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Im Rahmen des Dossiers über schulische Kunst- und Musikerziehung wollten wir nicht nur Erzieher und Fachleute zu Wort kommen lassen, sondern auch Betroffene, Schüler. Wie sehen sie ihre Ausbildung? Entspricht sie ihren Erwartungen? Wir sprachen mit einer ganzen Reihe von Schülern aus dem Sekundarunterricht. Wenn auch die Mehrzahl von ihnen von Klassen der E-Sektion kam, so blieb die Kunsterziehung in den anderen Klassen nicht außer acht. Daneben gibt es natürlich auch noch die Sektion "Beaux-Arts" im technischen Sekundarunterricht, die stärker praktisch ausgerichtet ist und von mehreren Lyzeumsschülern zwecks Vergleichen angesprochen wurde.
"Künstler‘ ist ein großes Wort," war die einhellige Antwort, als wir Kunstschüler danach fragten, ob sie sich als Künstler sehen. Die meisten sind "nur" an Kunst interessiert. Ob sie Talent besitzen, wird sich erst später herausstellen, jedenfalls nicht schon bei der Entscheidung, welche Sektion sie auf Quarta wählen. "Allerdings wissen die meisten von uns auch klarer als viele Schüler anderer Sektionen, warum wir die E-Sektion gewählt haben." An Engagement für ihr Fach fehlt es tatsächlich nicht. Gerade die zum Teil auch sehr kritischen Stellungnahmen, die sie im Lauf der Interviews äußerten, zeigen, daß sie auf
keinen Fall ihre Ausbildung abgewertet sehen möchten.
Um so verärgerter sind sie, daß in der Öffentlichkeit, bei andern Schülern, aber gerade auch bei vielen Lehrern, das Vorurteil herrscht, sie würden "nur malen". Oder sie hätten die E-Sektion aus Bequemlichkeit gewählt, weil sie nicht so viel büffeln wollten. "Man muß schon von der E-Sektion überzeugt sein, um das auszuhalten." Sie sehen auch nicht direkt ein, warum immer wieder E-Schüler herhalten müssen, wenn es heißt Schulfeste vorbereiten.
In Wirklichkeit steht in der Tat nicht nur Malen auf dem Stundenplan: auf Quarta und Tertia haben E-Schüler je 4 Wochenstunden Kunstzerziehung, auf Ile "classique" 5 und auf der "moderne" sogar 6 und auf Prima 8 Wochenstunden. Doch die Schüler aller Altersstufen beklagen sich, daß eigentlich zu wenig praktische Ausbildung in den verschiedenen Kunstgattungen auf dem Programm steht. Zählt man die Stunden für Kunstgeschichte, technisches Zeichnen u. ä. ab, bleiben meistens nur zwei Wochenstunden, in denen sie in die einzelnen Techniken eingeführt werden: Aquarell, Ölmalerei oder Acryl, Gravur, Druck, … Und auch in diesen Techniken geschieht in der Schule nur eine Einleitung, das eigentliche Arbeiten muß zu Hause stattfinden. Eine Arbeit in einer Kunstgattung nach freier Wahl muß ohredies jedes Trimester als Heimarbeit angefertigt werden.
In dieser Hinsicht schielen viele denn auch mit ein bißchen Neid auf die "Beaux-Arts"-Schüler, die insofern eine stärker praktisch ausgerichtete Ausbildung erhalten, mit entsprechend mehr Fächern: etwa in Töpferei, Fotografie – die an erster Stelle von den E-Schülern vermißt wird -, Siebdruck, Repro-Master, Plastik, Design-Zeichnen, Grafik, Serigrafie, Computer assisted design, u.a.m. In den klassischen Lyzeen fehlt es dazu einfach schon an der technischen Infrastruktur.
Der Vorteil der E-Sektion im klassischen Sekundarunterricht wird dennoch nicht verkannt. Hier erhält man eine Allgemeinbildung, die nach dem Abitur auch ein völlig anderes Studium erlaubt. Dieses Argument scheint in der Tat um so bedeutender, als etwa die Hälfte nicht vorhat, später in einem Kunstfach weiterzustudieren. Ob das in der Praxis so leicht ist wie die Theorie unterstellt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen fürchten, Mathematik, Physik, Sprachen genügen nicht, um später Architektur oder Literatur oder Maschinenbau zu studieren, obschon es durchaus entsprechende Vorbilder gibt. (Dieses Problem stellt sich allerdings für alle Studenten, die nach der Prima die Fachrichtung wechseln.) Andere finden, daß sogar die Fachausbildung ungenügend ist, um an einer Kunsthochschule bestehen zu können, weil dort ein ganzes Dossier mit Realisationen vorgezeigt werden muß, um eine Aufnahmechance zu haben. Lehrer hingegen weisen auf eine ganze Reihe von Absolventen der E-Sektion hin, die mit großem Erfolg an Kunsthochschulen des Auslands weiterstudiert haben. Inwiefern das der Normalfall ist oder talentierte Ausnahmen sind, konnte nicht ermittelt werden. Und ob sie sich auch in solchen Kunstgattungen einschrieben, die nicht zum Luxemburger Schulprogramm gehören, bleibt ebenfalls eine offene Frage.
