Keine Schule für Formel-1-Fahrer
Zur geplanten Schulreform im EST
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Zur geplanten Schulreform im EST
Als vor wenigen Wochen ein Beamter aus dem Erziehungsministerium einer Lehrerkonferenz "sein" Reformprojekt für den "Enseignement secondaire technique" (EST) vorstellte, meinte er, bisher sei man im EST davon ausgegangen, jeder Schüler sei an sich fähig, Formel-1-Fahrer zu werden, nur müßten halt die einen anfangs mit Tempo 60 fahren, um dann trotzdem sicher ins Ziel zu kommen. Darauf habe das System der "Filières" basiert. Dieses Konzept sei aber falsch. Mit 60 fahre man nicht Formel-1. Mit diesem Tempo beschädige man nur das Auto. Für schwache Schüler müsse man eben eine "Döschwo" bereithalten. Er plädierte also für getrennte Bildungswege je nach Leistungsfähigkeit der Schüler, und zwar vom ersten EST-Jahr an. Am Ziel müssen nicht alle Formel-1-Fahrer sein. Hauptsache sei nur, daß jeder irgendein Auto hat. Als daraufhin ein Lehrer den Zwischenruf wagte, es könne sich auch nicht jeder einen Formel-1-Wagen leisten, fegte der Ministerialbeamte die Bemerkung vom Tisch: das stehe jetzt nicht zur Diskussion.
Genau hier scheint uns aber der springende Punkt der geplanten Schulreform für den EST zu liegen: Was im Erziehungsministerium als Intelligenzunterschied wahrgenommen und entsprechend "behandelt" wird, ist gott- oder naturgegeben. Die unterschiedlichen Ausgangsfähigkeiten der Schüler haben in 90% der Fälle soziale und ökonomische Ursachen. Sogar die wenigen (und zudem mangelhaften) Studien des SIRP im Erziehungsministerium haben das klar nachgewiesen (vgl. "forum" Nr. 96, S. 14). Diese Ursachen werden im Reformplan aber ignoriert, ja die schwächeren Schüler werden bewußt in eine Döschwo gesetzt und ein Umsteigen in einen besseren Wagen wird ihnen de jure schwieriger und de facto unmöglich gemacht. Wenn von 7e an, die Bildungswege sich trennen und die einen auf manuelle Berufe vorbereitet werden ("cursus professionnel"), während den andern die Chance geboten wird, weiterführende theoretische Kenntnisse zu erwerben ("cursus technique") und somit in besser bezahlte Berufe aufzusteigen, dann erfüllt die Schule nur
noch Handlangerdienste einer Klassengesellschaft reinster Form.
Das sicher nicht perfekte EST-Gesetz von 1979 (vgl. "forum" Nr. 96/1987) hatte zum Hauptzweck und -verdienst, allen Schülern während drei Jahren eine gemeinsame Ausbildung zukommen zu lassen, bevor sie auf einzelne Berufskarrieren hinorientiert werden. An dieser Errungenschaft sollte nicht gerüttelt werden, was auch immer von Seiten der Berufskammern gemeckert und gefordert wird. Zur Zeit scheint die LSAP nicht bereit, Minister Boden auf den oben skizzierten Weg zu folgen. Leider wäre es nicht das erste Mal, daß sie dem Koalitionspartner nachgäbe.
