat, das Bedürfnis neu geboren zu werden… Hätte ich mehr Mut gehabt, hätte ich weiterhin andere Namen benutzt, jedesmal verschiedene, um die verschiedenen Geburten anzudeuten. Denn Amerika ist ein Land, das unaufhörlich neu geboren wird.

F: Einige, die dich kennen, sagen, mit 20 seist du "verflucht" gewesen. Wohl wegen der diesem Alter eigenen Verbissenheit und weil du "oben" warst als Redaktionssekretär der "Marcha".

A: Ja, das stimmt, ich war damals sehr arrogant. Davon bin ich jetzt ganz geheilt… Es stimmt, ich war eine Art enfant terrible, sehr unsympathisch, heute könnte ich mich selbst nicht mehr ausstehen, wenn ich mich kennen würde…

F: Was passierte mit deiner Erfahrung bei "Marcha", dem Vorzimmer der Tageszeitung "Epoca"?

A: "Marcha" hat mich für immer geprägt. Und Quijano hat mich für immer geprägt, du weißt, er starb im Exil in Mexico. Er lehrte mich, daß es möglich, ist Journalismus hoher Qualität zu betreiben und daß es notwendig ist, ihn zu betreiben, daß man von sich selbst die höchste Qualitätsstufe verlangen muß, weil Journalismus eine Art Literatur, eine Form von Literatur ist, und daß es möglich und notwendig ist, Journalismus zu betreiben, ohne sich zu verkaufen oder auch nur zu vermieten.

F: Gibt es diesen leidenschaftlichen Journalismus, der tatsächlich unter schlimmeren Bedingungen, aber mit der ganzen Liebe der Welt betrieben wurde, nicht mehr?

A: Das würde ich nicht sagen… Er ist weniger handwerklich, weil die Werkstätten verschwinden, die Maschinensetzer, der Bleigeruch, die Setzer, die Milch tranken, die verzauberte Welt der alten Werkstätten, die ich vorfand, als ich 13 war. Als ich da eintrat, wußte ich, daß ich nie mehr von da weggehen würde. Denn es ist eine Welt, sie dich fängt. Aber klar, heute sind alle Drucksysteme steriler, weniger spannend, kälter… Der Journalismus ist viel weniger handwerklich, als er war, er stellt höhere professionelle Anforderungen.

F: Warum fällt es den Intellektuellen so schwer, Volkskultur zu verstehen und zu machen?

A: Wahrscheinlich weil es zuviel Gerede darum gibt. Die Tatsachen muß man zuweilen zwischen den Zeilen lesen, zwischen Worten, die die Tatsachen

verdecken. Es gibt aufdeckende Worte und es gibt verschleiernde Worte. Manchmal verschleiert das theoretische Gerüst, statt aufzudecken. Ich glaube die Lösung des Problems bestände darin, daß man wirklich zuhören könnte und daß die kulturelle Reise, wenn sie echt ist, eine Hin- und Rückreise sein muß. Denn man kann nicht von der aufgeklärten Minderheit auf das gemeine Volk schließen, wie die gebildeten Leute und ihre Nachahmer in Lateinamerika, die es so reichlich gab, meinten tun zu können, sondern in Wirklichkeit geht und kommt man zwischen der Realität und denen, die ihre Interpreten sein wollen, hin und her…

F: In deinem letzten Buch "Lösungswort" sagst du, die Popularität sei "ein Vergehen unserer Literatur"…

A: Ja, das sieht man am Beispiel der Lieder. Dieselben Leute, die bereit sind, einem guten Gedicht Beifall zu klatschen, das in 500 Exemplaren gedruckt wird und nur die Crème de la Crème erreicht, die Kulturaristokraten, diejenigen, die in das Geheimnis der Sache eingeweiht sind, genau diese Leute würden einem Gedicht des gleichen Qualitätsgrades jeglichen ästhetischen Wert absprechen, weil es von Mund zu Mund durch Millionen Münder geht und zu einem Lied geworden ist. Das passiert beispielsweise, wenn man die meisten der Lieder von Chico Buarque, von Caetano Veloso in Brasilien als hohe Poesie beanspruchen möchte. Meine Poeten-Freunde sagen mir dann: "Wie kannst du nur sowas sagen? Das populäre Lied ist eine Sache, Poesie eine andere…".

F: Es sind diejenigen, für die Poesie nur Wert hat, wenn sie sie veröffentlicht vor sich sehen…

A: Klar, sie vergessen, daß Soledad, eine kleine Freundin von 8 Jahren in Barcelona recht hatte, als sie mir einmal sagte: "Merkst du das: die Verse sind ruhig, aber die Lieder fliegen."

F: Ich komme auf die Literatur zurück, auf den "sozialistischen Journalismus", auf den du dich bezogen hast, indem du sagtest, diese Literatur sei paternalistisch, wiederhole immer dasselbe, sei dumm.