Eine Schülerin wußte von öffentlichen Aussagen eines Beamten des Erziehungsministeriums zu berichten, der an einer ausländischen Universität behauptete, die E-Sektion habe nicht als primordialem Zweck, eine Kunstzerziehung zu vermitteln, sondern eine Allgemeinbildung, die möglichst vielen Studenten den Zugang zur Lehrerausbildung eröffnen soll. "Konzernt as Niewesach op enger E." Die Schüler waren schockiert. Die zeitweilig zirkulierenden Ge-
Grüchte von einer Abwertung der Kunstfächer im Rahmen der anstehenden Stundenplanreform wunderte sie nicht. Der Informationsmanager über höhere Kunstschulen im Ausland bestätigt ihren Eindruck, daß ihr Fach höherenorts als minderwertig eingestuft wird.
Außer der angeblich mangelhaften Praxisbezogenheit und der ungenügenden Ausrüstung in verschiedenen Lyzeen sowie dem Fehlen eines geeigneten Schulbuchs für die Kunstgeschichte beklagten sich die Schüler noch über die hohen Kosten des Kunstunterrichts (siehe Kasten). Kein Schüler sprach von sich aus das Problem der Notengebung im Kunstunterricht an. Auf Nachfrage hin berichteten einige, die Note werde manchmal vom Lehrer im Einvernehmen mit den übrigen Schülern festgelegt. Bei den "Etudes documentaires" auf Prima, bei denen ein realer Gegenstand freihändig möglichst genau gezeichnet werden soll, sind sachliche Bewertungskriterien zu entwickeln. "Aber bei einem Kunstwerk gibt es doch keine objektiven Bewertungsmaßstäbe. Wenn der Lehrer sagt, das sei schlecht, kannst Du stets behaupten, das sei Deine Persönlichkeit, die da zum Ausdruck komme." Größere Unzufriedenheit scheint es in dieser Hinsicht aber kaum zu geben.
Im Prinzip sind die Berufschancen der Kunstschüler gar nicht schlecht. E-Schülern stehen ja auf Grund ihrer Allgemeinbildung alle Berufe mit Abitur offen. In Werbeagenturen, beim Fernsehen, in der Grafik- oder Werbeabteilung von Banken und anderen großen Betrieben, vom freien Künstler nicht zu reden, stehen auch theoretisch viele spezifische Berufssparten offen, doch ob in Luxemburg jeweils mehr als zwei, drei Leute gebraucht werden, ist eine Frage, die sich allerdings auch in anderen Ausbil-
Was kostet der Kunstunterricht?
| Auf einer Ile E hat ein Schüler etwa folgende Jahresausgaben für Unterrichtsmaterial: | |
| — | — |
| Farben (Acryl) | etwa 3000 F |
| Franken Pinsel (3) | 1200 F |
| Leinwand (2) | 3000 F |
| Druckmaterialien | 600 F |
| Zeichenplatte | 2500 F |
| Rapidographen (4) | 1200 F |
| Papier | 300 F |
| Schulbücher | 1450 F |
Außerdem muß jeder Schüler pro Trimester eine künstlerische Hausarbeit freier Wahl anfertigen (Fotomontage, Gipsplastik, Maquette, Bleistiftradierung, …), deren Kosten je nach gewählter Technik im 1. Trimester 1989-90 in der von uns besuchten Schulklasse zwischen 500 und 7000 F lagen.
Nicht berücksichtigt sind die Ausgaben für Fächer, die auch in andern Sektionen auf dem Programm stehen.
Die Entscheidung, die E-Sektion zu besuchen, bringt also im Schnitt Mehrkosten von rund 15.000-20.000 Franken im Jahr auf Ile, wobei allerdings angefügt werden muß, daß dieses Schuljahr das teuerste ist, weil hier am meisten verschiedene Techniken gelernt werden.