Die eben angesprochenen Berufskammern, insbesondere "Chambre du Commerce" und "Chambre des Métiers", sind die mehr oder weniger offen Feder führenden Autoren des derzeitigen Reformprojekts. Es besteht kein Zweifel daran, daß es in einer Reihe von Handwerksbranchen an Nachwuchs fehlt. Die Ursache dafür allein im aktuellen Berufsausbildungswesen zu suchen, heißt aber, sich die Sache zu einfach machen. Schon im "forum"-Dossier Nr. 96/1987 haben wir nachgewiesen, daß die massive Vorliebe, die die Schüler zur Zeit für die Berufe des Bankensektors zeigen, und die entsprechend hohen Durchfallquoten auf diesen
Fortsetzung Seite 41
Un bon départ dans la vie…
www.Schuleme.de/bauritec
Klassen nicht auf einer Fehlorientierung in der Schule oder auf falschen Auslesekriterien beruhen, sondern auf der mangelnden Attraktivität der Handwerksbetriebe in Sachen Lehrlingsentschädigung, Stundenlohn, Arbeitsbedingungen, usw. Im Vergleich zum Bankensektor muß der Einstieg in eine handwerkliche Lehre als soziales Deklassement empfunden werden. Daran kann kein Stundenplan mit noch mehr Werkstattkursen etwas ändern. Auch Schüler wissen, daß einzig der spätere Lohn zählt. Und im übrigen gibt das letzte "Bulletin du STATEC" Nr. 7/1987 ihnen recht: es sind eindeutig die Dienstleistungsbetriebe (Handel, Banken, Versicherungen), die im Zuge der Umstrukturierung des Arbeitsmarktes seit 1970 am meisten neue Stellen anbieten (Zuwachs: 116,4%, gegenüber einem Gesamtzuwachs über alle Wirtschaftssektoren hinweg von 30,2%). In andern Worten: die von der Handwerkerkammer lautstark geforderte Schulreform ist gesamtwirtschaftlich gesehen unangebracht!
Daß der Erziehungsminister sich von den betroffenen Berufskammern derart leicht unter Druck setzen läßt und nun Hals über Kopf kurz vor Toresschluß (lies vor den nächsten Wahlen) eine Reform durchziehen will, die er möglicherweise selbst nicht mehr in die Tat umzusetzen haben wird, ist einfach unseriös.
Es würde zu weit führen, alle pädagogischen Inkongruitäten des derzeit vorliegenden Reformprojekts aufzulisten. Als Beispiel sei nur genannt, daß die Autoren sich vorstellen, daß auf 7e schon nach dem 1. Trimester, wenn die meisten Schüler die Anpassungsschwierigkeiten nach dem Schulwechsel und an das Viele-Lehrer-System noch nicht überwunden haben, bestimmt wird, welche Schüler imstande sind, eine sog. technische Laufbahn einzuschlagen, und welche in einer Klasse von berufsbildendem Niveau verbleiben müssen! Bislang zählt das 1. Trimester in allen Luxemburger Schultypen nicht einmal für die Versetzung am Ende des Schuljahres! In Zukunft wird dieses Trimester eine Vorentscheidung fürs Leben bringen, auch wenn diese Entscheidung noch bis Ende desselben Jahres hinausgeschoben oder revidiert werden kann. Auch im jetzigen Gesetz war eine Differenzierung auf 7e ab 2. Trimester in b- und c-Niveau vorgesehen, doch die meisten Schulen hatten in der Praxis diese Differenzierung als verfrüht und unrealistisch abgeschafft. Statt dieser Tatsache Rechnung zu tragen, wird die Differenzierung noch verschärft bzw. bringt sie noch weiterreichende Konsequenzen mit sich.
Das Unterrichtsministerium will nämlich mit seinen Reformplänen den (meistens sozial bedingten) Lernschwierigkeiten vieler EST-Schüler dadurch beikommen, daß in den drei unteren Klassen in Zukunft die "pro-
fessionelle" (d. h. die direkt auf die Berufspraxis hinführende) Schullaufbahn als Norm gesetzt wird, also vornehmlich die allgemeinbildenden Fächer beschnitten und die Schüler schneller zur Werkbank geführt werden. Durch eine "promotion par la réussite" getaufte Selektion soll den "besseren" Schülern dann die Möglichkeit geboten werden, in Klassen mit höherem Unterrichtsniveau ("technische Schullaufbahn") aufzusteigen. Begründung: in den theoretischen Fächern (Sprachen, Geschichte, Mathematik, usw.) gebe es bei zu vielen Schülern schlechte Noten! Das bremse den Lerneifer! Die einzige pädagogisch sinnvolle Reaktion auf diese Feststellung wäre u. E. eine Erhöhung der Stundenzahl dieser als schwierig empfundenen Fächer statt eine Reduzierung. Hier zeigt sich am deutlichsten, daß das Ministerium wie angedeutet davon ausgeht, daß die Schwierigkeiten intelligenzbedingt und nicht zu beheben sind.