A: Im allgemeinen ist die Sprache der Linken, unsere Sprache, eine sehr abgeschlaffte Sprache, die wiederbelebt werden müßte. Es ist eine Sprache, die den sozialen Kräften, denen sie Ausdruck verleihen soll, nicht angemessen ist. So ergibt sich der ungewöhnliche Fall, daß die zur Abendämmerung krähenden Hähne, Sprecher vergangener Zeiten, mit mehr Melodie, Phantasie und Sinn für Schönheit singen als die Hähne des Morgenrots, die neue, in die Geschichte einbrechende Kräfte ankünden. Das kommt daher, daß es sich um eine kodierte Sprache handelt, die sich als Vorkämpfer, als Leithammel verstehende Minderheiten benutzen, um sich untereinander zu verständigen und zu preisen. So entstehen etwas unheimliche Kreisläufe, in denen die Worte wie Kreisel um sich selbst drehen und in denen jeder das hört, was er erwartet, daß man ihm sage. Ich nenne das eine feige Sprache. Es ist eine Sprache, die nicht über den engen Kreis der bereits Überzeugten hinausgeht und deswegen nichts riskiert. Eine Sprache, die sich wirklich lohnt, ist die, die etwas wagt, die sich an die wendet, die noch nicht überzeugt sind, und deshalb das Risiko des Scheiterns auf sich nimmt. Die andere Sprache läuft diese Gefahr nicht, denn sie ist die Sprache der Pfarrei. Mir scheint, diese Spiegeldialoge haben mehr mit Selbstbefriedigung denn mit Liebe zu tun.

F: Bist du politisch aktiv?

A: Nicht parteipolitisch. Ich bin so etwas wie eine losgelöste Maske… Ich glaube an den Sozialismus, ich glaube immer noch, wie damals mit 13, daß der Kapitalismus eine perfekte Schweinerei ist, aber ich gehöre keiner Partei an. Sagen wir, ich bin unabhängig.

F: Welche Funktion muß ein Schriftsteller haben, wenn er überhaupt eine haben muß?

A: Ich glaube, das hängt von jedem einzelnen ab. Niemand hat das Recht, einem andern zu sagen, was er zu tun hat. Jeder handelt so, wie es ihm sein Gewissen, seine Seele vorschreibt oder wie man diesen geheimen Muskel auch immer nennt, der innen drin die besten Ideen und die besten Emotionen hervorbringt. Persönlich bin ich der Ansicht, daß das menschliche Wort Sinn hat, wenn es eine schöpferische und offenbarende Funktion erfüllt. Wenn es schauen hilft. Der Schriftsteller ist vielleicht jemand, dem die Freude zukommt, anderen sehen zu helfen. Und er ist ein Hüter von Worten, die sonst verlorengehen, verfliegen würden. Vor kurzem hörte ich jemand in Panamá sagen: "Jedesmal wenn ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek, ein Hüter von Worten…".

F: Auch wenn es vermessen klingt: Kann die Literatur die Realität verändern?

A: Ich glaube schon, daß sie dazu beitragen kann, daß die Realität sich ändert. Die Literatur verändert die Realität nicht, aber sie trägt dazu bei, daß diese sich selbst verändert. Wahrscheinlich

gibt es nichts, was die Realität an sich umwandeln könnte, aber alles nimmt teil an einem weiten Prozeß permanenter Wandlung. Man kann also – in einem schöpferischen Sinn – dazu beitragen, daß die Realität sich ändert. Ich glaube, das läßt sich nicht am Thema messen, das man zum Schreiben wählt, auch nicht am Stil, den man hat, es mißt sich am Inhalt dessen, was man schreibt. Das, was man als privates, persönliches, kreatives, zwangloses Bedürfnis empfindet, stimmt mit einem kollektiven Bedürfnis überein. Oder sagen wir, das, was man als privates Bedürfnis empfindet, stimmt mit dem Bedürfnis anderer überein.

F: Suchst du immer noch Gott? Oder hast du ihn gefunden?

A: In den andern und im unablässigen Wunder der Realität… Ich denke, Gott ist der Name, den einige, auch ich seit meiner Kindheit, einer Anzahl von Dingen geben, die man auch anders benennen könnte. Ich würde nicht den Mut fassen, zu sagen, es gebe keinen Gott, da ja Gott der Name für Dinge ist, an die ich sehr wohl glaube, nur glaube ich, daß die sogenannten übernatürlichen Phänomene in Wirklichkeit sehr natürlich sind. Es sind einfach natürliche Dinge, die die Vernunft bisher noch nicht begreifen kann, weil sie noch an der Schwelle der Realität steht. Die Realität ist viel reicher als die Vernunft. Was wir Magie nennen, sind zutiefst menschliche Kräfte, das hat nichts damit zu tun, daß ein Kaninchen aus einem Zylinder springt…

(aus dem Spanischen von Franz Marcus)

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