Stellungnahme eines Schülers
Das Hauptgewicht der Erziehung zur Kunst wird hauptsächlich auf die unteren Klassen gelegt. Auf Quarta erfolgt dann eine klare Trennung in Sektionen; auf der einen Seite jene Klassen, die eine künstlerische Ausbildung erhalten, und auf der anderen jene, die ein anderes Wissensgebiet studieren. Auf letzteren Klassen wird der Kunstunterricht dann stark reduziert, oder gar völlig eingestellt. Am deutlichsten wird dies, wenn man die Wirtschaftssektion betrachtet, auf der es während der letzten Studienjahre überhaupt keinen Unterricht in Zeichnen oder Musik gibt, bis auf eine wöchentliche Stunde Kunstgeschichte auf Prima, die eigentlich völlig überflüssig ist, da eine tiefere Betrachtung der Materie, bedingt durch die knappe Zeit, nicht möglich ist. Des weiteren ist dieser Unterricht rein theoretisch, setzt sich also nicht mit kreativer, praktischer Kunst auseinander.
Eigentlich wäre eine Ausdehnung der künstlerischen Ausbildung wünschenswert, aber auf Kosten welcher anderen Fächer? Vielleicht könnte man jedoch statt der Quantität auch die Qualität heben: verstärktes Behandeln von Themen, die Schüler ansprechen (z.B.: Comics, Computergrafik, Rock- und Popmusik), um ihren Einsatz zu fördern. Des weiteren wäre es besonders im Musikunterricht angebracht, etwas mehr Praxis hineinzubringen; wer nie die Gelegenheit bekommt, auf einem Instrument zu üben, kann wohl kaum seine musikalischen Talente entdecken und entwickeln.
F. Laures, Ire D, LMRL
dungsbereichen stellt. Immer häufiger wird auch von angehenden Grafikern eine Ausbildung am Computer erwartet; E-Schüler haben eine solche aber nie erhalten.
Was nun die Kunstziehung in den anderen Sektionen anbelangt, so scheint die Lage dort nicht ganz so rosig zu sein, obschon die meisten Schüler ehrlicherweise zugeben, daß das nicht unbedingt am Programm, sondern häufig auch an der Lehrperson hängt und insofern nicht fachspezifisch ist. Kunst- und Architekturgeschichte, das einzige Kunstfach, das nach
der Quarta noch auf dem Programm steht, gilt gemeinhin als "Schlafstunde" bzw. als Nachholstunde, um "vergessene" Hausaufgaben abzuschreiben. Und E-Schüler wußten auch noch von einer andern Praxis zu berichten: "Molen as gudd bezuelt …" Sie werden öfters von anderen Schülern angesprochen, um deren Kunstwerke fertigzustellen. Von den "heures de délassement" – wie der Kunstunterricht im "Collège des directeurs" genannt wird – sprach nicht nur Direktor Simon (vgl. Interview).
Vieles hängt auf den unteren Klassen vom Vorinteresse ab … und von der Lehrperson. Ganz so schlimm, wie manche sie schildern, scheinen die Zustände allerdings nicht zu ein, ansonsten ja kaum Schüler sich auf Quarta für die E-Sektion entscheiden würden. Denn als von vornherein von ihrem Talent überzeugte Künstler sehen sich die E-Schüler nicht. Überzeugter und überzeugender als andere (vgl. aber auch die andernorts abgedruckte Dissertation eines A-Schülers) vermögen sie allerdings auch den allgemein menschlichen Wert der Kunstziehung zu begründen: "Kunstziehung fördert vor allem die natürliche Kreativität. Wer nie gelernt hat, mit den Händen kreativ zu sein, wird auch im Denken nicht kreativ sein." – "Man läuft mit völlig anderen Augen durch die Landschaft. Man sieht mehr. Man sagt nicht einfach von einem Bild, es sei ’schön‘. Man kann vergleichen. Man entdeckt auch in Museen spannende Sachen." – "Wir erkennen manchmal Sachen in Bildern, über die andere nur staunen, weil sie nie gelernt haben, mit Bildern umzugehen." – "Ich finde es wichtig, daß jeder eine Kunstziehung erhält, damit Kunst nicht zur Sache einer Elite wird." – "Ich habe jahrelang keine Kirche besucht. Heute bin ich von solchen Besuchen passioniert." – "Kunst muß ja auch nicht nur aus Bildern bestehen. Kunstziehung hat auch mit der Hauseinrichtung oder mit der Mode zu tun. Jeder muß sich folglich mit Kunst auseinandersetzen."
m.p.
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