Um den nicht zu leugnenden Schwierigkeiten vieler EST-Schüler zu begegnen, wäre es u. E. wichtiger, Lernziele, Programminhalte, Unterrichtsmethoden zu überdenken als erneut Strukturreformen auszutüfteln. Diese überaus schwierige, ohne Gesetzesänderung zu bewerkstellende pädagogische Kleinarbeit soll nun bis Herbst (1988 wohlgemerkt) von den eh schon überforderten Programmkommissionen geleistet werden. Dies ist nicht nur eine quantitativ (zeitlich) den betroffenen Lehrern nicht zuzumutende Belastung, sondern übersteigt auch qualitativ deren Fähigkeiten. Kein Luxemburger Lehrer hat an der Universität oder an der pädagogischen Hochschule das Erstellen von Curricula oder das Ausarbeiten von Schulbüchern gelernt. Bei allem Respekt
Aus Zeit- und Platzgründen mußte beim nebenstehenden Artikel auf die Erläuterung von Fachbegriffen sowie auf eine Situationsbeschreibung im technischen Unterricht verzichtet werden. Nicht-sachkundigen Lesern sei daher ein Rückgriff auf das Dossier in "forum" Nr. 96 von Mai 1987 empfohlen, mit Beiträgen über
- die Schülerbevölkerung im EST, ihre Herkunft, ihre Entwicklung, ihre schulische Laufbahn,
- 17 fiktive, aber typische Schülerkarrieren
- die Probleme der Lehrer im EST
- das Verhältnis Schule/Arbeitsmarkt bei nicht-akademischen Berufen
- alternative Perspektiven für einen erneuerten technischen Unterricht.
Das "forum"-Heft kann noch durch Überweisen von 60F auf das CCP 61154-44 von "forum", 6, rue Vauban, Luxemburg, Tel. 438916 bestellt werden.
aus: Sociologie de Boudieu
vor der Leistung einzelner Kollegen zeigt doch gerade die z. T. schief gelaufene Differenzierung der Programme zwischen ‚Filière I‘ und ‚Filière II‘ im heutigen EST, daß die große Mehrzahl sich als inkompetent für solche Nuancierungen erklären muß. Das gilt ganz besonders auch für die berufspraktischen Fächer (Metallverarbeitung, Holzwerken, usw.), in denen z. Z. den Schülern eher ein abstoßender Eindruck von handwerklichen Berufen vermittelt wird. Im Ausland sind Lehrplan- und Schulbucharbeiten Sache von eigens dafür ausgebildeten Fachleuten, Didaktiker genannt. In Luxemburg besucht man nicht einmal deren gelegentliche Gastvorträge!
Für lernbehinderte Schüler müßten angepaßte Lernmethoden (Stichworte: Projektunterricht, aktives Lernen, audiovisuelle Hilfsmittel u. ä.) ausgearbeitet und angewandt werden. Solche Methoden verlangen aber eine höhere Wochenstundenzahl! Das gleiche gilt für Kontakte mit der außerschulischen Realität. Und die audiovisuelle Ausrüstung der Schulgebäude genügt auch keineswegs den Anforderungen. Eine Fortbildung der Lehrer ist allerdings begrüßenswerterweise im Reformprojekt vorgesehen (angeblich, um eine positive Antwort auf die Gehaltsforderungen der APESS politisch rechtfertigen zu können).
Sobald aber die Forderung nach mehr Wochenstunden auftaucht, versucht es der eingangs zitierte Ministerialbeamte mit dem alten Trick, die einzelnen Fächer würden alle mehr Wochenstunden verlangen, also müßte er als Schiedsrichter einen Ausweg finden. Im neuen Stundenplan, der noch geheime Verschluss ist, soll aber keineswegs ausgeschlossen sein, daß erneut in den unteren Klassen die Schüler mehr als 30 Wochenstunden zur Schule gehen müssen. Dies ist ein regelrechter pädagogischer Skandal (vgl. ‚forum‘ Nr. 96/1987). Wenn der Umfang des notwendigen Schulwissens in den letzten Jahrzehnten so gewaltig zugenommen hat, warum muten wir es dann den Schülern immer noch zu, in derselben Schulzeit (in Jahren) als vor 50
(?) Jahren mehr zu lernen? Liegt nicht vielleicht hier eine Ursache der steigenden Mißerfolgsquoten? Kann ein Schüler in 32 oder 36 Wochenstunden wirklich mehr lernen als in 30? Wäre es nicht unbedingt überlegenswert, die Schulzeit zu verlängern, zumindest für bestimmte Berufsprofile, statt die Wochenstundenzahl zu erhöhen? Daß diese Überlegungen gar nicht so abwegig sind, zeigen die Reformpläne für den klassischen Unterricht: auch hier soll die Allgemeinbildung bis 3e inklusive verlängert, die Spezialisierung auf die zwei letzten Klassen beschränkt werden. Eine solide Grundformation erlaubt ohne Zweifel das Erlernen der berufsspezifischen Kenntnisse in kürzester Zeit.
Es sei ein letztes Beispiel erwähnt, um zu zeigen, daß das derzeitige Projekt noch nicht ausgegoren ist: Während die Oberstufe mit allgemeinbildenden Klassen ‚technique générale‘ (und ECG) auf ein technisches Abitur vorbereitet, das den Zugang zur Fachhochschule oder zur technischen Universität öffnet, fehlt eine entsprechende Laufbahn in der technischen Mittelstufe (vgl. ‚forum‘ Nr. 96, S. 33). Mangels entsprechender Vorbereitung sind denn auch die Durchfallquoten auf den oberen Klassen recht hoch (über 50% im technischen Abitur). Das Reformprojekt sieht nichts vor, um diese Lücke zu schließen, denn allein mit einem Zugangsexamen zur Oberstufe ist es nicht getan. Wurde diese Korrektur der EST-Struktur vergessen, obschon sowohl Lehrerkonferenzen als auch Schuldirektoren schon öfters darauf hingewiesen haben, oder will man bewußt den Zugang zum Ingenieurstudium außerhalb der klassischen Lyzeen verhindern bzw. so klein wie möglich halten?
Es steht demnach im Interesse der großen Mehrzahl der Luxemburger Schüler (1984/85: 65% aller postprimären Schüler), daß das von Ministeriumsvertretern bei Lehrerkonferenzen gemachte Versprechen ernst gemeint ist, das vorliegende Vorprojekt sei nur ein Orientierungspapier und ziele darauf, eine Grundsatzdiskussion in Gang zu setzen, und man erwarte konstruktive Vorschläge, die auch vor Tabus nicht haltmachten. In dem Fall muß der Minister nämlich auf sein Ansinnen verzichten, in einer Par-force-Tour die Reform schon ab Herbst 1988 anlaufen zu lassen. Will er sie gegen den Willen der betroffenen Lehrer durchsetzen, riskiert er nicht nur einen weiteren (allerdings wesentlicheren) Streit im Erziehungswesen, sondern er so bottiert selbst die gewünschte Reform: schon jene von 1979 wurde nur sehr unvollständig verwirklicht, u. a. weil die Verantwortlichen es verpaßt hatten, die Lehrer an ihrer Ausarbeitung zu beteiligen und sie vor der Einführung über Sinn und Strukturen im einzelnen aufzuklären. Bis heute liegen auch für die neue Reform nur vage Zielvorstellungen vor.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!